Alle Artikel mit dem Schlagwort: Gesellschaft

Zeit zu denken #Facettenreich

Im blauen Sacko vor dem Glashaus sagt sie deutlich: Es ist ernst. Jetzt musst du mit dir selber klarkommen und mal schauen ob du das lernst. Seit Neujahr kommen die News aus China. Du sagst: „Es kommt jetzt immer näher her“, du interessierst dich nicht für mehr, was es ist und was passiert, wenn sich jemand infiziert. Jetzt ist es hier auch. Helfende sind auf Lösungssuche. Doch du fühlst dich in die Schranken verwiesen, du merkst nicht, dass wie durch eine Vergrößerungslupe Probleme größer werden in solchen Krisen. Ja, jetzt ist es an der Zeit, zu denken. Und du hast endlich Zeit, zu denken. Wir werden zu Edward-Hopper-Bildern, denken nicht dran, unseren Wohlstand mildern. Du sagst, wir sind doch eh alle im selben Boot. Aber lass mich dir sagen, Menschen in Booten sind in viel größerer Not. Während wir die Dosen im Keller lagern erkranken Menschen in überfüllten Lagern. Die Vorräte werden dich auch nicht beschützen. Viel eher bleibst du auf deinen Gedanken sitzen. Hättest lieber was für die Leute getan. Den Helfenden sollte Dank …

Ich bin ein Körper

Mein Körper wird bekleidet, bedeckt, vertuschtMein Körper wird ausgezogen, offenbart und entblößt Mein Körper ist Reiz, Verführung und KöderMein Körper ist Makel, Schuld, MangelSchandmal, Fehler, DefektZweck und Mittel zugleich Mein Körper ist unterwürfig, unschuldig, befleckt Mein Körper wird geschlagen, gestreichelt, geflickt Mein Körper ist Tatort und TempelZielscheibe, Marketing, Schwäche Mein Körper ist brav, prüde, verklemmtMein Körper ist frech, obszön, schamlosÜber meinen Körper wird geredet, entschieden, verhandelt Mein Körper ist Kapital, krank, käuflich Klapprig, kugelsicher, kussecht Öffentlich, oberflächlich, ohnmächtig Rau, rechtsfrei, reißerischPrächtig, praktikabel, possessiv Eigenwillig, eindrucksvoll, ekelhaft Reglos, reißfest, ruhelos Er wird bewundert, geschunden, kritisiert.Er ist Schauplatz, Werkstatt, RuhepolEr weint darüber und fragt sich, wann sich das endlich verändert Aber mein Körper ist Politik, Verhandlungsbasis und Beweis Jeden Tag aufs neueMein Körper ist intim und unprivatMein Körper ist öffentlich Mein Körper trägt mich undMein Körper heiltMein Körper ist echtWas nicht heilt, seid ihr, dabei seid ihr es auch. – Isabella liebt ihre Freunde, Sushi und Katzen. Aber natürlich auch das Schreiben. Seit 2016 ist sie auf und hinter den Bühnen Norddeutschlands bei Poetry Slams unterwegs. Immer …

Vom Hinsehen und Wegsehen #Zeitgeist*in

Es ist Dienstag, 10 Uhr. Ich bin auf dem Weg zu meiner Lieblingskonditorei, um dort zwei Stücke Torte abzuholen. Die Luft drückt, es beginnt zu regnen. Während des Semesters ist die Innenstadt meist so voll, dass ich Mühe habe rechtzeitig zu meinen Kursen zu kommen. Heute aber herrscht eine so unheimliche Leere, die sich sofort auf meine Stimmung auswirkt. Etwas stimmt nicht. Das weiß auch der Fahrer der Spedition, der vor mir die Hebebühne mit einem lauten Piepsen hinabfährt. An einem gewöhnlichen Tag wäre dieses Geräusch wahrscheinlich zwischen all den Menschen und dem Lärm untergegangen. Jetzt kann man sich ihm unmöglich entziehen. Es schlägt regelrecht gegen die Schädeldecke, bettelt um Aufmerksamkeit. Und so sehr ich mich auch dagegen wehre, unmittelbar breitet sich das Gefühl von Einsamkeit in mir aus. Ich weiß, ich bin nicht allein. Millionen Menschen sitzen in Räumen, die Sonne scheint einladend durch die Fenster und trotzdem verlassen sie, wenn die Vernunft siegt, nur für unbedingt notwendige Erledigungen oder einen kurzen Spaziergang das Haus. Manche von ihnen geben online Tipps, wie man die …

