Alle Artikel mit dem Schlagwort: Corona

Weil Sexarbeit Arbeit ist #zwischenTürundAngel

Auf meinem liebsten Jutebeutel steht: sexwork is work too. Mit dieser Haltung ecke ich oft an. Ich weiß, dass es Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung gibt. Ich verurteile diese und jede andere Form von sexualisierter Gewalt. Und dennoch finde ich: Es ist nicht unmoralisch, sexuelle und/oder erotische Dienstleistungen anzubieten und/oder in Anspruch zu nehmen. Weil ich aber weder in dem einen, noch in dem anderen persönliche Erfahrung habe, habe ich den Kontakt zu verschiedensten Sexarbeitenden gesucht, die ihrem Beruf selbstbestimmt nachgehen. Ich finde, dass wir diese Lebensrealitäten genauso anerkennen müssen und sie uns dabei helfen, Sexarbeit von Kriminalität und Gewalt, von Loverboys und Menschenhändlern zu befreien. Damit Sexarbeit nicht Zwang, sondern tatsächlich Arbeit ist. Nur wenn wir Sexarbeitenden zuhören, können wir erfahren, welche politischen, gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmen hierfür gesetzt werden müssen. Ich spreche mit Lydia, 41 Jahre alt, lebt in Leipzig. Sie bezeichnet sich gerne als Erotikdienstleisterin „oder auch als Beraterin für Lebensfreude und sexuellen Genuss. Steht so auf meiner Visitenkarte, finde ich gut.“ Von Worten wie Prostitution hält sie nichts. „Der ganze …

Orange-roter Horizont

Es ist wie ein Wettlauf gegen die Zeit. Doch du kommst dagegen nicht an.Probierst, aber scheiterst.Stehst auf, fällst.Der Feind ist unsichtbar,die Gefühle hell und klar. Du schaust hinaus auf das unendliche Meer. Bist extra ganz früh aufgestanden, um den Sonnenaufgang genießen zu können. Keiner ist hier bei dir. Du bist alleine mit Mutter Natur. Atmest die frische Meeresbrise ein und blickst hoch in den orange-roten Himmel. Langsam kriecht dann doch noch die befürchtete Gänsehaut nach oben zu deinen Oberarmen, bis hin zu deinem Hals. Du lachst, als du dich daran erinnerst, dass du eigentlich noch eine Jacke mitnehmen wolltest. Eigentlich. Noch eine Stufe nach oben und noch eine.Eine weite Wendeltreppe vor dir,der Abgrund hinter dir.Eine kalte, deutliche Angst,die kein Ende nehmen möchte. Mutig packst du deine Socken und streifst sie ganz langsam ab. Nach einer kurzen Zeit traust du dich, mit deinen Zehen den Sand zu berühren. Erst ganz zaghaft, dann wirst du von dem Mut getrieben und begibst dich weiter Richtung Meeresbrandung. Es fühlt sich herrlich an, diese Weite vor sich her und die Ruhe …

Zwischen Kinderzimmer und Vorlesungssaal #gedankenkarussell

Nach zwei Semestern zum ersten Mal am Campus zu sein fühlte sich unwirklich an. Die Hoffnung auf Normalität wird begleitet von Ängsten und Sorgen. Doch kaum jemand fragt Student*innen eigentlich „Wie geht es dir mit all dem?“. Das Thema um psychische Belastung zu Corona-Zeiten wird unausgesprochen unter den Teppich gekehrt. Damit soll jetzt Schluss sein. Im aufkommenden Wind lag der Duft getrockneter Blätter, als sie die Tür zaghaft öffnete, die nach draußen führte. Die kühle Luft ließ sie ihre Jacke enger zuziehen und sie richtete den Blick auf die Vorgärten der benachbarten Häuser. Etliche Blätter hatten sich in Folge des Herbstes am Boden gesammelt, sodass es ein Wunder war, dass die Bäume noch so voll mit ihnen waren. Sie fragte sich, wann sie die Welt das letzte Mal so bunt gesehen hatte.  Wieso war es plötzlich so schwer los zu gehen? Es war ihr erster Tag, und? Für so viele andere war er das auch. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass sie nicht wie erhofft noch Zeit zum Zögern hatte. Die erste Vorlesung begann …

Tanzen lässt frei sein – Ich will jetzt wieder tanzen!

