Alle Artikel mit dem Schlagwort: Gesellschaft

Klimaschutz ist nicht immer klimagerecht #dieweltimrücken

Deutschland unter Wasser. Griechenland in Flammen. Überschwemmungen in Ägypten. Unwetter und Tornados in Sizilien. Dürre in Kenia. Menschen, die fliehen müssen. Tier- und Pflanzenarten, die aussterben. Ist das gerecht? Kurz zu mirBevor wir gleich inhaltlich einsteigen, eine kurze Einordnung zu mir: Ich bin Paula, 18 Jahre alt und seit zwei Jahren bei Fridays for Future aktiv. Im folgenden Text schreibe ich aus einer aktivistischen Perspektive. Wenn ich von “wir” rede, meine ich die Aktivist*innen bei FFF und mich.  Kannst du dich noch an die Bilder aus den letzten Monaten erinnern? Deutschland unter Wasser, Griechenland in Flammen. Menschen, die fliehen müssen. Tier- und Pflanzenarten, die aussterben. Fluten, Dürren und andere Naturkatastrophen sind jede Woche mindestens einmal in den Medien zu sehen. Die Klimakrise – meist Klimawandel genannt – ist der Grund dafür. Mittlerweile ist das Thema Klima “sogar” in den Wahlen angekommen. Fast kein Mensch kommt darum herum, sich mit der Klimakrise zu beschäftigen. Aktivist*innen wird oft gesagt: “Ist doch super. Das Thema ist in der breiten Gesellschaft angekommen, Menschen demonstrieren, Politiker*innen reden – was willst …

„Oft wird mir einfach viel zu wenig zugetraut“ #Wie ist es eigentlich…?

In der ersten Ausgabe von „Wie ist es eigentlich…?“ treffe ich Sarah. Sarah ist 30 Jahre alt und wurde in Münster geboren. Sie singt gerne, häkelt, bevorzugt Decken in knalligen Farben, hat Probleme damit, ihre Locken zu bändigen und eine Behinderung, die sich VACTERL-Assoziation nennt. Wir treffen uns bei ihr Zuhause. Neben fünfzehn Minuten Verspätung bringe ich auch eine Frage mit: Sarah, wie ist es eigentlich im Rollstuhl zu sitzen? VACTERL-Assoziation. Eine Behinderung, die den meisten Menschen nicht bekannt ist. Sie äußert sich durch eine Kombination verschiedener angeborener Fehlbildungen. Dabei ist das Wort VACTERL ein Akronym für die Regionen, die betroffen sein können. Derzeit wird davon ausgegangen, dass etwa eines von 10.000 bis 40.000 Neugeborenen VACTERL hat. Statistiken zufolge überleben etwa die Hälfte der Kinder mit VACTERL-Assoziation das erste Lebensjahr nicht. Sarah hat überlebt. Sarah hat überlebt, doch ihre Behinderung führte unter anderem dazu, dass sie seit ihrem 6. Lebensjahr im Rollstuhl sitzt. Ich treffe sie in ihrer Wohnung im dritten Stock eines weißen Mehrfamilienhauses. Den Weg dorthin finde ich ganz ohne Google Maps, denn …

Quantifizier Dich – auf ein Mittagsmenü mit der Leistungsgesellschaft #gibmirwiderworte

Hast Du Dich schon mal aktiv mit der Leistungsgesellschaft auseinandergesetzt? Also Dich nicht nur seinen Anforderungen unterworfen, sondern mit ihm gemeinsam Mittag gegessen? Hier folgt ein Einblick in ein wirklich katastrophales Rendezvous.  Er tritt verspätet an den Tisch, der seit einer halben Stunde für uns reserviert ist. Einfach, weil er es kann. In einem schicken Anzug, der für den gegenwärtigen Anlass viel zu übertrieben ist, sitzt er mir gegenüber und fingert an den untersten Knöpfen seiner kunstvoll bestickten Weste. Gerne würde ich das eindeutig von den Delfter Fayencen inspirierte Muster komplimentieren, doch ich habe Sorge vor seiner Reaktion, wenn er mit diesem Begriff nichts anzufangen weiß. Von der textilen Beengung befreit, spannt sein Wohlstand leicht über dem Hosenbund und unter dem perlweißen Hemdstoff.Von diesem äußert unangenehmen Auftritt bin ich nicht wirklich überrascht, denn was soll man von jemandem erwarten, dessen Existenz daraus besteht, Forderungen zu stellen.  Wir sitzen in einem viel zu teurem Bistro in Berlin-Mitte. Das Mittags-Angebot würde ich mir unter normalen Umständen nicht mal abends zu einem besonderen Anlass gönnen, doch ich will …

