Alle Artikel in: Du & Ich

Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin fremd in meinem eigenen Leben

Ein Telefonat in der Pandemie bei Nacht. Und wir teilen Gefühle, von Konstanz bis nach Berlin. Wir vermissen alle etwas. Uns fehlen die Konzerte, die Kneipenbesuche, das Kino und die Umarmung  zur Begrüßung. Die spontane Reise übers Wochenende und die WG-Party mit unseren Freunden.  Trotzdem geht es uns gut – sagen wir. Wir vermissen ja alle etwas. „Aber wir kommen damit zurecht,  haben ja trotzdem so viel.“ Und es stimmt, wir kommen zurecht, wir haben viel. Die meisten von uns  sind sehr privilegiert und es gibt so viele Gründe dankbar zu sein. Und das bin ich. Trotzdem fehlt  nicht nur „irgendwas“. Was fehlt, ist auch ein Teil von mir.  „Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin fremd in meinem eigenen Leben“, sagst du am Telefon und  ich höre wie das Feuerzeug mehrmals zischt, als du dir eine Zigarette anzündest. Du stehst auf  deinem Balkon in Berlin und ich sitze hier in meinem WG-Zimmer in Konstanz, am anderen Ende von  Deutschland. „Ja“, sage ich. „Es fühlt sich so an, als wäre ich noch da, aber als …

Alles in deinem Tempo #heiterbiswolkig

Mit jemand neuem zusammen zu wohnen ist aufregend genug, aber was, wenn dieser neue Jemand ein Hund ist? Wie das ist, wenn ein Tier in eine WG zieht und welche Erwartungen damit einhergehen, damit beschäftigt sich unsere Autorin Carolin in diesem Text. Die Nacht bevor du gekommen bist habe ich kaum geschlafen. Meine Gedanken haben sich überschlagen und ich war so aufgeregt. Wie würde wohl alles sein wenn du endlich da bist? Würdest du uns mögen, dich hier wohlfühlen? Verstehen dass du jetzt hier wohnst und wir deine Menschen sind? Ich war so aufgeregt. Und dabei bin ich nicht mal die, zu der du gehörst, denn ich wohne nur mit dir. Und trotzdem bist du mir wichtig, bist du auch meine Verantwortung. Wir kennen uns noch nicht gut und trotzdem habe ich schon viel von dir gelernt. Zum Beispiel wie natürlich und gut es ist Pause zu machen, denn das machst du am liebsten. Einfach liegen und schlafen, liegen und schnuppern, liegen und Beobachten. Zeit nehmen alles zu verarbeiten. Ich brauche das auch und vergesse …

Du lächelst, während wir sterben #wir

TW: Rassismus, Tod Du hältst ein Schild in der Hand und lächelst.Das weiße Privileg auf deinen Lippen, das weiße Privileg in deinem Gesicht.Du hältst ein Schild hoch und lächelst.Das weiße Privileg umgibt dich voll und ganz.Du hebst ein Schild in die Höhe auf dem geschrieben steht: “RASSISMUS IST DAS PROBLEM!”. Das weiße Privileg, es ist hier und ich kann es sehen.Das weiße Privileg, es ist hier und ich kann es fühlen.Es schmerzt. Während ich lese, was auf all den Schildern geschrieben steht, in großen und kleinen Buchstaben, in bunten und nicht so bunten Farben, geht mein Herz auf.Ich bin voller Hoffnung.Während ich in eure Augen, in eure Gesichter blicke, fühle ich mein Herz immer mehr brechen.Ich bin voller Verzweiflung. Du hältst ein Schild hoch und denkst damit wäre es getan.Während viele von uns weinen.Kein Lächeln auf unseren Gesichtern, während wir schreien: “NIE WIEDER!”.Kein Lächeln auf unseren Lippen, während wir schreien: “ES WAR KEIN EINZELFALL!”. Du hältst ein Schild hoch und denkst es wäre genug.Du hältst ein Schild hoch und fühlst dich gut dabei.Während viele von …

Was ist, wenn das Schöne an der Geschichte nicht er ist, sondern du?