Endlich ist es so weit. Zwischen Geimpften und Getesteten ertanze ich mir ein Stück Normalität. Die Tür des Clubs dahinten ist wieder auf. Und wir schlängeln uns durch die Menschen, halten uns fest an den Händen, um uns nicht zu verlieren. Es ist voll hier. Die Leute sehnen sich nach der Normalität. Nach verschwitzen Körpern, die sich im Tanz um eine Mitte aneinanderdrängen. Nach bittersüßen Getränken in kleinen Gläsern und nach Küssen mit Fremden, die einen bittersüßen Nachgeschmack auf der Zunge hinterlassen. Wir stehen hier, in der kalten Nachtluft. Meine Mädels nenne ich euch. Ein bisschen kitschig und ein bisschen so, wie in einem der Liebesromane, die ich mit 12 Jahren gelesen habe. Damals, als man schon dachte man sei erwachsen. Obwohl die Wangen rot von der Kälte sind, friert hier keine und keiner in den knappen schwarzen Oberteilen. Dann und wann blitzt ein Neon Gelb oder Pink durch die Menge. Ich stehe mir die Beine in den Bauch, denke ich. Aber mit euch könnte ich auch noch die ganze Nacht vor Eingängen stehen. So …

Urlaub nach Corona

Endlich wieder Urlaub! Endlich wieder neue Eindrücke, andere Menschen, zu teure Drinks in schäbigen Bars, baden in fremden Seen, die Suche nach einem Kaffee an einem winzigen Bahnhof. Endlich wieder open minded sein. Wer sagt dass Vorfreude die schönste Freude ist, war noch nicht nach einer Pandemie im Urlaub – I can recommend! Als ich mich völlig hyped daran mache meine Tasche zu packen, fest entschlossen die richtigen Outfits zu wählen, die mich jede Sekunde meines Urlaubs genießen lassen, fällt mir auf, dass ich verlernt habe wie das geht. Scheiße, ich habe neun Monate literally in meinem Zimmer verbracht – die einzige Tasche, die ich dabei hatte war die Ikea-Tüte um Pfand wegzubringen oder der Beutel mit Glühwein im Winter. Naja, Zahnbürste, Schlüpfer, alles andere kann man kaufen -Hauptsache weg aus Berlin.  Der nächste Stutzer folgt am Tag der Abreise –  ein flaues Gefühl macht sich in meiner Zwerchfellgegend breit. Zu viel Deutsche-Bahn-Filterkaffee? Sodbrennen? Anxiety? Ich bin aufgeregt, obwohl ich seit meinem neunten Lebensjahr regelmäßig alleine Zug fahre, fliege, verreise. Was wenn hier ein Mißverständnis …

Nur noch 5 Minuten

Ich bin zwei Wochen im Urlaub und fühle mich als wäre ich bekifft ins Kino gegangen. Traumbilder ziehen an mir vorbei, ein Gefühl der Angst schwingt mit und jeder Moment brennt sich in meine Erinnerung ein. Bis hier hin liefs noch ganz gut. Nur noch ein paar Minuten Urlaub. Ein Café in Mailand. Zu meinen Füßen reißen sich 30 weiße Tauben um die Blätterteigkrümel, die wie Strasssteine den Boden schmücken. Nach einer Weile bemerke ich, dass außer meinem Tisch alle von Tauben besetzt sind. Nur noch 5 Minuten Der Blick auf den Lago Maggiore. Die Hitze flirrt, hinter den Palmen sehe ich Flugsaurier die Berge umrunden und würde den Moment gerne schmecken. Nur noch 4 Minuten Mein Blick schweift von der geöffneten Sektflasche über Paris. Als ich den ersten Schluck nehmen will, fängt es an zu regnen. Ein hutzeliger Mann spielt Chansons von Britney am Klavier. Ich gehe weiter und sehe Menschen an der Seine tanzen, um ein Paar, das einen Tango hinlegt, hat sich ein andächtiger Kreis gebildet – die Zuschauer:innen tragen keine Masken. …

Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin fremd in meinem eigenen Leben

Ein Telefonat in der Pandemie bei Nacht. Und wir teilen Gefühle, von Konstanz bis nach Berlin. Wir vermissen alle etwas. Uns fehlen die Konzerte, die Kneipenbesuche, das Kino und die Umarmung  zur Begrüßung. Die spontane Reise übers Wochenende und die WG-Party mit unseren Freunden.  Trotzdem geht es uns gut – sagen wir. Wir vermissen ja alle etwas. „Aber wir kommen damit zurecht,  haben ja trotzdem so viel.“ Und es stimmt, wir kommen zurecht, wir haben viel. Die meisten von uns  sind sehr privilegiert und es gibt so viele Gründe dankbar zu sein. Und das bin ich. Trotzdem fehlt  nicht nur „irgendwas“. Was fehlt, ist auch ein Teil von mir.  „Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin fremd in meinem eigenen Leben“, sagst du am Telefon und  ich höre wie das Feuerzeug mehrmals zischt, als du dir eine Zigarette anzündest. Du stehst auf  deinem Balkon in Berlin und ich sitze hier in meinem WG-Zimmer in Konstanz, am anderen Ende von  Deutschland. „Ja“, sage ich. „Es fühlt sich so an, als wäre ich noch da, aber als …

