Autor: Gastgedanken

62 Monate

„Wo ist er?“, frage ich plötzlich hellwach. „Er ist heute Nacht gestorben“, sagt meine Mama auf unserer Küchenbank kauernd. Ich schaue auf den Backofen. 6:32 Uhr steht auf der roten Anzeige. Ich bin heute vor dem Wecker aufgewacht. Ganz von allein. Das kommt sonst nie vor. Langsam gehe ich rückwärts wieder aus der Küchentür, durch den Flur und schließlich ins Wohnzimmer. Dort lasse ich mich auf unser braunes Wildledersofa sacken. Ich lehne meinen Kopf gegen die weiche Rückenlehne und starre vor mich hin. Weinen kann ich nicht. Die Stimme der besten Freundin meiner Mutter in der Küche, wie sie versucht, meine Mama davon abzuhalten, mir zu folgen, hallt in meinem Schädel. Meine Gedanken setzen aus. Sie setzen 62 Monate aus.  Heute ist der Tag, an dem mich alles einholt. Die ganzen 62 Monate, seitdem mein Papa gestorben ist. Ich sitze auf meinem ranzigen Ikealammfell in meinem 12-Quadratmeter-WG-Zimmer in Wien. Ich dachte, es würde besser werden, wenn ich meine Sachen packe und so weit wie möglich von der Kleinstadt, die ich „Heimat“ nenne, wegziehe. 600 Kilometer sind genug Entfernung zu vergessen, was ich vergessen …

Ich seh’ rot

Das letzte Mal war schon viel zu lange her, das war mir auch sehr  bewusst. Aber ich hatte andere Sorgen und zugegeben war ihre  Abwesenheit auch ganz angenehm. Doch wenn ich ganz ehrlich zu mir  bin, dann hatte ich 4 Jahre lang meine Periode nicht.  Es fällt mir schwer, die Vergangenheit zu rekonstruieren, wann es  genau anfing kann ich nicht benennen. Innerhalb von kurzer Zeit  verlor ich über 1/3 meines vorherigen, gesunden Körpergewichts und  fand mich im Untergewicht wieder. Zu diesem Zeitpunkt war mir noch  nicht klar, dass die damit einhergehenden physischen und psychischen  Schäden mich viele Jahre begleiten werden würden.  Ursachen für das Ausbleiben der Periode   Sekundäre Amenorrhö, also dem Ausbleiben der Regelblutung über  mehrere Monate, kann viele verschiedene Ursachen haben. Neben dem  bereits erwähnten Untergewicht zählen auch Leistungssport,  Medikamente (auch nach dem Absetzen der Pille!) und Stoffwechselerkrankungen dazu, aber auch mentale Stresssituationen können diese auslösen.  Die Menstruation ist ein sehr komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Geschlechtshormone zur Vorbereitung des Körpers auf eine mögliche Befruchtung. Vom Hypothalamus, der die Hormonaktivität koordiniert, müssen viele Prozesse durchlaufen werden, bis die Eierstöcke die …

Wie möchte ich leben?

Während des Abiturs, war alles ganz klar: Nach dem Abi erstmal reisen, auf geht’s, ohne Plan in die große Welt, die voller Wunder und Geheimnissen steckt. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich meinen Abschluss mitten in einer Pandemie machen würde und damit das Reisen erstmal auf sich warten lassen muss. Gut, dann halt Planänderung: Auf in eine neue Stadt ziehen, Leipzig, die wunderschöne, Hippie-Studierenden-Stadt. Ich hatte lange gespart und liebe die Unabhängigkeit, also, auf in meine erste eigene Wohnung. Nice! Nur, was mache ich mit meiner ganzen Zeit? Ich möchte mich ja auch nicht unproduktiv fühlen. Schnell einen Job gesucht und noch ein spannendes Studium begonnen, für die ganzen Vorteile, die das Studierendendasein so mit sich bringt. Ja, da saß ich nun also in meiner Wohnung. Von einer wilden Ausreißerin wurde ich auf einmal zu einer beinahe vorbildlichen Vorzeigestudentin. Es kommt ja immer anders als Mensch denkt.  Klar, natürlich war da noch der Drang in mir mich auszuprobieren, aber dieses Gefühl von Sicherheit, das war irgendwie gut, meine Familie war stolz auf mich und …

Ich zweifle, Du zweifelst, Wir alle zweifeln.

