Autor: Gastgedanken

Das große Schissertum in mir

Und dann stehe ich da im Busch am Zaun, der mich nur noch vertikal zwei Meter vom Ziel trennt. Die Fahrräder hinter Glascontainern versteckt, unverschlossen, um im Notfall schnell wegdüsen zu können. Eine kurze Räuberleiter, beherzt rüberschwingen und ich wäre da. Doch genau dann fängt mein Gehirn an zu rattern.  Was ist, wenn ich an dem Draht, welches am oberen Ende des Zaunes gespannt ist, verhake und dann runterfalle?  Was ist, wenn Polizei genau in dem Moment auftaucht, wenn wir uns aller Klamotten entledigt haben und im weichen Chlorwasser des städtischen Schwimmbads treiben, im klaren Zeitnachteil und somit dem Schicksal ausgesetzt? Was wären eigentlich die gesetzlichen Folgen unseres kleinen Einbruchs? Würde ich dann eventuell von der Uni geschmissen werden? Hätte es Auswirkungen auf zukünftige Jobs, wenn sowas im Strafregister steht? Würde es überhaupt in den Strafregister kommen? Immer weiter spinnen sich meinen Gedanken und ein immer mulmigeres Gefühl macht sich in meinem Bauch breit, während meine Schwimmbad-Komplizen, einer nach dem anderen, sich ohne Furcht und Zweifel über den Zaun schwingen. Diese Zweifel, die irrationale Angst, …

Von der Problematik des Menschseins

1 WAS MAN HALT SO MACHT Es ist 2019 und man lebt so vor sich hin. Man hört Musik, Musik, Musik, man postet Bilder auf Instagram, man geht feiern, man kifft, man tanzt, man arbeitet für kleines Geld, man studiert so nebenbei, man zweifelt – mal heimlich, mal lauter. Man jagt der Liebe hinterher, man regt sich über andere auf, man regt sich über sich selber auf, man sieht die Klimakatastrophe, aber ändert nichts an seinem Konsumverhalten: morgen, morgen, nur nicht heute! Man übernimmt Wörter und spuckt sie in falschen Kontexten wieder aus, man nennt Frauen „Fotzen“, das kann man – Achtung Reim – nämlich so gut auf die Straße rotzen, aber wer wird schon „Pimmel“ genannt? Eigentlich ja ein witziges Wort. Man nennt sehr weibliche, gefühlvolle Dinge/Menschen/Sätze „schwul“ und sanfte Popballaden sind „Mädchenmusik“. Man will alles dafür geben, erwachsen zu sein, aber bekommt nur SPRITE im Ouzoglas und Verantwortung übernimmt man nur ungern. Und Angst hat man auch. Angst, „ich“ zu sagen, anstatt „man“. Angst sich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen zu können …

Schön hier, oder?

Mir tropft der Regen auf die Haut und ich bleib’ sitzen, weil’s so schön ist, hier mit dir und weil du alles bist, was ich brauch’. Du bist das, das Beste, das Schönste, das Wertvollste. Das, in meinem Leben. Still schweigend  neben dir, lachend und weinend, nur mit dir, immer wieder und für immer. Du. Ich will dich nicht suchen, ich will dich einfach finden, ich will mich nicht alleine fühlen, weil ich ohne dich nicht ich bin. Bald sind wir alt, also lass’ uns jetzt, nur für diese zeit, einfach so bleiben wie wir sind, damit wir später wissen, dass wir waren, wie wir immer wollten. Es gibt keinen Ort an den du gehst, ohne dass ich bei dir bin. – Mira liebt Sonnenuntergänge, Tee, das Meer, tolle Konzerte und Sommerabende. Sie macht gerne Fotos von allem und jedem und schreibt ihre Gedanken in kleinen Gedichten und Texten nieder.