Wenn spazieren nur noch nervt

Die Tage werden zwar wieder länger und die Sonne kommt ab und zu raus, aber so richtig Bock aufs Spazieren hat doch keiner mehr, oder?Ein Spaziergang ist aber viel mehr als nur das einzig mögliche Hobby aktuell. Warum du nicht aufhören solltest zu spazieren oder spätestens jetzt damit anfangen solltest. Immer häufiger tauchen in der Online-Welt Memes und Tweets, wie dieser hier auf: „Mama, warum weint Opa so laut, ich habe ihn doch nur gefragt, ob wir spazieren gehen wollen?“ – „Weißt du, dein Opa hat 2020 erlebt, damals wurden ganz viele Leute krank und alles was man tun durfte war spazieren gehen, er hat einfach genug davon.” (twitter.com/elhotzo) Seit mehreren Monaten ist Spazieren irgendwie das Einzige, was du so tun kannst. Es ist das Einzige, was nicht vorm Bildschirm stattfindet. Es ist aber besser als vom Bett an den Schreibtisch, über die Couch, zurück ins Bett. Also doch noch einmal aufraffen und eine Runde um den Block. Die Jogginghose darf auch ruhig an bleiben. So richtig Spaß macht esauf Dauer aber nicht, immer an …

Die Systemrelevanten

Anmerkung: Ich habe in den letzten Wochen an verschiedenster Stelle den Hinweis wahrgenommen, dass die Bezeichnung „Weltfrauentag“ teilweise problematisch ist, da das Lexem „Frau“ nicht umfassend genug für alle Spektren sei und andere Personengruppen, die unter dem Patriarchat leiden, ausschließe. Die Schreibweise des Wortes „Frau“ mit Gender-Sternchen, wie ich sie in meinem Text letztes Jahr auch verwendet habe, da ich diese für spektrumsübergreifend hielt, sei demnach auch falsch. Leider habe ich bisher keine andere, adäquate Schreibweise ermitteln können, die niemanden ausschließt und so im nachfolgenden Text die einfache Schreibweise „Frau“ gewählt, ohne die Absicht, ein Spektrum damit benachteiligen zu wollen. Über Hinweise bezüglich einer passenden Schreibweise wäre ich dankbar. Seit meinem Text zum Weltfrauentag 2020 hat sich die Welt verändert. Neben all den negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie, gibt uns die Krise aber auch Chancen, neue Bewusstseinsperspektiven zu entwickeln – auch für ohnehin schon bestehende Problematiken, deren Dringlichkeit sich durch die Krise verstärkt.  Der Weltfrauentag 2021 ist wichtiger wahrzunehmen als je zuvor, denn ein Jahr in der Pandemie hat gezeigt, dass es Frauen sind, die unsere Gesellschaft …

Cancel-Christmas

Ich gebe es zu – ich mag Weihnachten nicht besonders. Wo andere Besinnlichkeit, Geschenke und Familienzeit sehen, sehe ich Kitsch, sinnlosen Konsum und naja – Familienzeit.  Es gibt so viele Gründe Weihnachten nicht zu mögen. Das Hauptargument ist wohl der sinnlose Konsum (jede:r durchschnittliche Deutsche gibt im Jahr 200-300 Euro für Weihnachtsgeschenke aus). Geschenke, die für immer versauern, werden an Verwandte geschenkt, die man sonst nie sieht. Deko und lustige Weihnachtspullover müssen gekauft werden, um sich so richtig festlich zu fühlen. Hand in Hand damit geht die massive Umweltverschmutzung durch Verpackungsmüll, Geschenkpapier und sinnlosen Konsum. Dazu kommt noch ein verstärkter Fleischkonsum, unzählige abgeholzte Bäume, die wir vor unseren Augen vertrocknen lassen, um sie dann aus dem Fenster zu werfen und die Ikonisierung der gesellschaftlich konstruierten, heteronormativen Kleinfamilie. Meine persönliche Weihnachtsabscheu wurzelt tief. Anfangs wusste ich noch nichts von all diesen schlauen Argumente, mit denen ich mittlerweile meine Antipathie kontextualisieren kann. Als Kind einer katholischen Familie heißt es an Weihnachten nicht Punsch und Geschenke, sondern Mitternachtsmesse und Besinnung. Ich verinnerlichte dafür früh den ursprünglichen Gedanken von …