Alle Artikel in: Hier & Jetzt

Orange-roter Horizont

Es ist wie ein Wettlauf gegen die Zeit. Doch du kommst dagegen nicht an.Probierst, aber scheiterst.Stehst auf, fällst.Der Feind ist unsichtbar,die Gefühle hell und klar. Du schaust hinaus auf das unendliche Meer. Bist extra ganz früh aufgestanden, um den Sonnenaufgang genießen zu können. Keiner ist hier bei dir. Du bist alleine mit Mutter Natur. Atmest die frische Meeresbrise ein und blickst hoch in den orange-roten Himmel. Langsam kriecht dann doch noch die befürchtete Gänsehaut nach oben zu deinen Oberarmen, bis hin zu deinem Hals. Du lachst, als du dich daran erinnerst, dass du eigentlich noch eine Jacke mitnehmen wolltest. Eigentlich. Noch eine Stufe nach oben und noch eine.Eine weite Wendeltreppe vor dir,der Abgrund hinter dir.Eine kalte, deutliche Angst,die kein Ende nehmen möchte. Mutig packst du deine Socken und streifst sie ganz langsam ab. Nach einer kurzen Zeit traust du dich, mit deinen Zehen den Sand zu berühren. Erst ganz zaghaft, dann wirst du von dem Mut getrieben und begibst dich weiter Richtung Meeresbrandung. Es fühlt sich herrlich an, diese Weite vor sich her und die Ruhe …

Die Zwischenstelle und der Frühling #gedankenkarussell

In einem kleinen Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart geht es im Folgenden über den Frühling, was er bedeutet, über das Schwelgen in Erinnerungen, das Festhalten an diesen und dem Wunsch endlich anzukommen.  Heute Mit wahrscheinlich mehr Kraft als nötig, schüttelte sie den gefallenen Schnee und die Kälte von sich, sobald sie das Haus betreten hatte. Sofort umhüllte sie die Wärme des Feuers im Ofen und genervt schleuderte sie den Schal, die Mütze und die Handschuhe auf den Boden, wo kurz darauf auch ihr Mantel landete. Sie würde diese aufheben, sobald sie sich wieder aufgewärmt hatte. Immer noch zittrig stellte sie sich vor den Ofen, hielt die Finger so nah wie möglich an die Scheibe und wünschte die Wärme würde schneller auf sie übergehen.  Nein. Was sie sich eigentlich wünschte war, dass der April sich wie ein normaler Frühlingsmonat benahm und ihr statt Schnee wärmende Sonnenstrahlen schenkte.  Mehr als nur etwas nötig hatte sie nicht nur die Wärme, sondern auch das Sonnenlicht, das sich in den letzten dunklen Wintermonaten rar gemacht hatte. Sobald die ersten Anzeichen …

Zwischen den Zeilen

Im Drogeriemarkt meiner Wahl stehe ich vor einem dieser vierseitigen Kartenständer aus Metall, an denen ich schon als Kind immer fasziniert stehen bleiben musste, um alle Seiten ausführlich zu betrachten und um zu beobachten, wie die Farben der Karten beim Drehen des Metallständers verschwimmen. Dieses Exemplar bietet ein breites Spektrum an Karten zu jeglichen Lebensereignissen. Manche davon glitzern, manche sind zum Aufklappen und manche können sogar Musik beim Aufklappen abspielen. Es ist eine bunte Mischung aus Pastellgelb, -grün, -rosa und -blau, verschnörkelten Schriftarten und diversen Motiven. Und da ist wirklich für jeden Anlass was dabei: Die Seite des Drehständers, die ich mir gerade anschaue, bietet eine große Auswahl an Karten mit Glückwünschen zur Geburt. Überall sehe ich Störche, Regenbögen und Babysocken. Klar gibt ́s auch hier die All-Time-Klassiker mit der Aufschrift „Es ist ein Mädchen!“ mit Herzen und Blumen auf einem rosa Hintergrund – und „Es ist ein Junge!“ mit Teddybären und Elefanten auf einem blauen. Geschlechterklischees, lieben wir. Ich drehe weiter und auf der zweiten Seite des Drehständers erwarten mich Karten zur Einschulung, zur …

