Autor: Gastgedanken

Ausbeutung, but make it queer

Pünktlich zum Pride-Month packen auch dieses Jahr im Juni große Konzerne die Regenbogenbogenfarben aus, um ihre Läden, Logos, Websites und Produkte LGBTQ+-freundlich erscheinen zu lassen. Dabei stellt sich die Frage, ob diese Konzerne tatsächliche Veränderungen an den Lebensbedingungen queerer Menschen bewirken oder sich einfach nur mit der Regenbogenflagge schmücken wollen. Das Zurschaustellen der eigenen vermeintlichen Queerfreundlichkeit, um sich als modern und progressiv darzustellen, bezeichnet man als Pinkwashing. Dabei polieren Unternehmen durch ihre scheinbare Solidarität mit queeren Menschen ihr Image auf. Die materiellen Verhältnisse dieser Menschen ändern sich dadurch allerdings nicht. Konzerne als LGBTQ+-Botschafter*innen? Der Konzern Daimler ruft dieses Jahr seinen eigenen „Daimler Pride Month“ aus. In einem Video erzählen verschiedene CEOs, wie viele homosexuelle Menschen sie in ihrem Umfeld kennen und wie wichtig es ist, sich für queere Menschen einzusetzen. Wie sie das, abgesehen von ein paar Coming-Out-Workshops für ihre Mitarbeiter*innen, umsetzen möchten, bleibt unklar. Immerhin entlarven sie sich durch die Beschreibung ihrer Intention selbst: „Wir sind davon überzeugt, dass Menschen motivierter, leistungsfähiger und zufriedener sind, wenn sie sich mit ihrer Persönlichkeit und Identität so …

Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin fremd in meinem eigenen Leben

Ein Telefonat in der Pandemie bei Nacht. Und wir teilen Gefühle, von Konstanz bis nach Berlin. Wir vermissen alle etwas. Uns fehlen die Konzerte, die Kneipenbesuche, das Kino und die Umarmung  zur Begrüßung. Die spontane Reise übers Wochenende und die WG-Party mit unseren Freunden.  Trotzdem geht es uns gut – sagen wir. Wir vermissen ja alle etwas. „Aber wir kommen damit zurecht,  haben ja trotzdem so viel.“ Und es stimmt, wir kommen zurecht, wir haben viel. Die meisten von uns  sind sehr privilegiert und es gibt so viele Gründe dankbar zu sein. Und das bin ich. Trotzdem fehlt  nicht nur „irgendwas“. Was fehlt, ist auch ein Teil von mir.  „Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin fremd in meinem eigenen Leben“, sagst du am Telefon und  ich höre wie das Feuerzeug mehrmals zischt, als du dir eine Zigarette anzündest. Du stehst auf  deinem Balkon in Berlin und ich sitze hier in meinem WG-Zimmer in Konstanz, am anderen Ende von  Deutschland. „Ja“, sage ich. „Es fühlt sich so an, als wäre ich noch da, aber als …

Immer wieder zurück zu dir

Ich wollte die Jacke unbedingt haben. Diese Jacke von der einen Marke, die in der Schule alle trugen. Ich wollte cool sein, die Trends mitmachen, zeigen, dass ich dazugehöre. Zu meinem Geburtstag bekam ich sie dann. Sie war warm, aus einer Art Teddymaterial und dick genug, um kein Quäntchen meiner Unsicherheit nach außen zu lassen. Ich trug sie immer so, dass das Logo der Marke auf dem Schulhof aus einigen Metern Entfernung zu erkennen war. Doch der weiche Stoff und die glänzenden Lettern auf den Schildchen konnten mich selbst nicht täuschen. Du wusstest es auch, du hast es immer schon gesehen. Musstest zusehen, wie ich in meinem neuen, viel zu teuren Kleidungsstück innerlich so unglücklich war wie vorher. Und trotzdem hast du es mir geschenkt. Denn du wolltest nie, dass ich mich noch einsamer fühlte, als ich es eh schon tat. Du kanntest meinen Schmerz, hast dich beim Anblick deiner Tochter an das kleine Mädchen in dir erinnert, das von der Welt irgendwann dazu gezwungen wurde leise zu werden. Und es wurde so lange kleiner …

