Alle Artikel in: Selbst & Inszenierung

Ich bleib’ übrig

Übrigbleiben klingt erstmal ziemlich scheiße. Ich bleib’ übrig. Ich bin das, was nirgendwo reinpasst, verlassen oder aussortiert wurde. Ich bin das, was noch da ist, wenn alles anderen geht. Bin ich mein eigener Fels in der Brandung? Bin ich die Person, an der ich mich festhalten sollte, wenn die Dinge den Bach hinuntergehen – geht das überhaupt? Und ist das egoistisch? Ein kleines Donnerstagabend-Gedankenwirrwarr. Am Dienstag habe ich fast drei Stunden in einem Wartezimmer verbracht. Es war spät und mein Fuß hat gepocht. Aber ich habe mich entschieden, hierher zu kommen. Neben mir sitzt ein Paar, die Frau hat sich am Rücken verletzt, der Mann gießt Wasser in einen Plastikbecher und reicht ihn ihr. Gegenüber von mir sitzen zwei Freunde, der eine am Arm verletzt, der andere kümmert sich um Krankenkarte und Unterschriften. Auf einmal fällt mir auf: Nur du bist hier ganz allein. Da ist niemand, der dir gerade hilft. Irgendwie kommen mir sofort die Tränen, wahrscheinlich weil mich dieser Gedanke so plötzlich erwischt und weil ich vorher überhaupt nicht daran gedacht habe. Denn …

Eine Ode ans Kindsein

Das geht raus an alle Kinder, die so schnell wie möglich Teenager und an alle Teenager, die so schnell wie möglich Erwachsene werden wollen.Führt euch den Zauber der Kindheit vor Augen.  Er verlässt euch schneller, als euch später lieb ist – und ist dann unwiderruflich. Streift ihn nicht schon mit aller Kraft freiwillig früher ab.Ich weiß nicht, ob das Leben ohne ihn je wieder so leicht wird. Weißt du noch, als sich die Welt vom Nachbarhaus bis zum Bäcker erstreckte und ein geheimnisvolles Abenteuer war, in das wir uns jeden Tag mit Freude hineinstürzten – furchtlos? Weißt du noch, als die Angst in Realitäten verankert war und nicht Eventualitäten? Weißt du noch, als wir die Gabe hatten, jeden Tag das zu erleben, was uns in den Sinn kam – zwei Mal an einem Tag in den Urlaub fahren, zaubern können und fliegen lernen, Bibliothekarin werden und als das keine Freude mehr gemacht hat Tierärztin. Weißt du noch, als wir nie daran gezweifelt haben alles schaffen zu können, alles sein zu können, uns jeden Tag neu …

Wann ist er endlich da, der Sinn?

Als ich mich an einem der letzten Wochenenden auf den Weg zu einer Freundin gemacht habe, bemerke ich im vorbeigehen den Titel eines Filmes. Abgedruckt auf einem mühelos an einen Stromkasten gekleisterten Poster.  Die Ecken biegen sich nach oben und ein alter Mann mit Brille grinst mich an. “Macht alles einen Sinn? Und wenn ja, wie lange dauert das noch?“, steht drauf. Ich will schon vorbeigehen, da fällt mir plötzlich auf, wie ich mich von den weißen Blockbuchstaben angesprochen fühle. Ich habe keine Ahnung vom Inhalt des Films, ob der Titel überhaupt so gemeint ist, wie ich ihn verstehe. Klingt ganz schön ungeduldig, denke ich. Klingt aber ganz schön nach mir, denke ich auch. Ja, man kann schon nachdenklich werden, wenn man kurz vor dem Ende seiner Schullaufbahn steht und nicht weiß, wie sich Zukunft für einen entwickeln wird. Vielleicht macht das alles gar keinen Sinn, denke ich oft, wenn mich, bei langen nächtlichen Bahnfahrten nach Hause und dem Blick aus dem Fenster auf die Lichter der Stadt, philosophische Gedankengänge überkommen. Ich habe Angst, dass …

