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Die Zeiten ändern sich #Facettenreich

Die Zukunft unseres Planeten sieht nicht besonders rosig aus: Laut einem UN-Bericht, hat sich die Zahl der durch den Klimawandel verursachten Naturkatastrophen seit dem Jahr 2000 verdoppelt. Grund für Umweltbewegungen, auf die Straße zu gehen und endlich eine gerechte Klimapolitik zu fordern. Doch in der Debatte geht es um mehr als Schulstreiks, E-Scooter oder Plastikstrohhalme. Es stehen Menschenleben auf dem Spiel. Am stärksten bedroht sind vor allem Menschen im globalen Süden. In Asien, Afrika oder Südamerika sind die geologischen Auswirkungen der Erderwärmung am heftigsten zu spüren. Und trotzdem geben wir den Betroffenen kaum Gehör. In einem Beitrag der Instagram-Seite Ozon hat Christian sich zu Wort gemeldet und aufgeklärt, warum Repräsentation von BIPoC so wichtig ist. Er ist dabei auf Zustimmung, aber auch Ignoranz gestoßen. Hier erzählt er, warum die Sache mit der Sichtbarkeit heute eben doch noch ein Problem ist. Was hat dich dazu motiviert, Aktivist zu werden? Das erste Mal, dass ich mit sowas in Berührung gekommen bin, war auf einer Demo, ganz klassisch. Und nach der Demo, das waren glaub ich nur so …

Offener Brief an einen alten, weißen Mann

“Sei doch nicht so politisch korrekt”, sagst du.“Komm mir jetzt nicht mit der Moralkeule”. Deine Stimme zittert.“Da wird man ja wohl noch sagen dürfen.”Jetzt bist du wütend und ich fühle mich schlecht, weil ich anscheinend der Grund dafür bin. Ich beginne zu zweifeln. Schließlich willst du doch das gleiche, sagst du – Freiheit und Gleichheit für alle Menschen. Ich bin verwirrt. Später, als ich mich wieder beruhigt habe, klären sich meine Gedanken und die Ohnmacht und das schlechte Gewissen verwandeln sich in Wut. Eine produktive Wut, in der ich meine Kraft bündle und eine Antwort verfasse – eine Antwort an dich. Wir leben in einem Land, in dem wir ein Maximum an Freiheiten genießen. Wir haben das Grundgesetz, wir haben freie Wahlen, wir haben unabhängige Gerichte und eine Meinungs- und Pressefreiheit, die fast uneingeschränkt gilt. Auf diese Meinungsfreiheit berufen sich dann Menschen, die Homosexuelle diskriminieren, den Holocaust leugnen oder allen Ernstes behaupten, Rassismus sei kein Problem mehr in der heutigen Gesellschaft; Menschen, die der Überzeugung sind, dass diese Themen in der Presse überproportional repräsentiert würden …

Wir <3 Stress

Auf YouTube wimmelt es von „Journal Setups“ und „Productive Morning Routines“, auf Pinterest findet man tausende Wochen- oder Essensplaner, die bis zum Minutentakt gefüllt werden können, auf Spotify gibt es Konzentrations- und Produktivitätsplaylists mit Walgeräuschen oder Jazz-Hop. „Work, work, work“ ist das Motto unserer Generation – Wir lieben die Arbeit und den Stress – aber vor allem das Gefühl, das Produktivität in uns auslöst. Was macht das mit uns? Eine kleine Hinterfragung am Beispiel von mir selbst. Die Hustle-Culture ist tief in uns verankert Wir lieben gestresst sein. Wir lieben es, uns nach zehn Stunden Arbeit völlig erschöpft auf die Couch zu hauen, nur um stolz darauf sein zu können, was wir alles geschafft haben. Wir fühlen Bestätigung, wenn wir auf Instagram teilen können, dass wir schon wieder seit fünf Stunden ohne Pause an unserer Hausarbeit gearbeitet haben und sämtliche Leute mit dem 100-Emoji auf die Story reagieren. Wir lieben Produktivität. Wir perfektionieren unsere LinkedIn-Profile und Portfolios und sind gleichzeitig immer auf der Suche nach neuen Projekten, um den Lebenslauf noch besser aussehen zu lassen. Wir …