Es sind solche Tage, an denen Du zu Hause oder in der Bahn hockst und durch Instagram scrollst. Du siehst die erfolgreichen Influencer:innen mit der guten Haut, die Ex-Kommiliton:innen mit dem tollen Job und der krassen Wohnung und dann … naja, dich, wie du mit fettigen Haaren versuchst, nicht sofort anzufangen in Tränen auszubrechen. Weil du zweifelst. Du zweifelst an dir und all deinen Entscheidungen, die du bis hier gemacht hast. Ob die Trennung wirklich das Richtige war, statt Literaturwissenschaften nicht vielleicht doch lieber Soziale Arbeit sinnvoller gewesen wäre und ob du statt dem bezahlten Praktikum – UGH – nicht doch lieber das unbezahlte Praktikum – NICE – hättest annehmen sollen. Ich habe zwei Dinge verstanden: 1. NIEMAND HAT DAS LEBEN IM GRIFFund 2. HÄTTE HÄTTE, FAHRRADKETTE Du bist nicht allein damit. Ich erinnere mich noch an einen Smalltalk mit einer ehemaligen Kollegin zu Beginn letzten Jahres. Gerade frisch aus dem Auslandssemester hatte ich keine Kohle, keinen Job und sah mich die nächsten Monate jammernd in der Bib sitzen, Masterarbeit schreiben und das Studium verfluchen. …

Haben oder Sein?

Pausenlos konsumieren Ohne Befriedigung liebenDu gehörst mirIch gehör dirIst es das, was du willstDu hast SehnsuchtIch sehne michDu verstehst den Unterschied nichtEs geht um haben oder seinFühlen tust du nichtsDeine Glieder taub gewordenFür meine StimmeDie dir nicht gehörtDeine Hände greifen Nicht mehr nach mirNach MittagSie greifen mehrIns Leere des Seins Doch bist duDurstig nach WortenDie deinen erkauften Stolz bewundernDich einbalsamieren in geheucheltes InteresseDu hörst mein LachenDenkst nur an deine FehlerDie nur du selbst siehstIch bin hierIch möchte doch nur teilen Was mich erfülltDein Gesicht versteinertZugebaut, verhülltVor den Kopf gestoßenlache ich weiterDenke,Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dichIch will dir nicht gehörenIch will dich nicht habenIch will mein Sein mit dir teilenOb du mich noch hörst?Denn obwohl ich am Sein arbeiteHabe ich AngstUnd obwohl wir es doch SindHabe ich ZweifelHaben oder Sein? Vereinzelte, verlorene Teile des SeinsZuvor gefunden und nicht behaltenDer von hinten auf dich zeigende SpiegelWürde mich erblassen lassenHätte ich gesehen, dass er zeigt,Was ich warIch war okayBin okay für mich selbst Wann kamen AnsprücheDie mich runter stufen Auf die Stufe derSelbstliebe …

Wir beide (nicht) am Meer

Meine Sachen sind alle gepackt. Ich will gerade aus der Tür hinaus, als du anrufst: Es sei etwas dazwischen gekommen, sagst du mir mit kühler Stimme, und auch sonst müssten wir mal reden, gerade ist es irgendwie schwierig zwischen uns.  Ich lasse meinen Rucksack vor mich auf den Boden plumpsen. Meine frisch aufgenähten Patches leuchten noch so neu, doch wirkten trostlos. Nutzlos. Ich spüre, wie der Boden unter mir immer weicher wurde. Ich laufe wie auf Watte. Versuche, zurück in mein Zimmer zu kommen. Mit jedem meiner Schritte fühlte es sich an, als würde ich weiter in den Sand sinken: Jeder Schritt fällt mir schwerer. Der Sand steht mir jetzt bis zur Brust, engt mich ein, ich habe in unserem großen Flur plötzlich keinen Platz mehr. Ich möchte um mich treten, alles von mir wegdrücken. Doch der Sand ist zu stark. Zu fest. Zu schwer. In meinem Zimmer lege ich mich hin. Die Flut kommt jetzt auf in mir. Der Sand wird weggespült. Ich atme einmal tief ein, um mir Platz zu schaffen. Der Sand …

Cancel-Christmas

Ich gebe es zu – ich mag Weihnachten nicht besonders. Wo andere Besinnlichkeit, Geschenke und Familienzeit sehen, sehe ich Kitsch, sinnlosen Konsum und naja – Familienzeit.  Es gibt so viele Gründe Weihnachten nicht zu mögen. Das Hauptargument ist wohl der sinnlose Konsum (jede:r durchschnittliche Deutsche gibt im Jahr 200-300 Euro für Weihnachtsgeschenke aus). Geschenke, die für immer versauern, werden an Verwandte geschenkt, die man sonst nie sieht. Deko und lustige Weihnachtspullover müssen gekauft werden, um sich so richtig festlich zu fühlen. Hand in Hand damit geht die massive Umweltverschmutzung durch Verpackungsmüll, Geschenkpapier und sinnlosen Konsum. Dazu kommt noch ein verstärkter Fleischkonsum, unzählige abgeholzte Bäume, die wir vor unseren Augen vertrocknen lassen, um sie dann aus dem Fenster zu werfen und die Ikonisierung der gesellschaftlich konstruierten, heteronormativen Kleinfamilie. Meine persönliche Weihnachtsabscheu wurzelt tief. Anfangs wusste ich noch nichts von all diesen schlauen Argumente, mit denen ich mittlerweile meine Antipathie kontextualisieren kann. Als Kind einer katholischen Familie heißt es an Weihnachten nicht Punsch und Geschenke, sondern Mitternachtsmesse und Besinnung. Ich verinnerlichte dafür früh den ursprünglichen Gedanken von …