Seit Stunden höre ich dir zu. Wir laufen nebeneinander her und du erzählst mir von ihm. Davon wie du nicht verstehst. Wie kann so schnell vorbei sein, was nicht mal richtig anfangen durfte? Es war doch so gut, denkst du. Und mit allem was du erzählst, malst du das schönste Bild. Du findest nur Worte, die sich übertreffen. Alles stimmte, an ihm. Deine Augen funkeln traurig.  Seit Stunden laufen wir nebeneinander her und ich höre dir zu. Wie du von ihm erzählst. Du redest und redest und dann guckst du auf mich, deine traurigen Blicke suchen in meinen Augen nur eines: Bestätigung. Sie suchen nach etwas, was dir sagt: Alles stimmte, an ihm.  ,,Aber vielleicht”, sage ich vorsichtig. ,,Vielleicht ist er gar nicht so schön.” Es ist der erste Satz von mir. Die ganze Zeit hast du auf meine Antwort gewartet, aber an deiner Reaktion merke ich, dass das sicher nicht war, was du hören wolltest. Du bleibst stehen. ,,Ich meine nur”, sage ich. ,,Was ist, wenn das Schöne an der Geschichte nicht er ist, …

Die ersten zwei Monate zu zweit – #Mut(ich)

Vor etwa zwei Monaten haben mein Freund und ich den Entschluss gefasst, zusammenzuziehen. Haben alle Zweifel über Bord geworfen und gemeinsam entschieden, es einfach mal zu probieren – obwohl wir zu dem Zeitpunkt „erst“ ein halbes Jahr zusammen gewesen sind.  In dieser Kolumne soll es darum gehen, wie die beiden Monate so waren, wie wir jetzt über die Entscheidung denken, ob wir es bereuen oder ob wir wieder diesen Entschluss fassen würden.. Und um es vorweg zu nehmen: Ja! Jeden Tag wieder.  Vielleicht können wir jemanden mit unseren Learnings inspirieren oder dazu anstiften, sich von den Meinungen anderer abzulösen bzw. auf sich selbst zu hören – was immer das auch für euch bedeuten mag. So weit – so gut.  Der Umzug Der Umzug selbst, und auch die beiden Wochen davor und danach, waren natürlich anstrengend. Wir sind aus zwei Haushalten zusammengezogen und haben beide auch bei unseren Eltern noch Gegenstände aufbewahrt, die auch mit ins neue Heim einziehen sollten. Man kann sich also vorstellen, dass es eine Menge Zeug zu packen und Zeit zum sich organisieren …

380 Tage Hanau #wir

TW: Rassismus, Rechtsextremismus, Rassistische Gewalt, Tod Heute vor 380 Tagen wurden neun Menschen bei dem rassistischen und rechtsextremen Anschlag von Hanau ermordet. Auch heute erinnern wir daran.Auch heute gedenken wir: Hamza Kurtović Gökhan Gültekin Vili-Viorel PăunFerhat UnvarMercedes KierpaczFatih SaraçoğluSedat GürbüzSaid Nesar HashemiKaloyan Velkov 19-02-2020 Es ist der 19. Februar 2020.Ich bin in meiner Wohnung und gerade aufgewacht als ich davon erfahre. Ich weiß noch immer, was ich an diesem Tag getan habe. Was hast du an diesem Tag getan?Ich weiß noch genau, wie ich auf meinem Sofa saß und versucht habe, mit Tränen in den Augen zu essen.Ich weiß noch immer, wie ich versucht habe zu funktionieren.Ich weiß noch immer, was ich gefühlt habe. Ich kann es heute noch immer fühlen.Was hast du an diesem Tag gefühlt?Ich weiß noch immer, wie Menschen um mich herum lachten und sich amüsierten als wäre nichts gewesen.Ich weiß noch immer, wie mein Herz Stück für Stück zu brechen begann.Wie ging es deinem Herzen?Dieser Tag, der 380 Tage zurückliegt, fühlt sich gar nicht so weit weg an. Als wäre es …

Mit Freunden Schluss machen

Wenn ich von meiner Wohnung zu meinen Eltern laufe, liegt F.s altes Zuhause mitten auf dem Weg. Das Haus ist groß, weiß mit dunkelgrünen Fensterläden. Licht brennt eigentlich nie, überhaupt sieht das Haus unbewohnt aus, der Garten ist völlig verwildert. Ich weiß auch nicht ob F. noch darin wohnt. Manchmal steht das rote Auto seiner Oma in der Einfahrt. Immer wenn ich an dem Haus vorbeilaufe, werde ich langsamer, stehen bleiben tue ich aber nie. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie es drinnen ausgesehen hat.  F. War für lange Zeit mein bester Freund. Also lange Zeit, aus der Sicht eines achtjährigen Mädchens. Jetzt habe ich länger keinen Kontakt zu ihm gehabt, als unsere Freundschaft damals hielt.   Freundschaften sind kompliziert.   Wann wird aus einem Bekannten ein Freund? Zählt mich ein Freund auch zu seinen Freunden? Wen rufe ich an, wenn es mir schlecht geht? Wem kann ich ein Geheimnis anvertrauen? Und: Tut mir diese Freundschaft überhaupt noch gut? Auch von Freunden kann man sich trennen, wie von einem Partner. Die erste Erfahrung damit habe ich im  Grundschulalter mit F. gemacht, …