We’re caught in a trap

Eine Woche in Gedanken Dienstag. Wir sitzen in der Uni zusammen, in unserem Gemeinschaftsatelier, am runden Tisch und jemand erzählt von den Nachrichten gestern im Fernsehn. Ja, andere Unis sind schon zu, in Innsbruck zum Beispiel.  Ich reagiere ungläubig und frage gleich bei einer Freundin nach, die dort studiert. Irgendwie ist alles lächerlich, wieso? Das Thema ist jetzt schon mehr in meinem Kopf als gestern und vorgestern. Da haben wir in der WG Scherze ausgetauscht, den Corona-Song gehört, unbesorgt. Im Nachhinein gesehen, waren wir so frei. Denn schon gegen zwölf geht es los mit den Sorgen. In unserer allwöchentlichen Versammlung wird uns mitgeteilt, dass Exkursionen ins Ausland entfallen und dass keine Kurse mehr stattfinden. Ab Montag. Alle scherzen wieder, sind aber auch traurig, langsam setzt der Schock ein. Auch bei mir, mein Kopf ist im Nebel, hab ich Kopfweh? Corona? Nein, beschließe ich, das ist Psychostress, ich war nicht vorbereitet, keine Erwartung plötzlich in einen Zukunftsfilm zu fallen. Wir haben noch einen Tag Uni, wie immer, nur dass es dieses eine Thema gibt. Immer noch …

Bitte bleibt zu Hause!

Es geht hier nicht um uns, sondern um alle anderen. Um die Älteren, die Immunschwachen, um Menschen mit Asthma. Wir sind jung und uns wird das Virus sehr wahrscheinlich überhaupt nichts ausmachen. Vermutlichen tragen wir es sowieso alle schon in uns, ohne dass wir es überhaupt bemerken. Einige von euch mögen sich denken, dass so eine leichte Grippe ja überhaupt nicht schlimm sei, das stecken wir ja locker weg. Aber um uns geht es hier nicht. Unsere Generation ist in den meisten Fällen nur der Überträger. Ohne jegliche Symptome zu spüren, können wir dennoch am Corona-Virus erkrankt sein. Uns macht das nichts aus. Wenn wir nicht anfangen, zu Hause zu bleiben, wenn wir uns weiterhin mit unseren Freunden treffen, Bahn fahren, unterwegs sein wollen, verdoppelt sich die Zahl der Neuinfektionen von Tag zu Tag und schon bald kann nicht mehr allen geholfen werden. Wir sind Schuld, wenn unsere Großeltern sterben müssen Wir haben es in der Hand. Unsere Handlungen haben großen Einfluss auf andere. Wir sind dafür verantwortlich, wenn unsere Eltern und Großeltern krank werden, …

Corona und Wir

Das Leben um uns herum scheint langsam ausgeschaltet zu werden: Bars, Cafés, Museen und Clubs schließen. Die Straßen und Nudelregale sind wie leergefegt, Menschen streiten im Drogeriemarkt über ein paar Rollen Klopapier. Wir sind irgendwo zwischen Panikmache und Informationsbeschaffung, zwischen Überreaktion und den Ernst der Lage unterschätzen. Es gibt vieles, was mir zur momentanen Lage einfällt, was mir Angst macht, mich sauer macht und mich beschäftigt. Aber eine Frage drängt sich dauernd in meinen Kopf: Wo will ich sein, wenn ich in Quarantäne muss? Die Grenzen werden geschlossen, auf einmal sind wir eingesperrt und uns wird bewusst, wie privilegiert wir eigentlich leben: Die ständige Freiheit zu haben, dort hinzugehen, wo wir hin möchten, nie vor einer verschlossenen Türe zu stehen, tun und lassen zu können, was immer wir wollen. Plötzlich sind wir in dieser Freiheit eingeschränkt, was bei vielen Menschen auf Panik stößt. Unser Kreis verringert sich, wir canceln die spontane Städtereise im April, Konzerte, auf die wir uns lange gefreut haben, werden abgesagt. Wir überlegen uns zweimal, ob es wirklich nötig ist, morgen zu …

Erstmal nur zuhören #Facettenreich

Wichtiger Hinweis: In diesem Artikel werden sensible Themen über mentale Gesundheit und Gewalt behandelt. Falls Du Hilfe brauchst, hier die Nummer der Telefonseelsorge: 0800 1110111. – Das Innere mit der Welt teilen. Ob auf Social Media, in Buchform oder ganz direkt vor Publikum. Wie erreicht man Leute mit seiner Kunst? Und wie gibt man Leuten eine Bühne, die sonst häufig ignoriert werden? Soraya schafft es, die Themen, die sie bewegen in Gedichten, Texten und Bildern auszudrücken. Durch ihre Kunst regt sie nicht nur online zum Nachdenken an: Vor Kurzem hat sie in Berlin ihr erstes Lese-Event für People of Color veranstaltet. Wir sprechen über Poesie, Politik und Projekte. Hallo Soraya. Wir beide haben uns durch das Lese-Event Honest Hour kennengelernt, das du ins Leben gerufen hast. Was ist der Gedanke hinter der Honest Hour? Das hat so angefangen, dass mein Freund und ich überlegt haben, dass wir unsere Texte gerne mal vor Publikum lesen würden, so Spoken-Word-mäßig. Wir wollten ein bisschen mehr in die Welt und in Kontakt mit Leuten treten. In Berlin gibt es …

