Alle Artikel mit dem Schlagwort: Verlust

62 Monate

„Wo ist er?“, frage ich plötzlich hellwach. „Er ist heute Nacht gestorben“, sagt meine Mama auf unserer Küchenbank kauernd. Ich schaue auf den Backofen. 6:32 Uhr steht auf der roten Anzeige. Ich bin heute vor dem Wecker aufgewacht. Ganz von allein. Das kommt sonst nie vor. Langsam gehe ich rückwärts wieder aus der Küchentür, durch den Flur und schließlich ins Wohnzimmer. Dort lasse ich mich auf unser braunes Wildledersofa sacken. Ich lehne meinen Kopf gegen die weiche Rückenlehne und starre vor mich hin. Weinen kann ich nicht. Die Stimme der besten Freundin meiner Mutter in der Küche, wie sie versucht, meine Mama davon abzuhalten, mir zu folgen, hallt in meinem Schädel. Meine Gedanken setzen aus. Sie setzen 62 Monate aus.  Heute ist der Tag, an dem mich alles einholt. Die ganzen 62 Monate, seitdem mein Papa gestorben ist. Ich sitze auf meinem ranzigen Ikealammfell in meinem 12-Quadratmeter-WG-Zimmer in Wien. Ich dachte, es würde besser werden, wenn ich meine Sachen packe und so weit wie möglich von der Kleinstadt, die ich „Heimat“ nenne, wegziehe. 600 Kilometer sind genug Entfernung zu vergessen, was ich vergessen …

Das Ende des Schweigens #Mut(Ich)

Ich habe es versucht.Wollte im Guten auseinander gehen, mich ausreden, statt bloß rauszureden, sagen, wieso es mir geht wie es mir geht. Euch all die Dinge erzählen, die ihr verpasst habt, als wir nicht miteinander geredet haben. Wollte zurück, aber für euch ging es weiter. Ohne mich. Mittlerweile sind Jahre vergangen, seit ich mich mit zwei meiner besten Freunde auseinander gelebt habe. Es ist etwas vorgefallen, worüber wir nicht gesprochen haben, erst nicht sprechen konnten, weil keiner wusste wie. Und die Worte, ebenso wie der Mut, fehlten, um zu sagen, was los ist, ohne den anderen zu verletzen. Doch habe ich nicht nur euch verloren, sondern auch einen Teil von mir. Weil ich schon immer jemand war, der sich zu leicht von anderen abhängig gemacht hat. Sich nur erlaubt hat glücklich zu sein, wenn alle anderen es auch waren. Und ich nur vollkommen ich sein konnte, wenn ich bei euch war. Von einem auf den anderen Tag sind wir nicht mehr aufeinander zugelaufen, sondern aneinander vorbei. Ohne das Lächeln, das sich sonst geformt hat, sobald wir uns gesehen …

Bestandsaufnahme

Alles niederzuschreiben, was ich momentan denke und fühle, passt auf kein weißes Blatt Papier. Man sagt immer, dass der Sommer nach dem Abi, vor dem Studium, eine der besten Zeiten wird. Mir fällt es schwer, mich dieser Vorstellung anzupassen. Klar Denken geht momentan fast gar nicht, obwohl mich nichts daran hindert. Meinen letzten Schultag im April habe ich nicht miterlebt, weil mir vor Fieber die obere Schädeldecke nahezu explodiert ist. Doch dann war erstmal ein bisschen Frühling, die Zeit war einfach schön, über irgendwelche Prüfungen habe ich mir nicht viele Gedanken gemacht aber sie trotzdem geschafft. Nach meiner letzten Prüfung war es dann schon Ende Mai. Ich kam nach Hause und dachte: jetzt wird es richtig, richtig schön – weil man eben sagt, dass das immer so ist. Gerade mal eine Woche hat diese Euphorie angehalten. Danach war jeder Tag mehr und mehr eine Last. Schon vor den Prüfungen war der Verlust dieser Routine, jeden Tag in die Schule gehen zu müssen, irgendwie befremdlich, aber durch das Abi war ich erstmal beschäftigt und dieses befremdliche …