Autor: Gastgedanken

Warum ich nicht immer jeden educaten will

“War das etwa sexistisch”, fragt mich der besorgt aussehende Späti-Mann. Seitdem er mitbekommen hat, dass wir feministisch unterwegs sind, ist das sein Hauptgesprächsthema. Und so kann es passieren, dass wir an unserem Stamm-Späti sitzend, in ein Gespräch verwickelt werden – über Gott, die Welt, Bier, aber eben auch Feminismus. Es sind nette Gespräche, er erzählt viel aus seiner Erfahrung, fragt nach, was noch erlaubt sei und was nicht und ist generell sehr interessiert an der Materie.  Meine Freund*innen schätzen sein Interesse an dem Thema sehr und meinen, dass es doch gut wäre, dass er so interessiert sei und sie ihn weiter belehren können, über ihren Blick auf die Welt, der so viel weiter sei als seiner. Und so reden sie Stunde um Stunde über das große Thema Feminismus: Was Männer dürfen, was Frauen können und irgendwann frage ich mich: “Hat er mich überhaupt gefragt wie ich heiße?’’ Dieser Mann, der seit Stunden unser Gespräch bestimmt und dem wir schon in mehreren Sitzungen unser feministisches Grundlagenwissen einflößen. Nein, hat er nicht. Auf dem Nachhauseweg, versuche ich …

Über Mut, mich, und das, was gerade in der Welt geschieht

Ich habe eine funktionierende Familie, wir sind nicht arm und auch nicht superreich, wir leben in einem großen Haus mit Garten und ich habe mein eigenes Zimmer. Meine Familie hat einen Fernseher und ein Auto (dem einsprechen wahrscheinlich auch nicht die beste Ökobilanz, aber wir geben uns Mühe). Wir können mehrmals im Jahr verreisen und schon morgens bei der Frage, was es zum Frühstück geben soll, anfangen zu diskutieren. Ich habe soziale Kontakte, ich gehe gerne zur Schule und bin sogar gut darin. Ich werde nicht gemobbt und über mich wird nicht gelästert (glaube ich zumindest). Ich bin groß und schlank, habe zum Glück aber keine große Oberweite, weshalb ich mich nicht vor jedem Typen in Acht nehmen muss. Ich mag meinen Körper und essen ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Ich bin noch nie mit Drogen in Kontakt gekommen, rauche nicht (auch nicht passiv) und ich trinke keinen Alkohol. Ich hatte bisher selten direkten Kontakt mit Krankheit oder Tod. Ich bin nicht homosexuell und nicht transsexuell, stehe dem aber offen gegenüber. Ich bin Christin. (Nein, das ist kein Gegensatz!)  Ich …

Lächelnde Augen

In dieser Zeit, in der Nachrichten von einem Virus, dessen Name zum Teil eine Zahl ist, uns bis in den Schlaf begleiten, in dieser Zeit, in der Zahlen von Neuinfektionen, angsteinflößenden Zukunftsvisionen, Bilder von Menschen mit Masken in elendig langen Supermarktschlangen, oder gefangen in ihren eigenen vier Wänden, tagtägliche Beobachtungen und Eindrücke sind, vergesse ich schon mal, dass gerade eigentlich die Zeit im Jahr ist, in der nicht nur Blumen, sondern auch mein Herz zu blühen beginnt.  Es ist die Zeit, in der mein ganzer Körper bis in die Fingerspitzen kribbelt, wenn ich morgens ganz früh aus der Haustür trete, den Blick gen Baumkronen gerichtet, wo die Vögel ihre Lieder singen, die Luft noch kühl und klar, wie das Mittelmeer, als ich vergangenen Herbst dort war, die vollkommene Stille, der Geruch von morgentaufeuchtem Gras und Sonnencreme vom Vortag, das Vertrauen in den Tag und dass gut wird, was gerade ist, dass alles ganz und gar gut wird.  Es ist die Zeit, in der mein Lächeln ein ständiger Begleiter von mir und meinem Ausdruck wird, in der …

