Alle Artikel in: Selbst & Inszenierung

Verteilt mehr Komplimente, auch an euch selbst

“Ich bin nicht schön und damit habe ich mich abgefunden”, sagte sie. “Traurig”, dachte und sagte ich. Sie erklärte, dass es für sie okay sei und ich versuchte herauszufinden, warum sie sich selber nicht als schön betrachtete. Ein Gespräch, dass mich zum Nachdenken angeregt hat. Ab wann sieht ein Mensch sich selber denn als schön an?  Um die Frage gleich zu beantworten: Wahrscheinlich, wenn die eigenen Vorstellungen der Definition von Schönheit erfüllt sind. Das Problem an diesen Definitionen ist jedoch, dass sie sich meist an anderen orientieren. Es ist eine unvergleichbare Skala. Ein Koch würde niemals die Mengenangabe Gramm für eine Flüssigkeit nehmen. Es passt nicht zusammen.Es wäre irrsinnig. Flüssigkeit mit Liter, ich mit ich. Also warum benutzen wir solch unpassende Skalen an uns selbst? Es wäre doch viel logischer, wenn man sich selber Ziele setzt und diese verfolgt. Es kann nur besser werden. Doch klassische Logik ist nicht im Sinne des Menschen. Sie ist zu einfach, zu unkompliziert.  Seit einer sehr langen Zeit habe ich heute gesagt bekommen, dass ich schön sei. In meiner Kind- und …

Make-Up und Männlichkeit

Um meine Rötungen und Unreinheiten zu überdecken, nutze ich lediglich deckendes Puder und eventuell mal ein bisschen Concealer, um Augenringe zu kaschieren und etwas frischer auszusehen – wenn es auf eine Party geht, darf es auch mal eine Foundation sein, schließlich will ich auch am Ende einer langen Nacht noch gut aussehen.Ich lege viel Wert darauf, dass ich trotzdem natürlich aussehe und das mein Make-Up möglichst unauffällig aussieht. Ich war knapp 16, als ich mir meinen ersten eigenen Concealer gekauft habe, nachdem ich Ewigkeiten den meiner Schwester mitbenutzt habe. An der Kasse der Dorfdrogerie war mir das damals noch unangenehm: Ein Junge, der Make-Up kauft, wie mich wohl gleich die Kassiererin anschaut? Wenn ich jetzt darüber nachdenke, wird mir bewusst, wie „normal“ das Ganze für mich geworden ist, wie es zu meinem Alltag gehört und wie selbstverständlich mein Umfeld damit umgeht. Das klingt als würde ich über ein „Coming Out“ reden, dabei geht es nur um farbige Masse auf der Haut. Aber seien wir mal ehrlich: Warum sollte einen diese gefärbte Masse auf der Haut …

Still und unscheinbar

Bereits als kleines Kind lernte ich, wie man sich in der Welt verhalten musste, um möglichst “erfolgreich” zu sein. Und ich lernte ebenfalls, dass meine Art dabei nicht dem Ideal entsprach. Ich war, bin und werde es wohl immer sein: Ein leiser Mensch, wie Susan Cain es in ihrem Buch “Still” so gerne ausdrückt. Ja, die Introversion. Ich mag das Wort nicht. Menschen sprechen es mit diesem negativen Unterton aus, als wäre es eine Schande.  Es begann im Kindergarten, als die Erzieherin meiner Mutter erklärte: Ihre Tochter ist zu still, ruhig und zurückgezogen. Später hielten mich Mitschüler für arrogant, weil ich nicht viel sprach und als ich dann nach dem Abitur einen Praktikumsplatz suchte, las ich in Stellenanzeigen jedes Mal, dass ausschließlich aufgeschlossene und kommunikative Bewerber gesucht wurden. Guess what? Genau, ich fühlte mich überhaupt nicht angesprochen und war eingeschüchtert. Würde ich mich doch viel wohler beim Vorstellungsgespräch fühlen, so würden auch ruhige und ausgeglichene Charaktere gleichermaßen als potenziell wünschenswerte Praktikanten angesehen. Eins muss ich klarstellen: Introvertiert zu sein, bedeutet nicht, dass man ausschließlich still in …

