Inspiration
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Was wir lesen #obstsalat

In dieser Ausgabe von #obstsalat lassen wir die HĂĽllen aus bedrucktem Papier fallen und stellen Dir unsere Literaturempfehlungen aus den letzten Monaten vor.

The Seven Husbands of Evelyn Hugo

(2018) von Taylor Jenkins Reid đź”–

ist ein wunderschön geschriebener Roman, in dem man sich komplett verlieren kann. Eine queere Liebesgeschichte, die im alten Hollywood spielt. Die trotzdem aber unfassbar zeitlos und aktuell ist. Und so ein Buch, das genau richtig ist, um die turbulente Welt um einen herum fĂĽr einen kurzen Moment vergessen zu können – um währenddessen daran erinnert zu werden, wie schön das Leben eigentlich ist! Und dass wir jeden Moment bewusst schätzen sollten. Ach, ich freue mich einfach ĂĽber diese GROĂźE queere Liebe! – MARA

©Simon & Schuster

Becoming Beauvoir: A Life

(2020) von Kate Kirkpatrick đź”–

Jean-Paul Sartre (1905-1980) und sein existenzialistischer Freiheitsbegriff sind in philosophischen und literarischen Diskursen keine Fremdworte. Zitate wie „Die Existenz geht der Essenz voraus“ oder „Die Hölle, das sind die anderen“ sind fast schon Kult. Simone de Beauvoir (1908-1986) war wie Sartre auch Schriftstellerin und Philosophin, Existenzialistin und Vertreterin der freien Liebe. Zur feministischen Ikone wurde sie durch ihren Epos Das andere Geschlecht (Originaltitel: Le Deuxième Sexe), einer StandardlektĂĽre von Feminist*innen. Wenn sie nicht gerade in Sartres Schatten und auf die Rolle seiner treuen Lebensgefährtin reduziert wurde, wurde das Leben und Wirken der Intellektuellen häufig verkannt.

„Ob romantisch oder intellektuell, sie bekam die Rolle als Sartres Beute“, schreibt Kate Kirkpatrick. Die britische Philosophie-Dozentin verfasste deswegen die Biographie Becoming Beauvoir: A Life. Ihrer Recherche liegt die Auseinandersetzung mit zuvor unverwerteten Tagebucheinträgen und Briefwechseln Beauvoirs zugrunde. Auf die Frage, warum das Leben der Simone de Beauvoir vom Neuen bewertet werden sollte, erklärt Kirkpatrick: „Eine Biografie kann offenlegen, was einer Gesellschaft wichtig, was ihr wertvoll ist – und durch eine Begegnung mit den Werten einer anderen Person in einer anderen Zeit können wir mehr ĂĽber unsere eigene lernen. (…) Eine Neubewertung von Beauvoirs Leben ist auch deshalb von Bedeutung, weil Beauvoir im Laufe der Zeit unzufrieden wurde mit der Art, wie ihr Leben dargestellt wurde“ – was nicht zuletzt daran liegen könnte, dass sie ihre Queerness bis zu ihrem Tod nicht öffentlich machte.

Sie schrieb ĂĽber ihre Liebhaber und zärtliche, enge Freundschaften mit Frauen. Dass Beauvoir auch Frauen liebte, wurde erst postum bekannt. Beauvoirs Ideen sind elektrisierend, ihr Schreibstil getränkt von tiefster Intelligenz. Sie ist eine inspirierende Frau, gerade fĂĽr Träumer*innen wie mich. Kirkpatrick schafft es, durch ihre tiefe Recherche und die historisch-philosophische Einordnung der Lebensfakten Beauvoirs, diese aus den Worten hervortreten zu lassen. Plötzlich scheint es, als wĂĽrde Mensch mit ihr im CafĂ© de Flore sitzen, an der Seine entlangspazieren und philosophieren. Was ein Bild! – DIANA

©Bloomsbury Publishing

Radikale SelbstfĂĽrsorge. Jetzt!

(2021) von Svenja Gräfen 🔖

„Pausen und Erholung sind keine Belohnung, sondern eine Voraussetzung fĂĽrs Weitermachen. Du musst sie dir nicht erst verdienen – sie stehen dir einfach zu, weil du existierst.” – Svenja Gräfen

Self Care ist das neue Trendwort unserer Generation, aber was steckt wirklich hinter bubble baths und Yoga in wunderschönen Sportklamotten? DarĂĽber schreibt Svenja Gräfen in diesem must read fĂĽr jede*n. Es geht darum, warum SelbstfĂĽrsorge politisch und absolut notwendig fĂĽr Aktivismus und Allyship ist, wie die Wellness-Industrie von unserer Leistungsgesellschaft profitiert und wie uns Entspannungstrends noch mehr stressen. AuĂźerdem geht die Autorin der Frage nach, woran unser Selbstwert hängt und beschreibt, wie wir wirklich besser mit unseren GefĂĽhlen umgehen können – ohne toxische Positivität.  

