Autor: Gastgedanken

Pablo

Auch genannt der Italiener, um ehrlich zu sein, immer genannt der Italiener. Ich frage mich, wie lange es noch braucht, bis ich seinen Namen vergessen habe. Pablo hat mich, classy as fuck, beim Arbeiten angesprochen, frei nach dem Motto: „Wer braucht schon Tinder?“. In der Bar, in der ich arbeite, ist es sehr eng und ich kleiner Tollpatsch bin praktisch auf ihn drauf gestolpert, woraufhin er einfach nur gesagt hat „Gehen wir mal was trinken?“. Ich dann bisschen perplex am undefinierten Antworten geben, weil mir anscheinend schon das zu viel Entscheidungsdruck ist. Ich glaube, ich sage, ich muss es mir überlegen. Auf jeden Fall kommt Pablo, bevor er geht, zu mir und fragt, ob ich es mir überlegt habe. Habe ich natürlich nicht und gebe weiterhin weirde Antworten, aber auch mein Handynummer. Pablo meldet sich circa einen Tag später und fragt mich, ob ich mich an den Jungen aus der Bar erinnere. Erstens, Pablo ist 28 und denke dadurch, per Definition, kein Junge mehr, zweitens bin ich dumm? Vielleicht ist so ein Vorfall bei mir …

Offener Brief an einen alten, weißen Mann

“Sei doch nicht so politisch korrekt”, sagst du.“Komm mir jetzt nicht mit der Moralkeule”. Deine Stimme zittert.“Da wird man ja wohl noch sagen dürfen.”Jetzt bist du wütend und ich fühle mich schlecht, weil ich anscheinend der Grund dafür bin. Ich beginne zu zweifeln. Schließlich willst du doch das gleiche, sagst du – Freiheit und Gleichheit für alle Menschen. Ich bin verwirrt. Später, als ich mich wieder beruhigt habe, klären sich meine Gedanken und die Ohnmacht und das schlechte Gewissen verwandeln sich in Wut. Eine produktive Wut, in der ich meine Kraft bündle und eine Antwort verfasse – eine Antwort an dich. Wir leben in einem Land, in dem wir ein Maximum an Freiheiten genießen. Wir haben das Grundgesetz, wir haben freie Wahlen, wir haben unabhängige Gerichte und eine Meinungs- und Pressefreiheit, die fast uneingeschränkt gilt. Auf diese Meinungsfreiheit berufen sich dann Menschen, die Homosexuelle diskriminieren, den Holocaust leugnen oder allen Ernstes behaupten, Rassismus sei kein Problem mehr in der heutigen Gesellschaft; Menschen, die der Überzeugung sind, dass diese Themen in der Presse überproportional repräsentiert würden …

Champagnerlinks & Matcha-Mitte-Konservativ

Das neue Spießertum und falsche Politisierung Spießig wird man erst ab Mitte 30, wenn die coolen Klamotten gegen Funktionskleidung und die selbst zusammengebauten Ikea-Möbel gegen eine maßgeschneiderte Schrankwand eingetauscht werden, dachte ich. An einem ganz durchschnittlichen Freitagabend betrachtete ich zum gefühlt 100. Mal skeptisch die Ende-Gelände-Sticker an der Klotür meines Ex-Freundes, gerahmt von Toutes le monde déteste la police– und Liebig Stays-Stickern (soll aussehen wie eine Coole Clubklotür), während in der Küche einstimmig diskutiert wurde, dass der freie Markt die CO2-Emissionen schon regeln würde, wenn Fliegen endlich ein Luxusgut wäre (Denn Umweltschutz ist wichtiger als globale Gerechtigkeit!). Während der dritten Runde Bierpong kam die spannende Frage auf, ob wir noch das Koks-Taxi kommen lassen wollen (total umweltbewusst), die nur von einem Lobgesang auf die EU (total menschenfreundlich, hauptsache kostenloses Roaming) unterbrochen wurde. Ich forcierte einen gekonnten Themenwechsel und fragte, ob jemand am nächsten Tag mit zur Demo für die Geflüchteten an den europäischen Grenzen kommen wolle.  Allgemeines Verneinen. ,,Aber total toll dass du so politisch aktiv bist!‘‘ Ich verspüre den Drang auf das linksradikale Bad …

