Autor: Gastgedanken

Bleiben

(Triggerwarnung: Essstörungen) Meine Gefühle gehen manchmal so tief, dass ich Angst habe, auf der anderen Seite der Erde herauszukommen. Oder mich selbst wie ein schwarzes Loch zu verschlucken. Lustiger Gedanke, aber lange wollte ich genau das. Verschwinden ohne jede Spur. Schön nachhaltig, keine Rückstände. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn ich dafür nichts zu tun gehabt hätte. Der Boden öffnet sich, saugt mich auf und that’s it. Niemand fragt nach, niemand vermisst etwas. Dachte ich. Doch die Welt hat diese Option nicht auf Wunsch im Angebot, also anders. „An dir ist ja gar nichts mehr dran“ meint meine Oma, als wir uns zur Begrüßung umarmen, gefolgt von „nimm doch mal wieder ein paar Kilo zu“. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Mittlerweile sind diese Begrüßungssätze bei meinen Besuchen zu Floskeln geworden. Sie mache sich doch nur Sorgen, sagt sie dann. Früher hatte ich immer das Gefühl, dass da eine Art Barriere zwischen meiner Umwelt und mir ist, eine unsichtbare Membran, die beidseitig nur tröpfchenweise Dinge durchlässt. Diese Schutzhülle wurde über die letzten Jahre …

Zwischen Mandarinenschalen und zu starkem Kakao  

Ich weiß noch, dass sie damals an die Sojamilch gedacht hatte.   Und an eine Decke, die so groß war, dass wir beide, Beine und Arme von uns gestreckt, auf ihr liegen konnten, ohne uns zu berühren. Ich weiß auch, dass der Wind aus ihrer Richtung kam und ihren Geruch auf der Lichtung verteilte. Sie hatte ein blaues und weites Kleid an, ihre Haare waren zusammengebunden. Ihre Augen spiegelten meine Euphorie wider, meine Euphorie, wieder neben ihr liegen zu können. Ich erinnere mich, dass ich am Anfang versuchte sie nicht ständig anzuschauen, jedoch bald aufgab es zu versuchen. Wir tranken Kakao und schälten Mandarinen. Als Kinder haben wir mal Mandarinen in der Badewanne gegessen. Dann haben unsere langen Haare eine Woche lang nach Mandarinen gerochen und alle in der Schule wollten wissen, was das für ein Shampoo sei. Da mussten wir grinsen und gaben uns einen Blick, der für alle anderen nichtssagend war, für uns aber ein ganzes Buch bedeutete. Als wir älter wurden, hörten wir irgendwann auf miteinander zu baden. Ich habe vergessen warum. Wir hörten auf, nur sonntags zu baden …

Ein Wort Gefühl

Mir wird heiß, meine Ohren rauschen und mir wird leicht schwindelig. Ich spüre meinen Puls gegen die Schläfen pochen. Ich will etwas erwidern, aber ich schaff‘ es nicht. Ich sehe in Zeitlupe wie deine Lippen sich weiterbewegen, Worte formen und daraus Sätze bilden. Aber ich kann dich nicht mehr hören, geschweige denn verstehen. Mein Körper war schneller als mein Verstand. Er hat mich unter Wasser gezogen. Jeder Versuch klare Gedanken zu fassen, fühlt sich an als würde ich ein bisschen von dem Wasser schlucken, das mich umgibt. Ich halte die Luft an, während sich alles, um mich herum, dreht und rauscht. Deine Worte haben mich verletzt und ausgelaugt. Das letzte bisschen Luft in meinen Lungen reicht nur noch für einen Bruchteil dessen, was deine Worte in mir ausgelöst haben.                autsch. Nur ein Wort Gefühl und doch verstummst du, suchst wieder den Blickkontakt zu mir, den du kurz zuvor unterbrochen hattest. Also nehme ich einen tiefen Atemzug. Als ich wieder ausatme, stolpern die ersten Worte mit hinaus. Sie formen sich zu einem ersten Satz, zu …