Keine Liebe

Wir streiten. Wir streiten und weinen und schreien. Wir streiten. Immer und immer zu. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so viel mit einem Menschen gestritten zu haben. Du bist außer dir. Du schreist und wirfst mir Wörter an den Kopf, die nicht stimmen. Ich bin nicht so wie du mich darstellst. Ich weine und schreie. Hör auf. Das Stimmt nicht. Du nimmst einen Stuhl und wirfst ihn gegen die Wand. Dort prallt er auf, mit einem lauten Knall, zwei Meter neben mir. Ich ducke mich. Ich weine. Du brichst zusammen. Und weinst. Es ist still. Nur das Schluchzen ist zu hören. Sekunden sind Stunden und Minuten sind Sekunden. Alles dreht sich und alles steht still. Ich stehe auf und gehe zu dir, umarme dich, tröste dich. Du erwiderst meine Umarmung und küsst mich und sagst, du liebst mich. Ich entwinde mich. Verstehe nicht, was hier passiert. Ich fühle mich so lebendig und so leer. Ich meine dich zu lieben, doch ich hasse dich. Was machen wir? Was machen wir hier seit Monaten? Am …

Unter meiner Haut / Neurodermitis

Nur etwa drei Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden an der Hauterkrankung Neurodermitis und ich gehöre dazu. Ich gehöre also zu einer kleinen Gruppe der Gesellschaft, welche gerne verstehen würde, was unter ihrer Haut passiert? Ich stelle mir oft die Frage, wie ich meine Haut verstehen kann und wie ich lerne, mit dieser Erkrankung umzugehen. Seit Jahren versuche ich mir jeden Morgen Mut zuzusprechen und mir einzureden – ist doch nicht so schlimm, aber die meisten Tage im Jahr bin ich verzweifelt. Warum wache ich morgens auf und habe eine neue, raue, rote und juckende Stelle an der Hand? Sie war doch gestern Abend noch nicht da? Wie kann es sein, dass ich mich in der Nacht unterbewusst gekratzt habe, ich habe doch geschlafen? Wieso juckt es auf einmal an meiner Ellenbeuge? Ich habe schon oft gehört, die Haut sei der Spiegel der Seele. Ist dies war? Geht es mir innerlich nicht gut, dass meine Haut mir dies von außen zeigen muss? Ich hätte so gerne Antworten auf diese Fragen. Die meisten Ärzt*innen, welche ich …

In einer Welt, in der ich alles sein kann, bin ich mutig.

Als Kind habe ich Geschichten geliebt. Mit meinem Bruder zusammen habe ich Szenarien aus selbst kreierten Geschichten nachgespielt, die immer eins gemeinsam hatten: Sie handelten von Abenteuern, Mut, von einem Mädchen, das mutiger war, als alle anderen um sie herum. So mutig, dass sie es immer wieder aufs Neue schaffte, die ganze Menschheit zu retten. Dieses Mädchen wollte ich sein. Kann man auch mutig sein, ohne zu wissen wie man mit Pfeil und Bogen umgeht oder gegen Drachen kämpft? Meine Pubertät war geprägt von Zurückziehen, Flucht in Traumwelten und Introspektion. Die Zeit in der man beginnt sich seine Identität zu konstruieren, oft mit den Bausteinen anderer, denn sie haben einem oft genug gesagt oder gezeigt wer man ist. Ein Gefühl begleitete mich die ganzen Jahre lang, das Gefühl, mein früheres Ich mit meiner Entwicklung enttäuscht zu haben. Den ganzen Tag in seinem Zimmer rumhängen, ist das denn mutig? Sich im Unterricht nicht trauen etwas zu sagen, wenn man unaufgefordert drangenommen wird, ist das mutig? Nein, oder? So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Das dachte …

Über letzte Male und warum es gut ist, nicht zu wissen, dass sie es sind

Vergangenes Jahr habe ich es zum ersten Mal gemacht.  Ein Letztes Mal erlebt. Ganz bewusst. Okay, zugegeben, es war nur das letzte Mal für genanntes Jahr. Ich habe mich vom Sommer verabschiedet. An einem Samstag, Anfang September, saß ich im Garten meiner Eltern, habe die Augen geschlossen und ganz bewusst das Kitzeln der September Sonne auf meinen nackten Beinen gespürt. Habe den letzten Schluck Eiskaffee genauso genossen, wie den ersten ein paar Monate davor. Habe versucht die Sommererinnerungen abzuspeichern und mich innerlich auf Tee, Lebkuchen und Stiefel vorzubereiten. Danach gab es zwar noch zwei, drei Tage an denen es warm war, aber für mich war dieser Tag das Ende dieser Jahreszeit. Ein letztes Mal. Und wie verrückt ist es, dass ich zum ersten Mal einen Tag benennen kann, der für mich im vergangenen Jahr den Sommer beendete? Normalerweise geschieht das fließend und bis wir uns versehen, hat sich die Jahreszeit verändert. Und das ist auch nicht weiter schlimm, denn letzte Male sind auch immer mit Abschiedsschmerz verbunden. Was war ich glücklich und traurig zugleich an …

