Alle Artikel in: Selbst & Inszenierung

Ich wär’ so gern …

Ich wäre so gern so eine junge Frau, die ganz viel Wärme, Ruhe, Sicherheit und Liebe ausstrahlt. Eine junge Frau, mit der man sich gern umgeben mag und sich sicher fühlt, seine Gedanken laut auszusprechen.  Eine junge Frau, die politisch gebildet ist und sich intelligent unterhalten kann, sich engagiert. Eine junge Frau, die gut kochen und backen kann, die ein ganz bisschen unordentlich ist, aber immer pünktlich.  Eine junge Frau, mit der man laut sein kann und Spaß hat, mit der man aber genauso gut leise sein kann, sich in Ruhe und ehrlich unterhält. Die selber auch gerne etwas unternimmt und spontan ist. Mit einem sanften Wesen, dass nicht verurteilt und die trotzdem ehrlich ist und sagt, was sie fühlt und will.  Eine, die um ihren eigenen Wert weiß und sich akzeptiert, ohne dabei andere Niedermachen zu müssen.  Jemand, den man von Grund auf sympathisch findet. Ich habe so eine ganz bestimmte Version von mir in meinem Kopf, die ich als perfekt empfinde.  Stattdessen wird mir manchmal gesagt, dass ich am Anfang eher einschüchternd wirke, …

Verlassen werden

Heute ist Sonntag. Ein voller Tag. Auf der To-Do-Liste steht, dass ich für zwei Tests, die kommende Woche anstehen, lernen muss, mich auf einen Termin vorbereiten muss, Oma anrufen und Yoga machen will und diesen Beitrag schreiben muss. Und so steckte ich mitten in der Bewältigung der ersten Punkte, starrte in meinen Laptop, auf Stichpunkte, die ich nicht verstand und plötzlich kam mir eine Erinnerung. Fragmente meiner Vergangenheit In letzter Zeit kommen öfters mal kleine Fragmente meiner Vergangenheit zurück. Wahrscheinlich versucht mein Unterbewusstsein irgendwo dort Antworten zu finden. Und ich glaube auch, dass ich dort fündig werde. Ich war 12, als ich ins Internat kam. Ins Internat der Tanzhochschule, die ich besuchte, die eigentlich in der selben Stadt war, in der meine Familie und ich lebten. Der Grund meines Besuch war also nicht die Distanz – sondern vorübergehende Schwierigkeiten, Probleme in meiner Familie. Und als ich dann auf dieses Mitschriften-Dokument starrte, kam auf einmal der Moment zurück, als ich am Fenster stand und Mama und Papa wegfuhren. Ich war den ersten Abend allein in meinem …

Ich bleib’ übrig

Übrigbleiben klingt erstmal ziemlich scheiße. Ich bleib’ übrig. Ich bin das, was nirgendwo reinpasst, verlassen oder aussortiert wurde. Ich bin das, was noch da ist, wenn alles anderen geht. Bin ich mein eigener Fels in der Brandung? Bin ich die Person, an der ich mich festhalten sollte, wenn die Dinge den Bach hinuntergehen – geht das überhaupt? Und ist das egoistisch? Ein kleines Donnerstagabend-Gedankenwirrwarr. Am Dienstag habe ich fast drei Stunden in einem Wartezimmer verbracht. Es war spät und mein Fuß hat gepocht. Aber ich habe mich entschieden, hierher zu kommen. Neben mir sitzt ein Paar, die Frau hat sich am Rücken verletzt, der Mann gießt Wasser in einen Plastikbecher und reicht ihn ihr. Gegenüber von mir sitzen zwei Freunde, der eine am Arm verletzt, der andere kümmert sich um Krankenkarte und Unterschriften. Auf einmal fällt mir auf: Nur du bist hier ganz allein. Da ist niemand, der dir gerade hilft. Irgendwie kommen mir sofort die Tränen, wahrscheinlich weil mich dieser Gedanke so plötzlich erwischt und weil ich vorher überhaupt nicht daran gedacht habe. Denn …

