Selbst & Inszenierung
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Mut zur Lücke #gutunddir

Unsere Generation beschäftigt ganz schön viel – Klimawandel, Zukunftsängste, Leistungsdruck. Kein Wunder also, dass man auf die Frage, wie es einem geht, meist lieber floskelhaft mit gut antwortet. Aber was heißt dieses ‚gut‘ eigentlich schon? Die ersten Gedanken, der erste Text als Beginn einer gemeinsamen Reise, um zu ergründen, wie viel mehr hinter einem “gut, und dir” stecken kann.

gut kann alles sein. Alles und nichts. Vom guten Wetter, über gutes Essen, hinzu dem einen guten Lied, welches du seit Tagen rauf und runter hörst. All das kann gut sein, gut schmecken oder sich gut anhören.

Wenn man genauer darauf achtet, ist es nahezu erschreckend wie alltäglich und floskelhaft das Wort gut in unserem Sprachgebrauch verwoben ist. Ein scheinbar universal einsetzbares Adjektiv, ganz unabhängig von Situation oder Kontext. Aber was genau heißt dieses gut eigentlich und wo kommt es her? Ist gut vielleicht nur eins der vielen Füllwörter der deutschen Sprache, mit dem wir beweisen, wie halbherzig wir aus den Vollen des uns zur Verfügung stehenden Wortschatzes schöpfen?

Um der Frage auf den Grund zu gehen, ist es lohnenswert einen Blick in die deutsche Bibel der guten Grammatik zu werfen, dem Duden. Dort steht folgendes:

„Das Wort gut stammt aus dem Mittelhochdeutschen und wird als Adjektiv verwendet. In den meisten Fällen lässt es sich mit “den Ansprüchen genügend; von zufriedenstellender Qualität, ohne nachteilige Eigenschaften oder Mängel“ übersetzten und kann synonym zu Adjektiven wie “ausgezeichnet, einwandfrei, erstklassig, hervorragend” verwendet werden.“ Okay soweit, so gut

Wenn wir diese Definition aus dem Duden auf die konkrete Situation eines “Wie geht es dir? – Mir geht es gut.” Dialoges überträgen, wird einem die Absurdität nochmal auf einer ganz anderen Ebene bewusst. Unsere intimsten, subjektiven Emotionen werden im Handumdrehen zu etwas “von zufriedenstellender Qualität”, als würden wir hier von einem Objekt reden, das nach erfolgreicher Produktion fehlerfrei im Einzelhandel ausgestellt werden kann. Aber vielleicht ist es genau das, was wir mit einem simplen “gut, und dir” erreichen wollen? Perfektion und Fehlerfreiheit. Mir geht es “ohne nachteilige Eigenschaften oder Mängel”? Uns geht es “den Ansprüchen genügend”? Welchen Ansprüchen? Deinen? Meinen? Denen der Gesellschaft? 

Mich um mein Burnout kümmern? Nein, Danke.

Meistens sind es die alltäglichsten Situationen, in denen wir unser Gegenüber fragen, wie es ihm oder ihr denn eigentlich so geht. Und sind wir mal ganz ehrlich: Wenn wir gefragt werden, wie es uns geht, erwarten wir selten eine ehrliche Antwort. Weder die Person, die die Frage stellt, noch wir selbst. Warum erkundigen wir uns dann also nach dem Befinden der anderen Person, wenn wir ein „gut“ sowieso voraussetzen und keine Zeit für eine ausführliche Antwort ist? Interessiert es uns nicht oder liegt das Problem vielleicht wo anders? Die Antwort ist eigentlich klar: Das Problem liegt woanders. Und zwar an vielen unterschiedlichen Orten unserer Gesellschaft zerstreut. 

Denn: Wir haben alle zu viel Druck, zu viel Stress. Wir müssen immer abrufbereit sein, jeden Tag Glanzleistungen abliefern und ein funktionierendes Rädchen im System bleiben. Jede*r erzählt lieber von dem tollen, neuen Projekt, als von der Panikattacke letzte Nacht. Dass es uns gut geht, ist also einfach zur Voraussetzung, zur Norm geworden. Wegen einer Grippe eine Pause einlegen? Kein Problem! Mich um mein Burnout kümmern? Nein, Danke! Natürlich hängt die Beantwortung der Frage auch damit zusammen, wie nah wir unserem Gegenüber stehen oder in welchem Kontext wir der Frage begegnen. Der Frau beim Bäcker werden wir sicher nicht so ehrlich antworten können, unseren engsten Freund*innen schon.

*klick, Filter an*.

Was dem Ganzen sicher nicht hilft, sind die Sozialen Medien. Denn neben all den Vorteilen, die die ständige Vernetzung mit sich bringt, tragen sie auch dazu bei, dass wir uns eine schöne, kunterbunte Scheinwelt aufbauen.

