Autor: Gastgedanken

Diffuse Gefühle

Was bleibt– von Anonym Dieses diffuse Gefühl, die Schatten zwischen den Sonnenflecken. Alle vier Jahre erneuern sich die Zellen meines Körpers mit den Bildern an meiner Wand und die Strukturen der Systeme verschieben sich. Die Tapeten sind dann abgeraut und einmal zu oft überstrichen, die Finger ausgerenkt und verirrtes Licht malt Halbmonde zwischen meine Schulterblätter. Die Musik bleibt, der Himmel bleibt, stagnierende Blues wie ein nie endender Sommerregen, der Haut und Haare durchdringt und schließlich auf dem Schlüsselbein nachklingt.  Komm schon, komm schon, du zerrst ungeduldig an meiner Hand und an meinen Haaren, ein Neuanfang.  Also schäle ich mich aus meinem Kokon aus Transparentpapier, Schicht für Schicht, aber meine Haut ist immer noch blass und übersät von fremden Geschichten. Das grelle Licht brennt Muster auf meine Netzhaut und schneidet meine Gedanken in Bruchteile. Scharfe Kanten, Scherben ohne Reflektion. Gestern habe ich meine Lieblingsfarbe vergessen und morgen wird es vielleicht mein Name sein. Die Musik bleibt, der Himmel bleibt, die Schatten zwischen den Sonnenflecken sind meine ewige Konstante. Alle vier Jahre erneuern sich die Zellen meines …

Frauenwelten

Das „Männerwelten“ Video war für mich zwar eine Überraschung, die Inhalte aber keinesfalls überraschend. Meine Freundinnen und ich haben alle in dem Video gezeigten „Exponate“ schon selbst erlebt, oder kennen mindestens eine Frau, die die Taten, über die berichtet wurden, erlebt haben. Und es ist wahr. Wir alle gehen nachts mit einem Schlüssel in der Faust, einer Freundin am Handy, oder einer elektrischen Vergewaltigungspfeife nach Hause. Wenn wir überhaupt nachts zu Fuß nach Hause gehen. Und das ist normal, da gibt es keine Ausnahme. Was für meine männlichen Bekannten übertrieben, oder gar lächerlich wirkt, ist für uns eine bittere Sicherheitsmaßnahme, das Einzige, was uns ein ganz kleines bisschen Schutz zu bieten scheint. Und wir haben mehr von unseren kleinen Sicherheitstricks, so viele, dass es mich traurig und vor allem wütend macht, dass wir sie brauchen. In den Kommentaren unter dem besagten Video tummeln sich natürlich aber auch viele Kritiker. Wie immer, wenn Frauen es wagen über ihre Erfahrungen mit den patriarchalischen Strukturen in ihrem Leben zu berichten.Da heißt es dann zum Beispiel: „Männer werden auch …

Einfach mal dankbar sein

Die aktuelle Zeit scheint von Melancholie, Angst und Trauer umnebelt. Für mich sind diese Gefühle vollkommen nachvollziehbar, jedoch bin ich der Meinung, dass der Grund für diese Emotionen notwendig und bitte auch dringend einzuhalten ist. Damit meine ich natürlich die Corona-Krise und die daraus resultierende Kontaktsperre. Egal mit wem ich kommuniziere, auf der Straße beobachte oder wem ich in Fernsehinterviews zuhöre – die meisten Personen scheinen von Unzufriedenheit bedrückt. Dies kann ich natürlich vollkommen nachempfinden, denn auch ich sehe, außer den trostlosen Straßen und geschlossenen Geschäften, nicht mehr Personen, als meine Mutter, mit welcher ich zusammenlebe. Ein Glück ist sie täglich bei mir! Auch die Supermärkte scheinen im wahrsten Sinne des Wortes leergefegt. (Zum Thema Hamsterkäufe möchte ich mich dabei nicht äußern. Ich denke, ich vertrete die Meinung vieler, dass für jeden etwas im Regal stehen sollte!) Wie schon erwähnt, kann ich die Gefühle nachempfinden, welche die Mehrheit der Bevölkerung momentan verspürt. Auch ich bin traurig darüber, dass ich meine Großeltern und Freude momentan nicht persönlich sehen darf. Zudem pausiert mein Studium auf unabsehbare Zeit. …

Was will die Liebe von mir?

