Autor: Gastgedanken

Müssen wir uns wirklich nicht mehr outen?

Ich sitze in meinem Bett, es ist zwei Uhr nachts und ich versuche eine Pro- und Contra-Liste zu schreiben, nachdem ich 3 Stunden lang Selbsttests im Internet gemacht habe. Bin ich lesbisch? Oder doch heterosexuell? Ich habe keine Ahnung. Seit dem mir das erste Mal mit 11 der Gedanke gekommen ist, dass ich vielleicht Frauen gut finden könnte, habe ich mich viel entwickelt und vor allem pures Gefühlschaos durchlebt. Mädchen, Jungs, Junge und Mädchen, Mädchen und Junge, Mädchen mit Mädchen und Junge mit Junge. Ich habe mich dafür geschämt, war mir unsicher, war mir sicher, hab geweint, wollte mich verstecken, mit Leuten darüber reden. „Hey, vielleicht finde ich auch Mädchen gut.”„Ach, wenn dann, dann stehe ich ja auf Mädchen. Ärsche sind toll.“„Aber ich meine, vielleicht bin ich lesbisch.“„Das ist normal, geht aber auch wieder weg.“ Also gut, vielleicht bin ich lesbisch oder doch bi oder am Besten verdränge ich das Ganze einfach. Kann das nämlich gerade echt nicht gebrauchen. Ich will doch so gerne normal sein und dazu gehören. Bis ich 10 Jahre alt war …

Domino

In einer Welt, die nicht mehr unsere ist – sondern denen gehört, die in geschlossenen Räumen lobbying betreiben und über unsere Zukunft, die dieser Erde, entscheiden – zählen wir, mehr als je zuvor. Unser Handeln, unsere Taten können uns tragen – was wir in diese unermessliche Weite des Universums rufen, kommt auch so wieder zurück zu uns. Es braucht nur eine Stimme – um die Lawine ins Rollen zu bringen. Es braucht nur eine Stimme – um die Kettenreaktion des Dominoeffekt in Gang zu setzen. Es braucht nur eine Stimme – Deine Stimme. Wie ich, Du, wir unsere natürlichen Talente nutzen und einsetzen ist wesentlich für den Abdruck, den wir mit unseren Füßen auf dieser Erde lassen. Kunst: sie umgibt uns, kann uns zu Großem inspirieren, zu uns selbst führen aber auch entfremden. Medien: sie sind wohl das, was unsere Zeit am meisten prägt – sie beeinflussen unsere Einkäufe, was wir sehen sollen, wer wir sein wollen. Erschaffe diese, die Positives beeinflussen. Social Media: dort, wo wir unsere Leben präsentieren. Sie erlauben uns, über unseren …

Lieblinge im März

Der März endete für mich mit einem Trip nach Wien. Es war nicht mein erstes Mal in der Stadt, weshalb ich die Reise sehr entspannt angehen konnte. Es gab keine Liste mit Orten und Sehenswürdigkeiten, die ich besuchen und abhaken musste. Stattdessen gab es lange Spaziergänge, gutes Essen und vor allem jeden Tag eine Kugel Eis bei Veganista. Veganista ist eine vegane Eisdiele mit den fantastischsten Kreationen. Von Lavendel-Heidelbeere bis Cheesecake habe ich mich Tag für Tag durchprobiert. Zurück Zuhause in Berlin bleibt die Sehnsucht nach gutem Eis und jede Menge Fotos von schönen Altbauten.  Angefangen habe ich den Monat mit einem Besuch im Theater. Eine gute Freundin von mir studiert Theaterwissenschaften und schaut sich mindestens einmal die Woche ein Stück an. Ich war hingegen ewig nicht mehr im Theater. Die einzigen Erinnerungen, die ich von diesem Ort habe, stammen von Schulausflügen vor etlichen Jahren. Angeschaut haben wir uns „März“ an der Schaubühne. Es geht um März, einen Mann mit Schizophrenie, der sich in der psychiatrischen Anstalt in Hanna verliebt. Ohne jegliche Erwartungen bin ich …