Das Buch fĂĽhlt sich an wie eine warme Umarmung von einer Person, die einem aber auch mal in den Hintern tritt, wenn man sich wieder zu viel aufgeladen hat. Besonders in stressigen Zeiten – PrĂĽfungsphase ahoi – erinnert es daran, sich selbst mit Sanftheit und Verständnis zu begegnen und kommt ganz ohne das teils unangenehme, teils toxische wording aus Selbsthilferatgebern aus. – LOU

©Eden Books

Body Politics

(2021) von Melodie Michelberger đź”–

CW: Toxisches Selbstbild; Essstörung; Diskriminierungserfahrungen

Mein Körper hat mich, wie wahrscheinlich uns alle irgendwie, schon immer beschäftigt. Bewertungen und ein Richtig und Falsch waren ĂĽberall präsent – als hätten wir ein Recht darauf, Körper von auĂźen fĂĽr ihre Form zu verurteilen. Ich meine, was sagt es ĂĽber unsere Gesellschaft aus, dass ein Bild mit sichtbaren Speckrollen auf Instagram als „mutig“ gilt? Genau darum und um so viel mehr geht es in Body Politics.

Darin erzählt Ex-Redakteurin Melodie Michelberger, wie sie sich mit ihrem Körper angefreundet hat. Es ist aber viel mehr als nur die Geschichte eines Körpers, der mit Gewalt dazu gezwungen wurde, in das toxische Wertesystem unserer fettphobischen Gesellschaft zu passen. Es ist eine Geschichte darüber, was es bedeutet, man selbst zu sein, wenn einem immer wieder gesagt wird, dass man so nicht richtig ist. Die Autorin nimmt eine queerfeministische Perspektive ein und führt Interviews mit andere Fettaktivist*innen wie SchwarzRund und BodyMary, um ihre eigene Perspektive um die von anderen zu erweitern.  

Ich habe von diesem Buch so viel gelernt. DarĂĽber, wie allumfassend das Wertesystem der Diätkultur in unserer Gesellschaft verankert ist, ĂĽber Privilegien und darĂĽber, wie es Menschen geht, denen diese Privilegien abgesprochen werden, weil sie als „zu groĂź“, „zu viel“, „zu laut“ gelesen werden. Das Buch macht einem bewusst, wie sehr man selbst in diesen toxischen Denkmustern steckt, was fĂĽr unterschwellige Vorurteile mensch hat und wie Fettfeindlichkeit mit Feminismus zusammenhängt. Denn: Körper und wie wir wegen ihnen behandelt werden, sind immer politisch. – LOU

©Rowohlt

Untenrum frei

(2016) von Margarete Stokowski đź”–

ist in den vergangenen Monaten zu meiner persönlichen Feminismus-Bibel geworden. Schon oft war mir das Buch empfohlen worden und seit langem stand es auf meiner eingestaubten to read-Liste. Obwohl ich eine sehr langsame Leserin bin, verschlang ich es in wenigen Tagen. Als Leser*in taucht man chronologisch Stück für Stück in die Lebensgeschichte Stokowskis ein, die sie mit eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen im Bezug auf das patriarchale System gekonnt verknüpft. Inhaltlich geht es dabei unter anderem darum, wie stark weibliche Körper in der Gesellschaft sexualisiert werden, warum die Natur gerne als Argument für diskriminierenden Mist benutzt wird, dass in der sexuellen Aufklärung von Jugendlichen der Fokus auf das weibliche Geschlecht oft unter den Tisch fällt oder schlichtweg als geringere Priorität dargestellt wird. Es geht auch um Care-Arbeit, die Unfreiheit von Sex, die Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen, Sprache als Mittel der Sensibilisierung und dergleichen mehr.

Mich hat dieses Buch gelehrt, zu verstehen, wie viel mir während meines gesamten Daseins als junger Frau beigebracht wurde, stumm hinnehmen zu müssen. Heutzutage lässt sich auffällige Diskriminierung und Antifeminismus durch die immer stärker Beachtung findende Sensibilisierung, die seit einigen Jahren zumindest in meiner Bubble die Runde macht, schnell erkennen. Aber wie viel unterbewusste und passive Reproduktion patriarchaler Strukturen so zwischen den Zeilen in den unterschiedlichsten Bereichen stattfindet, habe ich erst durch Margarete Stokowski gelernt

Untenrum frei zu lesen fühlte sich für mich an, wie endlich verstanden zu werden und Vorgänge erklärt zu bekommen, die man schon immer irgendwie als unfair empfand, aber bei denen man nie richtig benennen konnte, warum. Gerade als Einstieg für Menschen die sich mehr mit Feminismus auseinandersetzen wollen, ist das Buch ein wunderbarer, gut verständlicher Anfang und bietet sehr viele Denkanstöße. Besonders mit dem Fokus auf die eigene Reflexion und das Ausbrechen aus diesen Strukturen.