Die erste Beziehung

Wir streiten. Zumindest denke ich, dass das hier gerade streiten ist. Vielleicht auch nur eine Auseinandersetzung, eine Meinungsverschiedenheit, ein Gespräch mit unterschiedlichen Erwartungshaltungen. Was auch immer es ist, es macht was mit mir. Es macht, dass ich mich anders dir gegenüber fühle. Da ist die Angst dich zu verlieren. Selbst wenn es nur eine banale Diskussion darüber ist, dass einer von uns sich nicht gemeldet hat. Diese Angst ist immer da, wenn auch nur im Hintergrund. Aber da ist auch dieses Zusammenspiel von Distanz und Nähe. Obwohl wir gerade verschiedene Richtungen mit unseren Meinungen gehen, können wir die Wege des Anderen noch sehen und wissen, er ist da. Wir sind nicht alleine. Und am Ende kreuzen sich die Wege wieder. Das wissen wir auch. Sie kreuzen sich, wir laufen wieder zusammen, weil wir es so wollen. Wir wollen einen gemeinsamen Weg finden. Du sagst, dass du mich liebst. Immer und immer wieder. Und ich habe aufgehört, es dir so oft zu sagen. Nicht, weil ich es nicht mehr fühle, im Gegenteil: Ich fühle es so …

Warum ich meine Haare gespendet habe

Hilflosigkeit. Das Wort beschreibt, glaube ich, am besten, wie ich mich in den letzten Wochen gefühlt habe, mit allem was auf der Welt gerade passiert. Das Gefühl, nichts tun zu können und nichts zu bewirken. Natürlich trage ich auch meine Maske, halte Abstand, setze mich mit Rassismus auseinander, achte auf meine eigene Sprache und weise auch andere auf ihre hin. Aber irgendwie fühlte sich alles zu passiv an, ich wollte lieber aktiver werden. Leider gibt es in meiner Kleinstadt und auch in den Städten in meiner näheren Umgebung keine Demonstrationen und nur Posts auf Instagram zu teilen, erscheint mir nicht immer zielführend. Auch das Thema Nachhaltigkeit schied im Moment aus, da ich meinen Alltag schon sehr umgestellt habe und ich dort gerade nichts mehr verändern kann. Andere Dinge, wie zum Beispiel unverpackt einkaufen gehen, fallen dank Home Office in besagter Kleinstadt momentan auch aus. Zack die Idee: Ich spende meine Haare. Eine Idee, über die ich schon öfters nachgedacht habe, allerdings immer mit den Worten „irgendwann mal“. Aber jetzt hatte ich endlich mal wieder einen …

Alles nur vorgetäuscht

Es ist schon unzählige Male passiert. Ich habe das Gefühl, sobald man einmal damit anfängt, wird es schwer, wieder damit aufzuhören. Ich kenne außerdem keine Person, der*die es nicht schon mal getan hat – sei es, um dem ganzen vorzeitig ein Ende zu setzen oder um dem Gegenüber ein gutes Gefühl zu geben. Auch ich habe das gut drauf: Mein Stöhnen verändert sich, ich kralle mich ins Laken und mache das berühmte Hohlkreuz – das ganze Programm. Ich bin eine richtig gute Schauspielerin im Bett. Im heutigen ersten Beitrag unserer Sex-Kolumne “mit wem oder allein” haben wir einige von Euch nach eigenen Erfahrungen mit vorgetäuschten Orgasmen gefragt. Wer macht wen glücklich? Theresa*: Ich kann mich gar nicht so richtig erinnern an die Male, bei denen ich vorgetäuscht habe. Wahrscheinlich habe ich es verdrängt. Es müssen ungefähr zwei Orgasmen bei dieser einen Beziehung gewesen sein. Es tat einfach zu weh und ich wusste, dass da unten alles zu taub war, als dass sich jemals etwas regen würde. Ich tat mein Bestes und spielte Genuss vor. Danach …

Ein Reh in der Lichtung

Aber das ist okay. Bald wird es besser. Da bin ich mir sicher. Ich treibe im See, meine Tränen sind das Gewässer. Doch jetzt Ist es besser. – Laura ist 20 Jahre alt, lebt seit einigen Monaten in Wien und ist Philosophiestudentin, als auch Yogalehrerin in Ausbildung. Sie liebt die Sonne und Frühlingsgefühle. Sie ist ein absoluter Gefühls- und Lebemensch und findet nichts attraktiver als einen feministischen Mann, denn ein anderer kommt ihr erst gar nicht ins Haus.  Laura schreibt dieses Gedicht, nachdem sie das Männerwelten Video von Joko und Klaas gesehen hat. Vor einigen Jahren wurde sie Opfer sexueller Belästigung. Die Folgen waren ein gestörtes Verhältnis zu Männern, zu ihrer eigenen Sexualität und viele Therapiestunden. Heute kommt sie immer mehr bei sich selbst an und hat das Erlebnis endlich verarbeitet. Die Bebilderung ist von Lisa.