Meine Nachtgedanken und Ich

Es ist Abend, noch nicht sehr spät. Gerade habe ich mein Handy weggelegt, der letzte TikTok-Song schwirrt noch in meinem Kopf herum und wird mich die nächsten Tage in den unpassendsten Situationen begleiten. Ich strecke mich so weit, bis ich vom Fußende meines Bettes den Lichtschalter erreichen kann, damit meine Füße nicht den kalten Boden berühren müssen. Noch einmal kurz das Fenster auf und wieder zu und endlich erlaubt mir mein mir selbst auferlegter Tagesablauf, in mein kuscheliges Bett zu fallen und die Augen zu schließen. „Jetzt muss ich schnell einschlafen, damit ich morgen wieder früh aufstehen kann“, ermahne ich mich und weiß im nächsten Atemzug, dass die Nacht damit für mich schon gelaufen sein könnte.  Ich denke viel, ich denke lang, ich denke lange viel nach. Und das am liebsten abends. Tagsüber bin ich, wie ich mich am liebsten mag: offen, herzlich, meistens ein Grinsen im Gesicht und dieses innere Gefühl der Freude und der Dankbarkeit. Auch mal nachdenklich, aber immer nur zeitweise und in einzelnen Situationen. Doch immer selbstbewusst genug, einen Gedanken in …

Box und Bier

Wir sind unterwegsMachen die Stadt unsicher Sind selten so selbstsicher In der Hand nur Box und Bier Die Uhr zeigt schon nach vier Wir in den StraßenNichts hält uns aufDenn wir laufenLaufen nachts Sternenhimmel über uns Asphalt unter den Sohlen Wollen unsere versäumte Zeit Nachholen Gemeinsam unbesiegbar Wir, die Box, das Bier Wir laufenKennen die Straßen Kennen die Stadt Es ist dunkel,Wie immer nasskalt Typisch norddeutsch haltDer Bass dröhnt weiter Und das Bier knallt Wir laufenLaufen Richtung Downtown Die NachtIst noch lange nicht vorbei Lachen, laufen, trinken Tanzen, Songtexte schief singen Aber lebenWir genießen das Leben Erobern uns zurück unser Leben Bevor der Tag anbrichtUnd alles wieder zusammenbricht All die LeichtigkeitAll die gemeinsame ZeitAll das nicht mehr einsam sein Wir wollen nämlich nicht Einsam seinWir wollen gemeinsame Zeit Wir wollen diese Leichtigkeit Wir wollen nicht vernünftig sein Nicht immerzu vernünftig sein Wir wollen auf Tischen tanzen Uns nicht drinnen verschanzen Wir wollen die Falschen küssen Nicht zu schnellErwachsen werden müssenWir wollen Musik hören Freundschaftsschwüre schwören Wir wollen raus gehenUnd uns in den Arm nehmen Doch der Tag beginnt Die Musik verstummt Und das Bier ist leer Wir wollen mehr Wollen wieder mehrMehr leben, mehr Leichtigkeit Mehr gemeinsame ZeitMehr Zeit ohne Einsamkeit Mehr lachen, laufen, trinken TanzenSchief die …

Wollknäuel

Wenn ich meinen Blick durch die Gegend schweifen lasse, wird mir bewusst, wie weit ich entfernt bin. Die Nähe zu anderen Personen, Gegenständen oder Ereignissen ist greifbar – so als würde ich mich direkt mit meinem Gesicht gegen das Fenster bei einer Autofahrt drücken. Ich kann alles sehen: die Regentropfen zum Beispiel. Sie fallen immer schneller auf die Autoscheibe und ich kann jeden einzelnen davon erkennen. Der rechte Tropfen fällt sacht auf die Scheibe und bahnt sich seinen Weg nach unten. Da – der andere Tropfen – ist viel langsamer und findet seinen Weg nicht ohne Ausschweifungen nach unten zum Türgriff. Dieser ist anders. Er kommt erst nach rechts, nach links, dann weiter nach links und weiß nicht genau, wie er seine Route fortführt.  Dieser Regentropfen steht als Symbol meines momentan Gefühlschaos. Ich blicke umher, finde keinen Halt und keinen Anker, sondern schwebe von einem Moment in den anderen. Ich renne von Standort zu Standort, überquere Brücken, Hügel und Bahnhöfe. Finde mein Zuhause, erkenne meine Vorlieben – aber doch finde ich mich nicht. „Du machst …

Weil это Нашa Russia #zwischenTürundAngel

In meinem allerersten Text hier habe ich unter anderem über meinen postsowjetischen Migrationshintergrund geschrieben. Weil mich meine kulturellen Wurzeln, meine eigene Identität beschäftigt. Wer bin ich und wer will ich sein? Jetzt stelle ich mir diese Fragen wieder: Wer bin ich, wenn einige ihre russischen Pässe verbrennen und andere auf nichts Größeres schwören als Stolz und Wahrheit? Wer bin ich, dass ich die Tage bis zu meinem Termin in der russischen Botschaft zähle – hoffend, dass ich meinem russischen Pass endlich näher kommen darf? Und wer will ich sein – in einer Welt wie dieser? Es gibt viele kluge Menschen, die gute Berichterstattung leisten und viele wichtige Perspektiven zu Wort kommen lassen. Ich kann das in dieser Kolumne nicht stemmen. Aber ich möchte auch nicht nichts sagen. Weil ich das wichtig finde, weil ich Verantwortung trage. Und weil ich das brauche. über Нашa Russia Es gibt eine britische Serie, Little Britain, die sich vorurteilsbehaftet über das Britisch-sein lustig macht. Sketch comedy. In Russland wurde das Konzept kopiert und so entstand Нашa Russia. Der Titel macht …

