Körper & Bewusstsein
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Fühl‘ mal, mein Fomo-Herz #gutunddir

Akronym Fomo – Fear of missing out. Eine Generation scheinbar gratwandernd zwischen „Was wäre wenn…?“ und „Wenn… dann…„. Da, wo „Ich hab Fomo!“ vor allem ehrliches Zugeständnis statt bloßes Symptom einer digitalisierten Social-Media Gesellschaft ist. Da, wo sie sich nicht erst mit dem bevorstehenden Wochenende am Freitagabend, sondern direkt Montagmorgen vor dem ersten Kaffee zu Dir an den Tisch setzt. Eine Suche nach all den Gründen für die Gefühle der Angst, etwas zu verpassen.

All die Fragen des Verpassens

Der Begriff Fomo – „Fear of Missing Out“, die Angst etwas zu verpassen – taucht erstmals 2004 in einem Magazin der Harvard Business School des Autor Patrick James McGinnis auf und wird definiert als „gesellschaftliche Beklemmung, Angst oder Besorgnis, die das zwanghafte Verlangen nach einer sozialen Interaktion beschreibt, um eine besondere Erfahrung, ein aktuelles Ereignis nicht zu verpassen„.

Soziale Interaktion erscheint auf den ersten Blick so urmenschlich wie das Verlangen nach Nahrung, wie das Verlangen nach einem Zufluchtsort. So fundamental, so natürlich, so menschlich. Aber, was ist, wenn dieses Bedürfnis nach sozialer Interaktion zu einem unterbewussten Drang, zu einem Zwang wird? Wenn es nicht nur unser Handeln, sondern auch unsere Gedanken, unsere tagtäglichen Entscheidungen bestimmt?

Verpasst du noch oder scrollst du schon?

»Social media can be a gallery of lives you aren’t living. Of diets you aren’t following. Of parties you aren’t attending. Of holidays you’re not on. Of fun you’re not having.«

Matt Haig (The Comfort Book)

Manchmal glaube ich, dass unsere Social-Media-Welt sowas ist wie die virtuelle Verkörperung von Hassliebe. Ein interaktiver Eintrag im Duden, ein Gefühl, dass schon abermals gefühlt wurde, mit einer Liebe, die alle hassen und einem Hass, den alle lieben, alles gerichtet auf dieses eine Etwas. Als wären Instagram, Facebook und Co. die stumme Antwort auf die Frage „Was ist eine Hassliebe überhaupt?“, bei der es kaum weitere Erklärungen bedarf, alle wüssten, welche Gefühle man meint – die inspirierenden und vernetzenden, die ermutigenden und die befreienden.

Aber eben auch all die Gefühle, die sich da unter der permanenten Flut an Informationen ansammeln und nur darauf warten, mit Selbstzweifeln und ewigem Vergleichen gnadenlos auf einen einzuprasseln. Denn das, was für andere noch neutrale Clips, Posts, Reels sind, füttert bei anderen die Fomo. Mit all den Erlebnissen und Ereignissen, die man selbst verpasst, von denen man selbst, ob online oder offline, kein Teil ist.

Im Jahr 2013 stellten britische Forschende fest, dass die intensive Nutzung von Instagram, Facebook, Snapchat und Co. eng mit dem sogenannten Fomo-Syndrom verknüpft ist. Vielleicht kann man sich das in etwa so vorstellen wie mit diesen kleinen Suchbildern, die es oft in Zeitungen und Magazinen gibt. Zwei Bilder, ein fehlerfreies Bild und daneben die fehlerhafte Kopie dieses Bildes. Beide für sich betrachtet, würden einem die feinen Unterschiede wohl kaum auffallen, aber im direkten Vergleich, sind es die Fehler, oder eher gesagt die akribische Suche nach diesen, die unseren Blick leitet und unsere komplette Wahrnehmung verschleiert.

Und so wird Social Media als Kaleidoskop aus Status-Updates und Videos, schnell zu einer persönlichen Suchbild-Hölle, bei der wir uns und unser Leben auf die absurdeste Genauigkeit mit anderen vergleichen und bewerten – und das unser eigenes dabei meist als die fehlerhafte Kopie angesehen wird, ist trauriger Weise recht offensichtlich, oder? Für viele Menschen, kann Social Media demnach zur Folge haben, dass man durch das permanente Vergleichen und Beobachten fremder Leben, einen erhöhten Erlebnisdruck verspürt. Es entwickeln sich Gefühlen wie Einsamkeit, Selbstzweifel und: Fomo.