Danke für die Blumen

Heute vor genau zwei Jahren ging mein erster Text bei Tierindir online. Dass dieser Termin genau auf den Weltfrauen*tag fiel, ist natürlich kein Zufall gewesen. Damals war ich 16 Jahre alt und die feministische Debatte war ein Thema, mit dem ich mich zu diesem Zeitpunkt seit mehreren Monaten beschäftigt hatte. Ich will nun nach zwei Jahren die Möglichkeit nutzen, um einfach mal Revue passieren zu lassen: Was ist von meinen damaligen Wünschen an eine gleichberechtigte Gesellschaft übrig geblieben? Habe ich denn überhaupt selbst genug dazu beigetragen? Wenn ich mich gedanklich zwei Jahre in die Vergangenheit zurückversetze, dann war da gerade einiges in meinem Leben los. Ich kam in die Oberstufe und fing an, mich intensiver mit Politik und den Vorgängen, die um mich herum und in unserer Gesellschaft passieren, auseinander zu setzen. Woher mein besonderes Interesse für die Rechte und die Gleichstellung von Frauen* in unserer Gesellschaft damals kam – außer, dass ein gewisses Interesse für besagte Dinge von jedem zu erwarten wäre und einfach nur anständig ist – kann ich nicht mehr komplett zurückverfolgen. Was ich aber …

In Zeiten wie diesen #wir

In Zeiten wie diesen wird das für unmöglich Gehaltene möglich. In Zeiten wie diesen wird das Unsagbare sagbar. In Zeiten wie diesen liegen Gut und Böse nahe beieinander. Was vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre, ist heute kaum noch wegzudenken oder wegzubekommen. Das kann sowohl positive, als auch negative Konsequenzen haben. Sind diese Zeiten etwa wilde Zeiten? Um das Abstrakte etwas greifbarer zu gestalten, soll im Folgenden eine kleine Analyse dessen vorgenommen werden, was in den letzten Monaten zu beobachten war. Dabei nehmen die sozialen Netzwerke eine essentielle Rolle ein. Abzweigungen Stellen wir uns das Internet wie einen prächtigen Baum vor: Der Baum ist im Besitz mehrerer Äste, die andersartig gewachsen sind. Äste, die dick und lang sind. Äste, die schmal und kurz sind. Äste, die kahl sind, Äste die mit prächtigen grünen oder andersfarbigen Blättern versehen sind. Äste, die an Blättern verlieren und Äste kurz vorm Absterben. Der Baumstamm stellt die sozialen Netzwerke dar, die in Gebrauch vieler Menschen sind. Menschen verschiedener Couleur befinden sich unter ihnen. Sie bewegen sich in dem Stamm hin und …

Hannah – Wer wir sind

Die Tatsache, dass Hannah krank ist, kenne ich länger als Hannah selbst. Doch über den Verlauf dieses Leids und überhaupt irgendwelche Details, wusste ich nichts – bis heute. Erinnerungen, wann irgendetwas anfing, sind schwierig. Es fing um 2013 an – ich wollte perfekt sein. Wenn ich andere Menschen gesehen habe, die glücklich wirkten und auch in ihrer Familie glücklich waren, dann dachte ich: dieses Glück muss man irgendwie erreichen können. Und ich habe begonnen, mich in vieles rein zu zwängen und alles zu machen, was man von mir verlangt hat – ob ich wollte oder nicht. Meine Vorsätze für das Jahr 2014 waren dann Dinge wie „Keine dummen Fragen stellen“, „Nur sprechen, wenn man dazu aufgefordert wird“ und „Nein ist keine Antwort“. Ich wollte einfach zufriedener werden; ich wollte abends ins Bett gehen und mir sagen können: „Heute war es gut.“ Doch „gut“ hat mir schnell nicht mehr gereicht. Ich habe eine Stoffwechselstörung, wegen der ich sehr auf meine Ernährung achten muss. Lief da einmal was falsch, war das für mich gleich wieder eine Verunsicherung. …