Alle Artikel mit dem Schlagwort: Gastgedanken

Neue Fremde (und alte Bekannte)

Ich lerne Leute oft on the go kennen. Auch in längerfristigen Umfeldern, beispielsweise an der Uni, wenn man ein Semester lang ein Modul mit den gleichen Leuten besucht, aber sich nur miteinander versteht, weil man sich jede Woche über Thema xyz aufregt. Vielleicht mal auf Whatsapp anschreiben weil ‘oh schau hier, das erinnert mich an diese eine Situation in der wir beide xyz’. Aber dann doch nicht treffen, doch kein näherer Kontakt.  Auf Reisen passiert mir das ständig. Ich bin in Hostels mit Leuten aus aller Welt, wir sind im selben Schlafsaal und unterhalten uns über Politik in Europa. Ich erzähle, dass ich morgen ins Museum gehen will, du rätst mir früh hinzugehen, weil es immer so schnell voll sein würde. Nach zwei Stunden Reden über Gott und die Welt gehen wir beide ins Bett, du musst morgen früh um acht zum Flughafen, um nach Griechenland zu fliegen und ich bin einfach nur müde von der Anreise. Nachts liege ich dann wach im Bett und bin irgendwie so ruhig wie nie, habe Neues über die …

Kurzes, langes Leben – wenn Kinder sterben

Wir verdrängen jeden Tag das Thema Tod, doch sterben müssen wir alle. Du, Ich, ja sogar der nette Nachbar von nebenan. Wir alle sterben. Das ist gewiss. Gewiss und unaufhaltsam. Aber wir haben so große Angst davor, dass wir lieber verdrängen, als zu erkennen. Wir sind arrogant in unserem Denken, dass jeder Mensch ein Recht darauf hätte 80, 90, ja sogar 100 Jahre alt zu werden. Dieses Recht hat absolut niemand. Das Leben ist nicht unendlich, nein, das Leben ist endlich. Und es kann heute schon vorbei sein. In dieser Sekunde, in diesem Augenblick, stirbt ein Mensch. Ein Mensch, wie Du und Ich. Ein Mensch, der erst ein Gesicht, einen Namen, eine Bedeutung bekommt, wenn man ihn kennt. Ein Mensch, der geliebt wird. Ein Mensch, der Du sein könntest oder eben Ich. Und dieser Mensch stirbt. Jetzt. In dieser Sekunde, in diesem Augenblick, stirbt ein Mensch. Das sollten wir nie vergessen. Denn vergessen wir diese unaufhaltsam bedingt vorgeschriebene Tatsache, so laufen wir Gefahr, überheblich eine „Zukunft“ zu planen. Eine „Zukunft“, die es vielleicht nie geben …

Über Mut, mich, und das, was gerade in der Welt geschieht

Ich habe eine funktionierende Familie, wir sind nicht arm und auch nicht superreich, wir leben in einem großen Haus mit Garten und ich habe mein eigenes Zimmer. Meine Familie hat einen Fernseher und ein Auto (dem einsprechen wahrscheinlich auch nicht die beste Ökobilanz, aber wir geben uns Mühe). Wir können mehrmals im Jahr verreisen und schon morgens bei der Frage, was es zum Frühstück geben soll, anfangen zu diskutieren. Ich habe soziale Kontakte, ich gehe gerne zur Schule und bin sogar gut darin. Ich werde nicht gemobbt und über mich wird nicht gelästert (glaube ich zumindest). Ich bin groß und schlank, habe zum Glück aber keine große Oberweite, weshalb ich mich nicht vor jedem Typen in Acht nehmen muss. Ich mag meinen Körper und essen ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Ich bin noch nie mit Drogen in Kontakt gekommen, rauche nicht (auch nicht passiv) und ich trinke keinen Alkohol. Ich hatte bisher selten direkten Kontakt mit Krankheit oder Tod. Ich bin nicht homosexuell und nicht transsexuell, stehe dem aber offen gegenüber. Ich bin Christin. (Nein, das ist kein Gegensatz!)  Ich …