Ich war der Überzeugung, dass Beziehungen nur funktionieren, wenn ich von meinem Partner geliebt werde.Ich hatte bis jetzt zwei Beziehungen, die unterschiedlicher nicht sein konnten, jedoch im Kern total gleich waren.Dass die Liebe eine Bindung an eine bestimmte Person ist. Ich glaube, viele Menschen haben ein Problem mit der Liebe, weil sie denken, dass es darum geht, geliebt zu werden.Aber ich glaube nicht, dass Sie glücklich werden, wenn Sie geliebt werden. Es gab Augenblicke, in denen ich mich fragte, ob ich meine Exfreunde geliebt habe. Ich meine, wirklich geliebt. Warum lieben wir jemanden? Sind es die tollen Haare, die Art wie dich jemand anschaut oder etwa der Musikgeschmack? Ich war süchtig nach den Worten des anderen. Die Wörter, die ich mir selbst nicht sagen konnte. Diejenigen, die meine Seele berührten, konnten meinen Körper nicht erreichen. Und die, die meinen Körper erreichten, konnten meine Seele nicht berühren. Ich konnte nie gut mit Komplimenten umgehen, bis heute nicht. Jedoch bin ich mutiger geworden.Jetzt weiß ich, dass ich kein Körper mit einer Seele bin sondern eine Seele die …

Delfine in Venedig

Alles ist ungewiss. Eine quasi undefinierbare Lage. Über den Köpfen der Menschen schweben Fragezeichen, während sie hektisch eine Insta-Story nach der anderen posten: Leere Supermarktregale präsentieren, obwohl genug vorhanden ist. Fraglich, ob sie selber das Regal ausgeräumt haben – alles für das Foto. Fragezeichen, Falschmeldungen, Hiobsbotschaften. In diesen Tagen haben wir von allem reichlich. Reichlich Informationen, die sich im Minutentakt aktualisieren. Reichlich Verpflegung, aber auch reichlich Ängste. Existenzängste und die Ängste vor dem unsichtbaren Feind, dem Virus. Ängste, die uns verbinden. Uns, die Menschen – die Menschheit. Wir alle haben Angst. Einige mehr, andere weniger. Einige präsenter, andere eher still für sich. Doch ist dies ein Punkt, der uns alle miteinander verbindet. Den Menschen wird unterstellt, sie seien egoistisch geworden. Vor allem aber, wurde es unterstellt. Zur Zeit lässt sich der Begriff der „Nächstenliebe“ wieder mehr anwenden. Nachbarn helfen Nachbarn, junge Menschen bieten Älteren Hilfe an. Und das ist nur der Anfang. Die meisten leben seit einer Woche in der Isolation und schon wird vielerorts das „Wir“ und „Sie“ wichtiger als das „Ich“. Egoismus macht …

Das Leben in vollen Zügen. Über den Schmerz.

Ich bin auf dem Weg zum Bahnhof. Der Himmel ist bedeckt und ich fröstle, gerade hatte ich Sportunterricht, zwei Stunden Volleyball. Dritte Runde. Wir brauchen schließlich einen Gewinner. „Mädels, ihr spielt gegeneinander, nicht miteinander! Zielt in die Lücken und strengt euch ein bisschen an, oder wollt ihr verlieren?“ Nein. Straßenbahn. Leere Augen schauen an mir vorbei in Smartphones, Rücken werden sich zugekehrt und zwischen allen Fahrgästen befinden sich mindestens drei Sitzplätze Abstand. Auch ich brauche Abstand, will endlich nach Hause.  Im Bahnhof angekommen lacht mich mit gebleichten Zähnen aus den Gesichtern glücklicher Familien – Vater, Mutter, Kind und Hund – der rohe Kapitalismus aus. Bunt, glänzend und schreiend grell, aber vor allem gierig, sehr gierig. Mir wird ein bisschen schlecht. Als ich durch die kalte Unterführung an der Nische der Arbeits-, Obdach-, Perspektiv- und Wertlosen vorbei mit schnellem, aber unhörbarem Schritt und einem Drücken in der Brust hoch zum Gleis steige, ist der Zug schon da. Er ist alt, ein bisschen schäbig und schon sehr voll. Ich setze mich gleich in den ersten Wagon, gegenüber …

Verbannter Schimmer

Augen halb geöffnetliegend im Grasschimmerndes Lichttaucht die Welt in Wärmeleichtes Zitternleises Zwitschernlautes Gerede mein Körper sehnend nach Lebenmein Nachbar ruftmein Körper bewegt sich langsamzur Musik deiner Welt meine Haut sehnend nach Berührungstrahlendes Lächelndu spiegelst dich in meinen AugenAugen halb geschlossendrehen sich nach obenleichtes zittern alles ist tonlosdas Tor geschlossenwie meine Augentaucht die Welt in Schwärzewas soll ich uns schreiben?Tinte verschmiertunter deinen Augendüstere Wärme tropft langsam auf die Erde meine Seele suchend nach Dirdein Schimmer wärmenddeine Worte ermüdendmein Nachbar ruftdie Wärme verfliegtmeine Handfläche wischt deinen Schimmer von meinen Augenmein Bauch hebt und senkt sichauch ohne dich zitternd drehe ich umgeh rein in das Bekanntenur ein Gedanke das Verbannte Katha ist mit ihren 18 Jahren eine ruhige Seele in der Menge der Menschheit. Sie tanzt und singt überaus gerne und versucht vergeblich herauszufinden, wieso wir Menschen so auf Kosten anderer leben müssen.Natürlich ist sie trotzdem immer optimistisch und mit einem Lächeln auf den Lippen anzutreffen. Collage von Imina.

