Körper & Bewusstsein, Tabuthema?
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Tabuthema? Vaginaler Ausfluss #unterkörperwelten

Ein Chamäleon namens fluor vaginalis – den vaginalen Ausfluss gibt es in den unterschiedlichsten Farben und Konsistenzen. Für Menschen mit Uterus ist er ein alltäglicher Gefährte, der natürlicher nicht sein könnte. Widmen wir ihm also etwas mehr Aufmerksamkeit.

Dezember. Die Außentemperatur sinkt nachts auf minus 5 Grad Celsius. Für viele bedeutet das All I Want For Christmas auf repeat. Für mich, meine eingestaubten, ausgeleierten Thermostrumpfhosen aus Kisten kramen und inständig hoffen, dass die Motten sich in den vergangenen Monaten nicht daran bedient haben.

Schicht um Schicht schlinge ich um meinen Körper, damit er der eisigen Kälte standhält. So kam es, dass ich in einem niedlichen Café saß, an meinem Chai Latte nippte und das hektische Treiben der Menschen vor der Glasscheibe beobachtete. Bauchnabel abwärts trug ich: einen Slip, eine Thermostrumpfhose, eine Feinstrumpfhose (damit besagte Thermostrumpfhose keine Möglichkeit hatte, der Außenwelt in ihrer Hässlichkeit Hallo zu sagen), ein Paar dicke Socken und eine Jeans.

Es war also wohlig warm, da unten. So saß ich noch ein gutes Stündchen, mit überschlagenen Beinen und drückte mich vor der Suche nach passenden Weihnachtsgeschenken. Als ich schließlich meine sieben Sachen packte, meinen Körper aus der Beinakrobatik löste und mich streckte, stach mir trotz medizinischem Mundschutz ein beißender Geruch in die Nase. Unauffällig schnüffeln hier, unauffällig schnüffeln da, war der Ort des Geschehens gefunden: meine Vulvina*.

*(Dieser Begriff setzt sich aus Vulva und Vagina zusammen und kann als Äquivalent zu Scheide gesehen werden. Da ich den Begriff Scheide durch die patriarchale Konnotation nicht reproduzieren möchte, wird er durch Vulvina ersetzt.)

Einen Moment, bitte

Etwas verunsichert verließ ich das Café, natürlich nicht, ohne mir zuvor panisch auf der Toilette noch ordentlich Mandarinen-Vanille-Deo auf meine Jeans Richtung Ort des Geschenks zu sprühen. Zur Erhaltung der blumigen Flora, versteht sich. Hatte ich etwas Ungewöhnliches gegessen? Eine neue Seife verwendet? Ein anderes Waschmittel? Hin und her schob ich meine Gedanken, bis ich schließlich in meinem Badezimmer saß und auf den Inhalt meines Baumwollhöschens starrte.

Bräunliche Fäden zogen sich über den feinen Stoff und ich ärgerte mich, schon wieder ein neues Höschen an meinen Ausfluss verloren zu haben. Nachdem ich mich mit lauwarmen Wasser gewaschen und etwas Frisches angezogen hatte, führte ich einen stillen Kampf mit dem Drang, einfach zu googlen, was dieser Ausfluss und vor allem der Geruch zu bedeuten hatte.

Doch würde ich immer blindlings auf die Ergebnisse im Internet vertrauen, hätte ich schon mindestens 17 Schwangerschaften hinter mir und zusätzlich noch jede erdenkliche Geschlechtskrankheit mitgenommen. Ich wusste, diese Suche würde mir ein Gedankenkarussell in 4D und doppelter Zugabe bescheren, sodass meine Vernunft siegte und ich beschloss, den veränderten Ausfluss einfach nur zu beobachten. Wenn er bis zum folgenden Tag nicht verschwinden würde, würde ich es von meiner Gynäkologin untersuchen lassen. 

Tatsächlich war der Geruch am nächsten Morgen verschwunden und auch mein Ausfluss entsprach wieder seinem gewöhnlichen Zustand. Ich würde ihn fortan dennoch besser im Auge behalten, den kleinen Wicht, das versprach ich mir.

Ein wilder Ritt durch Konsistenzen und Farben

Fluor vaginalis (auch: fluor genitalis) begleitet Menschen mit Uterus von der einsetzenden Östrogenwirkung in der Pubertät bis zu den Wechseljahren Tag ein Tag aus. Grund genug also, darüber zu sprechen und die Lupe aus der staubigen Nachttischschublade zu ziehen. Licht! Mehr Licht, bitte!

Per definitionem besteht der natürliche und gewöhnliche, vaginale Ausfluss aus “Epithelzellen und Kapillarflüssigkeit der Scheide, Scheidenflora, Drüsensekret aus dem Gebärmutterhals und Stoffwechselprodukten” – sagt zumindest Wikipedia. Pro Tag werden etwa 5 Milliliter Flüssigkeit gebildet, die sich vereinfacht gesagt aus gewöhnlichem Sekret, Zervixschleim und unter Umständen auch Schleim durch sexueller Erregung und zurück nach außen fließendem Sperma zusammensetzt.