Lächelnde Augen

In dieser Zeit, in der Nachrichten von einem Virus, dessen Name zum Teil eine Zahl ist, uns bis in den Schlaf begleiten, in dieser Zeit, in der Zahlen von Neuinfektionen, angsteinflößenden Zukunftsvisionen, Bilder von Menschen mit Masken in elendig langen Supermarktschlangen, oder gefangen in ihren eigenen vier Wänden, tagtägliche Beobachtungen und Eindrücke sind, vergesse ich schon mal, dass gerade eigentlich die Zeit im Jahr ist, in der nicht nur Blumen, sondern auch mein Herz zu blühen beginnt.  Es ist die Zeit, in der mein ganzer Körper bis in die Fingerspitzen kribbelt, wenn ich morgens ganz früh aus der Haustür trete, den Blick gen Baumkronen gerichtet, wo die Vögel ihre Lieder singen, die Luft noch kühl und klar, wie das Mittelmeer, als ich vergangenen Herbst dort war, die vollkommene Stille, der Geruch von morgentaufeuchtem Gras und Sonnencreme vom Vortag, das Vertrauen in den Tag und dass gut wird, was gerade ist, dass alles ganz und gar gut wird.  Es ist die Zeit, in der mein Lächeln ein ständiger Begleiter von mir und meinem Ausdruck wird, in der …

In einer Welt, in der ich alles sein kann, bin ich mutig.

Als Kind habe ich Geschichten geliebt. Mit meinem Bruder zusammen habe ich Szenarien aus selbst kreierten Geschichten nachgespielt, die immer eins gemeinsam hatten: Sie handelten von Abenteuern, Mut, von einem Mädchen, das mutiger war, als alle anderen um sie herum. So mutig, dass sie es immer wieder aufs Neue schaffte, die ganze Menschheit zu retten. Dieses Mädchen wollte ich sein. Kann man auch mutig sein, ohne zu wissen wie man mit Pfeil und Bogen umgeht oder gegen Drachen kämpft? Meine Pubertät war geprägt von Zurückziehen, Flucht in Traumwelten und Introspektion. Die Zeit in der man beginnt sich seine Identität zu konstruieren, oft mit den Bausteinen anderer, denn sie haben einem oft genug gesagt oder gezeigt wer man ist. Ein Gefühl begleitete mich die ganzen Jahre lang, das Gefühl, mein früheres Ich mit meiner Entwicklung enttäuscht zu haben. Den ganzen Tag in seinem Zimmer rumhängen, ist das denn mutig? Sich im Unterricht nicht trauen etwas zu sagen, wenn man unaufgefordert drangenommen wird, ist das mutig? Nein, oder? So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Das dachte …

Über letzte Male und warum es gut ist, nicht zu wissen, dass sie es sind

Vergangenes Jahr habe ich es zum ersten Mal gemacht.  Ein Letztes Mal erlebt. Ganz bewusst. Okay, zugegeben, es war nur das letzte Mal für genanntes Jahr. Ich habe mich vom Sommer verabschiedet. An einem Samstag, Anfang September, saß ich im Garten meiner Eltern, habe die Augen geschlossen und ganz bewusst das Kitzeln der September Sonne auf meinen nackten Beinen gespürt. Habe den letzten Schluck Eiskaffee genauso genossen, wie den ersten ein paar Monate davor. Habe versucht die Sommererinnerungen abzuspeichern und mich innerlich auf Tee, Lebkuchen und Stiefel vorzubereiten. Danach gab es zwar noch zwei, drei Tage an denen es warm war, aber für mich war dieser Tag das Ende dieser Jahreszeit. Ein letztes Mal. Und wie verrückt ist es, dass ich zum ersten Mal einen Tag benennen kann, der für mich im vergangenen Jahr den Sommer beendete? Normalerweise geschieht das fließend und bis wir uns versehen, hat sich die Jahreszeit verändert. Und das ist auch nicht weiter schlimm, denn letzte Male sind auch immer mit Abschiedsschmerz verbunden. Was war ich glücklich und traurig zugleich an …

Unter der Spitze des Eisbergs

Ok Kids. Thema heute: Body Positivity. Alles schon gelesen, alles schon gehört, wir haben doch kapiert, heute sind alle Körper schön und Magersucht ja so 2001. Nivea macht jetzt sogar Werbung mit dicken Körpern und Gilette mit unrasierten Beinen. We’re over it.Oder? Ja, das Schönheitsideal hat sich seit den 2000ern verändert: Heute wird nicht mehr so viel gehungert, und dafür mehr geschwitzt – für definierte Schultern, straffe Beine und Bauchmuskeln. Knochen sind out, Muskeln und clean eating sind in. Ist das besser? Keine Ahnung. Aber so lange es in dieser Welt überhaupt noch Schönheitsideale gibt, so lange Frauenzeitschriften ihre Existenz damit berechtigen, akribisch die Gewichtsveränderungen irgendwelcher Berühmtheiten zu dokumentieren und ich beim Fahrradfahren auf glatte Bäuche auf Werbeplakaten schauen muss, ist zu dem Thema noch nicht alles gesagt. Auch heute leiden noch fünf Millionen Frauen und Männer in Deutschland an Essstörungen, von denen 100.000 an Magersucht und 600.000 an Bulimie erkranken. Und wenn im Jahr 2017 78 Menschen in Deutschland infolge einer Essstörung verstorben sind, sind das 78 Menschen zu viel.Doch diese 78 Menschen sind …