Du trägst, was dich prägt

Was ist eigentlich dein individueller Stil? Jeder Mensch hat einen bestimmten Geschmack, welcher sich auf alle unsere Sinneswahrnehmungen übertragen lässt: Unser Lieblingsgericht, die eigene Musikrichtung, das persönliche Parfum oder unsere Lieblingsfarben, zählen zu den Inhaltsstoffen des individuellen „Stil-Elixiers”. Hast du dich schon einmal gefragt, wie ein persönlicher Stil eigentlich zustande kommt? Vielleicht liegt es an dem Spielzeug, mit dem du als Kind am liebsten spielen mochtest, oder deine Hobbys, die du schon gemacht hast; der Urlaub in der Sonne oder dein absoluter Lieblingsmantel von Mama. All diese Erinnerungen und Erlebnisse aus deiner Vergangenheit hatten einst ein besonderes Gefühl in dir ausgelöst und du kannst dich beim Tragen des Kleidungsstückes immer noch damit identifizieren. Zum Beispiel interpretiert jeder Mensch Farben auf eine unterschiedliche Art und Weise. Für den einen ist Gelb eine grelle und aufdringliche Farbe, für den anderen aber ist es ein Ebenbild von Sommer, Fröhlichkeit, spritziger Zitronenlimonade oder die Erinnerung an den knallgelben Sonnenschirm im Garten von früher. Und so wird in uns beim Bertachten des gelben Kleides im Spiegelbild ein besonderes Gefühl ausgelöst. Wir stehen hinter dieser Farbe, denn sie hat eine intime Bedeutung für uns. Wir können eine Geschichte erzählen. In der Mode dreht sich alles nur um „den Moment“ und um …

Ich bin (niemals) gut genug.

Niemals gut genug & was Musik mir bedeutet Meistens kann ich, wenn ich unterwegs bin, in der Bahn sitze oder durch die Stadt laufe, keine Musik hören. Es ist mir zu viel, zu laut, es nervt mich. In Geschäften würde ich am liebsten alle Lautsprecher, aus denen Charts dröhnen so lange anschreien, bis jemand sie ausmacht. Ich liebe Musik unglaublich unfassbar unschlagbar. Aber nach 8 Stunden Musik machen, wahrnehmen und hören – jeden Tag, 7 Mal die Woche – genieße ich jede Minute Ruhe. Für dich ist Musik vielleicht ein Ruhepol, ein Ausgleich, es macht Spaß, sie zu hören und ist einfach schön. In meinem Leben gab es viele Momente, da hätte ich meine Geige am liebsten auf den Boden geschmissen und meine Geigenlehrerin angeschrien, warum ich jetzt zum zehnten Mal diese eine Stelle wiederholen soll; wenn sie immer noch nicht gut genug intoniert war, dann kann ich es anscheinend einfach nicht! Einmal habe ich meinen wertvollen Bogen tatsächlich vor Wut auf mich selbst, da ein paar Takte einfach nie so geklungen haben wie in …

Ich möchte Schauspielerin werden!

Oft wird dieser Wunsch als alberner Mädchentraum abgetan. Und, wenn man älter als 13 Jahre  ist und sich noch immer daran festklammert, trifft man auf Sätze wie: „Du weißt aber schon, dass das kein sicherer Beruf ist!“, „An deiner Stelle würde ich ja lieber was Vernünftiges machen!“ oder sie meinen, dass man sich in diesen Wunsch nicht zu sehr verbeißen sollte, weil einem sonst die Zähne ausfallen. Aber diejenigen verstehen nicht wirklich, was mir die Schauspielerei bedeutet. Dennoch sehe ich es selber, wie gering die Chancen sind, wirklich Schauspielerin zu werden. Die Erfahrungen, die ich bereits sammeln durfte, habe ich mir alle selbst erarbeitet, durch neue Kontakte, Recherche. Die Chance, in einer Agentur aufgenommen zu werden und später SchauspielerIn zu werden, ist deutlich höher, wenn die Eltern ihre Kinder schon früh mit Schauspielunterricht fördern. Ich hatte nie Schauspielunterricht und habe meine anfänglichen Erfahrungen auf der Schulbühne gesammelt. Je weiter man in die Szene einsteigt, desto klarer wird, wie schwierig es ist, eine Hauptrolle zu bekommen und wirklich durchzustarten. Letztens habe ich diesen Traum der Schauspielerei …

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Lieblinge im September

Der September war großartig. Und toll und aufregend und neu und auch ein kleines bisschen komisch und wehmütig. Denn der September war der letzte Monat in meiner alten Heimatstadt. Meine Koffer sind gepackt, ich verlasse das Meer, ziehe nach Leipzig und ganz bald schon werde ich endlich Photographie studieren. Mit dem Herbst kommen also viele Veränderungen für mich – ich bin gespannt und voller Vorfreude. Gefühlt die Hälfte des Monats saß ich im Auto, Zug oder FlixBus. Ich war andauernd unterwegs und habe endlich wieder angefangen, mehr zu lesen. Ganz oben auf der Favoritenliste steht deshalb das Buch “Der Ursprung der Welt” von Liv Strömquist. Auf wahnsinnig liebevolle, scharfsinnige und humorvolle Art zeichnet die schwedische Autorin die Geschichte der Vulva von der Bibel bis zur aktuellen Tamponwerbung. Der Herbst. Ich liebe den Herbst, meine absolute Lieblingsjahreszeit. Endlich wieder dicke Pullover,  Unmengen an Tee, Sonntage im Bett und lange Spaziergänge. Perfekt, um eine neue Stadt zu erkunden! Und jetzt nochmal für alle: ich bin wahnsinnig verliebt in meine kleine feine Leica Kamera. Sie ist immer dabei und …