Durchschnittlich sein

Wenn ich morgens aufstehe, bin ich meist ausgeschlafen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich, wie der*die Durchschnittsbürger*in ➚, 8,29 Stunden Schlaf bekomme. Ich putze mir dann durchschnittlich lang die Zähne (3-4 Minuten), frühstücke eine durchschnittliche Portion Haferflocken mit Obst. In der Uni bin ich eine durchschnittliche Studentin mit durchschnittlichen Leistungen. Ich denke, ich bin wahrscheinlich ‘ne ganz Nette mit der man mal ein Pläuschchen hält, aber keine sonderlich Beliebte – Durchschnitt eben. Wenn ich von der Uni komme, kaufe ich eine durchschnittliche Menge Obst & Gemüse, koche irgendwas zu Abend, was durchschnittlich gut schmeckt und gehe zu einer durchschnittlichen Zeit ins Bett. Ist das schlecht?Und was sagt das über mich? Der Duden erklärt das Wort „Durchschnitt“ als „aus mehreren vergleichbaren Größen errechneter Mittelwert in Bezug auf Quantität oder Qualität“, als Mittelmaß oder Querschnitt ➚. Und während ich das lese, habe ich schon das Gefühl, dass mein Mopf diese Begriffe irgendwie negativ konnotiert. Mittelmaß: Nichts besonderes, aber auch nichts schlechtes. Irgendwie ganz okay, aber irgendwie auch nicht befriedigend. In der Menge mitschwimmen, aber nicht herausstechen. In …

Verteilt mehr Komplimente, auch an euch selbst

“Ich bin nicht schön und damit habe ich mich abgefunden”, sagte sie. “Traurig”, dachte und sagte ich. Sie erklärte, dass es für sie okay sei und ich versuchte herauszufinden, warum sie sich selber nicht als schön betrachtete. Ein Gespräch, dass mich zum Nachdenken angeregt hat. Ab wann sieht ein Mensch sich selber denn als schön an?  Um die Frage gleich zu beantworten: Wahrscheinlich, wenn die eigenen Vorstellungen der Definition von Schönheit erfüllt sind. Das Problem an diesen Definitionen ist jedoch, dass sie sich meist an anderen orientieren. Es ist eine unvergleichbare Skala. Ein Koch würde niemals die Mengenangabe Gramm für eine Flüssigkeit nehmen. Es passt nicht zusammen.Es wäre irrsinnig. Flüssigkeit mit Liter, ich mit ich. Also warum benutzen wir solch unpassende Skalen an uns selbst? Es wäre doch viel logischer, wenn man sich selber Ziele setzt und diese verfolgt. Es kann nur besser werden. Doch klassische Logik ist nicht im Sinne des Menschen. Sie ist zu einfach, zu unkompliziert.  Seit einer sehr langen Zeit habe ich heute gesagt bekommen, dass ich schön sei. In meiner Kind- und …

Make-Up und Männlichkeit

Um meine Rötungen und Unreinheiten zu überdecken, nutze ich lediglich deckendes Puder und eventuell mal ein bisschen Concealer, um Augenringe zu kaschieren und etwas frischer auszusehen – wenn es auf eine Party geht, darf es auch mal eine Foundation sein, schließlich will ich auch am Ende einer langen Nacht noch gut aussehen.Ich lege viel Wert darauf, dass ich trotzdem natürlich aussehe und das mein Make-Up möglichst unauffällig aussieht. Ich war knapp 16, als ich mir meinen ersten eigenen Concealer gekauft habe, nachdem ich Ewigkeiten den meiner Schwester mitbenutzt habe. An der Kasse der Dorfdrogerie war mir das damals noch unangenehm: Ein Junge, der Make-Up kauft, wie mich wohl gleich die Kassiererin anschaut? Wenn ich jetzt darüber nachdenke, wird mir bewusst, wie „normal“ das Ganze für mich geworden ist, wie es zu meinem Alltag gehört und wie selbstverständlich mein Umfeld damit umgeht. Das klingt als würde ich über ein „Coming Out“ reden, dabei geht es nur um farbige Masse auf der Haut. Aber seien wir mal ehrlich: Warum sollte einen diese gefärbte Masse auf der Haut …

Still und unscheinbar

Bereits als kleines Kind lernte ich, wie man sich in der Welt verhalten musste, um möglichst “erfolgreich” zu sein. Und ich lernte ebenfalls, dass meine Art dabei nicht dem Ideal entsprach. Ich war, bin und werde es wohl immer sein: Ein leiser Mensch, wie Susan Cain es in ihrem Buch “Still” so gerne ausdrückt. Ja, die Introversion. Ich mag das Wort nicht. Menschen sprechen es mit diesem negativen Unterton aus, als wäre es eine Schande.  Es begann im Kindergarten, als die Erzieherin meiner Mutter erklärte: Ihre Tochter ist zu still, ruhig und zurückgezogen. Später hielten mich Mitschüler für arrogant, weil ich nicht viel sprach und als ich dann nach dem Abitur einen Praktikumsplatz suchte, las ich in Stellenanzeigen jedes Mal, dass ausschließlich aufgeschlossene und kommunikative Bewerber gesucht wurden. Guess what? Genau, ich fühlte mich überhaupt nicht angesprochen und war eingeschüchtert. Würde ich mich doch viel wohler beim Vorstellungsgespräch fühlen, so würden auch ruhige und ausgeglichene Charaktere gleichermaßen als potenziell wünschenswerte Praktikanten angesehen. Eins muss ich klarstellen: Introvertiert zu sein, bedeutet nicht, dass man ausschließlich still in …

