Alle Artikel mit dem Schlagwort: Tabuthema

Laut bleiben #Zeitgeist*in

In der Schule wurde mir nur wenig Raum gegeben, meine Gedanken frei zu äußern, mir eine Meinung zu Themen zu bilden. Trotzdem rang ich immer wieder darum, trotzdem irgendwie zu Wort zu kommen – Ein Erfahrungsbericht darüber, wie ich versuchte aus dem System herauszubrechen. Dass nicht ich diejenige war, die dabei auf ganzer Linie versagte, realisierte ich erst später. Der Drang Ich hatte schon mehrmals Texte für oder über die Schule geschrieben. Meist waren sie nur das Ventil für Wutausbrüche zu Notengebung, Rassismus und Armutsdiskriminierung. Selten hatte ich die Möglichkeit, sie vorzulesen. Wenn doch, war es dann meist nur Prosa, die ich aus der Inspiration eines Buches heraus geschrieben habe. Wenig politisch, nichts sonderlich spannendes. In der Abschlussklasse kam es dann anders. Wir bekamen die Aufgabe, einen Text über einen sozialen Missstand zu schreiben. Während andere tagelang recherchierten, war mir sofort klar: Ich schreibe über die Tamponsteuer. Menstruation war sowieso ein Thema, das keiner meiner Lehrer*innen seit dem Sexualkundeunterricht mehr auch nur in den Mund hatte nehmen wollen. Die Petition für die Senkung hatte ich …

62 Monate

„Wo ist er?“, frage ich plötzlich hellwach. „Er ist heute Nacht gestorben“, sagt meine Mama auf unserer Küchenbank kauernd. Ich schaue auf den Backofen. 6:32 Uhr steht auf der roten Anzeige. Ich bin heute vor dem Wecker aufgewacht. Ganz von allein. Das kommt sonst nie vor. Langsam gehe ich rückwärts wieder aus der Küchentür, durch den Flur und schließlich ins Wohnzimmer. Dort lasse ich mich auf unser braunes Wildledersofa sacken. Ich lehne meinen Kopf gegen die weiche Rückenlehne und starre vor mich hin. Weinen kann ich nicht. Die Stimme der besten Freundin meiner Mutter in der Küche, wie sie versucht, meine Mama davon abzuhalten, mir zu folgen, hallt in meinem Schädel. Meine Gedanken setzen aus. Sie setzen 62 Monate aus.  Heute ist der Tag, an dem mich alles einholt. Die ganzen 62 Monate, seitdem mein Papa gestorben ist. Ich sitze auf meinem ranzigen Ikealammfell in meinem 12-Quadratmeter-WG-Zimmer in Wien. Ich dachte, es würde besser werden, wenn ich meine Sachen packe und so weit wie möglich von der Kleinstadt, die ich „Heimat“ nenne, wegziehe. 600 Kilometer sind genug Entfernung zu vergessen, was ich vergessen …

Leben mit einer Hörbehinderung

„Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn jemand sagt: „Ist egal, ist eh nicht so wichtig“. Mein Papa ist wirklich einer der liebsten Menschen auf der Welt. Er hat ein unglaublich verständnisvolles, gütiges Lächeln, ist sehr kitzelig und macht das beste Risotto. Nachdem er in den letzten Jahren zwei Hörstürze hatte, hat sein Hörvermögen stark abgenommen und es fällt ihm – vor allem in größerer Gesellschaft – schwerer seine Gesprächspartner*innen zu verstehen. Zwar schätze ich mich glücklich, dass es ihm sonst soweit gut geht, aber es macht mich eben auch traurig, wenn er Sätze nicht richtig versteht, Missverständnisse entstehen und die Kommunikation mit ihm schwieriger wird.  In diesem Zusammenhang habe ich mich erstmals mit dem Thema Hörbehinderung beschäftigt und wurde mit einer überraschend hohen Zahl konfrontiert: Zwar fehlt es bisher an einer empirischen Untersuchung über die Gesamtheit der deutschen Bevölkerung, nach Schätzungswerten des Deutschen Schwerhörigenbundes ist jedoch 19 % der deutschen Bevölkerung über 14 Jahren hörbeeinträchtigt, d.h. ca. 13, 3 Millionen Menschen und somit mehr als jeder Achte! Doch wie erleben sie ihren Alltag, welche Erfahrungen …