Das Blaue vom Himmel

In ein paar Monaten beginnt wieder mal die aufregendste Jahreszeit im politischen Kalender: der Bundestagswahlkampf. Von Laternenpfählen sprießen dann die Wahlplakate wie Frühblüher und die schwüle Luft des Spätsommers knistert förmlich vor politischen Meinungen und Vorhersagen. Den richtigen Umgang mit dieser absurden Zeit kann dir leider niemanden beibringen, dich mental auf eine Zeit der Meinungsverschiedenheiten vorzubereiten, versucht Jasmin aber trotzdem. Wenn die letzten Tage der Sommerferien anbrechen, die Ferienhäuser in Küsten- und Wanderregionen sich von ihren Gästen verabschieden und die deutschen Autobahnen noch ein letztes Mal unter der Last der Urlauber:innen endgültig nachzugeben drohen, dann ist, alle vier Jahre, die fünfte politische Jahreszeit angebrochen. Die Farben des Horizonts werden verschwimmen mit den Signalfarben der Stockfotoästhetik, die in leeren und vollen Worthülsen an jedem Laternenpfahl plakatiert sein wird.  Die noch knapp vier Monate bis zur Bundestagswahl sollte jede:r Bürger:in nutzen, um sich für Reizüberflutung, brutale Meinungsschlachten, voreilige Prognosen und den beißenden Geruch von Plakatkleber zu wappnen. Denn eine Bundestagswahl braucht wachsame Wähler:innen, die sich nicht das Blaue vom Himmel versprechen lassen und einen Durchblick im Dschungel …

Sorry not Sorry #gibmirwiderworte

Über die Unfähigkeit zur aufrichten Entschuldigung. In einem längst vergessen Land, in dem es verboten war, sich zu entschuldigen, wurde gepöbelt, getreten und gekratzt. Es wurde sich nicht umgedreht nach dem hinterlassenen Trümmerfeld, und kein Blick verschwendet für den Scherbenhaufen, den die eigenen Worte der Taten verursacht hatten.  Das vergangene Jahr hat viele gesellschaftliche Veränderungen angestoßen und neue Sensibilitäten geschaffen – für Minderheiten, Ungerechtigkeiten, ein faireres Miteinander. Diese Wendung, hin zu mehr gesellschaftlicher Achtung, würde vermuten lassen, dass sich ein inoffizieller journalistischer/politischer/öffentlicher Kodex entwickelt hat, der sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beruft, möglichst wenig Individuen auf die Füße zu treten. Doch überraschen Medienhäuser, Pressesprecher:innen und Privatpersonen immer wieder aufs Neue mit unüberlegten und fragwürdigen Äußerungen, die in einen tiefen und dunklen gesellschaftlichen Abgrund blicken lassen.  Ist es ein vorschnelles Vergeben und Vergessen, dass Wiederholung solcher Fehltritte nicht verhindern kann? Oder sind wir der öffentlich ausgeschlachteten Skandale und ihrer halbherzigen Konsequenzen einfach überdrüssig und nehmen diese daher einfach als ermüdende Tatsache hin? Erstere Erklärung scheint in Zeiten von Cancel Culture und großflächigen Boykotten unwahrscheinlich. Und …

Das Spiel mit der Repräsentation #gibmirwiderworte

Nicht zu sehen, bedeutet nicht gleich blind zu sein.Nicht zu erhören, bedeutet nicht gleich taub zu sein.Aber zu ignorieren, bedeutet zu versagen.Denn nicht zu repräsentieren, bedeutet zu vergessen. Repräsentanten so grau, wie ihre Gesellschaft bunt Den Rücken stärken, anleiten, führen – die Regierung einer parlamentarischen Demokratie muss vieles: Für die Bevölkerung da sein, ein Ohr für das Individuum haben und wenn möglich, immer eher präventiv als reaktionär zu handeln. Knietief in der aktuellen Krise, wirken diese Ansprüche doch eher fast wie Träumereien; sind die Wehklagen zu vieler Individuen gerade ohrenbetäubend und das Virus scheinbar unkaputtbar. Moderne Demokratien setzen auf das Prinzip der Volkssouveränität und trauen der Bevölkerung eine mündige Wahl ihrer Vertreter zu. Die Zusammensetzung der Repräsentierenden ist somit Sache der Gesellschaft und kann sich im Zyklus der Wahlperioden verändern, somit sind Demokratien und gesellschaftlicher Wandel eng verwoben und bedingen einander. Eine Regierung, als Ebenbild der Gesellschaft, die sie versucht zu erwählt worden ist – eine Kabinettaufstellung, die sich an den Menschen orientiert, die sie dazu berechtigt haben, eine Interessendelegation von unten nach oben. Auf …

Maueradler – wie die Mauer diejenigen beeinflusst, die nie drüber guckenmussten #gibmirwiderworte