Du trägst, was dich prägt

Was ist eigentlich dein individueller Stil? Jeder Mensch hat einen bestimmten Geschmack, welcher sich auf alle unsere Sinneswahrnehmungen übertragen lässt: Unser Lieblingsgericht, die eigene Musikrichtung, das persönliche Parfum oder unsere Lieblingsfarben, zählen zu den Inhaltsstoffen des individuellen „Stil-Elixiers”. Hast du dich schon einmal gefragt, wie ein persönlicher Stil eigentlich zustande kommt? Vielleicht liegt es an dem Spielzeug, mit dem du als Kind am liebsten spielen mochtest, oder deine Hobbys, die du schon gemacht hast; der Urlaub in der Sonne oder dein absoluter Lieblingsmantel von Mama. All diese Erinnerungen und Erlebnisse aus deiner Vergangenheit hatten einst ein besonderes Gefühl in dir ausgelöst und du kannst dich beim Tragen des Kleidungsstückes immer noch damit identifizieren. Zum Beispiel interpretiert jeder Mensch Farben auf eine unterschiedliche Art und Weise. Für den einen ist Gelb eine grelle und aufdringliche Farbe, für den anderen aber ist es ein Ebenbild von Sommer, Fröhlichkeit, spritziger Zitronenlimonade oder die Erinnerung an den knallgelben Sonnenschirm im Garten von früher. Und so wird in uns beim Bertachten des gelben Kleides im Spiegelbild ein besonderes Gefühl ausgelöst. Wir stehen hinter dieser Farbe, denn sie hat eine intime Bedeutung für uns. Wir können eine Geschichte erzählen. In der Mode dreht sich alles nur um „den Moment“ und um …

Ich bin (niemals) gut genug.

Niemals gut genug & was Musik mir bedeutet Meistens kann ich, wenn ich unterwegs bin, in der Bahn sitze oder durch die Stadt laufe, keine Musik hören. Es ist mir zu viel, zu laut, es nervt mich. In Geschäften würde ich am liebsten alle Lautsprecher, aus denen Charts dröhnen so lange anschreien, bis jemand sie ausmacht. Ich liebe Musik unglaublich unfassbar unschlagbar. Aber nach 8 Stunden Musik machen, wahrnehmen und hören – jeden Tag, 7 Mal die Woche – genieße ich jede Minute Ruhe. Für dich ist Musik vielleicht ein Ruhepol, ein Ausgleich, es macht Spaß, sie zu hören und ist einfach schön. In meinem Leben gab es viele Momente, da hätte ich meine Geige am liebsten auf den Boden geschmissen und meine Geigenlehrerin angeschrien, warum ich jetzt zum zehnten Mal diese eine Stelle wiederholen soll; wenn sie immer noch nicht gut genug intoniert war, dann kann ich es anscheinend einfach nicht! Einmal habe ich meinen wertvollen Bogen tatsächlich vor Wut auf mich selbst, da ein paar Takte einfach nie so geklungen haben wie in …

Ich möchte Schauspielerin werden!

Oft wird dieser Wunsch als alberner Mädchentraum abgetan. Und, wenn man älter als 13 Jahre  ist und sich noch immer daran festklammert, trifft man auf Sätze wie: „Du weißt aber schon, dass das kein sicherer Beruf ist!“, „An deiner Stelle würde ich ja lieber was Vernünftiges machen!“ oder sie meinen, dass man sich in diesen Wunsch nicht zu sehr verbeißen sollte, weil einem sonst die Zähne ausfallen. Aber diejenigen verstehen nicht wirklich, was mir die Schauspielerei bedeutet. Dennoch sehe ich es selber, wie gering die Chancen sind, wirklich Schauspielerin zu werden. Die Erfahrungen, die ich bereits sammeln durfte, habe ich mir alle selbst erarbeitet, durch neue Kontakte, Recherche. Die Chance, in einer Agentur aufgenommen zu werden und später SchauspielerIn zu werden, ist deutlich höher, wenn die Eltern ihre Kinder schon früh mit Schauspielunterricht fördern. Ich hatte nie Schauspielunterricht und habe meine anfänglichen Erfahrungen auf der Schulbühne gesammelt. Je weiter man in die Szene einsteigt, desto klarer wird, wie schwierig es ist, eine Hauptrolle zu bekommen und wirklich durchzustarten. Letztens habe ich diesen Traum der Schauspielerei …