Autor: Gastgedanken

Haben oder Sein?

Pausenlos konsumieren Ohne Befriedigung liebenDu gehörst mirIch gehör dirIst es das, was du willstDu hast SehnsuchtIch sehne michDu verstehst den Unterschied nichtEs geht um haben oder seinFühlen tust du nichtsDeine Glieder taub gewordenFür meine StimmeDie dir nicht gehörtDeine Hände greifen Nicht mehr nach mirNach MittagSie greifen mehrIns Leere des Seins Doch bist duDurstig nach WortenDie deinen erkauften Stolz bewundernDich einbalsamieren in geheucheltes InteresseDu hörst mein LachenDenkst nur an deine FehlerDie nur du selbst siehstIch bin hierIch möchte doch nur teilen Was mich erfülltDein Gesicht versteinertZugebaut, verhülltVor den Kopf gestoßenlache ich weiterDenke,Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dichIch will dir nicht gehörenIch will dich nicht habenIch will mein Sein mit dir teilenOb du mich noch hörst?Denn obwohl ich am Sein arbeiteHabe ich AngstUnd obwohl wir es doch SindHabe ich ZweifelHaben oder Sein? Vereinzelte, verlorene Teile des SeinsZuvor gefunden und nicht behaltenDer von hinten auf dich zeigende SpiegelWürde mich erblassen lassenHätte ich gesehen, dass er zeigt,Was ich warIch war okayBin okay für mich selbst Wann kamen AnsprücheDie mich runter stufen Auf die Stufe derSelbstliebe …

Wir beide (nicht) am Meer

Meine Sachen sind alle gepackt. Ich will gerade aus der Tür hinaus, als du anrufst: Es sei etwas dazwischen gekommen, sagst du mir mit kühler Stimme, und auch sonst müssten wir mal reden, gerade ist es irgendwie schwierig zwischen uns.  Ich lasse meinen Rucksack vor mich auf den Boden plumpsen. Meine frisch aufgenähten Patches leuchten noch so neu, doch wirkten trostlos. Nutzlos. Ich spüre, wie der Boden unter mir immer weicher wurde. Ich laufe wie auf Watte. Versuche, zurück in mein Zimmer zu kommen. Mit jedem meiner Schritte fühlte es sich an, als würde ich weiter in den Sand sinken: Jeder Schritt fällt mir schwerer. Der Sand steht mir jetzt bis zur Brust, engt mich ein, ich habe in unserem großen Flur plötzlich keinen Platz mehr. Ich möchte um mich treten, alles von mir wegdrücken. Doch der Sand ist zu stark. Zu fest. Zu schwer. In meinem Zimmer lege ich mich hin. Die Flut kommt jetzt auf in mir. Der Sand wird weggespült. Ich atme einmal tief ein, um mir Platz zu schaffen. Der Sand …

Cancel-Christmas

Ich gebe es zu – ich mag Weihnachten nicht besonders. Wo andere Besinnlichkeit, Geschenke und Familienzeit sehen, sehe ich Kitsch, sinnlosen Konsum und naja – Familienzeit.  Es gibt so viele Gründe Weihnachten nicht zu mögen. Das Hauptargument ist wohl der sinnlose Konsum (jede:r durchschnittliche Deutsche gibt im Jahr 200-300 Euro für Weihnachtsgeschenke aus). Geschenke, die für immer versauern, werden an Verwandte geschenkt, die man sonst nie sieht. Deko und lustige Weihnachtspullover müssen gekauft werden, um sich so richtig festlich zu fühlen. Hand in Hand damit geht die massive Umweltverschmutzung durch Verpackungsmüll, Geschenkpapier und sinnlosen Konsum. Dazu kommt noch ein verstärkter Fleischkonsum, unzählige abgeholzte Bäume, die wir vor unseren Augen vertrocknen lassen, um sie dann aus dem Fenster zu werfen und die Ikonisierung der gesellschaftlich konstruierten, heteronormativen Kleinfamilie. Meine persönliche Weihnachtsabscheu wurzelt tief. Anfangs wusste ich noch nichts von all diesen schlauen Argumente, mit denen ich mittlerweile meine Antipathie kontextualisieren kann. Als Kind einer katholischen Familie heißt es an Weihnachten nicht Punsch und Geschenke, sondern Mitternachtsmesse und Besinnung. Ich verinnerlichte dafür früh den ursprünglichen Gedanken von …