Eine Ode ans Kindsein

Das geht raus an alle Kinder, die so schnell wie möglich Teenager und an alle Teenager, die so schnell wie möglich Erwachsene werden wollen.Führt euch den Zauber der Kindheit vor Augen.  Er verlässt euch schneller, als euch später lieb ist – und ist dann unwiderruflich. Streift ihn nicht schon mit aller Kraft freiwillig früher ab.Ich weiß nicht, ob das Leben ohne ihn je wieder so leicht wird. Weißt du noch, als sich die Welt vom Nachbarhaus bis zum Bäcker erstreckte und ein geheimnisvolles Abenteuer war, in das wir uns jeden Tag mit Freude hineinstürzten – furchtlos? Weißt du noch, als die Angst in Realitäten verankert war und nicht Eventualitäten? Weißt du noch, als wir die Gabe hatten, jeden Tag das zu erleben, was uns in den Sinn kam – zwei Mal an einem Tag in den Urlaub fahren, zaubern können und fliegen lernen, Bibliothekarin werden und als das keine Freude mehr gemacht hat Tierärztin. Weißt du noch, als wir nie daran gezweifelt haben alles schaffen zu können, alles sein zu können, uns jeden Tag neu …

An alle, die manchmal verdrängen

Manchmal verdränge ichmeine Verpflichtungen,Dinge, die mir Sorgen bereiten,die anstehende Bewerbungsphase,die Fahrprüfung, durch die ich nicht noch einmal fallen will,dass ich mich wieder bei dieser Person melden müsste, weil alles beim Alten bleiben sollte, obwohl jetzt irgendwie alles anders ist. Verdrängen heißt, Dinge von sich zu schieben. Es ist der Versuch, der Konfrontation mit bestimmten Tatsachen aus dem Weg zu gehen. Indem ich verdränge, schiebe ich all diese Dinge vor mir her, prokrastiniere.  Zumindest sehe ich das oft so und mache mir deswegen Vorwürfe. Doch eigentlich ist das nicht die ganze Wahrheit. Ich bin immer wieder erleichtert, wenn mir das auffällt und traurig, dass mir das immer wieder neu auffallen muss: “Ich sollte nicht so hart zu mir sein”, denke ich in so einem „klaren“ Moment. Denn irgendwie hat das Verdrängen noch einen anderen Zweck, irgendwie ist es auch ein Schutzmechanismus, der mich vor dem Abrutschen in eine sinnlose Gedankenspirale bewahrt, in die ich sonst immer tiefer rutschen würde. Viel zu oft merke ich im Alltag, in irgendeinem beliebigen Moment wie Jetzt, dass ich mich gedanklich …

Wann ist er endlich da, der Sinn?

Als ich mich an einem der letzten Wochenenden auf den Weg zu einer Freundin gemacht habe, bemerke ich im vorbeigehen den Titel eines Filmes. Abgedruckt auf einem mühelos an einen Stromkasten gekleisterten Poster.  Die Ecken biegen sich nach oben und ein alter Mann mit Brille grinst mich an. “Macht alles einen Sinn? Und wenn ja, wie lange dauert das noch?“, steht drauf. Ich will schon vorbeigehen, da fällt mir plötzlich auf, wie ich mich von den weißen Blockbuchstaben angesprochen fühle. Ich habe keine Ahnung vom Inhalt des Films, ob der Titel überhaupt so gemeint ist, wie ich ihn verstehe. Klingt ganz schön ungeduldig, denke ich. Klingt aber ganz schön nach mir, denke ich auch. Ja, man kann schon nachdenklich werden, wenn man kurz vor dem Ende seiner Schullaufbahn steht und nicht weiß, wie sich Zukunft für einen entwickeln wird. Vielleicht macht das alles gar keinen Sinn, denke ich oft, wenn mich, bei langen nächtlichen Bahnfahrten nach Hause und dem Blick aus dem Fenster auf die Lichter der Stadt, philosophische Gedankengänge überkommen. Ich habe Angst, dass …

Wie bin ich so unfassbar unglücklich geworden?

Ich kann den Hergang meiner jetzigen Gefühlslage gar nicht mal mehr richtig skizzieren. Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, ich kann nicht absehen, ob es irgendwann aufhört. Seit einer Weile bin ich nicht mehr der glückliche Mensch, der ich noch vor einer Weile war. Und: Tiefs hatte ich schon viele im Leben. Aber noch keins war so andauernd und so auslaugend, wie dieses hier. Ich mache den Stress dafür verantwortlich. Den Stress von allen Seiten und dem Fakt, dass ich das ganze Jahr noch keinen Urlaub hatte. Immer gibt es etwas, immer mach ich etwas, nie schalte ich ab. Mich stressen Dinge, die ich liebe und Dinge, die ich nicht liebe. Und egal, wie viele To-Do’s ich abarbeite, es werden nicht weniger. Immer folgt darauf etwas. Gleichzeitig kann ich eigentlich Erfolge feiern, mit allem, was ich mache. Alles läuft richtig gut. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass Erfolg nur bis zu einem gewissen Punkt zur Glücklichkeit beisteuert. Es kommt ganz darauf an, was Du eben für diesen Erfolg, vielleicht auch für das Geld, was …

