Alle Artikel in: Hier & Jetzt

Das Blaue vom Himmel

In ein paar Monaten beginnt wieder mal die aufregendste Jahreszeit im politischen Kalender: der Bundestagswahlkampf. Von Laternenpfählen sprießen dann die Wahlplakate wie Frühblüher und die schwüle Luft des Spätsommers knistert förmlich vor politischen Meinungen und Vorhersagen. Den richtigen Umgang mit dieser absurden Zeit kann dir leider niemanden beibringen, dich mental auf eine Zeit der Meinungsverschiedenheiten vorzubereiten, versucht Jasmin aber trotzdem. Wenn die letzten Tage der Sommerferien anbrechen, die Ferienhäuser in Küsten- und Wanderregionen sich von ihren Gästen verabschieden und die deutschen Autobahnen noch ein letztes Mal unter der Last der Urlauber:innen endgültig nachzugeben drohen, dann ist, alle vier Jahre, die fünfte politische Jahreszeit angebrochen. Die Farben des Horizonts werden verschwimmen mit den Signalfarben der Stockfotoästhetik, die in leeren und vollen Worthülsen an jedem Laternenpfahl plakatiert sein wird.  Die noch knapp vier Monate bis zur Bundestagswahl sollte jede:r Bürger:in nutzen, um sich für Reizüberflutung, brutale Meinungsschlachten, voreilige Prognosen und den beißenden Geruch von Plakatkleber zu wappnen. Denn eine Bundestagswahl braucht wachsame Wähler:innen, die sich nicht das Blaue vom Himmel versprechen lassen und einen Durchblick im Dschungel …

Komplett schön #Facettenreich

Big boobs, small boobs, boobs everywhere! Brüste sind ein großes Thema in unserer Gesellschaft. Levana erzählt im Interview ganz offen über ihre Brustverkleinerung. Große Brüste – für die einen sind sie das Schönheitsideal schlechthin, für die anderen eine Last. Die Medien bringen uns schon früh bei, wie die ‚perfekte‘ Brust auszusehen hat: Bitte recht straff, mit kleinen Nippeln und bloß kein Hängebusen! Ganz klar, mit der Realität hat das wenig zu tun. In der Pubertät freuen sich viele, wenn die Brust endlich etwas wächst. Bei anderen wird sie immer größer und schwerer. Belästigung, Ausgrenzung, psychische und körperliche Beschwerden können die Folge sein. Levana wusste schon früh, dass sie darauf keine Lust hat. Sie ließ sich ihre Brüste vor einem halben Jahr verkleinern. Von Körbchengröße F/G auf B/C. Ein großer Befreiungsschlag. Wann hast du dich zum ersten Mal unwohl mit deinen Brüsten gefühlt? Natürlich waren die Brüste am Anfang der Pubertät noch nicht so groß. Ist ja klar, dass die erstmal wachsen. Ich war so 10 oder 11 als meine Mutter das erste Mal gesagt hat, …

Radikal zärtlich handeln – Interview mit Şeyda Kurt

Die Liebe wird seit jeher als ein geheimnisvoller, undurchdringlicher Mythos beschrieben, den wir niemals ganz verstehen können. Şeyda Kurt hat in ihrem Buch „Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist“ die Normen und Rituale rund um die romantische Liebe erforscht und untersucht, wie sie mit Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus zusammenhängen. Über ihr Buch, Beziehungen und ein gerechteres Miteinander durch radikale Zärtlichkeit hat Emma mit ihr gesprochen. Warum ist die Liebe politisch? In meinem Buch betrachte ich da unterschiedliche Herangehensweisen. Zunächst geht es darum, wie gewisse Konzepte von romantischer Liebe und Familie über die letzten Jahrhunderte mithilfe der Gesetzgebung, der Institutionen und des Steuerrechts normiert wurden, was als normal und was als Abweichung dargestellt wurde. Dazu kommt die Frage, wer sich überhaupt in unserer Gesellschaft ungefährdet bewegen kann und wer sich fürchten muss, in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten mit Partner*innen auszutauschen. Das betrifft vor allem queere Menschen, aber Menschen in interracial Beziehungen, zum Beispiel zwischen einem Schwarzen Mann und einer weißen Frau. Da spielen koloniale Vorurteile und Bilder eine Rolle, bei denen der Schwarze Mann als die …

Ich verlasse TIERINDIR.

