Alle Artikel mit dem Schlagwort: Heimat

Sonntag ist Heimspiel

Der Geruch von Nagellackentferner hängt im Raum und wabert selbst in die letzte Ecke. Es ist Sonntag, das Zugticket ist reserviert und mein einziges Basic Outfit liegt auf dem Schreibtischstuhl. Es wird nur bei Heimreisen getragen. Ich streune jedes Mal aufs Neue durch die Wohnung, während meine Gedanken sich wiederkäuen. Es wird bestimmt ganz nett, du triffst alte Bekannte, die bunten Socken legst du lieber wieder in die Schublade, brauchst du den Nagellack wirklich, beim letzten Mal waren es doch nur zwei doofe Sprüche, da stehst du doch drüber. Das Gedankenkarussell dreht seine Runden.   Bei der Ankunft am Bahnhof treffe ich schon den ersten Bekannten und muss über meinen Studiengang ausholen, da alles was nicht Jura oder Lehramt ist, eine Erklärung braucht. Ich gehe meinen alten Schulweg entlang, bin direkt wieder 16 und versuche so undercover wie möglich nach Hause zu kommen. Dort werde ich überschwänglich empfangen von meiner Familie und meiner Katze. Natürlich gibt es mein Lieblingsessen. Wenn ich frage, was es Neues gibt, kommt ein Achselzucken.   Nach dem Abi wurde auf die Stopptaste gedrückt und die Einzigen, die …

Deutsch oder nicht deutsch – Interview mit Leyla Jansen

Du hast am Samstag, den 22. Mai den Talk bei der TinCon “Deutsch oder nicht deutsch – das sind doch alles bürgerliche Kategorien”. Magst du erstmal etwas über dich erzählen, was machst du, was beschäftigt dich gerade? Ich hab letztes Jahr erst Abitur gemacht und wollte dieses Jahr eigentlich als Orientierung nutzen. Ich habe ein Orientierungsstudium an der Freien Universität Berlin angefangen und Kurse für Gender Studies und Literatur und alles was mein Herz begehrt hat belegt. Aber dieses Online-Format hat fertig gemacht und deswegen nutze ich jetzt das zweite Semester als emotionale Auszeit. In deinem Beschreibungstext stand, dass du libanesische, russische und italienische Wurzeln hast, dich nicht so mit dem “deutsch sein” identifizierst und dein Herz für New York schlägt, bist du da gerade? Ich wäre gerade da, wenn kein Corona wäre. Mich mit Deutschland zu identifizieren, fand ich schon immer schwierig. Deswegen bin ich froh in Berlin aufgewachsen zu sein, weil ich hier nicht so gezwungen bin nur eins zu sein. Genau das mag ich auch an New York. Und was bedeutet “deutsch …

Vom nach Hause kommen an einen fremden Ort

Ich zähle die Bahnstationen auf meiner Navigations-App.Noch 4. Noch 3. Noch 2. Noch eine.Jetzt bin ich da, steige aus, ich bin zuhause.Oder zumindest an meiner neuen Meldeadresse. An meiner Vorherigen musste ich nie Bahnstationen abzählen,denn ich kannte sie alle in- und auswendig. Außerdem gab es dort gar keine Bahn, nur Busse. Hier gibt es Busse, Trams, S-Bahnen, U-Bahnen, Taxis, Ubers, Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, Motorradfahrer und E-Roller. Für jede Bewegung, die ich außerhalb meiner vier Wände mache, brauche ich Google Maps. Das hatte ich vorher nicht einmal installiert. Wenn ich in einem der genannten Verkehrsmittel sitze, starre ich entweder durchs Fenster hinaus auf gesichtslose Häuserwände und leere Landschaften, die mir fremd sind, oder in die leeren Gesichter häuserloser Menschen, die mir fremd sind. So oder so fühle ich mich dabei ziemlich einsam. Zwei Jahre später Ich presse meine Nase an die Scheibe des Bullauges, ich will den Fernsehturm sehen.Als ich nach der Landung ins Helle hinaustrete und mir der kalte Wind entgegenschlägt, atme ich tief ein. An der Bahnstation angekommen, ist das altbekannte Signal der sich …

Eine Ode an die Heimat

Das mit meiner Heimat, das war mir nie so klar. Also schon: In meinem Dorf bin ich groß geworden, hab auf den Straßen gespielt, Banden gegründet, auf den Feldern gezeltet und dabei den Sternenhimmel bewundert. Hab im Sommer in dem kleinen Bach gebadet, bin in meiner Jugend etwas angetrunken durch die Straßen getorkelt, habe mit meiner Oma Pudding gekocht und mit meinem Opa Mühle gespielt. Doch das alles war für mich schon immer selbstverständlich. Jeden Tag Freunde treffen, Geschwister sehen, mich mit meiner Familie umgeben. Das schien zwar alles perfekt, doch nach dem Abi wollte ich einfach nur raus – in die Ferne, weite Welt, neue Leute kennen lernen, meinen Horizont erweitern – das Übliche eben. Was mich schließlich davon abhielt war die Angst, dass sich in meinem Dorf, in dem ich halt schon 18 Jahre gelebt hatte, irgendwas verändern könnte und es dann nicht mehr so war wie vorher. So vertraut, geliebt, gewohnt. Und doch so unterschätzt.  Als ich dann aber ein Jahr später gezwungenermaßen wegziehen musste – zwar nur in die nächste Universitätsstadt, …