Eine Ode ans Kindsein

Das geht raus an alle Kinder, die so schnell wie möglich Teenager und an alle Teenager, die so schnell wie möglich Erwachsene werden wollen.Führt euch den Zauber der Kindheit vor Augen.  Er verlässt euch schneller, als euch später lieb ist – und ist dann unwiderruflich. Streift ihn nicht schon mit aller Kraft freiwillig früher ab.Ich weiß nicht, ob das Leben ohne ihn je wieder so leicht wird. Weißt du noch, als sich die Welt vom Nachbarhaus bis zum Bäcker erstreckte und ein geheimnisvolles Abenteuer war, in das wir uns jeden Tag mit Freude hineinstürzten – furchtlos? Weißt du noch, als die Angst in Realitäten verankert war und nicht Eventualitäten? Weißt du noch, als wir die Gabe hatten, jeden Tag das zu erleben, was uns in den Sinn kam – zwei Mal an einem Tag in den Urlaub fahren, zaubern können und fliegen lernen, Bibliothekarin werden und als das keine Freude mehr gemacht hat Tierärztin. Weißt du noch, als wir nie daran gezweifelt haben alles schaffen zu können, alles sein zu können, uns jeden Tag neu …

Mutprobe des Lebens

Wir sind zu schwach, um Schwäche zu zeigen. Wir wollen jeden Schritt außerhalb der Norm vermeiden, mit dem Risiko zu leiden. Wieso nicht einfach mal aufstehen und losbrüllen? Den Raum mit Mut und Ehrlichkeit füllen. Mal versuchen man selbst zu sein – echt zu sein. Stark wie ein Löwe – und manchmal auch klein. Die Mutprobe des Lebens. Doch wenn’s jeder probiert, bringen wir die Erde gemeinsam zum Beben. Trau’ dich – verwirr mich. Du hast tausend Facetten – ich will alle seh’n – nicht nur die Netten.  Leg’ los – das Leben ist deine Bühne. Jetzt ist dein Moment – seh’ dich selbst als Monument. Was willst du hinterlassen?  Ehrliche Gefühle oder nur auswendig gelernte Phrasen? Seh’ dich im Spiegel an – und denk’ daran: Du bist hier, um was zu bewegen. Und vergiss’ nicht darüber zu reden. Denn du kannst ein Vorbild sein – für viele, die gern würden, sicher aber nicht trauen – die vieles haben, außer Vertrauen. Sie denken, sie wären allein’ damit,  doch wir alle wissen – der Mist stimmt …

An alle, die manchmal verdrängen

Manchmal verdränge ichmeine Verpflichtungen,Dinge, die mir Sorgen bereiten,die anstehende Bewerbungsphase,die Fahrprüfung, durch die ich nicht noch einmal fallen will,dass ich mich wieder bei dieser Person melden müsste, weil alles beim Alten bleiben sollte, obwohl jetzt irgendwie alles anders ist. Verdrängen heißt, Dinge von sich zu schieben. Es ist der Versuch, der Konfrontation mit bestimmten Tatsachen aus dem Weg zu gehen. Indem ich verdränge, schiebe ich all diese Dinge vor mir her, prokrastiniere.  Zumindest sehe ich das oft so und mache mir deswegen Vorwürfe. Doch eigentlich ist das nicht die ganze Wahrheit. Ich bin immer wieder erleichtert, wenn mir das auffällt und traurig, dass mir das immer wieder neu auffallen muss: “Ich sollte nicht so hart zu mir sein”, denke ich in so einem „klaren“ Moment. Denn irgendwie hat das Verdrängen noch einen anderen Zweck, irgendwie ist es auch ein Schutzmechanismus, der mich vor dem Abrutschen in eine sinnlose Gedankenspirale bewahrt, in die ich sonst immer tiefer rutschen würde. Viel zu oft merke ich im Alltag, in irgendeinem beliebigen Moment wie Jetzt, dass ich mich gedanklich …

Lieblinge im Mai

Mein größter „Favorit“ im Mai ist wahrscheinlich meine bestandene Mappenprüfung für den Studiengang Kommunikationsdesign. Vor allem weil ich nicht damit gerechnet habe zur Prüfung angenommen zu werden, freue ich mich umso mehr. Außerdem ein großer Favorit im Mai war meine analoge Kamera OLYMPUS IS-1000, mit der ich meine ersten analogen Erfahrungen machen durfte. Das Schönste an den analogen Bildern ist, neben dem schönen „Vintage Look“, dass man die Kamera fast überall mit hinnehmen kann und sich vor dem Entwickeln des Films gar nicht mehr an die einzelnen Fotos erinnert. Wenn man dann die entwickelten Bilder in der Hand hält, freut man sich umso mehr darüber. Eine andere kleine aber feine Sache ist Rhabarber. Freunde unserer Familie haben einen riesigen Garten voller Obst, Gemüse und sogar Honigbienen. Davon profitieren wir auch manchmal, sowie diesen Monat, denn jetzt ist der Rhabarber endlich reif. Nachdem aus einem Teil schon leckerer Rhabarberkuchen gebacken wurde, blieb noch etwas Rhabarber übrig, mit dem ich leckere Rhabarberschorle gekocht habe. Tipp: Dazu gibt man einfach einen Liter Wasser, etwas Zucker, und eine Zitrone …

Wann ist er endlich da, der Sinn?