Sie versprechen Schutz und unterscheiden uns voneinander.   Doch was, wenn sie uns gefangen halten und unsere begrenzten Gedanken uns in ihrem Inneren gefährlich werden? Was bedeutet das Wort Heimat noch, wenn die Welt doch eigentlich unser Zuhause ist? Schlürfst Du Coca- oder Vita-Cola?Streichst Du Nutella oder Nudossi?Belohnst Du dich lieber mit Milka oder Bambina? Im Freundeskreis können solche Fragen ganz witzig sein, sind diese kulinarischen Unterschiede doch ein Überbleibsel der Deutschen Teilung und spannend in Erfahrung zu bringen. Doch wie kann es sein, dass manch einem die Staatsbürgerschaft eines non-existenten Staates zugeschrieben wird? Warum unterscheiden wir noch in Ossis und Wessis, wenn unser Deutschland schon lange vier und nicht mehr nur zwei Himmelsrichtungen hat? Weshalb kann man auf etwas reduziert werden, von dem man nie Teil war? ___________________________________________________________________________ Ich bin 22 Jahre alt und damit Teil der Generation Z: zwischen 1997 und 2012 geboren, die Nachwendekinder und Erben der Demokratie.  Wenn meine Nationalität irgendwo eine Rolle spielt, dann bin ich schlichtweg und neutral Deutsch. Sobald mir innerhalb der eigenen Landesgrenze aber ein dreiviertel Drei oder ein ,ge? über die Lippen rollt, …

Du bist (nicht), was sie aus dir machen

Zwischen gesellschaftlichem Druck und der eigenen Freiheit Viele kennen es, doch darüber sprechen tun die wenigsten. Egal, ob im Freundeskreis oder anderswo, der gesellschaftliche Druck, der von außen auf einen wirkt, ist immens. Als junge Frau setze ich mich tagtäglich damit auseinander. Ein Beispiel ist das ständige Rasieren. Frau soll weiblich sein und so aussehen, sich so anziehen und bewegen. Am besten noch ein strahlendes, selbstbewusstes Lachen auf dem Gesicht, als könnte ihr die Welt nichts anhaben. Doch warum? Warum ist da dieser Druck? Warum wirkt die Gesellschaft so auf uns? Oder gibt es diesen Druck etwa gar nicht? Ist er vielleicht nur ein Konstrukt der Fantasie, eine Art kreative Schöpfung? Fragen wie diese habe ich mir schon häufig gestellt. Ich habe versucht, sie zu ignorieren und einfach ich zu sein. Doch dann ist da diese Angst, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden und schiefe Blicke zu kassieren. Und schon ist man nicht immer und überall 100% man selbst. Es ist ein Teufelskreis, den wahrscheinlich viele kennen. Nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer. …

So, wie ihr uns haben wollt… #wir

…werdet ihr uns nicht bekommen! Hast du dir schon einmal die Frage stellen müssen, wo du hingehörst? Ob es vielleicht sogar an dir liegt, dass du hin und wieder das Gefühl hast, hier nicht angekommen zu sein? Obwohl es keine Frage des „Ankommens“ sein sollte. Denn du bist doch schon hier, inmitten anderer Menschen. Du lebst hier und das ist auch gut so!Jedoch gibt es Menschen in diesem Land, die ausgrenzen, Hass verbreiten und spalten.Es braucht eine Gegenbewegung dazu. Findet ihr nicht? Wir versus Ihr. Eine Aussage, die nicht spurlos an mir vorbeigeht.Sie hinterlässt Bilder in meinem Kopf, die von außen an mich herangetragen wurden. Es sind Bilder, die ich angefangen habe, von klein auf zu malen. Mir wurden ein paar Stifte in die Hand gedrückt, mit denen ich all diese Bilder ausmalen sollte. Dabei waren die Umrisse vorgegeben, sodass ich allein in der Auswahl der Farben frei sein konnte. Ich bin frei, aber ich bin es nicht. Mit der Zeit wurden diese Bilder ausgemalt, es wurden Fortsetzungen angefertigt, die Bilder wurden immer größer, sodass …

Offener Brief an einen alten, weißen Mann

„Sei doch nicht so politisch korrekt“, sagst du.„Komm mir jetzt nicht mit der Moralkeule“. Deine Stimme zittert.„Da wird man ja wohl noch sagen dürfen.“Jetzt bist du wütend und ich fühle mich schlecht, weil ich anscheinend der Grund dafür bin. Ich beginne zu zweifeln. Schließlich willst du doch das gleiche, sagst du – Freiheit und Gleichheit für alle Menschen. Ich bin verwirrt. Später, als ich mich wieder beruhigt habe, klären sich meine Gedanken und die Ohnmacht und das schlechte Gewissen verwandeln sich in Wut. Eine produktive Wut, in der ich meine Kraft bündle und eine Antwort verfasse – eine Antwort an dich. Wir leben in einem Land, in dem wir ein Maximum an Freiheiten genießen. Wir haben das Grundgesetz, wir haben freie Wahlen, wir haben unabhängige Gerichte und eine Meinungs- und Pressefreiheit, die fast uneingeschränkt gilt. Auf diese Meinungsfreiheit berufen sich dann Menschen, die Homosexuelle diskriminieren, den Holocaust leugnen oder allen Ernstes behaupten, Rassismus sei kein Problem mehr in der heutigen Gesellschaft; Menschen, die der Überzeugung sind, dass diese Themen in der Presse überproportional repräsentiert würden …