Neue Fremde (und alte Bekannte)

Ich lerne Leute oft on the go kennen. Auch in längerfristigen Umfeldern, beispielsweise an der Uni, wenn man ein Semester lang ein Modul mit den gleichen Leuten besucht, aber sich nur miteinander versteht, weil man sich jede Woche über Thema xyz aufregt. Vielleicht mal auf Whatsapp anschreiben weil ‘oh schau hier, das erinnert mich an diese eine Situation in der wir beide xyz’. Aber dann doch nicht treffen, doch kein näherer Kontakt.  Auf Reisen passiert mir das ständig. Ich bin in Hostels mit Leuten aus aller Welt, wir sind im selben Schlafsaal und unterhalten uns über Politik in Europa. Ich erzähle, dass ich morgen ins Museum gehen will, du rätst mir früh hinzugehen, weil es immer so schnell voll sein würde. Nach zwei Stunden Reden über Gott und die Welt gehen wir beide ins Bett, du musst morgen früh um acht zum Flughafen, um nach Griechenland zu fliegen und ich bin einfach nur müde von der Anreise. Nachts liege ich dann wach im Bett und bin irgendwie so ruhig wie nie, habe Neues über die …

Kurzes, langes Leben – wenn Kinder sterben

Wir verdrängen jeden Tag das Thema Tod, doch sterben müssen wir alle. Du, Ich, ja sogar der nette Nachbar von nebenan. Wir alle sterben. Das ist gewiss. Gewiss und unaufhaltsam. Aber wir haben so große Angst davor, dass wir lieber verdrängen, als zu erkennen. Wir sind arrogant in unserem Denken, dass jeder Mensch ein Recht darauf hätte 80, 90, ja sogar 100 Jahre alt zu werden. Dieses Recht hat absolut niemand. Das Leben ist nicht unendlich, nein, das Leben ist endlich. Und es kann heute schon vorbei sein. In dieser Sekunde, in diesem Augenblick, stirbt ein Mensch. Ein Mensch, wie Du und Ich. Ein Mensch, der erst ein Gesicht, einen Namen, eine Bedeutung bekommt, wenn man ihn kennt. Ein Mensch, der geliebt wird. Ein Mensch, der Du sein könntest oder eben Ich. Und dieser Mensch stirbt. Jetzt. In dieser Sekunde, in diesem Augenblick, stirbt ein Mensch. Das sollten wir nie vergessen. Denn vergessen wir diese unaufhaltsam bedingt vorgeschriebene Tatsache, so laufen wir Gefahr, überheblich eine „Zukunft“ zu planen. Eine „Zukunft“, die es vielleicht nie geben …

Warum ich nicht immer jeden educaten will

“War das etwa sexistisch”, fragt mich der besorgt aussehende Späti-Mann. Seitdem er mitbekommen hat, dass wir feministisch unterwegs sind, ist das sein Hauptgesprächsthema. Und so kann es passieren, dass wir an unserem Stamm-Späti sitzend, in ein Gespräch verwickelt werden – über Gott, die Welt, Bier, aber eben auch Feminismus. Es sind nette Gespräche, er erzählt viel aus seiner Erfahrung, fragt nach, was noch erlaubt sei und was nicht und ist generell sehr interessiert an der Materie.  Meine Freund*innen schätzen sein Interesse an dem Thema sehr und meinen, dass es doch gut wäre, dass er so interessiert sei und sie ihn weiter belehren können, über ihren Blick auf die Welt, der so viel weiter sei als seiner. Und so reden sie Stunde um Stunde über das große Thema Feminismus: Was Männer dürfen, was Frauen können und irgendwann frage ich mich: “Hat er mich überhaupt gefragt wie ich heiße?’’ Dieser Mann, der seit Stunden unser Gespräch bestimmt und dem wir schon in mehreren Sitzungen unser feministisches Grundlagenwissen einflößen. Nein, hat er nicht. Auf dem Nachhauseweg, versuche ich …