Autor: Dessany

Wann denn nun? #Zeitgeist*in

Eine Biene landete auf dem Rand des Glases vor mir, gefüllt mit trübem Apfelsaft. Ganz vorsichtig balancierte sie auf dem schmalen, schimmernden Strich, untersuchte interessiert den Inhalt, stieß sich ab und flog wieder davon. Ein Balanceakt Ich drückte die vergoldete Gabel des Sonntagsgeschirrs meiner Oma durch den Birnenkuchen, bis sie durch den Boden auf den Teller krachte. Das Krachen füllte nur zäh die Stille, die sie mit ihrer eben gestellten Frage entstehen ließ. „Sag mal, wann wirst du eigentlich endlich mal schwanger?“ Das Gespräch mit Oma verlief eigentlich wie immer. Sie erkundigte sich über mein Studium, welche Projekte ich sonst so am Laufen hätte. Natürlich vergewisserte sie sich auch, ob ich in meiner Beziehung glücklich sei, es mir an irgendetwas fehle. Anschließend erzählte sie mir von ihrer Kindheitsfreundin Else, deren Hund letzten Dienstag plötzlich verstorben sei und dass es ihr seitdem eher bescheiden ginge. Wir beschlossen, ihr bei unserem Spaziergang nach dem Kaffee ein Stück Birnenkuchen vorbeizubringen. Überzeugt von ihrem wirklich schönen Plan, grinste Oma mich breit an. Dann folgte eben genau der Satz, der …

Auf Augenhöhe #Zeitgeist*in

„Und irgendwann sprang der Funke einfach über.“ Sie ist 20 Jahre alt und er ist 51. Seit etwas über zwei Jahren sind sie ein glückliches Paar. Lange waren sie einfach nur gute Freunde, haben sich gegenseitig viel Zeit gegeben, sich ihren Gefühlen füreinander bewusst zu werden. Und sich letztlich doch für eine Beziehung entschieden. 31 Jahre trennt die beiden, oder bringt es sie nur noch näher zueinander? Um mit irritiertem Stirnrunzeln – eine physische Begleiterscheinung, wenn es um dieses Thema geht – aufzuräumen, haben sie mir ihre Geschichte erzählt. Da vom höchsten Hoch und tiefsten Tief berichtet wurde, möchten beide anonym bleiben. Habt Verständnis! Wie habt ihr euch kennengelernt? Sie: Er war Lehrer bei mir in der Schule. Zwar war er nicht direkt Lehrer meiner Klasse, aber man hat sich eben viel gesehen. Dadurch, dass ich viele Texte wie Poetry Slams oder Gedichte geschrieben habe, sind wir aufeinander aufmerksam geworden. Im Januar 2018 habe ich bei einem Theaterstück mitgewirkt, bei dem er zugesehen hat. Wir haben uns viel darüber unterhalten, uns wohlgefühlt und schon hier …

Vom Hinsehen und Wegsehen #Zeitgeist*in

Es ist Dienstag, 10 Uhr. Ich bin auf dem Weg zu meiner Lieblingskonditorei, um dort zwei Stücke Torte abzuholen. Die Luft drückt, es beginnt zu regnen. Während des Semesters ist die Innenstadt meist so voll, dass ich Mühe habe rechtzeitig zu meinen Kursen zu kommen. Heute aber herrscht eine so unheimliche Leere, die sich sofort auf meine Stimmung auswirkt. Etwas stimmt nicht. Das weiß auch der Fahrer der Spedition, der vor mir die Hebebühne mit einem lauten Piepsen hinabfährt. An einem gewöhnlichen Tag wäre dieses Geräusch wahrscheinlich zwischen all den Menschen und dem Lärm untergegangen. Jetzt kann man sich ihm unmöglich entziehen. Es schlägt regelrecht gegen die Schädeldecke, bettelt um Aufmerksamkeit. Und so sehr ich mich auch dagegen wehre, unmittelbar breitet sich das Gefühl von Einsamkeit in mir aus. Ich weiß, ich bin nicht allein. Millionen Menschen sitzen in Räumen, die Sonne scheint einladend durch die Fenster und trotzdem verlassen sie, wenn die Vernunft siegt, nur für unbedingt notwendige Erledigungen oder einen kurzen Spaziergang das Haus. Manche von ihnen geben online Tipps, wie man die …

Blau ist das neue Rot #Zeitgeist*in

“Always trocken. Always sauber. Und mit Sicherheit ein gutes Gefühl.”, schreit mir eine energische Stimme entgegen, während ich mir Unmengen Puffreis in den Mund schaufle. Ich bin dreizehn, habe meine Liebe für tieftraurigen Deutschrap entwickelt und neuerdings auch meine Periode. Wie wunderbar.  Abgesehen davon, dass ich mit dieser Veränderung in meinem Körper, den Schmerzen, dem Blut erst einmal klarkommen musste, irritierte mich schon damals etwas an diesen Werbespots für Tampons, Binden und Co. enorm. Ich saß vor dem Fernseher, Wärmflasche auf dem Unterbauch liegend, halb getrockneten Blutfleck im Slip. Und die Frau in der Werbung? Strahlend hüpft sie durch den Park, der weiße Rock wirbelt stürmisch um ihre Beine. Den Fakt ausgenommen, dass das ein größtenteils völlig verqueres Bild davon zeigt, wie man während seiner Periode aussieht und agiert: Wo bleibt da das Blut?   Schnitt. Die lachende Frau ist verschwunden. Eine schwebende Binde erscheint. Und dann folgt das Unrealistischste, das Fernsehzuschauer wohl je zu Gesicht bekommen werden: Aus dem Nichts wird blaues Gel auf eine Binde gegossen, um ihre (“ultra”) Saugfähigkeit unter Beweis zu stellen. …

Liebe auf Distanz #Zeitgeist*in

Dreihundertachtundvierzig. Kilometer trennten uns für knapp eineinhalb Jahre. Und damit hatten wir es noch relativ leicht. Es gibt Fernbeziehungen, die weit über die Grenzen Europas hinaus reichen und auch viel länger bestehen müssen. Doch eines haben sie anfangs alle gemeinsam: Unsicherheit und ganz viele entstehende Fragen. Kann das denn überhaupt funktionieren, wenn wir uns nur ein einziges Mal im Monat sehen? Und dann ist unsere Zeit doch auch noch begrenzt, wie soll das gehen? Der Versuch. So lag ich nachts im grellen Licht des Handydisplays im Bett und recherchierte über eine Beziehungsform, die ich zuvor nur aus verzweifelten Posts auf Twitter kannte. Mit einem etwas mulmigen Gefühl tippte ich das Wort „Fernbeziehung“ in die Suchleiste. Ich weiß noch, dass all die Ergebnisse, die mir gar lieblos entgegengeschleudert wurden, mich nur noch mehr zweifeln ließen. Hätte ich auf die vielen Aussagen der Autoren und Blogger vertraut, so wäre ich auch heute noch der Meinung, dass Fernbeziehungen ohnehin zum Scheitern verurteilt sind, dass beide Parteien immer nur leiden und auch wenn man es schafft, die Beziehung spätestens …