Durchschnittlich sein

Wenn ich morgens aufstehe, bin ich meist ausgeschlafen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich, wie der*die Durchschnittsbürger*in ➚, 8,29 Stunden Schlaf bekomme. Ich putze mir dann durchschnittlich lang die Zähne (3-4 Minuten), frühstücke eine durchschnittliche Portion Haferflocken mit Obst. In der Uni bin ich eine durchschnittliche Studentin mit durchschnittlichen Leistungen. Ich denke, ich bin wahrscheinlich ‘ne ganz Nette mit der man mal ein Pläuschchen hält, aber keine sonderlich Beliebte – Durchschnitt eben. Wenn ich von der Uni komme, kaufe ich eine durchschnittliche Menge Obst & Gemüse, koche irgendwas zu Abend, was durchschnittlich gut schmeckt und gehe zu einer durchschnittlichen Zeit ins Bett. Ist das schlecht?Und was sagt das über mich? Der Duden erklärt das Wort „Durchschnitt“ als „aus mehreren vergleichbaren Größen errechneter Mittelwert in Bezug auf Quantität oder Qualität“, als Mittelmaß oder Querschnitt ➚. Und während ich das lese, habe ich schon das Gefühl, dass mein Mopf diese Begriffe irgendwie negativ konnotiert. Mittelmaß: Nichts besonderes, aber auch nichts schlechtes. Irgendwie ganz okay, aber irgendwie auch nicht befriedigend. In der Menge mitschwimmen, aber nicht herausstechen. In …

Verteilt mehr Komplimente, auch an euch selbst

“Ich bin nicht schön und damit habe ich mich abgefunden”, sagte sie. “Traurig”, dachte und sagte ich. Sie erklärte, dass es für sie okay sei und ich versuchte herauszufinden, warum sie sich selber nicht als schön betrachtete. Ein Gespräch, dass mich zum Nachdenken angeregt hat. Ab wann sieht ein Mensch sich selber denn als schön an?  Um die Frage gleich zu beantworten: Wahrscheinlich, wenn die eigenen Vorstellungen der Definition von Schönheit erfüllt sind. Das Problem an diesen Definitionen ist jedoch, dass sie sich meist an anderen orientieren. Es ist eine unvergleichbare Skala. Ein Koch würde niemals die Mengenangabe Gramm für eine Flüssigkeit nehmen. Es passt nicht zusammen.Es wäre irrsinnig. Flüssigkeit mit Liter, ich mit ich. Also warum benutzen wir solch unpassende Skalen an uns selbst? Es wäre doch viel logischer, wenn man sich selber Ziele setzt und diese verfolgt. Es kann nur besser werden. Doch klassische Logik ist nicht im Sinne des Menschen. Sie ist zu einfach, zu unkompliziert.  Seit einer sehr langen Zeit habe ich heute gesagt bekommen, dass ich schön sei. In meiner Kind- und …

Make-Up und Männlichkeit

Um meine Rötungen und Unreinheiten zu überdecken, nutze ich lediglich deckendes Puder und eventuell mal ein bisschen Concealer, um Augenringe zu kaschieren und etwas frischer auszusehen – wenn es auf eine Party geht, darf es auch mal eine Foundation sein, schließlich will ich auch am Ende einer langen Nacht noch gut aussehen.Ich lege viel Wert darauf, dass ich trotzdem natürlich aussehe und das mein Make-Up möglichst unauffällig aussieht. Ich war knapp 16, als ich mir meinen ersten eigenen Concealer gekauft habe, nachdem ich Ewigkeiten den meiner Schwester mitbenutzt habe. An der Kasse der Dorfdrogerie war mir das damals noch unangenehm: Ein Junge, der Make-Up kauft, wie mich wohl gleich die Kassiererin anschaut? Wenn ich jetzt darüber nachdenke, wird mir bewusst, wie „normal“ das Ganze für mich geworden ist, wie es zu meinem Alltag gehört und wie selbstverständlich mein Umfeld damit umgeht. Das klingt als würde ich über ein „Coming Out“ reden, dabei geht es nur um farbige Masse auf der Haut. Aber seien wir mal ehrlich: Warum sollte einen diese gefärbte Masse auf der Haut …