Eine Message an meine Generation

Das soll jetzt kein pseudointellektueller Mist werden – eine 19 Jahre junge Studentin, die glaubt ihre ganze Generation verstanden zu haben und die Weisheit mit Löffeln gegessen zu haben. Nein, genau das wird es eben nicht werden. Mir sind jedoch in der letzten Zeit verschiedenste Sachen aufgefallen. Ich studiere eigentlich Jura und lebe das klassische Studentenleben, bestehend aus Alkohol, Konsum, essen, schlafen und eher weniger lernen. Ich bin mit einer blauäugigen Vision an die Uni gegangen und habe geglaubt, alle würden wie einst Rudi Dutschke an die Uni gehen, um wirklich was zu ändern und dass wir die Generation sein werden, die alles besser macht. Stattdessen erwartete mich eine Armee von Studenten, selbst an einer recht kleinen und überschaubaren Universität, die alle so schnell wie möglich am besten in Regelstudienzeit und ohne Umwege schnurstracks zum Examen oder zum Bachelor wollen. Keine Zeit verlieren, kein Abbiegen, kein Ausprobieren und kein Interesse daran die Welt zum Besseren zu ändern. Genau diese Menschen wollen einfach nur ihren Platz in der Welt und den möglichst schnell und ohne Umwege.  …

Tinder, Casual Sex & die echte Liebe

Vor einigen Tagen bekam ich die Frage „Hast du Tinder?“ von niemand geringerem als meinem Vater gestellt. Als ich leise bejahte, schickte er mir direkt einen in furchtbarer Qualität abfotografierten Artikel aus irgendeinem Magazin, welches vermutlich am Flughafen oder in der Bahn kostenlos herumlag, mit den Worten „Lies doch mal“. Anhand des Titels „Wie wir vor lauter Casual Sex die echte Liebe verlernen“, konnte ich schon vermuten was auf mich zu kam, aber – na gut, seinen Wunsch wollte ich ihm trotzdem erfüllen. Mit der Einstellung, irgendein schlecht bezahlter Ü50-Journalist, der gerade eine weitere Ehekrise durchlebt und den Text in Wut auf die heutige unabhängige Jugend zusammengeschustert hatte, habe ich also angefangen, zu lesen.Relativ schnell musste ich dann doch stocken: Fragen wie „Macht eine monogame Liebe in diesen unsteten Zeiten noch Sinn?“ oder „Mein wievieltes Tinder-Date war das eigentlich diese Woche?“ wurden aufgeworfen. Leugnen, dass ich mir beide Fragen bereits das ein oder andere Mal, wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung, gestellt habe, werde ich nicht. Der Artikel wurde fortgesetzt, indem gemutmaßt wird, dass heutzutage zu …

Warum ihr für Eure Periode dankbar sein solltet

,,Oh wie entspannt es wäre, nicht jeden Monat meine Periode zu bekommen!’’ – Wie oft habe ich mir diesen Satz schon von Freundinnen anhören müssen. Und jedes Mal versetzt er mir einen kleinen Stich ins Herz. Ich bin 22 Jahre alt und hatte in meinem gesamten Leben nur zwei Mal meine Periode. Zu Beginn war auch ich froh darüber, denn, wenn wir alle ehrlich sind, ist es nicht immer angenehm, was da jeden Monat passiert. Doch je mehr ich mich mit den Folgen der so genanten Amenorrhö (Ausbleiben bzw. Fehlen der Menstruation) befasste, desto mehr wich die anfängliche Freude der Besorgnis. Vor allem die Angst, in 10 Jahren unter einer so starken Osteoporose (wenn die Knochendichte einen bestimmten Wert unterschreitet) zu leiden, dass ich auf meinem geliebten Sport verzichten müsste.Die Amenorrhö ist keine Krankheit sondern ein Symptom für eine große Zahl an verschiedenen Grunderkrankungen oder Lebensbedingungen. Hierzu zählen etwa Anorexie, traumatisierende Ereignisse oder eine hochgradige Stressbelastung. Durch eine starke Stressbelastung tritt ein Ausbleiben der Monatsblutung auch oft bei Leistungssporter*innen auf. Für mich begann eine Zeit …

Ich habe Angst

Wäre alles planmäßig gelaufen, würde ich jetzt mitten in meinem Auslandsjahr an einer Universität am anderen Ende der Welt stecken. Nichts lief planmäßig. Von heute auf morgen ging nichts mehr. Zum so und so vielsten Mal, ich hab irgendwann aufgehört zu zählen. Ich bin 27 und habe seit 10 Jahren Angst. Angst das Haus zu verlassen, Straßen zu überqueren, in Menschenmengen, große Plätze zu überqueren, Angst in Ohnmacht zu fallen, die Kontrolle zu verlieren und von anderen verurteilt zu werden. Angst, es nicht hinzubekommen, nicht auszureichen, im Leben, in der Liebe, einfach so im Ichsein. Den letzten besonders langen und besonders warmen Sommer habe ich in einer Klinik verbracht, zum ersten Mal. Eine tiefenpsychologische Therapie, in der ich die Angst verlieren und mich selbst wiederfinden wollte. Ich fand liebe Menschen, die mich mochten, obwohl ich dort unbeschönigt Ich war, mit all meinen Ängsten und Schwächen, alles auspackte, ständig weinte. Ich fragte mich wochenlang, wie das sein konnte, weil ich es hasste, dieses ängstliche und schwache Ich, fragte mich bis zum letzten Tag, wie ich trotz …