Homoduett

Schutztape ums Herzaus Stolz, Solidarität, Selbstwertin rot-orange-gelb-grün-indigo-blau-violettLiebe+Liebe ein Homoduett mich zu verortenauf einem Spektrumvon Liebe bis Liebebin ich offen für morgenGefühle, solide oder dochnicht? Reste von Angst so zu sein, wie Mensch ist aber eigentlich freiinterpretiert, privilegiert, ichdenn die Gewalt trifft zwar nicht michaber ein anderes Gesicht Wortverwendung: Kampfweil es trotz theoretischer Möglichkeitin der Praxis struggle bleibtund Cis und Hetero Normenam Ende doch Unterdrückung formen der Minorität,die anders liebt, lebtunfreiwilliger Privilegien-Verzicht der Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit widersprichtund dazu führt, dass ein Mensch voller HassFLINTA auf offener Straße ersticht wie kann Menschhassen wer sich liebtMensch-Ethnie-Religion-Mosaikbedroht von Feindseligkeit, Antipathieund Gewalt in Kultur und Politik ich hoffe, dass du weißt, dass Liebe, wo sie hinfällt auch ganz gern mal bleibt egal was du davon hältstwas für Urteile du fällst. ist gar nicht viel was wir verlangenbloß Freiheit-sichergestelltin einer liebe-vollen und hass-freien Welt und mehr zusammen Hass<Liebe – Elena, 22, veröffentlichte mit 18 ihr erstes Buch, worauf eine 4 Jahre-lange Schreibpause folgte. In dieser Zeit treibt es sie spätestens alle 7 Monate an einen anderen Ort, ständig auf der Suche …

Freund:in oder Feind:in?

Mein Handy vibriert. Ich krame in meinem vollgestopften Rucksack herum bis ich es finde. Das viel zu  helle Display leuchtet mir ins Gesicht. „Bock, heute zu kiffen?“ lese ich auf dem kleinen Bildschirm. Ich  lenke mein Blick vom Bildschirm auf das vor mir stehende Haus. Ich neigte meinen Kopf zur Seite und  dachte über die Nachricht angestrengt nach, horchte in mich hinein und kam letztendlich zu der  Erkenntnis, dass ich „keinen Bock zu kiffen“ habe. Aber Lust auf soziale Interaktion.  Ich widmete meine Aufmerksamkeit wieder meinem Handy. Ich tippte ein „Ja, wann denn?“ in mein  Handy und schickte es ab. Ich seufzte. Ein besseres Angebot bekam ich heute wohl nicht mehr. Da  steckt man auch die Droge in Kauf, um eine „schöne Zeit“ zu verbringen.  Ich packte mein Handy wieder in meinen Rucksack.   Ich fragte mich, ob ich das tat, wonach ich mich fühlte. Ich seufzte ein erneutes Mal und wurde  verlegen. Ich blickte leer in die Ferne und stoppte alles, was ich tun wollte. Ging gedanklich zu dem  Punkt zurück, in welchem ich völlig …

Deutsch oder nicht deutsch – Interview mit Leyla Jansen

Du hast am Samstag, den 22. Mai den Talk bei der TinCon “Deutsch oder nicht deutsch – das sind doch alles bürgerliche Kategorien”. Magst du erstmal etwas über dich erzählen, was machst du, was beschäftigt dich gerade? Ich hab letztes Jahr erst Abitur gemacht und wollte dieses Jahr eigentlich als Orientierung nutzen. Ich habe ein Orientierungsstudium an der Freien Universität Berlin angefangen und Kurse für Gender Studies und Literatur und alles was mein Herz begehrt hat belegt. Aber dieses Online-Format hat fertig gemacht und deswegen nutze ich jetzt das zweite Semester als emotionale Auszeit. In deinem Beschreibungstext stand, dass du libanesische, russische und italienische Wurzeln hast, dich nicht so mit dem “deutsch sein” identifizierst und dein Herz für New York schlägt, bist du da gerade? Ich wäre gerade da, wenn kein Corona wäre. Mich mit Deutschland zu identifizieren, fand ich schon immer schwierig. Deswegen bin ich froh in Berlin aufgewachsen zu sein, weil ich hier nicht so gezwungen bin nur eins zu sein. Genau das mag ich auch an New York. Und was bedeutet “deutsch …

Katzen haben sieben Leben, ich habe sieben Semester

Ich studiere mit dem Ziel irgendwann einmal frei zu sein. Korrigiert mich sollte ich falsch liegen, aber  sollte ich in meinen frühen Zwanzigern, während meines Studiums nicht eigentlich Freiheit verspüren? Was bedeutet Freiheit und was bedeutet Freiheit für mich? Und was maße ich mir an davon zu  sprechen keine Freiheit zu haben. Freiheit bedeutet für mich aus beruflicher oder auch studentischer  Sicht, entscheiden zu dürfen was ich tue. In welchem Bereich ich einen geraumen Fokus für mich  setzen möchte. Das kann ich. Ich habe die Freiheit mir außerhalb von NC Grenzen ein Studium oder  eine Ausbildung zu suchen. Ich habe unterstützende Eltern und trotzdem kann ich es mir nicht recht  machen. Mein Kreislauf begann 2017, direkt nach meinem Abitur. Ich entschied mich für ein Studium,  welches Mittel zum Zweck sein sollte, da mir die Wege zu Medizin und Psychologie, wie so vielen  verwehrt blieben. Ich begann ein Studium, welches mir weder während noch rückblickend einmal  wirklich Freude bereitete. Aus dem einzigen Grund der Aussicht auf eine Weiterbildungsmöglichkeit  im psychologischen Bereich. So wurde mein Studium zur …

