Alle Artikel mit dem Schlagwort: Feminismus

Frauenwelten

Das „Männerwelten“ Video war für mich zwar eine Überraschung, die Inhalte aber keinesfalls überraschend. Meine Freundinnen und ich haben alle in dem Video gezeigten „Exponate“ schon selbst erlebt, oder kennen mindestens eine Frau, die die Taten, über die berichtet wurden, erlebt haben. Und es ist wahr. Wir alle gehen nachts mit einem Schlüssel in der Faust, einer Freundin am Handy, oder einer elektrischen Vergewaltigungspfeife nach Hause. Wenn wir überhaupt nachts zu Fuß nach Hause gehen. Und das ist normal, da gibt es keine Ausnahme. Was für meine männlichen Bekannten übertrieben, oder gar lächerlich wirkt, ist für uns eine bittere Sicherheitsmaßnahme, das Einzige, was uns ein ganz kleines bisschen Schutz zu bieten scheint. Und wir haben mehr von unseren kleinen Sicherheitstricks, so viele, dass es mich traurig und vor allem wütend macht, dass wir sie brauchen. In den Kommentaren unter dem besagten Video tummeln sich natürlich aber auch viele Kritiker. Wie immer, wenn Frauen es wagen über ihre Erfahrungen mit den patriarchalischen Strukturen in ihrem Leben zu berichten.Da heißt es dann zum Beispiel: „Männer werden auch …

Ich bin ein Körper

Mein Körper wird bekleidet, bedeckt, vertuschtMein Körper wird ausgezogen, offenbart und entblößt Mein Körper ist Reiz, Verführung und KöderMein Körper ist Makel, Schuld, MangelSchandmal, Fehler, DefektZweck und Mittel zugleich Mein Körper ist unterwürfig, unschuldig, befleckt Mein Körper wird geschlagen, gestreichelt, geflickt Mein Körper ist Tatort und TempelZielscheibe, Marketing, Schwäche Mein Körper ist brav, prüde, verklemmtMein Körper ist frech, obszön, schamlosÜber meinen Körper wird geredet, entschieden, verhandelt Mein Körper ist Kapital, krank, käuflich Klapprig, kugelsicher, kussecht Öffentlich, oberflächlich, ohnmächtig Rau, rechtsfrei, reißerischPrächtig, praktikabel, possessiv Eigenwillig, eindrucksvoll, ekelhaft Reglos, reißfest, ruhelos Er wird bewundert, geschunden, kritisiert.Er ist Schauplatz, Werkstatt, RuhepolEr weint darüber und fragt sich, wann sich das endlich verändert Aber mein Körper ist Politik, Verhandlungsbasis und Beweis Jeden Tag aufs neueMein Körper ist intim und unprivatMein Körper ist öffentlich Mein Körper trägt mich undMein Körper heiltMein Körper ist echtWas nicht heilt, seid ihr, dabei seid ihr es auch. – Isabella liebt ihre Freunde, Sushi und Katzen. Aber natürlich auch das Schreiben. Seit 2016 ist sie auf und hinter den Bühnen Norddeutschlands bei Poetry Slams unterwegs. Immer …

Danke für die Blumen

Heute vor genau zwei Jahren ging mein erster Text bei Tierindir online. Dass dieser Termin genau auf den Weltfrauen*tag fiel, ist natürlich kein Zufall gewesen. Damals war ich 16 Jahre alt und die feministische Debatte war ein Thema, mit dem ich mich zu diesem Zeitpunkt seit mehreren Monaten beschäftigt hatte. Ich will nun nach zwei Jahren die Möglichkeit nutzen, um einfach mal Revue passieren zu lassen: Was ist von meinen damaligen Wünschen an eine gleichberechtigte Gesellschaft übrig geblieben? Habe ich denn überhaupt selbst genug dazu beigetragen? Wenn ich mich gedanklich zwei Jahre in die Vergangenheit zurückversetze, dann war da gerade einiges in meinem Leben los. Ich kam in die Oberstufe und fing an, mich intensiver mit Politik und den Vorgängen, die um mich herum und in unserer Gesellschaft passieren, auseinander zu setzen. Woher mein besonderes Interesse für die Rechte und die Gleichstellung von Frauen* in unserer Gesellschaft damals kam – außer, dass ein gewisses Interesse für besagte Dinge von jedem zu erwarten wäre und einfach nur anständig ist – kann ich nicht mehr komplett zurückverfolgen. Was ich aber …

