Autor: Gastgedanken

Die Leichtigkeit des Fremdseins

Der Wein macht sich bemerkbar und hüllt mich langsam ein in eine dumpfe, dunkle Decke. All deine Geschichten sind mir neu. Als würdest du mir ein gänzlich leeres Blatt hinhalten, ohne Raster, nicht liniert und nicht kariert, und es nach und nach füllen mit mir unbekannten Mustern. Auch ich male mein Leben für dich neu. Skizziere mich so, wie ich mich sehe, und auch ein bisschen so, wie ich mich gerne sehen würde. Wir sitzen in der Küche, in der Hand das Bild des jeweils anderen haltend, frei zur Interpretation. Ich bin im Hier und Jetzt und ganz bei dir, der Kopf ist still. Du zeigst mir Ausschnitte der Welt aus deiner Perspektive. Hast den Steppenwolf auch gelesen, aber zwischen deinen Zeilen schienen ganz andere Bedeutungen zu stehen. Warst ebenfalls in Lissabon und sahst dieselben Plätze, doch nahmst ganz andere Eindrücke mit heim. Ich frage mich, wie dein Lissabon wohl aussieht, riecht und schmeckt und was eine Stadt eigentlich ist, wenn zwei Menschen sie so unterschiedlich fühlen. Irgendwann nimmt unser Lachen Überhand, es füllt den …

Das Erste, was du machst, wenn die Krise vorbei ist

Probably nothing else than now, but without being scared and getting panicky.Laying down on a blanket in the park with my friends.Work. Es ist ja nicht so, dass ich sonst meine Zeit großartig anders verbringen würde. Ich bin zuhause, mit meinem Freund, und wir kochen, und wir schauen Filme, und wir gehen manchmal einkaufen. Mach’ genauso die Wäsche wie immer und sauge Staub in der Wohnung. Ich lese bloß mehr und versuche, mehr Kreatives zu machen. Erledige einige Punkte von meiner To-Do-Liste – Klamotten aussortieren, Bewerbungen schreiben, Zimmerpflanzen umtopfen. Es wird wieder kälter, nachts sind es Minusgrade. Wenigstens verpasse ich nicht warme Sommertage bisher. Auf die warte ich schon so lange. Das Gefühl, die Arbeit, der Rhythmus Das einzige, was anders ist, ist das Gefühl. Und das nicht arbeiten gehen. Der Rhythmus fehlt, aber das ist nicht so dramatisch – ich wollte dieses Jahr sowieso lernen, ein bisschen weniger erwachsen und vernünftig zu sein, weil ich das sonst immer bin. Aber das Gefühl nicht rauszugehen ist schlimmer als nicht zu arbeiten. Ich kriege den Koller …

We’re caught in a trap

Eine Woche in Gedanken Dienstag. Wir sitzen in der Uni zusammen, in unserem Gemeinschaftsatelier, am runden Tisch und jemand erzählt von den Nachrichten gestern im Fernsehn. Ja, andere Unis sind schon zu, in Innsbruck zum Beispiel.  Ich reagiere ungläubig und frage gleich bei einer Freundin nach, die dort studiert. Irgendwie ist alles lächerlich, wieso? Das Thema ist jetzt schon mehr in meinem Kopf als gestern und vorgestern. Da haben wir in der WG Scherze ausgetauscht, den Corona-Song gehört, unbesorgt. Im Nachhinein gesehen, waren wir so frei. Denn schon gegen zwölf geht es los mit den Sorgen. In unserer allwöchentlichen Versammlung wird uns mitgeteilt, dass Exkursionen ins Ausland entfallen und dass keine Kurse mehr stattfinden. Ab Montag. Alle scherzen wieder, sind aber auch traurig, langsam setzt der Schock ein. Auch bei mir, mein Kopf ist im Nebel, hab ich Kopfweh? Corona? Nein, beschließe ich, das ist Psychostress, ich war nicht vorbereitet, keine Erwartung plötzlich in einen Zukunftsfilm zu fallen. Wir haben noch einen Tag Uni, wie immer, nur dass es dieses eine Thema gibt. Immer noch …