Nachtgespenster

Wie heißen die Gedanken, die uns Nacht nichts schlafen lassen? Die uns uns von einer Seite auf die andere wälzen lassen? Oder zumindest mich. Manchmal. Manchmal öfter. Tagsüber lächle ich, denke die Welt ist gut in der ich mich bewege, in der ich lebe. Und dann wird es dunkel. Ich ziehe die Vorhänge zu und kuschle mich in meine Bettdecke. Licht aus. Augen zu. Vorhang auf. Gedanken an. Ich wälze mich stundenlang von einer Seite auf die Andere. Mein Gehirn spinnt Kreise. Zieht Fäden von denen ich noch nicht einmal wusste, dass es sie gab. Wühlt lange in Erinnerungen. Aber nicht in den Schönen. Nachts werden die Dunklen ausgepackt. Die, die am Tag durch die Sonne verdrängt werden. Oder durch Lachen. Durch Alltag.   Doch im Dunkeln bin ich alleine. Bin dem ausgeliefert, was ich tagsüber nicht denken will. Nicht denken kann. Das, was tief in unserem Unterbewusstsein gräbt und weilt, wird dann herausgeholt und von allen Seiten betrachtet.  Ich kann nicht schlafen. Wieder nicht. Wenn ich als Kind nicht schlafen konnte und dann leise weinend …

Wenn sich dein Leben um 90 Grad dreht

Stellt euch vor, ihr seid Mitte 20, kommt gerade von einer Wanderung mit einer Freundin nach Hause und fangt an auf eure Prüfungen für die Uni zu lernen. Ihr werdet bald gegen Covid geimpft, bald fallen die Einschränkungen und ihr könnt wieder mehrere Freunde treffen, ins Restaurant gehen oder ins Kino. Ihr habt eine tolle Familie, habt erst gestern erfahren, dass ihr Tante/Onkel werdet und ihr freut euch, eure Freunde bald wieder zu sehen. Ihr setzt euch an den Tisch um Abend zu essen, auf eurem Fitnessarmband seht ihr, dass euer Ruhepuls bei 52 liegt. Ziemlich cool, da sieht man wohl doch den Effekt von Sport. Watte im Kopf Eine Woche später steht ihr auf und fühlt euch komisch. So, als ob man Watte im Kopf hätte oder einen heftigen Kater, aber ihr habt gar nichts getrunken. Zu Mittag bekommt ihr Kopfschmerzen. Drückende, ein bisschen als ob sich ein Elefant auf den eigenen Kopf gesetzt hätte. Ihr denkt euch nichts dabei, schließlich ist das Wetter heute auch total eigenartig, wechselt ständig zwischen Regen und Sonnenschein. …

Urlaub nach Corona

Endlich wieder Urlaub! Endlich wieder neue Eindrücke, andere Menschen, zu teure Drinks in schäbigen Bars, baden in fremden Seen, die Suche nach einem Kaffee an einem winzigen Bahnhof. Endlich wieder open minded sein. Wer sagt dass Vorfreude die schönste Freude ist, war noch nicht nach einer Pandemie im Urlaub – I can recommend! Als ich mich völlig hyped daran mache meine Tasche zu packen, fest entschlossen die richtigen Outfits zu wählen, die mich jede Sekunde meines Urlaubs genießen lassen, fällt mir auf, dass ich verlernt habe wie das geht. Scheiße, ich habe neun Monate literally in meinem Zimmer verbracht – die einzige Tasche, die ich dabei hatte war die Ikea-Tüte um Pfand wegzubringen oder der Beutel mit Glühwein im Winter. Naja, Zahnbürste, Schlüpfer, alles andere kann man kaufen -Hauptsache weg aus Berlin.  Der nächste Stutzer folgt am Tag der Abreise –  ein flaues Gefühl macht sich in meiner Zwerchfellgegend breit. Zu viel Deutsche-Bahn-Filterkaffee? Sodbrennen? Anxiety? Ich bin aufgeregt, obwohl ich seit meinem neunten Lebensjahr regelmäßig alleine Zug fahre, fliege, verreise. Was wenn hier ein Mißverständnis …

Nur noch 5 Minuten

Ich bin zwei Wochen im Urlaub und fühle mich als wäre ich bekifft ins Kino gegangen. Traumbilder ziehen an mir vorbei, ein Gefühl der Angst schwingt mit und jeder Moment brennt sich in meine Erinnerung ein. Bis hier hin liefs noch ganz gut. Nur noch ein paar Minuten Urlaub. Ein Café in Mailand. Zu meinen Füßen reißen sich 30 weiße Tauben um die Blätterteigkrümel, die wie Strasssteine den Boden schmücken. Nach einer Weile bemerke ich, dass außer meinem Tisch alle von Tauben besetzt sind. Nur noch 5 Minuten Der Blick auf den Lago Maggiore. Die Hitze flirrt, hinter den Palmen sehe ich Flugsaurier die Berge umrunden und würde den Moment gerne schmecken. Nur noch 4 Minuten Mein Blick schweift von der geöffneten Sektflasche über Paris. Als ich den ersten Schluck nehmen will, fängt es an zu regnen. Ein hutzeliger Mann spielt Chansons von Britney am Klavier. Ich gehe weiter und sehe Menschen an der Seine tanzen, um ein Paar, das einen Tango hinlegt, hat sich ein andächtiger Kreis gebildet – die Zuschauer:innen tragen keine Masken. …