Tabuthema? Pille danach. #Zeitgeist*in

Missgeschicke bei der Verhütung kommen vor. Doch was tun, wenn das Kondom reißt oder die Pille zu spät eingenommen wurde? Ein Erfahrungsbericht, die Frage nach der immer noch bestehenden Tabuisierung des Themas und Antworten auf die wichtigsten Fragen zur PiDaNa. Tja, und dann ist es passiert. Ich schäle mich aus der Bettdecke, taste in der Dunkelheit nach meinem Handy, öffne den Browser und tippe ein: Pille danach. Ein Lagebericht Nur ein Schulterzucken und drüber lachen genügt jetzt natürlich nicht. Soll eine ungewollte Schwangerschaft verhindert werden, müssen wir handeln. Ja, das wir steht hier nicht umsonst. Zwar tragen weder mein Sexualpartner* noch ich die Schuld am Versagen des Kondoms, aber wir sollten trotzdem gemeinsam darüber sprechen. Ein bisschen wie bei einem Anruf bei der Feuerwehr, bei welchem man die Lage schildert, gehen wir alle Fragen durch: Was genau ist passiert?Wie und warum ist es passiert?Was bedeutet das?Was machen wir jetzt? Als ich dann frühmorgens die Apotheke betrete, kneife ich, vom grellen Deckenlicht geblendet, die Augen zusammen. Mein Partner* hatte mir zwar angeboten, die Pille danach für …

Unter meiner Haut / Neurodermitis

Nur etwa drei Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden an der Hauterkrankung Neurodermitis und ich gehöre dazu. Ich gehöre also zu einer kleinen Gruppe der Gesellschaft, welche gerne verstehen würde, was unter ihrer Haut passiert? Ich stelle mir oft die Frage, wie ich meine Haut verstehen kann und wie ich lerne, mit dieser Erkrankung umzugehen. Seit Jahren versuche ich mir jeden Morgen Mut zuzusprechen und mir einzureden – ist doch nicht so schlimm, aber die meisten Tage im Jahr bin ich verzweifelt. Warum wache ich morgens auf und habe eine neue, raue, rote und juckende Stelle an der Hand? Sie war doch gestern Abend noch nicht da? Wie kann es sein, dass ich mich in der Nacht unterbewusst gekratzt habe, ich habe doch geschlafen? Wieso juckt es auf einmal an meiner Ellenbeuge? Ich habe schon oft gehört, die Haut sei der Spiegel der Seele. Ist dies war? Geht es mir innerlich nicht gut, dass meine Haut mir dies von außen zeigen muss? Ich hätte so gerne Antworten auf diese Fragen. Die meisten Ärzt*innen, welche ich …

Blau ist das neue Rot #Zeitgeist*in

„Always trocken. Always sauber. Und mit Sicherheit ein gutes Gefühl.“, schreit mir eine energische Stimme entgegen, während ich mir Unmengen Puffreis in den Mund schaufle. Ich bin dreizehn, habe meine Liebe für tieftraurigen Deutschrap entwickelt und neuerdings auch meine Periode. Wie wunderbar.  Abgesehen davon, dass ich mit dieser Veränderung in meinem Körper, den Schmerzen, dem Blut erst einmal klarkommen musste, irritierte mich schon damals etwas an diesen Werbespots für Tampons, Binden und Co. enorm. Ich saß vor dem Fernseher, Wärmflasche auf dem Unterbauch liegend, halb getrockneten Blutfleck im Slip. Und die Frau in der Werbung? Strahlend hüpft sie durch den Park, der weiße Rock wirbelt stürmisch um ihre Beine. Den Fakt ausgenommen, dass das ein größtenteils völlig verqueres Bild davon zeigt, wie man während seiner Periode aussieht und agiert: Wo bleibt da das Blut?   Schnitt. Die lachende Frau ist verschwunden. Eine schwebende Binde erscheint. Und dann folgt das Unrealistischste, das Fernsehzuschauer wohl je zu Gesicht bekommen werden: Aus dem Nichts wird blaues Gel auf eine Binde gegossen, um ihre („ultra“) Saugfähigkeit unter Beweis zu stellen. …

Tabuthema? Chlamydien

Über Geschlechtskrankheiten wird geschwiegen. Auch in meinem Freundeskreis wird meistens beschämt zur Seite geschaut, wenn über das Thema gesprochen wird. Dabei gehört die Chlamydien-Infektion zu den häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten in Deutschland aber auch weltweit. Aber genau wie eine Erkältung auch sind Geschlechtskrankheiten ganz normal, gehören dazu und können gut behandelt werden. Sie sind nur eben einfach ein bisschen unangenehm, aber das müssen sie eigentlich gar nicht sein. Und genau deshalb möchte ich heute drüber sprechen. Symptome Das Problem bei der Chlamydien-Infektion ist nämlich, dass sie meistens unbemerkt bleibt bzw. sich in ganz unterschiedlichen, nur sehr leichten Symptomen äußern kann. Oft wird zunächst nur eine Blasenentzündung oder eine Pilzinfektion vermutet. Symptome für eine Infektion können nämlich ein ungewöhnlicher Ausfluss, Brennen und Schmerzen beim Pinkeln, Schmerzen beim Vaginal- und Analsex und Juckreiz sein. Meistens treten diese Symptome ein bis drei Wochen nach der Ansteckung auf. Lass dich aber auch dann untersuchen, wenn deine Beschwerden von selbst besser werden oder sogar ganz verschwinden. Denn die Chlamydien-Infektion kann immer noch in deinem Körper sein und sich weiter ausbreiten. …

Tabuthema? Stay safe!