Wie ich das Abitur überlebte

Es wird immer einen Morgen und einen Abend geben. Ich möchte dir mit diesem Brief ein wenig Hoffnung schenken, ganz egal in was für einer Lebenslage du im Moment bist. Vielleicht stehst du auch gerade kurz vor dem Abitur, wie ich damals, oder einem anderen Schulabschluss. Vielleicht bist du aber auch in einer ganz anderen verzweifelten Lage, in der dir mein Brief hoffentlich trotzdem hilft. Und für alle, die diesen langen Brief nicht lesen wollen und trotzdem einen Hoffnungsschimmer brauchen: Verlasst euch auf den natürlichen Lauf der Dinge! Verlasst euch auf den Sonnenschein nach dem Nebel, auf den Tag nach der Nacht und ganz besonders darauf, dass es nach einem Morgen und einem schlechten Tag, immer auch einen Abend geben wird. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, wie wichtig es in schwierigen Zeiten ist, auch sich selbst nette Worte zu schenken und verständnisvoll mit sich umzugehen. Diesen Brief schrieb ich mir, während der verzweifelten Lernphase fürs Abitur. Ich schrieb ihn mit den Worten, die ich an eine andere Person richten würde, welche in meiner …

Heimhass

Ich hasse es hier.  Ich will nicht mehr sein, was alle sind,  wo alle tun, was sie immer tun wo jeder mich sieht und kennt  wo Routine alles zerstört.  Ich hasse es hier.  Ich will hier nicht enden Mit einem durchgeplanten Leben  Und mit meinen Händen  Nichts anderes spüren als Regen.  Ich hasse es hier.  Ich will in große Städte,  da, wo alle offen sind. In eine Welt, die die Welt ist. Ich will richtig leben Und fahre in dem Ford Fiesta in die nächste Stadt  Jeden Tag  Weil ich sonst so allein bin  Allein mit meinen Gedanken.  Allein mit mir. Dorffeste, Alkoholrausch, Kippen, ein Joint Gefühlt bin ich jedes Wochenende voll Und ich hasse es hier.  Ich hasse, dass alles so eingeschränkt ist Ich hasse, dass alles so schweigend ist Ich hasse, dass es hier Regen gibt. Und während ich mit schwerem Kopf in die Natur schreie Während ich allein im großen Feld verweile  Während ich die Jugend fortwünsche, Sehe ich, wie wunderschön mein Hass ist.  Spüre ich eine starke Bindung, die es gibt  …

Erzählt mir eure Geschichten.

Einmal, da war es ein junges Paar, immer wieder kamen sie vorbei. Das Ganze hielt da schon fast ein Jahr. Mittlerweile geht sie einen Schritt auf ihn zu, während er zwei von ihr weggeht. Der kleine Junge, den Hund an der Leine und seine Träume auf der Zunge. Er wollte etwas verändern, erzählte damals euch seine Visionen vom Leben, von einem besseren, als das, was es gerade ist und fing an, dafür zu beben. Er ist gescheitert. Geht jetzt mit, anstatt gegen den Strom und ist wie jeder andere. Dann gab es noch das 14-jährige Mädchen. Tänzerin wollte sie werden, verbrachte die Sommer in eurem Schatten, fing an zu träumen und dann kam er und fing an, sie zu verderben.Auch sie ist an ihren Träumen zerbrochen und hat dem Falschen viel zu viel versprochen. 25 Jahre jung, wusste nicht, was er mit seinem Leben noch anfangen soll, wünschte sich so doll anders zu sein, dass er sich letztendlich selber verlor.Nicht nur seinen Charakter hat er verloren, sondern auch sein Leben gegeben, um endlich Ruhe in seinem …

Wenn wir schon über Machtstrukturen sprechen, dann bitte richtig!

