Alle Artikel mit dem Schlagwort: Gastgedanken

Deep in der Quarterlife Crisis

Ich bin jetzt 24 Jahre alt. Wenn ich so steinalt werde wie mein Opa – 99, oh Gott bloß nicht – dann habe ich ein Viertel meines Lebens hinter mich gebracht, und es ist höchste Zeit einzusehen: die Quarterlife Crisis ist kein Trend, der um die Jahrtausendwende geborenen snowflakes, sondern fucking real! Sie kommt früher oder später, typischerweise gegen Ende der ersten Ausbildung, wenn sich die Frage stellt: Was. zur. Hölle. mach ich mit den wenigen Jahren Jugend, die mir bleiben (denn jenseits der 30 gibt es nur Ärger und Arbeit)? Wie mache ich das Beste aus der besten Zeit des Lebens, bis ich Falten und Kinder kriege (und Kinder kriegen wollen wir irgendwie doch alle, um es besser als unsere Eltern zu machen)? Die Quarterlife Crisis ist der Kater nach der Coming of Age Party – es ist vom siebten Himmel des self empowerments zurück auf den Boden klatschen und merken, die Antworten auf grundlegende Fragen wie, und was willst du später mal damit machen?, die Antwort auf diese Fragen hab ich immer noch nicht gefunden. Die Quarterlife Crisis ist, wenn …

Was ist, wenn das Schöne an der Geschichte nicht er ist, sondern du?

Seit Stunden höre ich dir zu. Wir laufen nebeneinander her und du erzählst mir von ihm. Davon wie du nicht verstehst. Wie kann so schnell vorbei sein, was nicht mal richtig anfangen durfte? Es war doch so gut, denkst du. Und mit allem was du erzählst, malst du das schönste Bild. Du findest nur Worte, die sich übertreffen. Alles stimmte, an ihm. Deine Augen funkeln traurig.  Seit Stunden laufen wir nebeneinander her und ich höre dir zu. Wie du von ihm erzählst. Du redest und redest und dann guckst du auf mich, deine traurigen Blicke suchen in meinen Augen nur eines: Bestätigung. Sie suchen nach etwas, was dir sagt: Alles stimmte, an ihm.  ,,Aber vielleicht”, sage ich vorsichtig. ,,Vielleicht ist er gar nicht so schön.” Es ist der erste Satz von mir. Die ganze Zeit hast du auf meine Antwort gewartet, aber an deiner Reaktion merke ich, dass das sicher nicht war, was du hören wolltest. Du bleibst stehen. ,,Ich meine nur”, sage ich. ,,Was ist, wenn das Schöne an der Geschichte nicht er ist, …

Die Liebe der Worte

Worte sind gemacht, um zu lieben und zu hassen Zu widersprechen und zuzustimmen Wörter sind so schön So schön aufzuschreiben So schön auszusprechen Und oft so schwer zu sagen Ich liebe deine Gedanken Ich liebe alle Wörter, die du benutzt, um dich mir mitzuteilen Ich liebe das Durcheinander, das in deinem Kopf tobt Ich liebe jede einzelne Unverständlichkeit Denn ich fühle deine Gedanken Du brauchst sie nur zu denken Deine Stimme, die deine Sätze formt  Ist schöner als jede Musik Sogar schöner als der Regen am Nachmittag Und wenn ich dir nur sagen könnte  wie schön du aussiehst, wenn deine Lippen sich bewegen um mir zu sagen was du denkst Kommst du?  Werfen wir uns Wörter zu bis die Unendlichkeit kommt. – Elena ist 19 Jahre und schreibt kleine Gedichte in ihr blaues Notizbuch, um die Welt ein kleines bisschen besser zu verstehen. Lisa ist eine junge Illustratorin und Gestalterin aus Berlin. In Ihrer Kunst befasst sie sich mit Beobachtungen des alltäglichen Lebens und zieht Inspiration aus erlebten Situationen und Personen, die sie umgeben. Nebenher beschäftigt …