Kreativ + Sein mit Chris Woods #zwischenneugierundbewunderung

Wie ist das überhaupt so, an einer Kunsthochschule zu sein? Wo kann es dort auch mal schwierig werden? Wie definiert man sich, wenn man in vielen verschiedenen Disziplinen tätig ist? Was gibt es zur Veröffentlichung von kreativem Output gerade zu sagen? Was haben soziale Medien damit zu tun? Chris ist Dj, Front-End Developer und Fotograf. Seit einiger Zeit studieren wir gemeinsam an einer Kunsthochschule in Süddeutschland. Entstanden ist ein reflektierendes, tiefes Gespräch an das ich einige Zeit später immer noch denken muss. Wie war das eigentlich bei dir, ich glaube wir haben darüber noch nie gesprochen, wann war der Scheidepunkt an dem du entschieden hast, nicht nur in deiner Freizeit kreativ zu sein, sondern ein Kunststudium zu beginnen? Puh, der Scheidepunkt… Ich glaube, das war die Realisation als ich begriffen habe, dass die Themen über die ich mir Gedanken mache, nicht unbedingt jeder hat. Ich hatte mit fünfzehn das gute Glück, nach Kanada gehen zu dürfen. Dort habe ich Kurse wie Fotografie und digitale Medien belegt, die mir den ersten Einblick gegeben haben. Das gute …

Haben oder Sein?

Pausenlos konsumieren Ohne Befriedigung liebenDu gehörst mirIch gehör dirIst es das, was du willstDu hast SehnsuchtIch sehne michDu verstehst den Unterschied nichtEs geht um haben oder seinFühlen tust du nichtsDeine Glieder taub gewordenFür meine StimmeDie dir nicht gehörtDeine Hände greifen Nicht mehr nach mirNach MittagSie greifen mehrIns Leere des Seins Doch bist duDurstig nach WortenDie deinen erkauften Stolz bewundernDich einbalsamieren in geheucheltes InteresseDu hörst mein LachenDenkst nur an deine FehlerDie nur du selbst siehstIch bin hierIch möchte doch nur teilen Was mich erfülltDein Gesicht versteinertZugebaut, verhülltVor den Kopf gestoßenlache ich weiterDenke,Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dichIch will dir nicht gehörenIch will dich nicht habenIch will mein Sein mit dir teilenOb du mich noch hörst?Denn obwohl ich am Sein arbeiteHabe ich AngstUnd obwohl wir es doch SindHabe ich ZweifelHaben oder Sein? Vereinzelte, verlorene Teile des SeinsZuvor gefunden und nicht behaltenDer von hinten auf dich zeigende SpiegelWürde mich erblassen lassenHätte ich gesehen, dass er zeigt,Was ich warIch war okayBin okay für mich selbst Wann kamen AnsprücheDie mich runter stufen Auf die Stufe derSelbstliebe …

2021 – Der Rassismus bleibt! #wir

TW: Rassismus, Polizeigewalt, Tod Das Jahr 2020 hatte es in sich. Es ist geschehen, was viele von uns nicht für möglich gehalten hätten. Ereignisse, die uns vor Augen geführt haben, wie privilegiert doch viele von uns sind. Ereignisse, die uns an unsere Sterblichkeit erinnert haben. Ereignisse, die gezeigt haben, dass strukturelle Ungerechtigkeit ein Teil dieses Landes ist.Das Jahr 2020 liegt nun hinter uns. Doch endet mit ihm auch der Rassismus? Endet mit ihm die rassistische Polizeigewalt? Enden mit ihm die Rassismuserfahrungen, die marginalisierte Menschen in diesem Land Tag für Tag erleiden?LAUT UND DEUTLICH: NEIN!Deswegen kann und muss 2021 das Jahr sein, in dem Rassismus weiterhin bekämpft wird. Für eine gleichberechtigte Zukunft aller in diesem Land lebenden Menschen! 2020 – Kein Jahresrückblick Freude, Trauer, Wut, Glück, Ohnmacht. Wer hat sie im letzten Jahr nicht verspürt? All diese Emotionen, die das Jahr 2020 in mir ausgelöst haben.Das Jahr der unvorhersehbaren Ereignisse. Wer hätte damit gerechnet, dass 2020 all diese Momente und Herausforderungen für uns bereit hält? Ich sicherlich nicht. Und noch einmal hat mir das Leben gezeigt, …