Mit einem pH-Wert von 3,8 bis 4,4 hält die Vagina ein leicht säuerliches Milieu aufrecht, das die Besiedelung von Krankheitserregern verhindern soll und damit eine reinigende Funktion hat. Trotz des feucht-warmen Milieus können sich Bakterien und Pilze dort nur schlecht vermehren. Vaginaler Ausfluss ist also ein Zeichen für eine gesunde Vaginalfunktion und -flora.

Die Beschaffenheit des vaginalen Ausfluss kann je nach Zeitpunkt im Zyklus oder dem Einfluss von anderen äußeren Umständen variieren. Von weißlich-cremig bis klar und durchsichtig zu milchig-weiß bis wässrig oder gummiartig, wie Eiweiß, ist da alles dabei. Er ist aber stets nahezu geruchlos. Sehen wir uns also einen wichtigen Bestandteil, der die Konsistenz und Färbung des fluor vaginalis mitbestimmt, genauer an: den Zervixschleim.

Seife auf der Wasserrutsche

Der Zervixschleim ermöglicht es Spermien, in die Gebärmutter zu gelangen und die Eizelle pünktlich zum Zeitpunkt des Follikelsprungs zu erreichen. Er wird von den Zellen des Gebärmutterhalses, dem Zervix produziert und verändert sich im Laufe des Zyklus in seiner Beschaffenheit.

Du kannst Deinen Zervixschleim auch selbst untersuchen, indem Du ihn vorsichtig mit Deinen Fingern am Gebärmutterhals ertastest. Natürlich kannst Du ihn auch einfach nach dem Abwischen auf dem Toilettenpapier unter die Lupe nehmen und besser kennenlernen.

Im Zyklusverlauf verändert sich der Zervixschleim ungefähr so:

Haltestelle 1 (Menstruation): Der Östrogen- und Progesteronspiegel ist sehr niedrig, da der Östrogenspiegel die Bildung des Zervixschleim reguliert. Der Gebärmutterhals produziert zu diesem Zeitpunkt also wenig Sekret, da er ohnehin mit der Menstruation beschäftigt ist.

Haltestelle 2 (kurz nach der Menstruation): Der Östrogenspiegel steigt erst langsam an, sodass wenig bis gar kein Schleim produziert wird und sich die Vulvina eher trocken anfühlt.

Haltestelle 3 (kurz vor dem Follikelsprung): Mit rasant ansteigendem Östrogenspiegel ist das Sekret nun meist klebrig, weiß, cremig und dickflüßig. Je höher der Spiegel steigt, desto mehr Schleim bildet der Gebärmutterhals.

Haltestelle 4 (um den Follikelsprung herum): Der Zervixschleim ist nun glitschig, nass, durchsichtig und zwischen zwei Fingern spinnbar. In etwa wie flüssiges Eiweiß. Zum Eisprung hin wird erheblich mehr Zervixschleim produziert, sodass die Menge bis zu 10-20 mal höher sein kann, als zu anderen Zeitpunkten im Zyklus.

Haltestelle 5 (Lutealphase): Nach dem Follikelsprung nimmt die Menge an Schleim rasch ab, sodass der Zervixschleim eher klebrig ist und erneut ein Gefühl von Trockenheit eintritt. Das liegt am Progesteron, dem in dieser Phase dominierenden Hormon, das die Sekretion von Schleim aus den Zellen des Gebärmutterhalses hemmt. Dies führt zurück zur Menstruation und der Zyklus beginnt von vorne.

Diese Darstellung ist natürlich stark vereinfacht und entspricht dem Standard, wie er in wissenschaftlichen Fachtexten niedergeschrieben ist. Doch jeder Körper ist individuell, sodass diese Phasen bzw. Haltestellen bei jedem Menschen mit Uterus, also auch bei Dir, anders aussehen und auch anders wahrgenommen werden können.

Nicht mehr ganz sauber

Zurück zum Mandarinen-Vanille-Deo. Hartnäckiger als Kalk am Wasserhahn hält sich wohl nichts, außer der Mythos, Menschen mit Vulvina würden da unten nach einer frühlingshaften Blumenwiese duften und falls sie dies nicht tun, stinken sie eben. Die logische Konsequenz: waschen, schrubben, sprühen.

Der saure pH-Wert unseres Vulvina-Milieus ist für den speziellen Duft (jeder Mensch mit Vulvina riecht dort anders) verantwortlich, den viele als säuerlich oder manchmal auch metallisch wahrgenommen wird und er ist ein Zeichen dafür, dass die Vulvina gesund und alles im grünen Bereich ist. Wir müssen diesen Schutz also lediglich aufrechterhalten oder wieder ins Gleichgewicht bringen. Doch durch eine fehlerhafte oder übertriebene Pflege wird der natürliche Schutz zerstört, den unser Körper, wie zuvor schon erklärt, nicht einfach so bildet.