Die Fortsetzung Vom Ende des Patriarchats (2018), bestehend aus gesammelten Essays Stokowskis, ist ebenfalls eine dicke Empfehlung wert – dort wird an einer Stelle unter anderem der Schönheitsdruck thematisiert, dem weiblich gelesene Menschen oft durch die Gesellschaft ausgesetzt sind. Gerade diese Passage hat mich massiv wachgerĂĽttelt und mir begreiflich gemacht, dass ich als Frau nicht dazu verpflichtet bin, rund um die Uhr dafĂĽr zu sorgen, männlich gelesenen Menschen optisch gefallen zu mĂĽssen. – ALINA

©Rowohlt

Queenie

(2020) von Candice Carty-Williams đź”–

Nachdem Queenie, eine 25-jährige jamaikanische Britin, von ihrem Freund verlassen wird, steht sie vor einer erschreckend grauen Wand aus Fragen und Entscheidungen: Wer bin ich? Wer will ich sein? In einer Welt, in der diese Fragen für Frauen oft schon beantwortet werden und zu einem “So muss ich sein” und “So darf ich nicht sein” werden. Bis Queenie droht, sich in genau dieser Welt voller Erwartungen zu verlieren.

“Der Weg zur Heilung ist nicht schnurgerade. Es ist ein holpriger Weg mit vielen Krümmungen und Kurven. Aber du bist auf der richtigen Spur” (S. 454).

Wenn ich etwas an diesem Buch geliebt habe, dann die schonungslose Ehrlichkeit, die Carty-Williams sich stets wahrte. Queenie ist ein Portrait ĂĽber eine junge Frau, die sich an einem Balanceakt zwischen Kulturen versucht, letztlich aber in beide nicht so ganz hinein zu passen scheint. Gerade die Themen mentale Gesundheit und der damit einhergehende Heilungsprozess der Protagonistin waren so nah an der Realität umgesetzt, dass ich Queenie beim Lesen teilweise einfach gern in den Arm genommen hätte, um ihr zu sagen, dass alles gut werden wĂĽrde. – DESSANY

©Blumenbar

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Die Gestaltung ist von Mara.

obstsalat ist eine Kolumne, die das TIERINDIR-Team gemeinsam entwickelt und veröffentlicht. Immer dann, wenn es uns so in den Kram passt und wir irgendwo eine Lücke finden, liest Du hier Empfehlungen unterschiedlichster Art. Ein Schmankerl für zwischendurch eben.

Mara ist 24, Crossmedia Publishing Studentin und Fotografin. In ihrer Freizeit ist sie Hundesitterin für einen Chihuahua namens Holly. Vermutlich ist sie die einzige Person auf Erden, die keinen geschmolzenen Käse mag. In ihrer Kolumne FUTURA BOLD, unterhält sie sich mit Personen aus Kunst und Kultur über verschiedenste Themen. Die Gespräche erscheinen auch als Podcast auf Spotify und Apple Podcasts. Mara lebt in Stuttgart und Kalmar.

Diana ist Autorin der Kolumne zwischentürundangel und lebt in Trier. Manchmal gestikuliert sie so stark, dass ihre Mitmenschen lieber Abstand zur ihr halten. Wenn sie gerade nicht politisch unterwegs ist, findet ihr sie bei ihrem tierischen Begleiter Max. Sie liebt heiße Schokolade, Worte und holpriges Tanzen.

Lou ist 21, meistens irgendwo zwischen Träumerin und Macherin und koordiniert für TIERINDIR die Gastgedanken. Wenn sie nicht gerade selbst an kreativen Texten sitzt, bloggt sie auf Instagram über Bücher und Alltagspoesie oder nimmt neue Folgen für ihren Podcast Cappuccino mit Hafermilch auf.

Alina ist 24 Jahre alt und studiert Kulturwissenschaften und Germanistik. In der Kolumne offenherzig setzt sie sich für mehr Offenheit, Verständnis und Experimentierfreudigkeit im Umgang mit Sex und allem was dazu gehört, ein. Durch eine angeborene Einschränkung lernte sie in den vergangenen Jahren ihr eigenes Sexualleben neu zu definieren sowie traditionelle Muster zu hinterfragen und einzureißen. In ihrer Freizeit zeichnet, fotografiert und kocht sie gerne und schreibt Filme- und Serienrezensionen.

Dessany ist 23, studiert Germanistik und schreibt die Kolumne unterkörperwelten. Als Redakteurin lebt sie ihr literarisches FeingefĂĽhl in der Betreuung der Kolumnen aus. In unterkörperwelten erkundet Dessany mit einem kleinen Spiegel bewaffnet Orte unterhalb des menschlichen Bauchnabels. Im Dschungel aus gesellschaftlich tabuisierter Themen umherstreifend, möchte sie ein möglichst schambefreites und liebevolles Bewusstsein fĂĽr das schaffen, was es mit dem „da unten“ auf sich hat.

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