Die Liebe vom Hals

Es ist besser, ich halte mir die Liebe vom Hals.  Ich bin achtzehn und ungeküsst. Die meisten meiner Freunde sind bereits seit Jahren in festen Beziehungen und haben all ihre „ersten Male“ bereits hinter sich. Ich finde eh, das ist ein komisches Konzept und auch sonst habe ich mich daran gewöhnt, ewiger Single zu sein und zu bleiben. Es kommt eben wenn es kommt, sagte ich immer und immer wieder und obwohl viele mir nicht glauben, meine ich es. Und dann kommt es.  Ich habe gerade mein Abitur hinter mir und kann endlich wieder aufatmen. Die Schule macht mich seit Jahren fertig, ich bin froh, sie endlich rum zu haben. Dank der Pandemie, sind mir sämtliche Partys deswegen erspart geblieben, ich musste nicht mal irgendwelche Ausreden erfinden, warum ich nicht gehen kann. Also entscheide ich mich zum ersten Mal in meinem Leben, wirklich nur das zu machen, was ich möchte. Ich schlafe morgens aus, trinke zu viel Kaffee und verbringe meine Tage damit, nachmittags ehrenamtlich im Tierheim Gassi zu gehen.  Ich gehe bestimmt zwei Wochen …

Grand Budapest Hotel

Wer als junger Mensch schon mal in Budapest war, kennt die Stadt vermutlich als Party-Hochburg, wo sich Erasmus-Studis und Backpacker auf den Hochbetten der Hostel-Mehrbett-Zimmer stapeln. Ich habe Budapest anders erlebt. Als Ehrenamtliche im Bereich der sozialen Arbeit in einem Vorort, brauchte ich eine knappe Stunde in die Stadt und meine Community dort musste arbeiten, was das Feiern doch ein wenig einschränkte. Ich lernte die Stadt ein bisschen anders und ein bisschen genauer kennen und verbrachte tolle Abende in gemütlichen, nicht ganz so touristischen Kerts (Biergarten im Budapest-Style) und hatte meine Geheimspots, die ich bis heute liebe.  An einem Wochenende kam mich eine Freundin aus der Heimat besuchen, die zuvor schon mal als Backpackerin in Budapest war – natürlich auf einem Hochbett eines Hostel-Mehrbett-Zimmers mit 15 weiteren miefigen Low-Budget-Touristen. Ich brauche nicht weiter zu erläutern, wie empört sie darüber war, was ich für einen langweiligen Lifestyle in dieser schillernd-versufften Stadt lebte. Da sie auch nun wieder in einem Hostel in der City unterkam, ließ ich mich darauf ein, einen Abend, eine Nacht mit ihr zu …

Der Kampf mit dem Schmerz

Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal ohne ihn aufgewacht bin. Ich weiß nicht mal mehr, wie sich mein Körper ohne ihn anfühlt. Andere sehen ihn gar nicht. Doch ich kämpfe gegen ihn, jeden Tag. Und das seit drei Jahren. Manchmal gewinne ich, meistens gewinnt er. Über mein Leben mit dem Schmerz. Es ist ein bisschen wie bei Liebeskummer. Ich öffne morgens die Augen, sehe das Tageslicht und dann gibt es diesen ganz kurzen Moment, in dem ich vergesse was war. In dem ich denke, alles ist normal – ich bin normal. Bis mich ein Stich daran erinnert, was wirklich ist. Da ist er wieder, der Schmerz. Er zieht von meinem Kopf über den gesamten Rücken bis in meine Arme. Und bleibt. Für ein paar Stunden hat er mich in Ruhe gelassen, das lässt er mich mit doppelter Kraft spüren. Er will mich zurück ins Kissen ziehen. Will, dass ich liegen bleibe. Auch ich möchte weiter träumen, aber ich stehe auf, jeden Tag. Seit drei Jahren führe ich jeden Morgen diesen Kampf. Woher der …