Deep in der Quarterlife Crisis

Ich bin jetzt 24 Jahre alt. Wenn ich so steinalt werde wie mein Opa – 99, oh Gott bloß nicht – dann habe ich ein Viertel meines Lebens hinter mich gebracht, und es ist höchste Zeit einzusehen: die Quarterlife Crisis ist kein Trend, der um die Jahrtausendwende geborenen snowflakes, sondern fucking real! Sie kommt früher oder später, typischerweise gegen Ende der ersten Ausbildung, wenn sich die Frage stellt: Was. zur. Hölle. mach ich mit den wenigen Jahren Jugend, die mir bleiben (denn jenseits der 30 gibt es nur Ärger und Arbeit)? Wie mache ich das Beste aus der besten Zeit des Lebens, bis ich Falten und Kinder kriege (und Kinder kriegen wollen wir irgendwie doch alle, um es besser als unsere Eltern zu machen)? Die Quarterlife Crisis ist der Kater nach der Coming of Age Party – es ist vom siebten Himmel des self empowerments zurück auf den Boden klatschen und merken, die Antworten auf grundlegende Fragen wie, und was willst du später mal damit machen?, die Antwort auf diese Fragen hab ich immer noch nicht gefunden. Die Quarterlife Crisis ist, wenn …

Was ist, wenn das Schöne an der Geschichte nicht er ist, sondern du?

Seit Stunden höre ich dir zu. Wir laufen nebeneinander her und du erzählst mir von ihm. Davon wie du nicht verstehst. Wie kann so schnell vorbei sein, was nicht mal richtig anfangen durfte? Es war doch so gut, denkst du. Und mit allem was du erzählst, malst du das schönste Bild. Du findest nur Worte, die sich übertreffen. Alles stimmte, an ihm. Deine Augen funkeln traurig.  Seit Stunden laufen wir nebeneinander her und ich höre dir zu. Wie du von ihm erzählst. Du redest und redest und dann guckst du auf mich, deine traurigen Blicke suchen in meinen Augen nur eines: Bestätigung. Sie suchen nach etwas, was dir sagt: Alles stimmte, an ihm.  ,,Aber vielleicht”, sage ich vorsichtig. ,,Vielleicht ist er gar nicht so schön.” Es ist der erste Satz von mir. Die ganze Zeit hast du auf meine Antwort gewartet, aber an deiner Reaktion merke ich, dass das sicher nicht war, was du hören wolltest. Du bleibst stehen. ,,Ich meine nur”, sage ich. ,,Was ist, wenn das Schöne an der Geschichte nicht er ist, …

Radikal zärtlich handeln – Interview mit Şeyda Kurt

Die Liebe wird seit jeher als ein geheimnisvoller, undurchdringlicher Mythos beschrieben, den wir niemals ganz verstehen können. Şeyda Kurt hat in ihrem Buch „Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist“ die Normen und Rituale rund um die romantische Liebe erforscht und untersucht, wie sie mit Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus zusammenhängen. Über ihr Buch, Beziehungen und ein gerechteres Miteinander durch radikale Zärtlichkeit hat Emma mit ihr gesprochen. Warum ist die Liebe politisch? In meinem Buch betrachte ich da unterschiedliche Herangehensweisen. Zunächst geht es darum, wie gewisse Konzepte von romantischer Liebe und Familie über die letzten Jahrhunderte mithilfe der Gesetzgebung, der Institutionen und des Steuerrechts normiert wurden, was als normal und was als Abweichung dargestellt wurde. Dazu kommt die Frage, wer sich überhaupt in unserer Gesellschaft ungefährdet bewegen kann und wer sich fürchten muss, in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten mit Partner*innen auszutauschen. Das betrifft vor allem queere Menschen, aber Menschen in interracial Beziehungen, zum Beispiel zwischen einem Schwarzen Mann und einer weißen Frau. Da spielen koloniale Vorurteile und Bilder eine Rolle, bei denen der Schwarze Mann als die …