Denn wo wir in der einen Sekunde noch glücklich vor dem blauen Meer stehen, sind es in der nächsten Sekunde auf einmal die Berge, wo scheinbar das wahre Glück, die wahre Leichtigkeit, die wahre Jugend für uns zu liegen scheint. Oder, warte, war das vielleicht nicht doch in der Stadt? Oder in den Weiten der grünen Wiesen? Oder da, in diesem einem Hostel in Costa Rica, aus der Instagram Story der einen, eigentlich wildfremden Person? Oder doch Kapstadt? Dublin? Wahrscheinlich, so fühlt es sich zumindest oftmals in solchen Momenten an, ist das große Glück, das „wahre Leben“, dann gerade überall da, wo du nicht bist.

Und anstatt der Zufriedenheit von vor wenigen Sekunden, ist da dann plötzlich diese dumpfe Nervosität, die deinen ganzen Körper einnimmt. Die Vorstellung, dass Menschen um dich herum – Freunde, Familie, Bekannte und auch Unbekannte, mehr erleben, mehr sehen, mehr fühlen. Dass du auch überall da sein willst, sein musst, wo die Nacht zum Tag wird, zwischen Strobolicht und Dancefloor, zwischen kein Kind mehr und doch noch nicht erwachsen. Und dann hast du das Gefühl etwas zu verpassen, deine Zeit nicht richtig zu nutzen.

Eigentlich absurd oder? Wir schauen uns einen Sekunden-Ausschnitt aus dem Leben anderer Menschen an und schon wird alles hinterfragt: Wer wir sind, was wir sind und wo wir sind. Eine Generation, die mehr scrollt als fühlt, mehr verpasst als lebt – immer wachsam, immer online.

Such mir die Entscheidung, die sich selbst entscheidet

Schwarz oder blau, Vanille oder Schokolade, Meer oder Berge? Eine Gesellschaft im Überfluss, eine Blase, die sich an den Exzessen des freiheitsliebenden Konsums ergötzt. 

Denn unsere heutige Gesellschaft hat so viele Freiheiten und Möglichkeiten der eigenen Lebensgestaltung wie nie zuvor – an dieser Stelle mit großer Sicherheit eine sehr privilegierte Aussage, die in der Realität wahrscheinlich noch sehr weiß-heteronormativ geprägt ist. Denn unsere Gesellschaft ist lang noch kein Ideal ihrer selbst, nein, wahrscheinlich zeigt sich gerade in Zeiten wie diesen wieder einmal, wie sehr sich Freiheit und Chancengleichheit mehr als dystopische Karikatur statt realistischem Ist-Zustand zeichnen lassen. Aber, zumindest in der Theorie, zeigen Selbstbestimmungsrecht und weitere Errungenschaften der Moderne, dass Entscheidungen, sowohl berufliche als auch private, immer selbstbestimmter und autonomer getroffen werden können.

Wie bei so vielem, geht mit diesem hohen Maß an Freiheiten eine gewisse Verantwortung einher. Ein scheinbar unsichtbarer Schleier, der sanft und doch bestimmt auf den Schultern jeder einzelner zu treffenden Entscheidung lastet. Vor allem dann, wenn es bei diesen selbstbestimmten Entscheidungen nicht einfach um die Farbe des neuen Secondhand-Pullis oder dem ersten Eis des Sommers, sondern um die großen Dinge, die wichtigen Dinge, die wirklich entscheidenden Dinge geht.

Und dann kann uns diese Flut an Auswahl, an Möglichkeiten, an Chancen, die man nicht verpassen möchte nahezu überrollen. Denn scheinbar wird diese privilegierte Flut an Entscheidungen, irgendwo zwischen heranwachsend und trotzdem noch nicht erwachsen nicht nur immer häufiger, sondern irgendwie auch immer wichtiger, immer schwerwiegender, immer komplizierter, eine scheinbare Gentrifizierung unserer inneren Entscheidungslandschaft, während jeglicher innere Kompass schon längst nicht mehr weiß, wo zum Himmel eigentlich Norden liegt.