Konzept des Datings

Manchmal zweifle ich am Konzept des Datings. Ich frage mich, was es eigentlich genau bringen soll, sich mit wildfremden Leuten auf Grundlage des ersten optischen Eindrucks zu treffen. Immer wieder neu von vorne anzufangen. Erzählen zu müssen, wer man ist, was man mag, was einen stört, was man von politisch kontroversen Themen oder Bestseller-Autor:innen hält. Dinge von sich preiszugeben auf Nachfrage, als würde man eine intrinsische Liste abarbeiten, um den anderen möglichst davon zu überzeugen, dass man ein netter Mensch ist.  Manchmal frage ich mich, ob ich die Einzige bin, die das so sieht. Die es unangenehm findet, Dinge von sich preiszugeben und sich in Situationen einzufinden, die sich verhalten als wären sie Bewerbungsgespräche, obwohl sie es nicht sind. Gleiche Aufregung, gleiches gespieltes Interesse, gleiches Unvermögen den richtigen Moment abzupassen, es zu beenden.  Und doch tut man es immer wieder. Weil es die einzige Möglichkeit zu sein scheint, Leute kennenzulernen. Und nicht, dass man es falsch versteht, ich kann das. Ich bin mein lockeres Selbst, ich mache Späße, Leute finden mich lässig und lustig, aber …

Das “Let-It-Happen-Gefühl”

It’s always around me, all this noise, butNot nearly as loud as the voice saying“Let it happen, let it happen”(It’s gonna feel so good) Es gibt einen Tame-Impala Song namens “Let It Happen”, und immer, wenn ich ihn höre, strömt das Blut in millionenfacher Geschwindigkeit durch meine Adern. Am besten in Kombination mit Alkohol, der Nicht-Droge, die eine so glänzende Sogwirkung ausüben kann auf mich. Wie viele Abende verbringt man allein im Bett, glühend, und man hofft auf eine betrunkene Liebesbekundung oder auf einen Slow-Motion-Kuss, einen ehrlichen, oder man selbst befindet sich auf einer Party und tippt langsam auf den Namen, und man ruft an, stolpert über sich selbst und lacht mit einer Augenverdreh-Zärtlichkeit das Handy an. Ich sehe mich auf einer Party in einer Ecke stehen, mit gebrannten Wangen und zitterndem Herzen. Ich sehe mich nicht mehr atmen können in Anbetracht eines nahenden ersten Kusses. All this running around, trying to cover my shadows… Mein Freund sagt mir, dass jeder Mensch zu gewissen Anteilen ein Stück moralische Konsistenz gegen Glück eintauschen muss, manche mehr …

Wenn spazieren nur noch nervt

Die Tage werden zwar wieder länger und die Sonne kommt ab und zu raus, aber so richtig Bock aufs Spazieren hat doch keiner mehr, oder?Ein Spaziergang ist aber viel mehr als nur das einzig mögliche Hobby aktuell. Warum du nicht aufhören solltest zu spazieren oder spätestens jetzt damit anfangen solltest. Immer häufiger tauchen in der Online-Welt Memes und Tweets, wie dieser hier auf: „Mama, warum weint Opa so laut, ich habe ihn doch nur gefragt, ob wir spazieren gehen wollen?“ – “Weißt du, dein Opa hat 2020 erlebt, damals wurden ganz viele Leute krank und alles was man tun durfte war spazieren gehen, er hat einfach genug davon.” (twitter.com/elhotzo) Seit mehreren Monaten ist Spazieren irgendwie das Einzige, was du so tun kannst. Es ist das Einzige, was nicht vorm Bildschirm stattfindet. Es ist aber besser als vom Bett an den Schreibtisch, über die Couch, zurück ins Bett. Also doch noch einmal aufraffen und eine Runde um den Block. Die Jogginghose darf auch ruhig an bleiben. So richtig Spaß macht esauf Dauer aber nicht, immer an …

Selbstfindung im 21. Jahrhundert

Meine Gedanken wie dreckige Fussel auf einer frischen Linse,Ich höre wie ich leise winsle, damit es niemand hört,Damit es niemanden stört. Es zählt nichts weniger als seine Hülle,Und trotzdem bringt es mich in so einer Fülle,Ab und an runter,Und benetzt mich ganz munter,Mit einem Schleier auf Zweifel,So fies wie ein Teufel. Es passt dies nicht, es passt das nicht,Dieses Bild widerspricht mal wieder meinem Gesicht,Und ich frage mich wann wird es enden,Dieses Verschwenden von negativen Einwänden. Ständiges Vergleichen, Abwertende Aussagen gespeichert als Lesezeichen,Und zum Ausgleichen umschleichen mich Komplimente von Liebsten,Die sich für meines Gleichen anhören wie Sonderzeichen. Sie sehen mich anders und nicht so wie ich,Ich bin einzigartig, so ganz unterm Strich,Habe Fehler und Macken, bin nicht perfekt,Und bemerke verschreckt, Ich bin der Architekt,Meines eigenen Lebens,Und versuche vergebens,Zu lieben wer ich bin,In diesem neuzeitlichen Wahnsinn. – Der Text wurde anonym eingereicht. Das Beitragsbild ist von Linda.Sie ist Grafikdesignerin und brennt für gute Gestaltung. Sie arbeitet gerne konzeptionell und legt den Fokus auf aussagekräftige Illustrationen. Neben Kunst und Design, liebt sie die Berge, Kaffee und ihr rotes Fahrrad …

Ich zweifle, Du zweifelst, Wir alle zweifeln.

