Alle Artikel mit dem Schlagwort: Gastgedanken

Du bist (nicht), was sie aus dir machen

Zwischen gesellschaftlichem Druck und der eigenen Freiheit Viele kennen es, doch darüber sprechen tun die wenigsten. Egal, ob im Freundeskreis oder anderswo, der gesellschaftliche Druck, der von außen auf einen wirkt, ist immens. Als junge Frau setze ich mich tagtäglich damit auseinander. Ein Beispiel ist das ständige Rasieren. Frau soll weiblich sein und so aussehen, sich so anziehen und bewegen. Am besten noch ein strahlendes, selbstbewusstes Lachen auf dem Gesicht, als könnte ihr die Welt nichts anhaben. Doch warum? Warum ist da dieser Druck? Warum wirkt die Gesellschaft so auf uns? Oder gibt es diesen Druck etwa gar nicht? Ist er vielleicht nur ein Konstrukt der Fantasie, eine Art kreative Schöpfung? Fragen wie diese habe ich mir schon häufig gestellt. Ich habe versucht, sie zu ignorieren und einfach ich zu sein. Doch dann ist da diese Angst, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden und schiefe Blicke zu kassieren. Und schon ist man nicht immer und überall 100% man selbst. Es ist ein Teufelskreis, den wahrscheinlich viele kennen. Nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer. …

Vom nach Hause kommen an einen fremden Ort

Ich zähle die Bahnstationen auf meiner Navigations-App.Noch 4. Noch 3. Noch 2. Noch eine.Jetzt bin ich da, steige aus, ich bin zuhause.Oder zumindest an meiner neuen Meldeadresse. An meiner Vorherigen musste ich nie Bahnstationen abzählen,denn ich kannte sie alle in- und auswendig. Außerdem gab es dort gar keine Bahn, nur Busse. Hier gibt es Busse, Trams, S-Bahnen, U-Bahnen, Taxis, Ubers, Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, Motorradfahrer und E-Roller. Für jede Bewegung, die ich außerhalb meiner vier Wände mache, brauche ich Google Maps. Das hatte ich vorher nicht einmal installiert. Wenn ich in einem der genannten Verkehrsmittel sitze, starre ich entweder durchs Fenster hinaus auf gesichtslose Häuserwände und leere Landschaften, die mir fremd sind, oder in die leeren Gesichter häuserloser Menschen, die mir fremd sind. So oder so fühle ich mich dabei ziemlich einsam. Zwei Jahre später Ich presse meine Nase an die Scheibe des Bullauges, ich will den Fernsehturm sehen.Als ich nach der Landung ins Helle hinaustrete und mir der kalte Wind entgegenschlägt, atme ich tief ein. An der Bahnstation angekommen, ist das altbekannte Signal der sich …

Blicke, die Gewalt ausüben

Tief durchatmen, bevor ich an der Männergruppe vorbeigehe, möglichst schnell huschen, auf den Boden oder zur Seite gucken, aber nicht so, dass es unsicher wirkt, sondern gelangweilt. Wenn sie dann was sagen, rufen, pfeifen, reagiere ich meistens nicht rechtzeitig. Ein kläglich ausgestreckter Mittelfinger ist meistens alles, was ich spontan entgegen zu bringen schaffe. Ich weiß es doch besser, denke ich und schäme mich, dass ich nicht im Namen aller weiblich gelesenen Menschen diesen jämmerlichen Männertrupp zusammenstauche und es ihnen ein für allemal austreibe, nachts Leute zu belästigen. Frauen bewegen sich anders durch die Straßen als Männer. Weiße cis Männer können unbehelligt durch die Straße flanieren, über ihr Leben nachdenken und sich treiben lassen, weil die Stadt für sie gemacht ist. Es gibt eine Reihe von Literatur über den männlichen Flaneur, während man die Beschreibungen von Straßenerfahrungen von Frauen, BIPOC oder queeren Menschen erst suchen muss. Das weibliche Flanieren ist immer von Beschränkungen geprägt, von einem Gefühl des Beobachtet-Werdens und der Objektifizierung durch den männlichen Blick. Der Begriff des männlichen Blicks, bzw. des Male Gaze, geht …