Es ist mir jetzt schon das zweite mal passiert, dass ich von mittelalten, weißen Männern wegen irgendetwas auf sehr unangenehme Art angepflaumt wurde. Und das oftmals im Beisein von anderen Theatermitarbeiter*innen. Diese Personen waren in beiden Situation in einer übergeordneten Position und haben mich damit bloßgestellt. Dummerweise sind diese Vorkommnisse beide in einem Rahmen geschehen, wo sich auf künstlerischer Ebene mit Macht und Hierarchie auseinandergesetzt wurde und dies auf der Bühne verhandelt werden sollte. Es passierte immer in einem Rahmen, in dem die Personen sehr klar über mir standen. Ich möchte mit diesem Text auf eine Problematik des Theaters aufmerksam machen, die sich auf Menschen in Machtpositionen bezieht und deren Umgang mit Menschen in niedrigeren Positionen. Kein(en) Raum für absolute Gleichheit Es gibt keinen Raum, der absolute Gleichheit schaffen kann. Die Stadt- und Staatstheater stellen sich dennoch gern als einen Ort da, welcher diese Strukturen weitestgehend auflösen will. Die Gleichberechtigung ist ein viel verwendeter Begriff, mit denen sich Theater brüsten und gemeinsam mit dem Publikum ins Gespräch kommen wollen. Wieder einmal konnte ich damit beobachten, …

Manchmal

Manchmal vermisse ich nichts und niemanden so sehr wie dich. Manchmal vermisse ich uns – oder die Idee von uns. Ich bin mir da nicht so recht sicher. Waren wir je mehr als meine Idee von uns? Oder war die Idee nur in meinem Kopf; und so weit weg von dir und der Realität, wie der Horizont, wenn man am Meer steht? Manchmal vermisse ich uns und manchmal glaube ich, dass ich ohne dich und die Idee von uns, eine Leere in mir spüren würde, die ich nicht zu füllen wüsste. Manchmal glaube ich, dass du mir die Poesie gibts, die ich brauche, um glücklich zu sein. Die Poesie, aus der ich all meine Kreativität schöpfe, aus der ich nehme, was ich kreiere. Doch vielleicht ist die Idee von uns, oder einfach nur wir, auch das Produkt eben dieser Poesie. Manchmal weiß ich nicht, was erst da war – du oder meine Poesie. Doch es ist auch egal. Denn jetzt seid ihr beide da, die Poesie und du, euch kann ich wohl nicht mehr trennen. …

Hast du nicht auch oft Angst davor?

Hast du nicht auch oft Angst davor?  Angst davor, gesehen zu werden,wie du wirklich bist, wie du wirklich tust Angst davor, erkannt zu werden,wie du dich zeigst, wie du dich fühlst Angst davor, nicht bestätigt zu werden,in dem was du machst, wofür du lebst Angst davor, missverstanden zu werden,in dem was du sagst, in dem was du meinst Doch vor wem hast du wirklich Angst? Angst davor gesehen zu werden, von wem? erkannt zu werden, von wem? bestätigt zu werden, von wem? missverstanden zu werden, von wem? Vielleicht ist es die Angst vor dir selbst?  Worte von Bianka. Beitragsbild von Martin Wunderwald.

Zwischen Selbstliebe und Angst

Ich bin ein unbesiegbares Ein-Frau-Team.Nein danke, ich brauche deine Hilfe nicht. Ich schaffe das schon. Allein. Seit ich denken kann, treibe ich mich selbst an, immer weiter. Groß träumen, bloß raus aus der Komfortzone, Ziele verfolgen und erreichen. Ich will mehr, nehme mir mehr, und die Belohnung ist nicht etwa die Anerkennung anderer, sondern mein eigener Stolz. Ich bin süchtig danach.Meine Erinnerungen geben mir Sicherheit; sie sind die Säulen meines Selbstwertgefühls. Meine Liebe mir selbst gegenüber war noch nie bedingungslos. Sie war immer abhängig davon, welche Kämpfe ich gekämpft und Herausforderungen ich gemeistert habe. Sie war immer gleichermaßen abhängig von den Geschichten, die ich zu erzählen habe, und den Träumen, die ich noch verwirklichen will. Ich bin ein unbesiegbares Ein-Frau-Team. Und dann bist da plötzlich du.Erst bin ich wie immer stolz. Stolz, jemanden wie dich in meinem Leben zu haben, aber noch viel stolzer, dass jemand wie dich mich zurück mag.Doch plötzlich merke ich, wie du einen größeren Teil in meinem Herzen einnimmst, als der Stolz es jemals in meiner Brust getan hat.Ich merke, dass …