Die Freiheit, die dich nicht befreit

Jede Entscheidung, egal ob es die Serie ist, die ich heute Abend schaue oder was ich dazu essen möchte, was ich nach meinem Studium mache, oder ja, ob ich überhaupt ein Studium anfangen sollte: Das Beste scheint selten genug und alles darüber bleibt trotzdem unerreichbar. Ein ewiger Kreislauf von „Was wäre gewesen, wenn…?“ zu „Wenn…dann“, hin und her, her und hin, bis man scheinbar nicht mehr weiß, was wirklich ist und was mal war.

Aber vielleicht ist es genau das. Dass wir uns mit dem Älterwerden immer mehr unseren Freiheiten bewusst und gleichzeitig für genau diese verantwortlich werden. Das Glück liegt scheinbar wortwörtlich in der eigenen Hand und man sieht sich selbst, ganz alleine, mit dem Druck und Pflichtgefühl konfrontiert keine Chancen entgehen zu lassen. All diese Möglichkeiten und Freiheiten wie ein großer Raum voller Türen, voller angelehnter Türen, mit einem schmalen Spalt zwischen Tür und Rahmen, der uns die leiseste Vorahnung auf das gibt, was sich dahinter verbirgt. Aber die Tür öffnen, dass musst du selbst. Du, umgeben von den Türen, die nur darauf warten von dir geöffnet zu werden. Du, umgeben von den Chancen und Möglichkeiten, die nur darauf warten, von dir ergriffen zu werden.

Gut, Besser, Fobo

Und so kann sich diese Fülle an Möglichkeiten, diese schier unendliche Weite an Freiheiten, manchmal wie eine einzige Überforderung anfühlen, wie eine Angst, mit einer Entscheidung gleichzeitig eine andere, vielleicht bessere Alternative auszuschließen. Und hier ist sie, die sogenannte „Fobo“ – die „Fear of better options“.

Die kleine Schwester der Fomo, ist so etwas wie die eine Stimme, die unterschwellige Angst, dass wir uns für die falsche Tür entscheiden, für die falsche Party, für das falsche Studium. Dass wir durch diese eine Entscheidung eine andere, eine vermeintlich aufregendere Tür nicht zeitgleich öffnen können. Dass sich hinter der gewählten Tür nicht das Glück, nicht die Zufriedenheit, nicht das erhoffte Abenteuer verbirgt, dass andere mehr erleben, mehr sehen, mehr fühlen. Irgendwo da, zwischen Fomo und Fobo, ist das Privileg einer Generation, die Freiheit vor lauter Türen nicht mehr zu sehen, mit all den Möglichkeiten, die nur darauf warten von uns geöffnet zu werden, von uns entdeckt, von uns gelebt zu werden.

Aber, kann das alles sein? Alles eine ungeschriebene Gleichung aus Digitalisierung und Selbstbestimmung? Eine Dystopie geboren aus der privilegierten Autonomie? Dass da so viel mehr dahinter steckt, dass in der Gleichung Unmengen an Variablen, Klammern und Vorfaktoren sind, beschreibt Wirtschaftspsychologe Christian Bosau. Denn: Fomo sei gewiss keine bloße Social-Media-Krankheit von Gen Z oder Millennials in der Neumoderne, nein. Fomo, das sei vielmehr ein „Grundbedürfnis nach sozialem Anschluss und Austausch welches über Generationen hinweg im sozialen Wesen aller verankert ist“. Die soziale Angst, den Diskurs zu verpassen und somit davon ausgeschlossen zu werden, sei somit mindestens genauso alt wie die Gesellschaft selbst.

Aber das klingt doch auch irgendwie plausibel, oder? Unser angeborenes Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Geltung, nach dem Gefühl wahrgenommen zu werden, ergeben sich aus den überlebensnotwendigen Funktionen, die sozialen Beziehungen in einer Gesellschaft jeher mit sich brachten. Aber selbst dann sollten ernstzunehmenden soziale Ängste wie Fomo doch nicht die logische Lösung einer gesellschaftlichen Endgleichung sein, oder?