Mir geht es nicht darum, den Unterricht zu verpassen

Freitags gehe ich die Schule bestreiken, um Druck auf die Politik auszuüben und, um für eine bessere Klimapolitik zu demonstrieren. Jedoch habe ich leider nicht das Gefühl, als Teil der Bewegung Fridaysforfuture ernstgenommen zu werden! Wir als Schüler*innen werden ständig von Lehrern*innen, Politikern*innen oder anderen Erwachsenen darauf beschränkt, dass wir nur zu den Freitagsdemonstrationen gehen, weil wir die Schule schwänzen wollen, oder weil es ein Trend ist, der sich unter dem Hashtag #fridaysforfuture wie eine Massenhysterie verbreitet hat. Ich finde es eigentlich enttäuschend, dass uns von all diesen Menschen nicht zugetraut wird, dass wir uns wirklich mit dem Klimawandel und dessen Folgen auseinander setzten. Die Aufforderung, wenn ich wirklich etwas gegen den Klimawandel machen wolle, solle ich aufhören, mit dem Flugzeug zu fliegen, bekam ich immer wieder zu hören, als ich Menschen davon erzählte, dass ich Freitags die Schule für eine bessere Klimapolitik bestreike. Jedes Mal hat es mich frustriert, dass diese Aussage so oberflächlich und vor allem voreilig über mich getroffen wurde. Die Menschen wussten doch gar nicht, wie ökologisch ich lebe oder wie …

Deine eigene Muse

Sein oder eben auch einfach mal nicht sein, das ist keine Frage, sondern stellt unüberwindlich eine klare Antwort auf unsere Frage nach dem perfekten Sein dar. Wir lassen uns gerne verleiten. Zu fremden Chaos, den wir als unseren annehmen. Zu fremden Ansichten, die unsere zu sein erscheinen. Und genauso zu fremden Annahmen, dass unser kleines positive Reich ins Unendliche expandieren könnte, wenn wir deren Vorstellung von Glück nachverfolgen. Natürlich können fremde Ideen und Anregungen, für ein erfüllteres Leben, einen positiven Effekt erzielen. Inspiration ist hier das Schlagwort. Wir verbringen unsere Zeit damit, Informationen von allen Seiten aufzunehmen, möglichst viel zu sozialisieren. Die positive Kraft, die uns von allen Seiten umgibt, möchten wir auch haben. Aber warum sollte ich die Gedanken eines anderen nachverfolgen, wenn sie doch eben nicht meine sind? Subjektivität ist doch genau das Äquivalent zur Individualität. Die ursprüngliche Quelle des Seins bist du, nicht die anderen und die anderen können auch nichts daran ändern, wie du nun eben bist. Ein Unikat. Wie die Zahl „Uni“ schon beschreibt, es gibt nur eine einzigartige Version …

Die verdrehen, was ich bin

“I am not what I think I am, and I am not what you think I am. I am what I think you think I am.“ Charles Horton Cooley I. Als ich dich das erste Mal traf und als du da so saßt, habe ich keine schwitzigen Hände bekommen. Meine Herzfrequenz blieb konstant. Was danach lustig war weil ich zitterte jedes Mal sobald ich dich wieder sah. Aber damals, in diesem Moment, war ich ein unbeschriebenes Blatt Papier. Und ich fühlte mich ausgeglichen als ich in deine Augen sah und du mir Geschichten aus meinem liebsten, noch nicht gehörten Märchenbuch erzählt hast. Ich sage nicht, andere Nächte waren nicht auch voller Momente – aber diese war unkompliziert. Nur lag ich zu oft nachts wach und hoffte, dass du es tust. Und selbst eine Nachricht zu tippen fiel mir schwer. Vielleicht hätte ich dir auch ganz klassisch einen Brief schreiben können. Nur wusst’ ich nicht, wie. Mit immateriellen Wörtern war in vielen Schriftzügen und Farben mein Blatt bereits voll: Von dem was du und ich – …