Pablo

Auch genannt der Italiener, um ehrlich zu sein, immer genannt der Italiener. Ich frage mich, wie lange es noch braucht, bis ich seinen Namen vergessen habe. Pablo hat mich, classy as fuck, beim Arbeiten angesprochen, frei nach dem Motto: „Wer braucht schon Tinder?“. In der Bar, in der ich arbeite, ist es sehr eng und ich kleiner Tollpatsch bin praktisch auf ihn drauf gestolpert, woraufhin er einfach nur gesagt hat „Gehen wir mal was trinken?“. Ich dann bisschen perplex am undefinierten Antworten geben, weil mir anscheinend schon das zu viel Entscheidungsdruck ist. Ich glaube, ich sage, ich muss es mir überlegen. Auf jeden Fall kommt Pablo, bevor er geht, zu mir und fragt, ob ich es mir überlegt habe. Habe ich natürlich nicht und gebe weiterhin weirde Antworten, aber auch mein Handynummer. Pablo meldet sich circa einen Tag später und fragt mich, ob ich mich an den Jungen aus der Bar erinnere. Erstens, Pablo ist 28 und denke dadurch, per Definition, kein Junge mehr, zweitens bin ich dumm? Vielleicht ist so ein Vorfall bei mir …

Verloren gegangene Worte

Dann richtet sich das dumpfe Gefühl wieder gut ein. Rutsch meinen Mund runter, macht sich breit in meinem Bauch. Legt sich auf meine Lieblingscouch und übernimmt die Fernbedienung. Ich bin an so vielen Stellen offen Die Wachstumsschmerzen lassen nach dem ersten Wachsen nicht nach.Kommen immer wieder in Schüben und fühlen sich so endlos an. Und niemand scheint darüber zu reden.Ich möchte die Stellen nicht länger neu zusammen kleben.Meine Vase ist zerbrochen und ich kann sie nicht wieder, wie früher, einfach zusammen kleben. Es braucht ein neues Normal.Und wir müssen das alle lernen. Nicht nur bei anderen sagen, es ist okay. Jeder darf schwach sein. Auch wir selbst. Wir sind alle irgendwo gebrochen.Und vielleicht muss man auch einmal komplett brechen.Damit es gesund verheilt.Und endlich richtig zusammen wächst. Meine Hände greifen von alleine nach Geländern, Blättern, Händen. Wollen mir immer wieder zeigen, so fühlt sich das Leben an. Was würde ich dir erzählen, wenn ich könnte? Vom Rhababerkuchen? Von meinem neuen Schreibtisch? Meinen Blumen? Von der Leere, die nie still ist? Von den Küssen? Der Krankheit? Der …

Warum ich meine Haare gespendet habe

Hilflosigkeit. Das Wort beschreibt, glaube ich, am besten, wie ich mich in den letzten Wochen gefühlt habe, mit allem was auf der Welt gerade passiert. Das Gefühl, nichts tun zu können und nichts zu bewirken. Natürlich trage ich auch meine Maske, halte Abstand, setze mich mit Rassismus auseinander, achte auf meine eigene Sprache und weise auch andere auf ihre hin. Aber irgendwie fühlte sich alles zu passiv an, ich wollte lieber aktiver werden. Leider gibt es in meiner Kleinstadt und auch in den Städten in meiner näheren Umgebung keine Demonstrationen und nur Posts auf Instagram zu teilen, erscheint mir nicht immer zielführend. Auch das Thema Nachhaltigkeit schied im Moment aus, da ich meinen Alltag schon sehr umgestellt habe und ich dort gerade nichts mehr verändern kann. Andere Dinge, wie zum Beispiel unverpackt einkaufen gehen, fallen dank Home Office in besagter Kleinstadt momentan auch aus. Zack die Idee: Ich spende meine Haare. Eine Idee, über die ich schon öfters nachgedacht habe, allerdings immer mit den Worten „irgendwann mal“. Aber jetzt hatte ich endlich mal wieder einen …

Ein Reh in der Lichtung

Aber das ist okay. Bald wird es besser. Da bin ich mir sicher. Ich treibe im See, meine Tränen sind das Gewässer. Doch jetzt Ist es besser. – Laura ist 20 Jahre alt, lebt seit einigen Monaten in Wien und ist Philosophiestudentin, als auch Yogalehrerin in Ausbildung. Sie liebt die Sonne und Frühlingsgefühle. Sie ist ein absoluter Gefühls- und Lebemensch und findet nichts attraktiver als einen feministischen Mann, denn ein anderer kommt ihr erst gar nicht ins Haus.  Laura schreibt dieses Gedicht, nachdem sie das Männerwelten Video von Joko und Klaas gesehen hat. Vor einigen Jahren wurde sie Opfer sexueller Belästigung. Die Folgen waren ein gestörtes Verhältnis zu Männern, zu ihrer eigenen Sexualität und viele Therapiestunden. Heute kommt sie immer mehr bei sich selbst an und hat das Erlebnis endlich verarbeitet. Die Bebilderung ist von Lisa.