Der Fomo das Fürchten lernen

Vielleicht haben wir alle schon einmal das Gefühl gehabt, etwas zu verpassen, dass wir unsere Jugend nicht gänzlich ausschöpfen, dass wir uns im Nachhinein für einen anderen Weg entschieden hätten. Das ist völlig normal – und völlig okay. Aber vor allem bei jungen Menschen können diese Gefühle des ständigen Vergleichens, der Nervosität und Wut den Alltag enorm beeinflussen und sich zu einer großen mentalen Belastung entwickeln.

Studien zufolge so sehr, dass sowohl Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit, als auch die alltägliche Leistungsfähigkeit massiv davon beeinträchtigt werden können. Wie krass ist das? Unser Verlangen nach sozialer Anerkennung, nach gesellschaftlicher Zugehörigkeit ist so groß, dass die Freuden des Alleinseins, die sogenannte „Jomo“ (Joy of Missing Out), zum vermeintlichen Fremdgefühl der Identität einer Gesellschaft wird?

Das hier ist kein „Wie überwinde ich meine Fomo in 5 Schritten“, leider. Das hier ist Bewusstsein. Bewusstsein dafür, dass Social Media eine gefilterte Darstellung einer uns manchmal fremden Realität ist. Dass Clips, dass Sekunden nicht immer das echte Jetzt sind. Dass wir alle Vergleichen, Hinterfragen, Zweifeln. Und ja, dass wir alle manchmal einfach gerne dazugehören wollen.

Aber vor allem ist das vielleicht ein reminder, dafür, dass wir mehr die analoge Geselligkeit, ob mit uns oder in einem wir, zelebrieren, statt die digitale Einsamkeit zu romantisieren. Dass Entscheidungen manchmal Entscheidungen bleiben dürfen und, dass auch bislang ungenutzte Chancen nicht auf ewig verloren sind.

Denn es wird Zeit der Angst des Verpassens Sichtbarkeit zu schenken. Aber nicht um der Angst Willen sondern der sich Fürchtenden zuliebe. Dass wir den Mythos der ewigen Jugend, der eigenen Vergänglichkeit, der sterblichen Schönheit unverblümt das Fürchten lernen. Dass wir mehr sind, mehr können, mehr wollen. Mehr als die eine Party, mehr als der eine Job, mehr als der eine Freitag, alleine – nicht einsam – zu Hause. Dass die Sorge, etwas zu verpassen, nicht mehr ein Symptom des Lebens ist.

»So, cut yourself and scroll your mind instead. Scroll your consciousness for reasons to be grateful to be you. The only fear of missing out that matters is the fear of missing out on yourself.«

Matt Haig (The Comfort Book)

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Text von Ana Paula und Nele, Gestaltung von Selma.

Ana Paula ist 20 Jahre alt und studiert Geschichte und Fachjournalistik in Gießen. Sie trinkt viel zu viel Kaffee, hat mehr Bücher, als sie lesen kann und bei neuen Pflanzen kann sie eigentlich nie nein sagen.

Nele ist 21 Jahre alt und studiert English-Speaking Cultures und Medien- & Kommunikationswissenschaften in Bremen. Sie prokrastiniert manchmal zu viel, hat einen wahrscheinlich ungesund hohen Salzkonsum und verliert sich gerne in Worten, den geschriebenen und den gesprochenen.

Unsere Generation beschäftigt ganz schön viel – Klimawandel, Zukunftsängste, Leistungsdruck. In gutunddir schreiben Nele und Ana Paula über all das, was uns nachts nicht schlafen lässt: Wer will ich in dieser Welt sein? Wie geht Erwachsenwerden? Und: Gibt es für diese Welt überhaupt eine Zukunft?

Selma ist eine der Gestalter:innen bei TIERINDIR und für die Gestaltung der Gastgedanken und der Kolumne #gutundir zuständig. Sie ist 22 Jahre alt, studiert Druck- und Medientechnik und arbeitet nebenbei als Grafikerin in Berlin. In ihrer Freizeit ist sie gern kreativ, liebt lange Spaziergänge und verliert sich in Büchern aus ihrem Bücherregal oder der Bibliothek.

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