Champagnerlinks & Matcha-Mitte-Konservativ

Das neue Spießertum und falsche Politisierung Spießig wird man erst ab Mitte 30, wenn die coolen Klamotten gegen Funktionskleidung und die selbst zusammengebauten Ikea-Möbel gegen eine maßgeschneiderte Schrankwand eingetauscht werden, dachte ich. An einem ganz durchschnittlichen Freitagabend betrachtete ich zum gefühlt 100. Mal skeptisch die Ende-Gelände-Sticker an der Klotür meines Ex-Freundes, gerahmt von Toutes le monde déteste la police– und Liebig Stays-Stickern (soll aussehen wie eine Coole Clubklotür), während in der Küche einstimmig diskutiert wurde, dass der freie Markt die CO2-Emissionen schon regeln würde, wenn Fliegen endlich ein Luxusgut wäre (Denn Umweltschutz ist wichtiger als globale Gerechtigkeit!). Während der dritten Runde Bierpong kam die spannende Frage auf, ob wir noch das Koks-Taxi kommen lassen wollen (total umweltbewusst), die nur von einem Lobgesang auf die EU (total menschenfreundlich, hauptsache kostenloses Roaming) unterbrochen wurde. Ich forcierte einen gekonnten Themenwechsel und fragte, ob jemand am nächsten Tag mit zur Demo für die Geflüchteten an den europäischen Grenzen kommen wolle.  Allgemeines Verneinen. ,,Aber total toll dass du so politisch aktiv bist!‘‘ Ich verspüre den Drang auf das linksradikale Bad …

Ein Gefühlsbericht zur Pandemie #heiterbiswolkig

Wir alle hatten und haben Erwartungen an die Pandemie. Zumindest meine haben sich (bis jetzt) nicht erfüllt. Wo stehe ich gerade und wie wird es weitergehen? Tja Corona. Das Leidige Thema der Pandemie begleitet uns nun schon einige Monate und ich muss sagen, irgendwie hatten meine Erwartungen am Anfang anders ausgesehen. Einige Horrorszenarien sind nicht eingetreten, andere Erwartungen wurden enttäuscht. Aber fangen wir mal am Anfang an. Erwartungen an Corona Ende März fing das alles an, nachdem das Coronavirus seinen Weg nach Deutschland gefunden hatte. Die 1-2 Wochen vor dem Lockdown war das alles noch so abstrakt, keiner in meinem Umfeld nahm das Virus wirklich ernst, die Gefahr wurde belächelt. Mir hingegen bereitete die mögliche Gefahr ernsthafte Sorgen und ich ging davon aus, dass Corona auch für uns bald Thema sein würde. Eine Woche verging, bis erst mein Arbeitsplatz und dann die Uni dicht gemacht wurden. Schnell war es normal einen großen Bogen um andere Passant*innen zu schlagen, Maske zu tragen und nur zum Einkaufen oder Spazieren vor die Tür zu gehen. Auf Letzteres hatte …

Der Vorhang fällt, nichts dahinter #gibmirwiderworte

Scrollst Du auch manchmal durch die sozialen Medien oder machst die Nachrichten an und fragst Dich einfach nur: was war das denn gerade?Genau dann bist Du nicht Zielgruppe einer klar ausgerichteten Politik, die diejenigen ansprechen soll, die zwischen den Zeilen und unter den Handzeichen lesen können, versuchen und wollen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeitdas Trilemma der MenschlichkeitHumanrecht, Naturzustand, Gesellschaftspflichtunangestrengt realisierbar, sind sie nicht. Visionen, Pläne, Wahlparteien,prophezeien eine unerfüllbare Wirklichkeit.Hirngespinste, Fantasien, Träumereien,als die Waffen politischer Konstruierbarkeit. Oft genug gelingt es mit einfachen Worten nicht, die Distanz zwischen Gesprächspartnern zu überwinden. Unweigerlich führt dies zu Missverständnissen, Fehlinterpretation oder auch Konflikten. Was auf der persönlichen Ebene halbwegs leicht zu beseitigen oder vorzubeugen ist, wird auf internationalen, politischen Bühnen immer wieder gerne ausgereizt und -genutzt, Kommunikation wird verdreht oder der größere Kontext vergessen. Wo das letzte Wort gesprochen oder das erste falsch betont wurde, kommt es zu berechnenden oder emotionalisierten Handlungen, die mit ihrem Symbolismus die täglichen Titelseiten förmlich erschlagen.  Mit symbolischer Politik werden Gefühle erregt und eindeutige Zustimmung oder Ablehnung verlangt. Anders als eine Politik die Fakten schafft, und daher Nägel …

Von Feminismus und Straßenkreuzungen #Alltagsaktivismus

Ob es einen richtigen Feminismus gibt? Schwer zu sagen. Wer einmal anfängt, sich mit feministischen Themen zu beschäftigen, merkt ziemlich schnell, wie unterschiedlich die vertretenen Positionen und Meinungen dort sein können. Einen falschen Feminismus hingegen gibt es auf jeden Fall. Ein Feminismus zum Beispiel der (kopftuchtragende) Muslim*innen, Sexarbeiter*innen, BIPoc, Behinderte, Mehrgewichtige, Trans- und Intermenschen, Nichtbinäre, Geflüchtete, Asexuelle, Alte, Arme, Homosexuelle und ihre spezifischen Diskriminierungserfahrungen ausschließt. Ein Feminismus also, der nur für hippe, reiche, gesunde, gebildete, weiße cis-Frauen gedacht ist. Diesen Ausschluss-Feminismus zu verhindern, versucht das Konzept der Intersektionalität. Intersektionali…häää?? Den Ursprung des zugegeben sperrigen Begriffs, der erst später von der Juristin Kimberlé Crenshaw in die theoretische Debatte eingeführt wurde, findet sich in den USA der 1960er Jahren. In der damaligen feministischen Bewegung warfen schwarze Feminist*innen der Bewegung vor, dass sie sich nur mit den Interessen der weißen Mittelschichtsfrauen* befassen würden. Sobald die weißen Frauen* sich Gehör verschafft hatten, setzten sich diese nur für ihre eigenen Themen ein und ignorierten die Belange ihrer schwarzen Schwestern. Doch die Verschränkung von Rassismus und Sexismus hat noch viel tiefere …