Ich & Du, Ich, Ich & Leben

Zusammengefasst ist zu sagen,in nur 3 Abschnitten Text kann das Leben nicht genau dargestellt werden,aberes zu versucheneinzufangen ist möglich.In einer Art Marmeladenglas, gut versteckt auf Papier. 1. Szene/ Ich & Du: Ich sitze mit dir in einem Raum und lasse mich von deiner subjektiven Wahrnehmung mitreißen. Kühle Atmosphäre umgibt uns, die weißen Wände wirken diesmal noch trister als beim letzten Mal und die Deckenleuchte hängt tief. Besonderheit: heute wird ausnahmsweise kein Brettspiel zusammengespielt. Verblassen Ein und ausIch atme ein und aus;Das ganze Grau hierAlles in mir Dringt in meine Lungen Lässt mich so gut versteh’nVielleicht sollt´ ich deswegen geh’n Bleibe aber hier bei dir Will nicht noch mehr deine Augen versinken seh’nBleib doch endlich mal steh’n Du rennst in der letzten Zeit so viel,wenn du in diesem Zimmer die Zeit abhockst Lässt deine Gedanken so viele Bahnen kreisenDie bringen dich so sehr zum Vereisen Vielleicht sollt ich geh’nKann dich nämlich so gut versteh’n Wenn ich hier bin, kommt es mir wie das Normalste der Welt vorGefühle kommen schon gar nicht mehr empor;Kann dich nicht alleine …

Sonntag ist Heimspiel

Der Geruch von Nagellackentferner hängt im Raum und wabert selbst in die letzte Ecke. Es ist Sonntag, das Zugticket ist reserviert und mein einziges Basic Outfit liegt auf dem Schreibtischstuhl. Es wird nur bei Heimreisen getragen. Ich streune jedes Mal aufs Neue durch die Wohnung, während meine Gedanken sich wiederkäuen. Es wird bestimmt ganz nett, du triffst alte Bekannte, die bunten Socken legst du lieber wieder in die Schublade, brauchst du den Nagellack wirklich, beim letzten Mal waren es doch nur zwei doofe Sprüche, da stehst du doch drüber. Das Gedankenkarussell dreht seine Runden.   Bei der Ankunft am Bahnhof treffe ich schon den ersten Bekannten und muss über meinen Studiengang ausholen, da alles was nicht Jura oder Lehramt ist, eine Erklärung braucht. Ich gehe meinen alten Schulweg entlang, bin direkt wieder 16 und versuche so undercover wie möglich nach Hause zu kommen. Dort werde ich überschwänglich empfangen von meiner Familie und meiner Katze. Natürlich gibt es mein Lieblingsessen. Wenn ich frage, was es Neues gibt, kommt ein Achselzucken.   Nach dem Abi wurde auf die Stopptaste gedrückt und die Einzigen, die …

Schmerzgrenze

STAATSGRENZEN SPRACHGRENZEN ARMUTSGRENZEN ALTERSGRENZEN SCHMERZGRENZEN Sie begrenzen mich, aber ich bin grenzenlos. Mein Körper, meine Seele, eine Karte, die bisher nur meinen Umriss zeigt. Keine Binnengrenzen. Kein „bis hierhin und nicht weiter.“ Keine Grenzsoldaten, die akribisch jeden kontrollieren, der auf meiner Seele sein beschissenes Badehandtuch ausbreiten will. Mit der Zeit werden sie kommen, sie, die Landvermesser, die Kolonialherren, welche die Grenzen mit dem Lineal zu ziehen versuchen und dabei die ganzen Feinheiten meiner Seele, meines Körpers übersehen. Oder nicht sehen wollen. Ihre Grenzen werden mein Korsett. Mit ihnen kann ich vor den Augen der Gesellschaft aufrecht stehen. Es wird eine Weile dauern, bis ich merke, dass ich nicht mehr richtig atmen kann. Zunächst wird mein Atem immer flacher werden. Keine zu hastige Bewegung, alles ist kontrolliert. Wenn sie schauen dann lächele ich. Jedes Mal ein Kraftakt. Mit jedem flachen Atemzug, immer zu wenig Sauerstoff, immer viel zu kurz, wächst in mir das Verlangen nach Freiheit. Freiheit kann einem niemand schenken. Freiheit muss man sich selbst erschaffen. Das weiß ich jetzt, aber früher, da wusste ich …