Die Liebe vom Hals

Es ist besser, ich halte mir die Liebe vom Hals.  Ich bin achtzehn und ungeküsst. Die meisten meiner Freunde sind bereits seit Jahren in festen Beziehungen und haben all ihre „ersten Male“ bereits hinter sich. Ich finde eh, das ist ein komisches Konzept und auch sonst habe ich mich daran gewöhnt, ewiger Single zu sein und zu bleiben. Es kommt eben wenn es kommt, sagte ich immer und immer wieder und obwohl viele mir nicht glauben, meine ich es. Und dann kommt es.  Ich habe gerade mein Abitur hinter mir und kann endlich wieder aufatmen. Die Schule macht mich seit Jahren fertig, ich bin froh, sie endlich rum zu haben. Dank der Pandemie, sind mir sämtliche Partys deswegen erspart geblieben, ich musste nicht mal irgendwelche Ausreden erfinden, warum ich nicht gehen kann. Also entscheide ich mich zum ersten Mal in meinem Leben, wirklich nur das zu machen, was ich möchte. Ich schlafe morgens aus, trinke zu viel Kaffee und verbringe meine Tage damit, nachmittags ehrenamtlich im Tierheim Gassi zu gehen.  Ich gehe bestimmt zwei Wochen …

Grand Budapest Hotel

Wer als junger Mensch schon mal in Budapest war, kennt die Stadt vermutlich als Party-Hochburg, wo sich Erasmus-Studis und Backpacker auf den Hochbetten der Hostel-Mehrbett-Zimmer stapeln. Ich habe Budapest anders erlebt. Als Ehrenamtliche im Bereich der sozialen Arbeit in einem Vorort, brauchte ich eine knappe Stunde in die Stadt und meine Community dort musste arbeiten, was das Feiern doch ein wenig einschränkte. Ich lernte die Stadt ein bisschen anders und ein bisschen genauer kennen und verbrachte tolle Abende in gemütlichen, nicht ganz so touristischen Kerts (Biergarten im Budapest-Style) und hatte meine Geheimspots, die ich bis heute liebe.  An einem Wochenende kam mich eine Freundin aus der Heimat besuchen, die zuvor schon mal als Backpackerin in Budapest war – natürlich auf einem Hochbett eines Hostel-Mehrbett-Zimmers mit 15 weiteren miefigen Low-Budget-Touristen. Ich brauche nicht weiter zu erläutern, wie empört sie darüber war, was ich für einen langweiligen Lifestyle in dieser schillernd-versufften Stadt lebte. Da sie auch nun wieder in einem Hostel in der City unterkam, ließ ich mich darauf ein, einen Abend, eine Nacht mit ihr zu …

Der Kampf mit dem Schmerz

Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal ohne ihn aufgewacht bin. Ich weiß nicht mal mehr, wie sich mein Körper ohne ihn anfühlt. Andere sehen ihn gar nicht. Doch ich kämpfe gegen ihn, jeden Tag. Und das seit drei Jahren. Manchmal gewinne ich, meistens gewinnt er. Über mein Leben mit dem Schmerz. Es ist ein bisschen wie bei Liebeskummer. Ich öffne morgens die Augen, sehe das Tageslicht und dann gibt es diesen ganz kurzen Moment, in dem ich vergesse was war. In dem ich denke, alles ist normal – ich bin normal. Bis mich ein Stich daran erinnert, was wirklich ist. Da ist er wieder, der Schmerz. Er zieht von meinem Kopf über den gesamten Rücken bis in meine Arme. Und bleibt. Für ein paar Stunden hat er mich in Ruhe gelassen, das lässt er mich mit doppelter Kraft spüren. Er will mich zurück ins Kissen ziehen. Will, dass ich liegen bleibe. Auch ich möchte weiter träumen, aber ich stehe auf, jeden Tag. Seit drei Jahren führe ich jeden Morgen diesen Kampf. Woher der …

Gedicht an jemanden, mit dem ich mal was hatte

Ich traf dich. Ich traf dich Ende Oktober. Na gut, ich swipte nach rechts und du scheinbar auch und bald schon trafen wir uns ganz unverbindlich auf ein Bier. Du sprachst von Politik und deinen Reisen, ich sprach über das Wetter. In Konversation bin ich nicht wirklich gut. Doch scheinbar gut genug, denn du wolltest mich wiedersehen. Und so trafen wir uns immer öfters und irgendwann küsste ich dich und irgendwann schliefen wir miteinander. Ich weiß nicht mehr recht wie es genau dazu gekommen ist. Manchmal schlafe ich ausversehen mit jemanden. Dabei läuft das leider nie so ab, wie man das aus Filmen kennt. Erste Szene: Zwei überdurchschnittlich attraktive Menschen sitzen in einer Bar und ziehen sich schon fast mit den Augen aus. Schnitt. Zweite Szene: Die beiden überdurchschnittlich attraktiven Menschen taumeln wild knutschend in eine Wohnung und einer der beiden tritt die Tür mit dem Fuß zu. Schnitt. Dritte Szene: Die beiden überdurchschnittlich attraktiven Menschen liegen schwer atmend zusammen im Bett. Der Drops ist schon gelutscht. Bei mir läuft sowas häufig eher nach dem …