Im heutigen Beitrag soll es um eine ganz bestimmte Sache gehen, mit der sich viel zu wenig beschäftigt wird und über die selbst lesbische/bisexuelle Frauen nicht unbedingt (genug) Bescheid wissen: Verhütung! Denn ja, auch wenn das HIV-Risiko niedrig ist, könnt ihr euch mit Hepatitis, Herpes (beides schon übrigens allein durch Küsse!), Tripper, Pilze und bakterielle Vaginose infizieren. Aber kein Grund zur Sorge, denn wenn ihr euch vorher genügend informiert und schützt, sind eurem Liebesleben keine Grenze gesetzt. Kleiner Disclaimer: Wir sprechen hier nur über den Sex zwischen zwei Frauen*. Natürlich gilt all das auch für die, die sich nicht als Frau definieren, aber über weibliche Geschlechtsteile verfügen. Genauso wie heterosexuellen Paare, die Oralverkehr betreiben! Das Wichtigste: Sprecht miteinander & klärt die Fronten. Seid vor allem ehrlich zueinander. Wenn sich nicht ausschließen lässt, dass eine von euch beiden eine sexuell übertragbare Krankheit hat, gilt als erstes: Lasst euch testen! Das ist nicht peinlich, sondern ganz wichtig. Beim Oralverkehr können Scheidensekrete oder Menstruationsblut den HIV-Virus enthalten & über den Speichel übertragen werden. Während der Menstruation schützt ihr euch vor …

Tabuthema? Panikattacken

Sie rauben dir den Atem, treffen dich in unpassenden Situationen, halten die Zeit an und nehmen dich gefangen. Du hast das Gefühl, ganz allein damit zu sein, doch das bist du nicht. Heute erzählen Luka, Johanna und Imina von ihren Erfahrungen mit Panikattacken und geben Dir am Ende Tipps und Affirmationen mit auf deinen eigenen Weg. Luka Ich hatte erst einmal eine richtige Panikattacke und die ist auch noch gar nicht so lange her. Trotzdem kann ich mich nicht genau daran erinnern, wie alles ablief. Mir ging es zu dieser Zeit sehr schlecht, es war dunkel und kalt draußen, ich war allein in einer fremden Stadt. Meine Gedanken kreisten tagelang nur um ein Thema und irgendwann spitzte sich alles zu. Ich saß an meinem Schreibtisch und hatte mir gerade etwas zu Essen gemacht. Ich war allein und hatte eigentlich genügend Dinge, die erledigt werden mussten. Trotzdem saß ich einfach nur da. Wirklich etwas gegessen habe ich auch nicht. Meine Gedanken kreisten ständig nur um eine Sache und ich war innerlich sehr gestresst. Ich wollte an …

Tabuthema? Masturbation

Als ich 11 Jahre alt war, habe ich das erste mal masturbiert. Damals kannte ich wahrscheinlich noch nicht einmal dieses Wort. Ich habe mich einfach „da unten“ angefasst und es fühlte sich gut an. Wenn ich rubbelte, dann bekam ich ein gutes Gefühl, was durch meinen ganzen Körper zu fließen schien. Einen Höhepunkt gab es damals allerdings noch nicht. Über Orgasmen fand ich erst später heraus. Zufälle. Es waren Zufälle: Dass ich erfuhr, wie ich es mir selbst besorge, war ein reiner Glücksfall. Schade eigentlich. Denn hätte ich gewusst, dass es so gut wie alle machen, hätte ich mich nicht so komisch beschämt deswegen gefühlt. Hätte mich vielleicht mit anderen Freundinnen, Freunden und meinen Eltern darüber ausgetauscht. Hätte Neues gelernt und es mir noch besser selbst machen können. Hätte früher einen Höhepunkt erlebt. Natürlich wussten alle damals irgendwie, dass es das gibt. Jungs machen das. Männer. Und manche schauen dabei Pornos. Aber Mädchen? Frauen? Darüber wurde nicht geredet, davon wusste man nichts, das war ein absolutes Tabu. Ein Tabu, das in die Irre führt. Denn …