Der Blickwinkel auf die Situation

Man arbeitet immer auf etwas hin. Auf etwas, nachdem man das Ziel erreicht hat, was das Leben erleichtert und hofft, dass eseinen bereichert.Doch wann hört dieser Kreislauf auf, wann ist die Luft raus.Man arbeitet auf Maximum doch ist am Minimum und es scheint, als ob die Zeit nichtrumgeht, obwohl das Ziel schon so gut wie im Raum steht.Und könnt‘ ich doch das schaffen, würd ich doch das lassen, dann wäre, dann wäre es anders.Doch den Anlass vergisst man und es ist zu spät dann, um aus dem Kreislauf raus zukommen, denn das Ganze hat begonnen und dich, sowie deine Zeit, eingenommen.Nichtsdestotrotz macht man es für ein Ziel, richtig?Und es erscheint doch auch echt wichtig, doch die Gedanken sind verschwommen.Vom idealisierten Bild verkommen.Also versuchst du einem Strang zu folgen.Suchst nach dem richtigen Weg, willst du vielleicht einfach nur weg?Weg von dem immer fortlaufenden Gedankenkreislauf.Doch was wird danach folgen?Planlos.Planlos übers leben.Was musst du geben, um das zu erreichen, wofür dein Herz schlägt.Es erscheint sinnlos.Sinnlos, weil es im Endeffekt eh anders sein wirdEs dich aber doch zersägt.Deine Gedanken …

Sommerregen

Sie bemerkte den Regen als Erste. Ich konnte den Tropfen noch sehen, wie er langsam an ihrer Wange hinunterlief. In ihren Augen machte sich die Erkenntnis breit, doch bevor diese auch nur die Chance hatte, in ihrem Mund anzukommen, sagte ich leise: „Es regnet.“ Sie schenkte mir ein zustimmendes Lächeln. Das Wasser reflektierte jedoch noch das gleiche Hellblau des Himmels, wie es es schon den ganzen Tag tat. Das war der Sommerregen. Das ist diese Art von Regen, die den Himmel nicht in graue Wolken hüllt und die Sonne mitsamt der blauen Farbe des Himmels dahinter verschwinden lässt. Dieser Regen ist kühlend und rettet uns vor der brennenden Hitze. Er ist wie ein Liebesgedicht; wie die Tränen kurz vor dem Happy End. Die langsam fallenden Tropfen schlugen kleine Wellen auf der Wasseroberfläche. Ich sah nach oben. Die tief stehende Sonne ließ die Regentropfen wie kleine Edelsteine funkeln. Auch meine Wangen waren nun befeuchtet vom Sommerregen. Doch wir fingen nicht an schneller zu gehen, so wie es die anderen Passant*innen um uns herum taten, um nicht …

Umzäunter Himmel

Trigger Warnung: Der Text behandelt psychische Erkrankungen (Depression, Angst, Schizophrenie, Borderline) und suizidale Gedanken. Die Namen der Personen im Text sind verfremdet.  Es war ein bedrückend heißer Julitag, als ich in den umzäunten Himmel blickte und Hunger hatte. In der Klinik gab es Mittagessen, aber das hatte immer einen seltsamen Nachgeschmack.  Manchmal fragte ich mich, ob das Personal wusste, dass sie für Menschen kochten, die keine Freude am Leben finden konnten. Es war offensichtlich, dass die Einrichtung unterfinanziert war. Ständig fielen Therapiestunden aus und die meiste Zeit verbrachte ich im Aufenthaltsraum und redete mit Mitpatient:innen, die nichts mit mir gemeinsam hatten.  An meinem ersten Tag in der psychiatrischen Tagesklinik stand ich im Flur und empfand eine Mischung aus Trotz und Trauer: Wie konnte ich hier landen? Ich hatte alles richtig gemacht: Abitur mit Einserschnitt, Stipendiatin, Journalismus-Studium. Seit meinem 14. Lebensjahr war alles in meinem Leben darauf ausgerichtet Anerkennung zu erhalten, erfolgreich zu sein, einen Platz in der Welt der Elite-Unis und Traditionszeitungen zu finden. Warum war ich dann nach Wochen voller Panikattacken zusammengebrochen und hatte mich im Garten …