Da ist natürlich wenig Platz für schlechte Laune, zumindest nicht in einer Bubble geprägt von Perfektion und Erfolg. Alles ist schnelllebig und soll uns am besten zum Kaufen unnötiger Produkte verleiten. Logisch, dass hier keine*r ein verweintes Selfie von sich postet. Und wenn doch, ist man am Ende nur aufmerksamkeitsgeil. Ganz nach dem Motto: „Ach, die postet das doch nur, weil sie sonst gerade nichts zu erzählen hat. Wirklich schlecht geht es der sowieso nicht.“

Vielleicht ist gut die Maskerade hinter der wir uns in der heutigen Social-Media Scheinwelt verstecken. Wie ein Instagram-Filter für den Smalltalk, der die kleinen Unebenheiten oder Augenringe der letzten Nacht mit nur einem Wort kaschiert. “Wie geht’s dir?” *klick, Filter an* “Gut, und dir?”. Und hinter dem Filter schreit all das Ungesagte, all das, was vielleicht gerade nicht gut ist. Dabei kann ein ausgesprochenes nicht gut vor allem eins sein: mutig und ehrlich.  Ein erster verstohlener Blick hinter die Fassade. Eine helfende Hand, die uns hinter ein gesellschaftliches Tabu der “Gut, und dir?” Scheinwelt führt.

Aber vielleicht liegt es auch einfach in der Natur des Menschen, dass er nicht zugeben kann und möchte, wenn etwas nicht gut läuft. Niemand ist gerne traurig, niemand hat gerne Stress und niemand ist stolz darauf, eher schlecht als recht durchs Leben zu stolpern. Und noch viel weniger erzählen wir anderen gerne davon, gerade, wenn bei unserem Gegenüber alles doch so super zu sein scheint. Vielleicht müssen wir deswegen gesellschaftliche Tabus verlernen. Gesellschaftliche Tabus verlernen um echte, ehrliche, ungefilterte Konversationen wieder zu erlernen. Mit Anlauf über den gesellschaftlichen Graben von No-Go’s und Perfektion springen, um neue, gemeinschaftliche To-Do’s zu definieren. Also, nur Mut zur Lücke. 

Bitte nicht den Kopf verlieren.

Wir wollen in unserer Kolumne genau das verändern – zumindest ein Stückchen. Deswegen schreiben wir über Themen und Fragen, die sonst lieber nicht angesprochen werden, uns aber eigentlich ziemlich beschäftigen. Wer will ich in dieser Welt sein? Wie geht Erwachsenwerden? Was bringt mir die Zukunft? Und: Gibt es für diese Welt überhaupt eine Zukunft? Zwar gibt es auf all diese Fragen keine richtig-oder-falsch-Antworten, aber vielleicht schaffen wir es zusammen den Kopf nicht zu verlieren.

Wenn du etwas Zeit, Mut und Ehrlichkeit übrig hast, dann schau dir gerne unsere Fragen an, um im dichten Nebel aus Alltagstrott und Zukunfts-Wirrwarr ein kleines bisschen mehr Klarheit zu finden. 

Was heißt gut für Dich?

Wie geht es Dir, wirklich? 

Wann hast Du das letzte Mal offen darüber geredet, wie es Dir wirklich geht?

Schläfst Du gut? 

Macht Dich glücklich, was Du tust? 

Vermisst Du etwas oder jemanden in Deinem Leben? 

Was würdest Du gerne mal gefragt werden?

Welches gesellschaftliche Tabu würdest Du als erstes verlernen wollen?


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Text von Ana Paula und Nele, Gestaltung von Selma.

Ana Paula ist 20 Jahre alt und studiert Geschichte und Fachjournalistik in Gießen. Sie trinkt viel zu viel Kaffee, hat mehr Bücher, als sie lesen kann und bei neuen Pflanzen kann sie eigentlich nie nein sagen.

Nele ist 20 Jahre alt und studiert English-Speaking Cultures und Medien- & Kommunikationswissenschaften in Bremen. Sie prokrastiniert manchmal zu viel, hat einen wahrscheinlich ungesund hohen Salzkonsum und verliert sich gerne in Worten, den geschriebenen und den gesprochenen.

Unsere Generation beschäftigt ganz schön viel – Klimawandel, Zukunftsängste, Leistungsdruck. In gutunddir schreiben Nele und Ana Paula über all das, was uns nachts nicht schlafen lässt: Wer will ich in dieser Welt sein? Wie geht Erwachsenwerden? Und: Gibt es für diese Welt überhaupt eine Zukunft?

Selma ist 22 Jahre alt und studiert Druck- und Medientechnik in Berlin. In ihrer Freizeit ist sie gern kreativ, liebt lange Spaziergänge und verliert sich in Büchern aus ihrem Bücherschrank oder der Bibliothek. Sie ist eine der neuen Gestalter*innen bei TIERINDIR und möchte sich mit verschiedenen grafischen Gestaltungen kreativ ausprobieren.

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