Alle Artikel mit dem Schlagwort: Gastgedanken

Nur noch 5 Minuten

Ich bin zwei Wochen im Urlaub und fühle mich als wäre ich bekifft ins Kino gegangen. Traumbilder ziehen an mir vorbei, ein Gefühl der Angst schwingt mit und jeder Moment brennt sich in meine Erinnerung ein. Bis hier hin liefs noch ganz gut. Nur noch ein paar Minuten Urlaub. Ein Café in Mailand. Zu meinen Füßen reißen sich 30 weiße Tauben um die Blätterteigkrümel, die wie Strasssteine den Boden schmücken. Nach einer Weile bemerke ich, dass außer meinem Tisch alle von Tauben besetzt sind. Nur noch 5 Minuten Der Blick auf den Lago Maggiore. Die Hitze flirrt, hinter den Palmen sehe ich Flugsaurier die Berge umrunden und würde den Moment gerne schmecken. Nur noch 4 Minuten Mein Blick schweift von der geöffneten Sektflasche über Paris. Als ich den ersten Schluck nehmen will, fängt es an zu regnen. Ein hutzeliger Mann spielt Chansons von Britney am Klavier. Ich gehe weiter und sehe Menschen an der Seine tanzen, um ein Paar, das einen Tango hinlegt, hat sich ein andächtiger Kreis gebildet – die Zuschauer:innen tragen keine Masken. …

Ich & Du, Ich, Ich & Leben

Zusammengefasst ist zu sagen,in nur 3 Abschnitten Text kann das Leben nicht genau dargestellt werden,aberes zu versucheneinzufangen ist möglich.In einer Art Marmeladenglas, gut versteckt auf Papier. 1. Szene/ Ich & Du: Ich sitze mit dir in einem Raum und lasse mich von deiner subjektiven Wahrnehmung mitreißen. Kühle Atmosphäre umgibt uns, die weißen Wände wirken diesmal noch trister als beim letzten Mal und die Deckenleuchte hängt tief. Besonderheit: heute wird ausnahmsweise kein Brettspiel zusammengespielt. Verblassen Ein und ausIch atme ein und aus;Das ganze Grau hierAlles in mir Dringt in meine Lungen Lässt mich so gut versteh’nVielleicht sollt´ ich deswegen geh’n Bleibe aber hier bei dir Will nicht noch mehr deine Augen versinken seh’nBleib doch endlich mal steh’n Du rennst in der letzten Zeit so viel,wenn du in diesem Zimmer die Zeit abhockst Lässt deine Gedanken so viele Bahnen kreisenDie bringen dich so sehr zum Vereisen Vielleicht sollt ich geh’nKann dich nämlich so gut versteh’n Wenn ich hier bin, kommt es mir wie das Normalste der Welt vorGefühle kommen schon gar nicht mehr empor;Kann dich nicht alleine …

Sonntag ist Heimspiel

Der Geruch von Nagellackentferner hängt im Raum und wabert selbst in die letzte Ecke. Es ist Sonntag, das Zugticket ist reserviert und mein einziges Basic Outfit liegt auf dem Schreibtischstuhl. Es wird nur bei Heimreisen getragen. Ich streune jedes Mal aufs Neue durch die Wohnung, während meine Gedanken sich wiederkäuen. Es wird bestimmt ganz nett, du triffst alte Bekannte, die bunten Socken legst du lieber wieder in die Schublade, brauchst du den Nagellack wirklich, beim letzten Mal waren es doch nur zwei doofe Sprüche, da stehst du doch drüber. Das Gedankenkarussell dreht seine Runden.   Bei der Ankunft am Bahnhof treffe ich schon den ersten Bekannten und muss über meinen Studiengang ausholen, da alles was nicht Jura oder Lehramt ist, eine Erklärung braucht. Ich gehe meinen alten Schulweg entlang, bin direkt wieder 16 und versuche so undercover wie möglich nach Hause zu kommen. Dort werde ich überschwänglich empfangen von meiner Familie und meiner Katze. Natürlich gibt es mein Lieblingsessen. Wenn ich frage, was es Neues gibt, kommt ein Achselzucken.   Nach dem Abi wurde auf die Stopptaste gedrückt und die Einzigen, die …