Als ich mich an einem der letzten Wochenenden auf den Weg zu einer Freundin gemacht habe, bemerke ich im vorbeigehen den Titel eines Filmes. Abgedruckt auf einem mühelos an einen Stromkasten gekleisterten Poster.  Die Ecken biegen sich nach oben und ein alter Mann mit Brille grinst mich an. “Macht alles einen Sinn? Und wenn ja, wie lange dauert das noch?“, steht drauf. Ich will schon vorbeigehen, da fällt mir plötzlich auf, wie ich mich von den weißen Blockbuchstaben angesprochen fühle. Ich habe keine Ahnung vom Inhalt des Films, ob der Titel überhaupt so gemeint ist, wie ich ihn verstehe. Klingt ganz schön ungeduldig, denke ich. Klingt aber ganz schön nach mir, denke ich auch. Ja, man kann schon nachdenklich werden, wenn man kurz vor dem Ende seiner Schullaufbahn steht und nicht weiß, wie sich Zukunft für einen entwickeln wird. Vielleicht macht das alles gar keinen Sinn, denke ich oft, wenn mich, bei langen nächtlichen Bahnfahrten nach Hause und dem Blick aus dem Fenster auf die Lichter der Stadt, philosophische Gedankengänge überkommen. Ich habe Angst, dass …

Meine Insel

Jetzt im Frühling kann ich es am Tag gute zwanzig Minuten oder sogar eine Dreiviertelstunde genießen, nur so dazusitzen. Die Füße auf dem Geländer abgelegt, auch wenn es an den Knöcheln immer ein bisschen weh tut. Ich leg’ meinen Kopf in den Nacken und halte mein Gesicht in die Sonne. Das lieb ich. Nur dieses Gefühl, wenn ich gar nicht viel nachdenken muss. Ok wow,  kitschiger geht’s auch nicht mehr. Ich lieb’ meinen kleinen Balkon. Mit der Magarite auf dem Tisch und dem Lavendeltopf an der Wand. Beide hab ich im Baumarkt gekauft und mit der Straßenbahn nach Hause zu transportiert. Diese Aktion endete mit den beiden Pflanzen auf dem Balkon und mir schwitzig und genervt von den ganzen Menschen und der Straßenbahn und der ganzen Stadt in meinem Zimmer.Alles in allem also erfolgreicher als andere Tage. Am liebsten sitz’ ich hier draußen, wenn ich die Wohnung für mich hab. Am liebsten bin ich eigentlich allein. Jemand sagt immer, ich verkriech’ mich in meiner wohligen Höhle oder in meinem Nest. Vielleicht stimmt das auch, aber …

Macht unsere Welt nicht kaputt – Europawahl

Stell dir vor, wie du wegzoomst. Immer weiter weg von dir selber, als würdest du dich selbst in den Aufnahmen einer Drohne sehen. Zuerst siehst du deine Straße. Zwei Männer laufen Hand in Hand um die Ecke vorne an der Kreuzung. Du zoomst weiter. Ein paar Blocks weiter freut sich ein Mann über seinen Kontostand, endlich bekommt er Geld vom Staat, weil er im Moment aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten kann. In einem anderen Stadtteil wird demonstriert. Jeder darf sagen, was er zu sagen hat. Auf einem Plakat steht, macht unsere Welt nicht kaputt. Du zoomst weiter weg. Du zoomst über die Grenzen deines Landes hinweg. Da werden zwei schwule Männer in Italien diskriminiert, weil sie ihre Lebenspartnerschaft nicht eintragen lassen dürfen. In Griechenland kämpft eine alleinerziehende Mutter ständig gegen die Armut. Sie wünscht sich, dass ihre Kinder ein Teil der Gesellschaft werden können, dass sie dazugehören können. Dein Blick schweift über Ungarn, wo unter den wachenden Augen Viktor Orbans alle Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Du zoomst hin und her, du siehst weinende …