Neue Fremde (und alte Bekannte)

Ich lerne Leute oft on the go kennen. Auch in längerfristigen Umfeldern, beispielsweise an der Uni, wenn man ein Semester lang ein Modul mit den gleichen Leuten besucht, aber sich nur miteinander versteht, weil man sich jede Woche über Thema xyz aufregt. Vielleicht mal auf Whatsapp anschreiben weil ‘oh schau hier, das erinnert mich an diese eine Situation in der wir beide xyz’. Aber dann doch nicht treffen, doch kein näherer Kontakt.  Auf Reisen passiert mir das ständig. Ich bin in Hostels mit Leuten aus aller Welt, wir sind im selben Schlafsaal und unterhalten uns über Politik in Europa. Ich erzähle, dass ich morgen ins Museum gehen will, du rätst mir früh hinzugehen, weil es immer so schnell voll sein würde. Nach zwei Stunden Reden über Gott und die Welt gehen wir beide ins Bett, du musst morgen früh um acht zum Flughafen, um nach Griechenland zu fliegen und ich bin einfach nur müde von der Anreise. Nachts liege ich dann wach im Bett und bin irgendwie so ruhig wie nie, habe Neues über die …

Kurzes, langes Leben – wenn Kinder sterben

Wir verdrängen jeden Tag das Thema Tod, doch sterben müssen wir alle. Du, Ich, ja sogar der nette Nachbar von nebenan. Wir alle sterben. Das ist gewiss. Gewiss und unaufhaltsam. Aber wir haben so große Angst davor, dass wir lieber verdrängen, als zu erkennen. Wir sind arrogant in unserem Denken, dass jeder Mensch ein Recht darauf hätte 80, 90, ja sogar 100 Jahre alt zu werden. Dieses Recht hat absolut niemand. Das Leben ist nicht unendlich, nein, das Leben ist endlich. Und es kann heute schon vorbei sein. In dieser Sekunde, in diesem Augenblick, stirbt ein Mensch. Ein Mensch, wie Du und Ich. Ein Mensch, der erst ein Gesicht, einen Namen, eine Bedeutung bekommt, wenn man ihn kennt. Ein Mensch, der geliebt wird. Ein Mensch, der Du sein könntest oder eben Ich. Und dieser Mensch stirbt. Jetzt. In dieser Sekunde, in diesem Augenblick, stirbt ein Mensch. Das sollten wir nie vergessen. Denn vergessen wir diese unaufhaltsam bedingt vorgeschriebene Tatsache, so laufen wir Gefahr, überheblich eine „Zukunft“ zu planen. Eine „Zukunft“, die es vielleicht nie geben …

Über Mut, mich, und das, was gerade in der Welt geschieht

Ich habe eine funktionierende Familie, wir sind nicht arm und auch nicht superreich, wir leben in einem großen Haus mit Garten und ich habe mein eigenes Zimmer. Meine Familie hat einen Fernseher und ein Auto (dem einsprechen wahrscheinlich auch nicht die beste Ökobilanz, aber wir geben uns Mühe). Wir können mehrmals im Jahr verreisen und schon morgens bei der Frage, was es zum Frühstück geben soll, anfangen zu diskutieren. Ich habe soziale Kontakte, ich gehe gerne zur Schule und bin sogar gut darin. Ich werde nicht gemobbt und über mich wird nicht gelästert (glaube ich zumindest). Ich bin groß und schlank, habe zum Glück aber keine große Oberweite, weshalb ich mich nicht vor jedem Typen in Acht nehmen muss. Ich mag meinen Körper und essen ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Ich bin noch nie mit Drogen in Kontakt gekommen, rauche nicht (auch nicht passiv) und ich trinke keinen Alkohol. Ich hatte bisher selten direkten Kontakt mit Krankheit oder Tod. Ich bin nicht homosexuell und nicht transsexuell, stehe dem aber offen gegenüber. Ich bin Christin. (Nein, das ist kein Gegensatz!)  Ich …