Hätte ich jemals damit gerechnet, dass ich diese Worte einmal aufschreibe, sage?Nein.Aber Dinge ändern sich, Projekte nehmen die verschiedensten Formen an und Lebenswege verzweigen sich. TIERINDIR startete für mich mit dem Wunsch, ein eigenes Magazin zu gründen. Ich liebte meine ganze Jugend lang Magazine, las jedes einzelne von denen, die es für Jugendliche gab. Und auch die für erwachsene Menschen mit einem großen Geldbeutel. Irgendwann entdeckte ich dann die NEON in einem Hausflur und war begeistert. So etwas – in einem jüngeren Format – hätte ich in meiner Jugend gebraucht! Beides sprach ich auf meinem YouTube-Kanal an. Unabhängig voneinander. Es meldeten sich zwei Zuschauerinnen und ich dachte mir: jetzt oder nie! Als ich mich gegen einen tollen Job nach der Schule und FÜR das Studium entschied, schwor ich mir, dass ich das mit dem Magazin durchziehe. Dass das eben mein Projekt neben dem Dasein als YouTuberin wird. Wir trafen uns also über Skype, hielten zusammen unsere Wünsche fest und schmiedeten einen Plan: Erst Blog für Jugendliche, dann irgendwann ein Printmagazin. Tja und das ist jetzt …

Wenn spazieren nur noch nervt

Die Tage werden zwar wieder länger und die Sonne kommt ab und zu raus, aber so richtig Bock aufs Spazieren hat doch keiner mehr, oder?Ein Spaziergang ist aber viel mehr als nur das einzig mögliche Hobby aktuell. Warum du nicht aufhören solltest zu spazieren oder spätestens jetzt damit anfangen solltest. Immer häufiger tauchen in der Online-Welt Memes und Tweets, wie dieser hier auf: „Mama, warum weint Opa so laut, ich habe ihn doch nur gefragt, ob wir spazieren gehen wollen?“ – „Weißt du, dein Opa hat 2020 erlebt, damals wurden ganz viele Leute krank und alles was man tun durfte war spazieren gehen, er hat einfach genug davon.” (twitter.com/elhotzo) Seit mehreren Monaten ist Spazieren irgendwie das Einzige, was du so tun kannst. Es ist das Einzige, was nicht vorm Bildschirm stattfindet. Es ist aber besser als vom Bett an den Schreibtisch, über die Couch, zurück ins Bett. Also doch noch einmal aufraffen und eine Runde um den Block. Die Jogginghose darf auch ruhig an bleiben. So richtig Spaß macht esauf Dauer aber nicht, immer an …

Wonderwall kriegt mich wieder

Dieser Winter fühlt sich länger an als die vorherigen. Seit Monaten stehe ich jeden Morgen auf, benutze zwei Make Up Produkte statt zuvor zehn und tausche meinen Schlafanzug symbolisch gegen die Jogginghose für das Homeoffice und Online Uni Veranstaltungen. In meinem Kleiderschrank gibt es mittlerweile einen extra Stapel neben den Pyjamas mit bequemen Klamotten für tagsüber. Die Stapel sehen sich zum verwechseln ähnlich. Das letzte Jahr hat für mich vieles verändert, wie für alle auch. Ich war schon immer ein sehr introvertierter Mensch. Mittlerweile verstehe ich das eher als eine offensichtlichere der vielen Seiten meiner Persönlichkeit, als als Label. Kinderfotos zeigen mich in der Regel komplett vertieft in irgendeine Sache und nicht lachend umgeben von Freunden. „Für dich muss so eine Pandemie doch Glück im Unglück sein!“ „Kommt so Menschen wie dir ein Lockdown nicht ganz gelegen?“ Diese Sätze habe ich in den vergangenen Monaten relativ oft von Familie und Freunden gehört und ähnliche Behauptungen geisterten auch durch die Medien, wenn es um den Umgang mit der Lage ging. Nach dem Motto für Stubenhocker, Nerds …

Sorry not Sorry #gibmirwiderworte

Über die Unfähigkeit zur aufrichten Entschuldigung. In einem längst vergessen Land, in dem es verboten war, sich zu entschuldigen, wurde gepöbelt, getreten und gekratzt. Es wurde sich nicht umgedreht nach dem hinterlassenen Trümmerfeld, und kein Blick verschwendet für den Scherbenhaufen, den die eigenen Worte der Taten verursacht hatten.  Das vergangene Jahr hat viele gesellschaftliche Veränderungen angestoßen und neue Sensibilitäten geschaffen – für Minderheiten, Ungerechtigkeiten, ein faireres Miteinander. Diese Wendung, hin zu mehr gesellschaftlicher Achtung, würde vermuten lassen, dass sich ein inoffizieller journalistischer/politischer/öffentlicher Kodex entwickelt hat, der sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beruft, möglichst wenig Individuen auf die Füße zu treten. Doch überraschen Medienhäuser, Pressesprecher:innen und Privatpersonen immer wieder aufs Neue mit unüberlegten und fragwürdigen Äußerungen, die in einen tiefen und dunklen gesellschaftlichen Abgrund blicken lassen.  Ist es ein vorschnelles Vergeben und Vergessen, dass Wiederholung solcher Fehltritte nicht verhindern kann? Oder sind wir der öffentlich ausgeschlachteten Skandale und ihrer halbherzigen Konsequenzen einfach überdrüssig und nehmen diese daher einfach als ermüdende Tatsache hin? Erstere Erklärung scheint in Zeiten von Cancel Culture und großflächigen Boykotten unwahrscheinlich. Und …