Ich bin ein Zuhause

Ich habe eine Diagnose.  Ich bin Hochsensibel.  Dem geschuldet, gibt es bei mir leider Tage, Wochen, manchmal sogar Monate, in denen es mir sehr schlecht geht.  Dann mag ich nicht raus gehen, nicht reden, nicht essen. Ich fühle mich dann, als sei ich umhüllt, ummantelt von einer dunklen Wolke. Ein bisschen dumpf. Allerdings bin ich nach unsäglichen Tagen des Nichtstun und Selbstbemitleiden zu der Erkenntnis gekommen, dass das zu mir gehört.  Ich bin so. Ich habe solche Phasen.  Wie kann ich damit umgehen? Ohne außer Gefecht gesetzt zu sein? Und ohne ewige Tage im Bett zu sein und eine Folge Sex and the City nach der nächsten zu schauen?  Ich habe mir ein kleines Heft angelegt.  In diesem Heft Vermerke ich, wie es mir geht, was eventuell der Auslöser war für meine Stimmung.  Und aber Vorallem:  Was mir hilft.  Und ich möchte diese persönlichen Erste-Hilfe-Maßnahmen und langfristige Stützen mit euch  teilen. Mein erster, vermutlich einfachster Trick, ist es zu baden oder zu duschen. Mich zu waschen.  Alle Gefühle, Stimmungen, die eventuell gar nicht meine sind, …

Reden ist Gold

Für die längste Zeit meines Lebens war ich ein stilles Mädchen. Habe ich lieber geschluckt, als etwas zu sagen. Oder etwas zu entgegnen; meinen Standpunkt zu verteidigen. Und ich wäre wahrscheinlich auch still geblieben und hätte weiter in mich hinein geschrien, wenn ich nicht an den Punkt gekommen wäre, an dem es hieß: Du hast nichts mehr zu verlieren. Solche Wendepunkte können augenöffnend sein. Sie sind in jedem Fall befreiend. Auf einmal sind Dinge, über die ich mir immer Gedanken gemacht habe, nichtig geworden. Es war mir egal, was von mir gedacht oder gehalten wurde, denn entweder, es kommt jetzt zum großen Aufschrei oder eben nicht. Ganz nach dem Motto: Es kann eh nichts mehr passieren, was die Lage verschlimmern würde. Es kann entweder so bleiben, sich manifestieren – oder besser werden. Und wie es besser wurde. Indem ich meinen Mund aufgemacht habe – und damit meinen Kopf, mein Herz, meine Seele – wurde ich erst wirklich als diejenige wahrgenommen, die ich bin. Eine Person mit Gefühlen, Ängsten, Nöten. Eine, die nicht alles hin nimmt …

Unkontrollierbare Kontrolle: und wieder aufstehen

Ich weiß nicht genau, wann oder warum es begonnen hat – keiner weiß es – aber plötzlich waren sie da, Gedanken wie: „Du musst abnehmen!“ oder „Du darfst nicht so viel essen!“ Und bald darauf die Verbote: „Gefrühstückt wird ab jetzt nicht mehr!“ oder „Eis? Auf keinen Fall!“ Nach jeder Mahlzeit fühlte ich mich schlecht und schuldig, weil ich gegessen hatte. Irgendwann habe ich mich gefragt: Bin das wirklich ich? Jeder kann es sehen, wie er will: Ich betrachtete meinen Körper aus der Sicht zweier verschiedener Personen – die eine Person war ich selbst und die andere die Magersucht. Als ich zu Beginn der Sommerferien 2017 bei einer Größe von 1,65 m nur noch 40 kg wog, ging es mir körperlich zwar noch gut, aber psychisch so schlecht, dass ich wusste, ich muss mit jemandem darüber reden. Irgendwann schaffte ich es schließlich, meine Gedanken zwei Musikkolleginnen und Freundinnen anzuvertrauen. Auch ein Gespräch mit meiner Mutter ließ nicht lang auf sich warten, da natürlich auch meine Eltern bemerkt hatten, dass mein Essverhalten so nicht richtig war. …