Es sind solche Tage, an denen Du zu Hause oder in der Bahn hockst und durch Instagram scrollst. Du siehst die erfolgreichen Influencer:innen mit der guten Haut, die Ex-Kommiliton:innen mit dem tollen Job und der krassen Wohnung und dann … naja, dich, wie du mit fettigen Haaren versuchst, nicht sofort anzufangen in Tränen auszubrechen. Weil du zweifelst. Du zweifelst an dir und all deinen Entscheidungen, die du bis hier gemacht hast. Ob die Trennung wirklich das Richtige war, statt Literaturwissenschaften nicht vielleicht doch lieber Soziale Arbeit sinnvoller gewesen wäre und ob du statt dem bezahlten Praktikum – UGH – nicht doch lieber das unbezahlte Praktikum – NICE – hättest annehmen sollen. Ich habe zwei Dinge verstanden: 1. NIEMAND HAT DAS LEBEN IM GRIFFund 2. HÄTTE HÄTTE, FAHRRADKETTE Du bist nicht allein damit. Ich erinnere mich noch an einen Smalltalk mit einer ehemaligen Kollegin zu Beginn letzten Jahres. Gerade frisch aus dem Auslandssemester hatte ich keine Kohle, keinen Job und sah mich die nächsten Monate jammernd in der Bib sitzen, Masterarbeit schreiben und das Studium verfluchen. …

Wir beide (nicht) am Meer

Meine Sachen sind alle gepackt. Ich will gerade aus der Tür hinaus, als du anrufst: Es sei etwas dazwischen gekommen, sagst du mir mit kühler Stimme, und auch sonst müssten wir mal reden, gerade ist es irgendwie schwierig zwischen uns.  Ich lasse meinen Rucksack vor mich auf den Boden plumpsen. Meine frisch aufgenähten Patches leuchten noch so neu, doch wirkten trostlos. Nutzlos. Ich spüre, wie der Boden unter mir immer weicher wurde. Ich laufe wie auf Watte. Versuche, zurück in mein Zimmer zu kommen. Mit jedem meiner Schritte fühlte es sich an, als würde ich weiter in den Sand sinken: Jeder Schritt fällt mir schwerer. Der Sand steht mir jetzt bis zur Brust, engt mich ein, ich habe in unserem großen Flur plötzlich keinen Platz mehr. Ich möchte um mich treten, alles von mir wegdrücken. Doch der Sand ist zu stark. Zu fest. Zu schwer. In meinem Zimmer lege ich mich hin. Die Flut kommt jetzt auf in mir. Der Sand wird weggespült. Ich atme einmal tief ein, um mir Platz zu schaffen. Der Sand …

Cancel-Christmas

Ich gebe es zu – ich mag Weihnachten nicht besonders. Wo andere Besinnlichkeit, Geschenke und Familienzeit sehen, sehe ich Kitsch, sinnlosen Konsum und naja – Familienzeit.  Es gibt so viele Gründe Weihnachten nicht zu mögen. Das Hauptargument ist wohl der sinnlose Konsum (jede:r durchschnittliche Deutsche gibt im Jahr 200-300 Euro für Weihnachtsgeschenke aus). Geschenke, die für immer versauern, werden an Verwandte geschenkt, die man sonst nie sieht. Deko und lustige Weihnachtspullover müssen gekauft werden, um sich so richtig festlich zu fühlen. Hand in Hand damit geht die massive Umweltverschmutzung durch Verpackungsmüll, Geschenkpapier und sinnlosen Konsum. Dazu kommt noch ein verstärkter Fleischkonsum, unzählige abgeholzte Bäume, die wir vor unseren Augen vertrocknen lassen, um sie dann aus dem Fenster zu werfen und die Ikonisierung der gesellschaftlich konstruierten, heteronormativen Kleinfamilie. Meine persönliche Weihnachtsabscheu wurzelt tief. Anfangs wusste ich noch nichts von all diesen schlauen Argumente, mit denen ich mittlerweile meine Antipathie kontextualisieren kann. Als Kind einer katholischen Familie heißt es an Weihnachten nicht Punsch und Geschenke, sondern Mitternachtsmesse und Besinnung. Ich verinnerlichte dafür früh den ursprünglichen Gedanken von …