Raum geben, Raum nehmen

Im Seminarraum ist es stickig. Julian lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Während er redet, bewegt er die Hände, um seine wichtigen Aussagen zu unterstreichen. Fast alles, was er sagt, sieht er als wichtig an. Nachdem er am Anfang verkündet hat, er wolle sich kurzfassen und würde sich eh nur den anderen Beiträgen anschließen, redet er 6 Minuten durch. Nach dem dritten Satz verliert er sich bereits in seiner Argumentation.  Ich schweife ab. Seine Stimme nervt mich nur noch. Ich will, dass er aufhört zu reden. Nachdem er mit seinem Zeigefinder noch einmal bedeutungsvoll auf den Tisch getippt hat, schweigt er. Ich atme auf. Habe ich die ganze Zeit die Luft angehalten?  Während ich überlege, was ich auf seinen inhaltslosen Beitrag antworten könnte, heben Max und Sebastian schon engagiert den Arm. Die Diskussion, die eher einer Selbstdarstellung mit möglichst vielen Fachwörtern in einem Satz gleicht, geht weiter.  Sophie schweigt. Kathie malt auf ihrem Collegeblock das Datum nach. In mir staut sich etwas auf. Ist es Wut?  Würde ich für jeden männlichen Beitrag in diesem Seminar …

Feminismus – wer hat was davon?

Ariana Grande singt “God is a woman”, unsere Kanzlerin ist eine Frau, Frauen besetzen IT-Lobare und Finanzbörsen. Immer mehr wird der Vorschein erweckt: Feminismus, das können wir. Statt Kinder, Küche, Kirche, wollen immer mehr Frauen an die Spitze – das heißt, heute wird nach “Karriere und aufsteigen” gerufen. Doch welche Frauen sind es, die wir im Fernseher sehen, die uns zeigen wollen, dass wir einen feministischen Erfolg erleben? An wen denken wir, wenn wir an Frauen denken? Und: Welche Frauen werden sichtbar gemacht, welche verdeckt? Der globalisierte Neoliberalismus erfindet seinen eigenen Feminismus und seine eigenen Feministinnen Mit dem Einschalten des Fernsehers sehen wir Frauen, die vermeintlich ganz oben stehen. Frauen, die im Reichtum leben und das politische Geschehen mitbestimmen. Aber diese Frauen sehen nicht aus wie ich; sie sind mehrheitlich weiß und gehören der aufsteigenden Mittelschicht an. Es sind diese “Alpha Frauen”, die wir sehen dürfen. Frauen, die miteinander konkurrieren und die in erster Linie erwerbstätige Konsumentinnen sein sollen. Christa Wichterich kommentierte 2007 in der taz: “Der globalisierte Neoliberalismus erfindet seinen eigenen Feminismus und seine …

Mutprobe? Eine Glatze schneiden

Vor etwa zwei Jahren habe ich es einfach gemacht – von einem Tag auf den anderen habe ich meine Haare komplett abgeschnitten. 4mm waren noch übrig. Nur kurz zuvor hatte sich die Idee in meinem Kopf gefangen und ich bin sie einfach nicht mehr losgeworden. Natürlich hatte ich auch Zweifel. Was ist, wenn es mir überhaupt nicht gefällt? Ist meine Kopfform überhaupt geeignet? Wie wird wohl die lange Übergangsphase? Ich habe mir viele Bilder von Frauen mit abrasierten Haaren angeschaut und fand es einfach wunderschön. Irgendwie anmutend, beeindruckend und stark. Und dann wusste ich – das will ich auch! Ich hatte bei Freunden geschlafen, wir haben morgens gemeinsam gefrühstückt und dann erzählte ich von meiner Idee. Eine Freundin von mir hat dann direkt ihre Haarschneidemaschine geholt. Wir sind ins Bad, Handtuch um den Hals, los. Noch einmal hat sie mich gefragt: “Bist du dir wirklich sicher?” Und ich war mir sicher. Aber trotzdem weiß ich nicht, ob ich es durchgezogen hätte, wäre sie nicht gewesen. Es war gut, dass sie nicht gezögert und einfach darauf …