Und manchmal mache ich auch einfach überhaupt nichts

– Die Fotos und Tagebucheinträge über die Schönheit des Alleinseins und die Vorfreude auf den etwas anderen Sommer sind in den letzten Wochen entstanden. Die Selbstporträts sind von Jule. Sie ist 20 und lebt zur Zeit noch in Flensburg. Neben Fotografie, Grafik und der Malerei springt sie gerne ins kalte Meer, fährt mit dem Fahrrad Berge hoch und runter und liegt gerne, in Gesellschaft aber auch alleine, unsinnig rum. Ihre Bilder sind der Versuch Ungreifbares greifbar erscheinen zu lassen , Gefühle und Gedanken sichtbar zu machen und bloß nicht Erlebtes zu vergessen. Die Aufnahmen begleiten sie dokumentarisch durch den Alltag.  Dieser Beitrag wird außerdem durch einige Aufnahmen von Luka ergänzt.

Unter der Spitze des Eisbergs

Ok Kids. Thema heute: Body Positivity. Alles schon gelesen, alles schon gehört, wir haben doch kapiert, heute sind alle Körper schön und Magersucht ja so 2001. Nivea macht jetzt sogar Werbung mit dicken Körpern und Gilette mit unrasierten Beinen. We’re over it.Oder? Ja, das Schönheitsideal hat sich seit den 2000ern verändert: Heute wird nicht mehr so viel gehungert, und dafür mehr geschwitzt – für definierte Schultern, straffe Beine und Bauchmuskeln. Knochen sind out, Muskeln und clean eating sind in. Ist das besser? Keine Ahnung. Aber so lange es in dieser Welt überhaupt noch Schönheitsideale gibt, so lange Frauenzeitschriften ihre Existenz damit berechtigen, akribisch die Gewichtsveränderungen irgendwelcher Berühmtheiten zu dokumentieren und ich beim Fahrradfahren auf glatte Bäuche auf Werbeplakaten schauen muss, ist zu dem Thema noch nicht alles gesagt. Auch heute leiden noch fünf Millionen Frauen und Männer in Deutschland an Essstörungen, von denen 100.000 an Magersucht und 600.000 an Bulimie erkranken. Und wenn im Jahr 2017 78 Menschen in Deutschland infolge einer Essstörung verstorben sind, sind das 78 Menschen zu viel.Doch diese 78 Menschen sind …

Diffuse Gefühle

Was bleibt– von Anonym Dieses diffuse Gefühl, die Schatten zwischen den Sonnenflecken. Alle vier Jahre erneuern sich die Zellen meines Körpers mit den Bildern an meiner Wand und die Strukturen der Systeme verschieben sich. Die Tapeten sind dann abgeraut und einmal zu oft überstrichen, die Finger ausgerenkt und verirrtes Licht malt Halbmonde zwischen meine Schulterblätter. Die Musik bleibt, der Himmel bleibt, stagnierende Blues wie ein nie endender Sommerregen, der Haut und Haare durchdringt und schließlich auf dem Schlüsselbein nachklingt.  Komm schon, komm schon, du zerrst ungeduldig an meiner Hand und an meinen Haaren, ein Neuanfang.  Also schäle ich mich aus meinem Kokon aus Transparentpapier, Schicht für Schicht, aber meine Haut ist immer noch blass und übersät von fremden Geschichten. Das grelle Licht brennt Muster auf meine Netzhaut und schneidet meine Gedanken in Bruchteile. Scharfe Kanten, Scherben ohne Reflektion. Gestern habe ich meine Lieblingsfarbe vergessen und morgen wird es vielleicht mein Name sein. Die Musik bleibt, der Himmel bleibt, die Schatten zwischen den Sonnenflecken sind meine ewige Konstante. Alle vier Jahre erneuern sich die Zellen meines …