Diffuse Gefühle

Was bleibt– von Anonym Dieses diffuse Gefühl, die Schatten zwischen den Sonnenflecken. Alle vier Jahre erneuern sich die Zellen meines Körpers mit den Bildern an meiner Wand und die Strukturen der Systeme verschieben sich. Die Tapeten sind dann abgeraut und einmal zu oft überstrichen, die Finger ausgerenkt und verirrtes Licht malt Halbmonde zwischen meine Schulterblätter. Die Musik bleibt, der Himmel bleibt, stagnierende Blues wie ein nie endender Sommerregen, der Haut und Haare durchdringt und schließlich auf dem Schlüsselbein nachklingt.  Komm schon, komm schon, du zerrst ungeduldig an meiner Hand und an meinen Haaren, ein Neuanfang.  Also schäle ich mich aus meinem Kokon aus Transparentpapier, Schicht für Schicht, aber meine Haut ist immer noch blass und übersät von fremden Geschichten. Das grelle Licht brennt Muster auf meine Netzhaut und schneidet meine Gedanken in Bruchteile. Scharfe Kanten, Scherben ohne Reflektion. Gestern habe ich meine Lieblingsfarbe vergessen und morgen wird es vielleicht mein Name sein. Die Musik bleibt, der Himmel bleibt, die Schatten zwischen den Sonnenflecken sind meine ewige Konstante. Alle vier Jahre erneuern sich die Zellen meines …

Einfach mal dankbar sein

Die aktuelle Zeit scheint von Melancholie, Angst und Trauer umnebelt. Für mich sind diese Gefühle vollkommen nachvollziehbar, jedoch bin ich der Meinung, dass der Grund für diese Emotionen notwendig und bitte auch dringend einzuhalten ist. Damit meine ich natürlich die Corona-Krise und die daraus resultierende Kontaktsperre. Egal mit wem ich kommuniziere, auf der Straße beobachte oder wem ich in Fernsehinterviews zuhöre – die meisten Personen scheinen von Unzufriedenheit bedrückt. Dies kann ich natürlich vollkommen nachempfinden, denn auch ich sehe, außer den trostlosen Straßen und geschlossenen Geschäften, nicht mehr Personen, als meine Mutter, mit welcher ich zusammenlebe. Ein Glück ist sie täglich bei mir! Auch die Supermärkte scheinen im wahrsten Sinne des Wortes leergefegt. (Zum Thema Hamsterkäufe möchte ich mich dabei nicht äußern. Ich denke, ich vertrete die Meinung vieler, dass für jeden etwas im Regal stehen sollte!) Wie schon erwähnt, kann ich die Gefühle nachempfinden, welche die Mehrheit der Bevölkerung momentan verspürt. Auch ich bin traurig darüber, dass ich meine Großeltern und Freude momentan nicht persönlich sehen darf. Zudem pausiert mein Studium auf unabsehbare Zeit. …

Delfine in Venedig

Alles ist ungewiss. Eine quasi undefinierbare Lage. Über den Köpfen der Menschen schweben Fragezeichen, während sie hektisch eine Insta-Story nach der anderen posten: Leere Supermarktregale präsentieren, obwohl genug vorhanden ist. Fraglich, ob sie selber das Regal ausgeräumt haben – alles für das Foto. Fragezeichen, Falschmeldungen, Hiobsbotschaften. In diesen Tagen haben wir von allem reichlich. Reichlich Informationen, die sich im Minutentakt aktualisieren. Reichlich Verpflegung, aber auch reichlich Ängste. Existenzängste und die Ängste vor dem unsichtbaren Feind, dem Virus. Ängste, die uns verbinden. Uns, die Menschen – die Menschheit. Wir alle haben Angst. Einige mehr, andere weniger. Einige präsenter, andere eher still für sich. Doch ist dies ein Punkt, der uns alle miteinander verbindet. Den Menschen wird unterstellt, sie seien egoistisch geworden. Vor allem aber, wurde es unterstellt. Zur Zeit lässt sich der Begriff der „Nächstenliebe“ wieder mehr anwenden. Nachbarn helfen Nachbarn, junge Menschen bieten Älteren Hilfe an. Und das ist nur der Anfang. Die meisten leben seit einer Woche in der Isolation und schon wird vielerorts das „Wir“ und „Sie“ wichtiger als das „Ich“. Egoismus macht …