Schmerzgrenze

STAATSGRENZEN SPRACHGRENZEN ARMUTSGRENZEN ALTERSGRENZEN SCHMERZGRENZEN Sie begrenzen mich, aber ich bin grenzenlos. Mein Körper, meine Seele, eine Karte, die bisher nur meinen Umriss zeigt. Keine Binnengrenzen. Kein „bis hierhin und nicht weiter.“ Keine Grenzsoldaten, die akribisch jeden kontrollieren, der auf meiner Seele sein beschissenes Badehandtuch ausbreiten will. Mit der Zeit werden sie kommen, sie, die Landvermesser, die Kolonialherren, welche die Grenzen mit dem Lineal zu ziehen versuchen und dabei die ganzen Feinheiten meiner Seele, meines Körpers übersehen. Oder nicht sehen wollen. Ihre Grenzen werden mein Korsett. Mit ihnen kann ich vor den Augen der Gesellschaft aufrecht stehen. Es wird eine Weile dauern, bis ich merke, dass ich nicht mehr richtig atmen kann. Zunächst wird mein Atem immer flacher werden. Keine zu hastige Bewegung, alles ist kontrolliert. Wenn sie schauen dann lächele ich. Jedes Mal ein Kraftakt. Mit jedem flachen Atemzug, immer zu wenig Sauerstoff, immer viel zu kurz, wächst in mir das Verlangen nach Freiheit. Freiheit kann einem niemand schenken. Freiheit muss man sich selbst erschaffen. Das weiß ich jetzt, aber früher, da wusste ich …

More than friends, less than lovers

Ich glaube, mit manchen Menschen ist es einfach so, dass sie auf unerklärliche Weise mit dir verbunden sind. Eine Verbindung, die von allen im Raum gespürt wird, auch wenn sie niemals angesprochen wird.  Und da ist diese Verbindung zwischen uns.Erst gestern habe ich sie wieder gespürt, nach einem Bier im Park, die Wangen gerötet von Sonne und Alkohol und all den Menschen, die wir getroffenen haben nach so langer Zeit, von all den Unterhaltungen, die so lange nicht geführt werden konnten, weil wir uns nicht gesehen haben. Gerötete Wangen von all den aufregenden Wegen, die wir jetzt gehen werden nach dem Sommer, all den Geschichten die geschrieben werden. Und auch wir haben uns wieder gefunden, geredet, haben Pizza für alle geholt und von null auf hundert, habe ich die Verbindung gespürt. Da warst nur noch du auf meinem Radar und ich merkte auch, dass dein Blick wieder häufiger zu mir abschweifte.Und auch wenn du jetzt sagst, dass da nichts ist, ich spüre es. „Ich würde lügen, würde ich sagen, dass da gar nichts ist, vielleicht nicht …

Homoduett

Schutztape ums Herzaus Stolz, Solidarität, Selbstwertin rot-orange-gelb-grün-indigo-blau-violettLiebe+Liebe ein Homoduett mich zu verortenauf einem Spektrumvon Liebe bis Liebebin ich offen für morgenGefühle, solide oder dochnicht? Reste von Angst so zu sein, wie Mensch ist aber eigentlich freiinterpretiert, privilegiert, ichdenn die Gewalt trifft zwar nicht michaber ein anderes Gesicht Wortverwendung: Kampfweil es trotz theoretischer Möglichkeitin der Praxis struggle bleibtund Cis und Hetero Normenam Ende doch Unterdrückung formen der Minorität,die anders liebt, lebtunfreiwilliger Privilegien-Verzicht der Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit widersprichtund dazu führt, dass ein Mensch voller HassFLINTA auf offener Straße ersticht wie kann Menschhassen wer sich liebtMensch-Ethnie-Religion-Mosaikbedroht von Feindseligkeit, Antipathieund Gewalt in Kultur und Politik ich hoffe, dass du weißt, dass Liebe, wo sie hinfällt auch ganz gern mal bleibt egal was du davon hältstwas für Urteile du fällst. ist gar nicht viel was wir verlangenbloß Freiheit-sichergestelltin einer liebe-vollen und hass-freien Welt und mehr zusammen Hass<Liebe – Elena, 22, veröffentlichte mit 18 ihr erstes Buch, worauf eine 4 Jahre-lange Schreibpause folgte. In dieser Zeit treibt es sie spätestens alle 7 Monate an einen anderen Ort, ständig auf der Suche …

Freund:in oder Feind:in?