Mit beiden Beinen auf dem Boden

Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich bodenständig bin. Vor einem halben Jahr bin mit einer Freundin auf das Wort gestoßen. Wir haben eine Woche lang alle möglichen Menschen gefragt, was sie unter Bodenständigkeit verstehen, ob sie bodenständig sind und ob das etwas Positives oder Negatives ist. Mich hat fasziniert, dass es keine eindeutige Definition gibt und Menschen so unterschiedliche Meinungen dazu haben. Für manche, vor allem für Menschen aus meiner Generation, ist sie die Spitze des Spießbürgertums. Bodenständigkeit repräsentiert für sie Unfreiheit und ein Gefangensein in den konservativen Moralvorstellungen ihrer Eltern und Großeltern. Für andere ist sie eine Tugend und Idealvorstellung eines unbesorgten Lebens.  Ist Bodenständigkeit ein Überbleibsel aus alten Zeiten oder ist sie ein Wert, der auch heute noch eine Rolle spielt? Lässt sich diese Frage überhaupt beantworten? Darüber habe ich in den letzten Monaten mit Freund*innen, meinen Eltern und Großeltern geredet. Am Ende habe ich die Soziologin Barbara Thériault interviewt, die dem Konzept Bodenständigkeit eher zufällig begegnete, als sie sich mit dem Alltag von Menschen der Erfurter Mittelklasse beschäftigte und das Buch …

Die Systemrelevanten

Anmerkung: Ich habe in den letzten Wochen an verschiedenster Stelle den Hinweis wahrgenommen, dass die Bezeichnung „Weltfrauentag“ teilweise problematisch ist, da das Lexem „Frau“ nicht umfassend genug für alle Spektren sei und andere Personengruppen, die unter dem Patriarchat leiden, ausschließe. Die Schreibweise des Wortes „Frau“ mit Gender-Sternchen, wie ich sie in meinem Text letztes Jahr auch verwendet habe, da ich diese für spektrumsübergreifend hielt, sei demnach auch falsch. Leider habe ich bisher keine andere, adäquate Schreibweise ermitteln können, die niemanden ausschließt und so im nachfolgenden Text die einfache Schreibweise „Frau“ gewählt, ohne die Absicht, ein Spektrum damit benachteiligen zu wollen. Über Hinweise bezüglich einer passenden Schreibweise wäre ich dankbar. Seit meinem Text zum Weltfrauentag 2020 hat sich die Welt verändert. Neben all den negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie, gibt uns die Krise aber auch Chancen, neue Bewusstseinsperspektiven zu entwickeln – auch für ohnehin schon bestehende Problematiken, deren Dringlichkeit sich durch die Krise verstärkt.  Der Weltfrauentag 2021 ist wichtiger wahrzunehmen als je zuvor, denn ein Jahr in der Pandemie hat gezeigt, dass es Frauen sind, die unsere Gesellschaft …

Mit meinem Partner Zusammenziehen – noch zu früh? #Mut(Ich)

In diesem Text geht es darum, ob es den einen perfekten Zeitpunkt gibt, um mit Partner:innen zusammenzuziehen. Gibt es ein zu früh? Ist die Herausforderung geringer, wenn die Beziehung bereits die Zeit x erreicht hat? Oder bleibt die Umstellung gleich, unabhängig von der Dauer der Beziehung? Aktuell steht bei mir eine große Veränderung an. Eine Veränderung, die in meinem Umfeld viele Fragen aufgeworfen hat, die angezweifelt wurde und für die ich mich rechtfertigen soll, zumindest wenn es nach manchen Menschen geht.Nachdem ich das letzte Jahr gemeinsam mit meiner besten Freundin in einer wunderschönen Altbauwohnung in Lübeck verbracht habe, ziehe ich nun mit meinem Freund zusammen. Und das nach einem halben Jahr Beziehung.  Meinungen über Meinungen  Während es sich für uns richtig anfühlt und wir uns einfach nur riesig darauf freuen, haben Freund:innen und Familie sehr unterschiedlich reagiert. Die Reaktionen gingen von „Oh wie schön, wir freuen uns für euch“, über „Was ist denn mit der aktuellen Wohnung?“ bis hin zu „Ist das nicht zu früh?“. Obwohl es eine Entscheidung ist, die für uns beide bereits fest stand, hat …