Romeo und Julia auf dem Dorfe

Über Feminismus fernab vom Schuss und ländlichen Rollenbildalltag Wo Sexismus eigentlich so normal ist, dass er fast schon ein Fremdwort ist, und wo Feministischsein untrennbar mit der Vorstellung aggressiver, unrasierter Mittvierziger-Emanzen in Verbindung gebracht wird – da bin ich aufgewachsen. Glücklicherweise wurde ich nie direkt mit solchen Werten erzogen, jedoch umgeben sie mich unauffällig schon mein ganzes Leben lang. Bis jetzt hab ich sie als normal hingenommen und geduldet, wie das auch schon meine Eltern und meine Großeltern getan haben. Doch jetzt ist die Zeit gekommen, in der keiner mehr derartige Werte dulden sollte. Auch ich hab mich dezidiert gegen ein Dulden entschieden, ich wollte mich aktiv dagegen engagieren. Mein Eintritt in die Feministische Partei wurde mit gemischten Reaktionen zur Kenntnis genommen. Ist die feministische Denkweise eine Denkweise, die man ernst nehmen muss bzw. kann? Das größte Problem des Feminismus, welches mir vor allem in meinem provenzalischen Umfeld deutlich wird, ist nämlich, dass er nicht als nötig und wichtig angesehen wird. Feminismus ist hier kein Thema, nicht mal ansatzweise. Feminismus, das waren mal wütende Männerhasserinnen …

Time’s Up

Es ist kalt. Schneeflocken wehen in mein Gesicht, schmelzen auf meiner warmen Haut und laufen wie Tränen meine Wangen hinunter. London ist grau heute. Ein Grau, das die Gebäude verschluckt und die gute Laune gleich mit. Es ist kalt. Mir ist kalt. Ich bin durchnässt, in meiner Hand ein tropfendes Stück Pappe. Die Buchstaben darauf sind verwischt, genauso wie meine Wimperntusche, die sich wie Schatten unter meine Augen legt. Eigentlich müsste ich heute miserabel gelaunt sein. Eigentlich müsste ich mich mit einem guten Buch und einem heißen Tee unter meiner Bettdecke verkriechen. Aber stattdessen glühe ich vor Euphorie. Ich bin froh, heute, jetzt, hier auf der Straße zu stehen. Und Tausende mit mir. Es ist der 21. Januar 2018, ungefähr 12:30 Uhr. Ich stehe jetzt schon seit mehr als einer Stunde im Schneeregen und ich werde auch noch etwas länger hier stehen bleiben. „Time’s up!“ brüllt die Menge immer wieder. „Time’s up!“ Unter diesem Motto findet der Women’s March 2018 in London statt. Ein Statement setzen, gegen Sexismus, gegen Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art, das ist …

Das Spiel des Lebens

Ein paar Gedanken über die Werte und Normen der Gesellschaft, in der wir leben. An einem Wochenende im Dezember war großes Familienessen bei meiner Tante. Wir saßen gemütlich zusammen, haben gut gegessen und uns lange unterhalten. Nach dem Kaffee haben wir angefangen, das Brettspiel Spiel des Lebens zu spielen. Ich weiß nicht, wie viele von euch das Spiel kennen, aber man erhält zu Beginn eine Spielpuppe in Form eines Autos. Da ich weiblich bin, bekomme ich einen rosafarbenen Stift in mein Auto gesetzt. An diesem Punkt spare ich mir den ersten Kommentar – warum muss ich Rosa nehmen? Nur, weil ich weiblich bin, und Rosa mit Frauen und Blau mit Männern assoziiert wird? Ziemlich zu Anfang, nach der Berufswahl und dem Einschlag der Karriere, muss man heiraten und ein Kind bekommen. Nun gut, ein Spiel. Ich komme also auf dieses Feld, und mir wird ungefragt ein blauer Stift mit ins Auto gesetzt. Ich schlucke einen zweiten Kommentar dieses mal nicht herunter und sage „Und wenn ich nun einen zweiten, rosafarbenen Stift in meinem Auto wollte?“ Je …