Wendepunkt

Sie steht jeden Morgen auf, wäscht sich Isst Macht das Fenster auf Setzt sich vor den Fernseher Und wartet. Auf wen? Oder Auf was? Das Denken funktioniert nicht mehr so schnell Der Fernseher leuchtet hell – Im dunklen Zimmer Da sitzt sie immer Da sitzt sie schon immer Da sitzt sie noch immer Vorm Geflimmer Einer Sendung Die sie nicht versteht „Es gibt jetzt so viele Kanäle“ erzählt sie mir erstaunt Ich lächle und werde still Ich fühle Mitleid Und dann hab ich ein schlechtes Gewissen Weil ich Mitleid fühle Aber ändern kann ich es nicht Es wird immer deutlicher Dass es zu Ende gehen wird Mit 95 Jahren ist das klar „Ein langes, erfülltes Leben“ Und „Es war ein schöner, leichter Tod“ werden sie sagen Und ich werde mich fragen War es das? Oder war es das nur bis zu einem gewissen Moment, einem Wendepunkt ? Wendepunkt, der: Zeitpunkt, an dem sich etwas bedeutend ändert. Gibt es so einen im Leben? Gab es so einen in ihrem Leben? Die erste Frau, die in der …

Du bist (nicht), was sie aus dir machen

Zwischen gesellschaftlichem Druck und der eigenen Freiheit Viele kennen es, doch darüber sprechen tun die wenigsten. Egal, ob im Freundeskreis oder anderswo, der gesellschaftliche Druck, der von außen auf einen wirkt, ist immens. Als junge Frau setze ich mich tagtäglich damit auseinander. Ein Beispiel ist das ständige Rasieren. Frau soll weiblich sein und so aussehen, sich so anziehen und bewegen. Am besten noch ein strahlendes, selbstbewusstes Lachen auf dem Gesicht, als könnte ihr die Welt nichts anhaben. Doch warum? Warum ist da dieser Druck? Warum wirkt die Gesellschaft so auf uns? Oder gibt es diesen Druck etwa gar nicht? Ist er vielleicht nur ein Konstrukt der Fantasie, eine Art kreative Schöpfung? Fragen wie diese habe ich mir schon häufig gestellt. Ich habe versucht, sie zu ignorieren und einfach ich zu sein. Doch dann ist da diese Angst, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden und schiefe Blicke zu kassieren. Und schon ist man nicht immer und überall 100% man selbst. Es ist ein Teufelskreis, den wahrscheinlich viele kennen. Nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer. …

Vom nach Hause kommen an einen fremden Ort

Ich zähle die Bahnstationen auf meiner Navigations-App.Noch 4. Noch 3. Noch 2. Noch eine.Jetzt bin ich da, steige aus, ich bin zuhause.Oder zumindest an meiner neuen Meldeadresse. An meiner Vorherigen musste ich nie Bahnstationen abzählen,denn ich kannte sie alle in- und auswendig. Außerdem gab es dort gar keine Bahn, nur Busse. Hier gibt es Busse, Trams, S-Bahnen, U-Bahnen, Taxis, Ubers, Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, Motorradfahrer und E-Roller. Für jede Bewegung, die ich außerhalb meiner vier Wände mache, brauche ich Google Maps. Das hatte ich vorher nicht einmal installiert. Wenn ich in einem der genannten Verkehrsmittel sitze, starre ich entweder durchs Fenster hinaus auf gesichtslose Häuserwände und leere Landschaften, die mir fremd sind, oder in die leeren Gesichter häuserloser Menschen, die mir fremd sind. So oder so fühle ich mich dabei ziemlich einsam. Zwei Jahre später Ich presse meine Nase an die Scheibe des Bullauges, ich will den Fernsehturm sehen.Als ich nach der Landung ins Helle hinaustrete und mir der kalte Wind entgegenschlägt, atme ich tief ein. An der Bahnstation angekommen, ist das altbekannte Signal der sich …