Kurzes, langes Leben – wenn Kinder sterben

Wir verdrängen jeden Tag das Thema Tod, doch sterben müssen wir alle. Du, Ich, ja sogar der nette Nachbar von nebenan. Wir alle sterben. Das ist gewiss. Gewiss und unaufhaltsam. Aber wir haben so große Angst davor, dass wir lieber verdrängen, als zu erkennen. Wir sind arrogant in unserem Denken, dass jeder Mensch ein Recht darauf hätte 80, 90, ja sogar 100 Jahre alt zu werden. Dieses Recht hat absolut niemand. Das Leben ist nicht unendlich, nein, das Leben ist endlich. Und es kann heute schon vorbei sein. In dieser Sekunde, in diesem Augenblick, stirbt ein Mensch. Ein Mensch, wie Du und Ich. Ein Mensch, der erst ein Gesicht, einen Namen, eine Bedeutung bekommt, wenn man ihn kennt. Ein Mensch, der geliebt wird. Ein Mensch, der Du sein könntest oder eben Ich. Und dieser Mensch stirbt. Jetzt. In dieser Sekunde, in diesem Augenblick, stirbt ein Mensch. Das sollten wir nie vergessen. Denn vergessen wir diese unaufhaltsam bedingt vorgeschriebene Tatsache, so laufen wir Gefahr, überheblich eine „Zukunft“ zu planen. Eine „Zukunft“, die es vielleicht nie geben …

Über Verschwörungsphantasien

In diesem Beitrag geht es um die Erfahrungen, die Marlon während seiner Recherche zu seiner künstlerischen Arbeit zum Thema Verschwörungsphantasien rund um Corona gemacht hat. Dieser Artikel und auch Marlons visuelle Aufarbeitung haben keinen wissenschaftlichen Anspruch. Die aufgeführten Inhalte dienen der Aufklärung. Die Eindrücke zu den Anti-Corona-Demonstrationen basieren ausschließlich auf den Erfahrungen, die Marlon vor Ort gemacht hat. Uns ist bewusst, dass diese Demonstrationen eine reale Bedrohung für Schwarze und People of Color darstellen. Wir möchten diese Bedrohung in diesem Artikel auf keinen Fall verharmlosen. – Vor ein paar Tagen habe ich mich mit Marlon, einem guten Freund von mir, über Corona und all die Verschwörungstheorien, die es rund um das Virus gibt, unterhalten. Oder auch Verschwörungsphantasien, so wie er sie nennt. Verschwörungstheorien sind nämlich gar keine wissenschaftlichen Theorien, sondern viel mehr irgendwelche Hirngespinste, die nicht wirklich existieren. Uns alle haben sicher in den letzen Wochen Videos und Artikel erreicht, die die ganze Existenz des COVID-19 Virus anzweifeln. Wilde Theorien, wer angeblich wirklich dahinter stecken könnte oder was es damit auf sich haben könnte. Verschwörungsphantasien …

Warum ich nicht immer jeden educaten will

“War das etwa sexistisch”, fragt mich der besorgt aussehende Späti-Mann. Seitdem er mitbekommen hat, dass wir feministisch unterwegs sind, ist das sein Hauptgesprächsthema. Und so kann es passieren, dass wir an unserem Stamm-Späti sitzend, in ein Gespräch verwickelt werden – über Gott, die Welt, Bier, aber eben auch Feminismus. Es sind nette Gespräche, er erzählt viel aus seiner Erfahrung, fragt nach, was noch erlaubt sei und was nicht und ist generell sehr interessiert an der Materie.  Meine Freund*innen schätzen sein Interesse an dem Thema sehr und meinen, dass es doch gut wäre, dass er so interessiert sei und sie ihn weiter belehren können, über ihren Blick auf die Welt, der so viel weiter sei als seiner. Und so reden sie Stunde um Stunde über das große Thema Feminismus: Was Männer dürfen, was Frauen können und irgendwann frage ich mich: “Hat er mich überhaupt gefragt wie ich heiße?’’ Dieser Mann, der seit Stunden unser Gespräch bestimmt und dem wir schon in mehreren Sitzungen unser feministisches Grundlagenwissen einflößen. Nein, hat er nicht. Auf dem Nachhauseweg, versuche ich …