Oftmals genügt es, die Vulva regelmäßig mit warmem Wasser zu waschen und dabei höchstens milde und duftstofffreie Intimwaschlotionen, die dem Milieu angepasst sind (pH-Wert: 3,8-4,4), zu verwenden. Reizende und parfümierte Produkte sind tabu.

Um das saure Milieu und damit das Gleichgewicht zu halten, gibt es ein paar goldene Regeln für die happy Vulvina:

  1. Optimalerweise trägst Du Baumwollunterwäsche statt Synthetik, die Du regelmäßig bei 60°C und ohne Weichspüler wäscht. Enge, synthetische Kleidung verhindert nämlich die Luftzirkulation und bietet durch die Bildung eines feucht-warmen Milieus optimale Wachstumsbedingungen für Pilze und Bakterien. Gleiches gilt auch für das Tragen nasser Badekleidung.
  1. In die richtige Richtung wischen: Wische auf der Toilette mit dem Papier immer von vorn nach hinten. So verhinderst Du das ungewollte Übertragen möglicher Keime des Darmausgangs gen Vagina und Harnröhre.
  1. Keine Intimsprays, keine parfümierten Binden, Tampons während der Periode regelmäßig verwenden. Um die Kleidung zu schützen, tragen manche Menschen auch im Alltag für den vaginalen Ausfluss Slipeinlagen. Da herkömmliche Slipeinlagen einen hohen Plastikanteil, der ebenso wie enthaltenes Parfüm, die Flora der Vagina reizen können, sind waschbare Stoffslipeinlagen* empfehlenswert. (*unbezahlte Werbung)
  1. Bei akuten Infektionen: Handtücher, Waschlappen und Unterwäsche täglich wechseln und mit Vollwaschmittel bei mindestens 60°C waschen.

Was wenn’s komisch aussieht oder riecht?

Sollte sich der vaginale Ausfluss in Aussehen, Farbe und Geruch atypisch verändern, kann das ein Zeichen Deines Körpers dafür sein, dass etwas nicht in Ordnung ist. Kannst Du natürliche Schwankungen durch zum Beispiel Deinen Menstruationszyklus ausschließen, solltest Du die Veränderung ernst nehmen und bei Deiner bzw. Deinem Gynäkolog*in untersuchen lassen.

Grundsätzlich ist es empfehlenswert, die jährliche Vorsorgeuntersuchung bei der bzw. dem Gynäkolog*in wahrzunehmen, in dessen Rahmen meist ein vaginaler Abstrich gemacht wird, bei dem präventiv auf mögliche Keimbesiedlungen und Gewebsveränderungen untersucht wird.

Mit einem mikrobiologischen Schnelltest testet beispielsweise meine Gynäkologin den pH-Wert meiner Vagina und kann so innerhalb weniger Minuten feststellen, ob etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ohnehin lohnt es sich, das eigene da unten zu beobachten, vielleicht sogar zu tracken und dadurch eigene, individuelle Muster zu erkennen. Denn unser Körper begleitet uns unser Leben lang, warum also nicht auch unsere Vulvina immer mal wieder freundlich grüßen, nachsehen, ob alles in Ordnung ist und stets auf sie Acht geben?

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Quellen:

Clue – Welche Arten von vaginalem Ausfluss gibt es?

Frauenärzte im Netz – Ausfluss/Entzündung der Scheide

Kaufmann, Costa. Scharl. Die Gynäkologie. Springer, 2013.

Lewina, Katja. Sie hat Bock. DuMont, 2020.

TIERINDIR – Tabuthema? Blumige Flora

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Text von Dessany, Illustration von Luise.

Dessany ist 22 und studiert Germanistik in Leipzig. Schon früh wurde das Schreiben zu ihrem Ventil. Über fast alles was sie erlebt, was sie über ihre Umwelt und sich lernt, führt sie Notiz. Nicht zuletzt, um das alles ein bisschen besser verstehen zu können.

A wie Adenomyose, B wie Beckenboden und C wie Cybersex. In ihrer Kolumne unterkörperwelten erkundet Dessany mit einem kleinen Spiegel bewaffnet Orte unterhalb des menschlichen Bauchnabels. Im Dschungel gesellschaftlich tabuisierter Themen umherstreifend, möchte sie ein möglichst schambefreites und liebevolles Bewusstsein dafür schaffen, was es mit dem “da unten” auf sich hat.

Luise ist junge Gestalterin und Künstlerin und lebt und studiert in Berlin an der Universität der Künste. Sie mag traurige Musik, trashige Filme, laute Konzerte und komische Comics.

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