Das Home-Bootcamp

6 Uhr am Dienstagmorgen, der Wecker klingelt. Eigentlich habe ich keine Termine, muss nirgendwo sein, theoretisch könnte ich ausschlafen. Wir befinden uns in einer globalen Pandemie und ich hab seit vier Wochen außer zum Einkaufen und Spazierengehen meine Wohnung nicht verlassen. Trotzdem steht heute viel auf meiner To-Do-Liste, also als erstes Handy an und gucken, was ich über Nacht verpasst habe: Mein Instagram Feed ist voll von Workouts, perfekten Kaffees in perfekt eingerichteten Homeoffices und immer und immer wieder: „Nutz die Quarantäne, um all die Dinge zu tun, für die du sonst keine Zeit hast.“ Ausmisten, endlich den Roman schreiben, oder Mandarin lernen. Ich bin ein Opfer der Hustle Culture: Den Großteil des Tages verbringe ich damit, zu arbeiten. Der Rest der Zeit wird um die Arbeit herumstrukturiert und möglichst produktiv genutzt. Aber ich bin nicht die einzige: Hustle und Grind sind zu Mantren für eine ganze Generation geworden. The grind never stops. Das „millionaire-mindset“ wird mit Stolz getragen: Push dich über deine Grenzen hinaus und du kannst alles sein, was du willst. Immer mehr, …

Ich bin ein Körper

Mein Körper wird bekleidet, bedeckt, vertuschtMein Körper wird ausgezogen, offenbart und entblößt Mein Körper ist Reiz, Verführung und KöderMein Körper ist Makel, Schuld, MangelSchandmal, Fehler, DefektZweck und Mittel zugleich Mein Körper ist unterwürfig, unschuldig, befleckt Mein Körper wird geschlagen, gestreichelt, geflickt Mein Körper ist Tatort und TempelZielscheibe, Marketing, Schwäche Mein Körper ist brav, prüde, verklemmtMein Körper ist frech, obszön, schamlosÜber meinen Körper wird geredet, entschieden, verhandelt Mein Körper ist Kapital, krank, käuflich Klapprig, kugelsicher, kussecht Öffentlich, oberflächlich, ohnmächtig Rau, rechtsfrei, reißerischPrächtig, praktikabel, possessiv Eigenwillig, eindrucksvoll, ekelhaft Reglos, reißfest, ruhelos Er wird bewundert, geschunden, kritisiert.Er ist Schauplatz, Werkstatt, RuhepolEr weint darüber und fragt sich, wann sich das endlich verändert Aber mein Körper ist Politik, Verhandlungsbasis und Beweis Jeden Tag aufs neueMein Körper ist intim und unprivatMein Körper ist öffentlich Mein Körper trägt mich undMein Körper heiltMein Körper ist echtWas nicht heilt, seid ihr, dabei seid ihr es auch. – Isabella liebt ihre Freunde, Sushi und Katzen. Aber natürlich auch das Schreiben. Seit 2016 ist sie auf und hinter den Bühnen Norddeutschlands bei Poetry Slams unterwegs. Immer …

Die Leichtigkeit des Fremdseins

Der Wein macht sich bemerkbar und hüllt mich langsam ein in eine dumpfe, dunkle Decke. All deine Geschichten sind mir neu. Als würdest du mir ein gänzlich leeres Blatt hinhalten, ohne Raster, nicht liniert und nicht kariert, und es nach und nach füllen mit mir unbekannten Mustern. Auch ich male mein Leben für dich neu. Skizziere mich so, wie ich mich sehe, und auch ein bisschen so, wie ich mich gerne sehen würde. Wir sitzen in der Küche, in der Hand das Bild des jeweils anderen haltend, frei zur Interpretation. Ich bin im Hier und Jetzt und ganz bei dir, der Kopf ist still. Du zeigst mir Ausschnitte der Welt aus deiner Perspektive. Hast den Steppenwolf auch gelesen, aber zwischen deinen Zeilen schienen ganz andere Bedeutungen zu stehen. Warst ebenfalls in Lissabon und sahst dieselben Plätze, doch nahmst ganz andere Eindrücke mit heim. Ich frage mich, wie dein Lissabon wohl aussieht, riecht und schmeckt und was eine Stadt eigentlich ist, wenn zwei Menschen sie so unterschiedlich fühlen. Irgendwann nimmt unser Lachen Überhand, es füllt den …