Mein Handy vibriert. Ich krame in meinem vollgestopften Rucksack herum bis ich es finde. Das viel zu  helle Display leuchtet mir ins Gesicht. „Bock, heute zu kiffen?“ lese ich auf dem kleinen Bildschirm. Ich  lenke mein Blick vom Bildschirm auf das vor mir stehende Haus. Ich neigte meinen Kopf zur Seite und  dachte über die Nachricht angestrengt nach, horchte in mich hinein und kam letztendlich zu der  Erkenntnis, dass ich „keinen Bock zu kiffen“ habe. Aber Lust auf soziale Interaktion.  Ich widmete meine Aufmerksamkeit wieder meinem Handy. Ich tippte ein „Ja, wann denn?“ in mein  Handy und schickte es ab. Ich seufzte. Ein besseres Angebot bekam ich heute wohl nicht mehr. Da  steckt man auch die Droge in Kauf, um eine „schöne Zeit“ zu verbringen.  Ich packte mein Handy wieder in meinen Rucksack.   Ich fragte mich, ob ich das tat, wonach ich mich fühlte. Ich seufzte ein erneutes Mal und wurde  verlegen. Ich blickte leer in die Ferne und stoppte alles, was ich tun wollte. Ging gedanklich zu dem  Punkt zurück, in welchem ich völlig …

Deutsch oder nicht deutsch – Interview mit Leyla Jansen

Du hast am Samstag, den 22. Mai den Talk bei der TinCon “Deutsch oder nicht deutsch – das sind doch alles bürgerliche Kategorien”. Magst du erstmal etwas über dich erzählen, was machst du, was beschäftigt dich gerade? Ich hab letztes Jahr erst Abitur gemacht und wollte dieses Jahr eigentlich als Orientierung nutzen. Ich habe ein Orientierungsstudium an der Freien Universität Berlin angefangen und Kurse für Gender Studies und Literatur und alles was mein Herz begehrt hat belegt. Aber dieses Online-Format hat fertig gemacht und deswegen nutze ich jetzt das zweite Semester als emotionale Auszeit. In deinem Beschreibungstext stand, dass du libanesische, russische und italienische Wurzeln hast, dich nicht so mit dem “deutsch sein” identifizierst und dein Herz für New York schlägt, bist du da gerade? Ich wäre gerade da, wenn kein Corona wäre. Mich mit Deutschland zu identifizieren, fand ich schon immer schwierig. Deswegen bin ich froh in Berlin aufgewachsen zu sein, weil ich hier nicht so gezwungen bin nur eins zu sein. Genau das mag ich auch an New York. Und was bedeutet “deutsch …

Deep in der Quarterlife Crisis

Ich bin jetzt 24 Jahre alt. Wenn ich so steinalt werde wie mein Opa – 99, oh Gott bloß nicht – dann habe ich ein Viertel meines Lebens hinter mich gebracht, und es ist höchste Zeit einzusehen: die Quarterlife Crisis ist kein Trend, der um die Jahrtausendwende geborenen snowflakes, sondern fucking real! Sie kommt früher oder später, typischerweise gegen Ende der ersten Ausbildung, wenn sich die Frage stellt: Was. zur. Hölle. mach ich mit den wenigen Jahren Jugend, die mir bleiben (denn jenseits der 30 gibt es nur Ärger und Arbeit)? Wie mache ich das Beste aus der besten Zeit des Lebens, bis ich Falten und Kinder kriege (und Kinder kriegen wollen wir irgendwie doch alle, um es besser als unsere Eltern zu machen)? Die Quarterlife Crisis ist der Kater nach der Coming of Age Party – es ist vom siebten Himmel des self empowerments zurück auf den Boden klatschen und merken, die Antworten auf grundlegende Fragen wie, und was willst du später mal damit machen?, die Antwort auf diese Fragen hab ich immer noch nicht gefunden. Die Quarterlife Crisis ist, wenn …

Was ist, wenn das Schöne an der Geschichte nicht er ist, sondern du?

Seit Stunden höre ich dir zu. Wir laufen nebeneinander her und du erzählst mir von ihm. Davon wie du nicht verstehst. Wie kann so schnell vorbei sein, was nicht mal richtig anfangen durfte? Es war doch so gut, denkst du. Und mit allem was du erzählst, malst du das schönste Bild. Du findest nur Worte, die sich übertreffen. Alles stimmte, an ihm. Deine Augen funkeln traurig.  Seit Stunden laufen wir nebeneinander her und ich höre dir zu. Wie du von ihm erzählst. Du redest und redest und dann guckst du auf mich, deine traurigen Blicke suchen in meinen Augen nur eines: Bestätigung. Sie suchen nach etwas, was dir sagt: Alles stimmte, an ihm.  ,,Aber vielleicht”, sage ich vorsichtig. ,,Vielleicht ist er gar nicht so schön.” Es ist der erste Satz von mir. Die ganze Zeit hast du auf meine Antwort gewartet, aber an deiner Reaktion merke ich, dass das sicher nicht war, was du hören wolltest. Du bleibst stehen. ,,Ich meine nur”, sage ich. ,,Was ist, wenn das Schöne an der Geschichte nicht er ist, …