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Klimaschutz ist nicht immer klimagerecht #dieweltimrücken

Deutschland unter Wasser. Griechenland in Flammen. Überschwemmungen in Ägypten. Unwetter und Tornados in Sizilien. Dürre in Kenia. Menschen, die fliehen müssen. Tier- und Pflanzenarten, die aussterben. Ist das gerecht?

Kurz zu mir
Bevor wir gleich inhaltlich einsteigen, eine kurze Einordnung zu mir: Ich bin Paula, 18 Jahre alt und seit zwei Jahren bei Fridays for Future aktiv. Im folgenden Text schreibe ich aus einer aktivistischen Perspektive. Wenn ich von “wir” rede, meine ich die Aktivist*innen bei FFF und mich. 


Kannst du dich noch an die Bilder aus den letzten Monaten erinnern? Deutschland unter Wasser, Griechenland in Flammen. Menschen, die fliehen müssen. Tier- und Pflanzenarten, die aussterben. Fluten, Dürren und andere Naturkatastrophen sind jede Woche mindestens einmal in den Medien zu sehen. Die Klimakrise – meist Klimawandel genannt – ist der Grund dafür. Mittlerweile ist das Thema Klima “sogar” in den Wahlen angekommen. Fast kein Mensch kommt darum herum, sich mit der Klimakrise zu beschäftigen.

Aktivist*innen wird oft gesagt: “Ist doch super. Das Thema ist in der breiten Gesellschaft angekommen, Menschen demonstrieren, Politiker*innen reden – was willst du noch?” Und genau hier fängt mein Unbehagen an. Genau über diesen Diskurs über “das Klima” beschweren wir – ich und die meisten anderen Aktivist*innen – uns. Es geht um so viel mehr, als um ein bisschen Klimaschutz. Es geht nicht mehr nur um private Konsumentscheidungen, umweltfreundliche Alternativen und den Erhalt schön anzusehender Tier- und Pflanzenarten. Es geht um Menschenleben, Massensterben, die größte Krise der Menschheit und das Eingestehen von politischem Versagen. Es geht um die Anerkennung der Verknüpfungen von sozialer Ungerechtigkeit mit der Klimakrise. Die Klimakrise geht uns alle etwas an. Nicht nur die Politik, nicht nur Erwachsene, nicht nur politisch Interessierte und nicht nur Aktivist*innen. Denn früher oder später werden wir alle mit der Klimakrise konfrontiert werden. Ob wir es wollen oder nicht. 

Für alle, die sich nicht tagtäglich mit dem Thema beschäftigen, klingt das wahrscheinlich ziemlich abstrakt, übertrieben und melodramatisch. Ich hoffe, Du hast noch nicht abgeschaltet. Denn ich verspreche Dir, wenn du einmal gehört, gelesen und gesehen hast, um was es geht, wirst Du die Wut der meisten Aktivist*innen verstehen. 

Aber um was geht es denn jetzt genau?

Der Klimawandel – und die damit einhergehende Klimakrise – ist schon seit mehreren Jahrzehnten von wissenschaftlicher Forschung nachgewiesen. Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts warnten Wissenschaftler*innen vor den katastrophalen Folgen. Die Bevölkerung und die Politiker*innen reagierten aber erst viel später darauf. Mit zunehmenden Naturkatastrophen und Hitzerekorden wurde die Klimakatastrophe auch in den öffentlichen Medien thematisiert. 

Als sich Greta Thunberg 2018 das erste Mal in Stockholm demonstrativ vor das schwedische Parlament setzte, um für ihre Zukunft zu kämpfen statt in die Schule zu gehen, ergriff Schüler*innen eine Welle des Protests. Fridays for Future entstand und war auf einmal im Mittelpunkt öffentlicher Debatten. Zahlreiche junge Menschen beschäftigten sich das erste Mal mit der Klimakrise, diskutierten in Talkshows und sprachen auf Demos vor hunderttausenden Menschen. 

Dann kam die Corona-Pandemie und alles schien wieder vergessen. Wir werden oft in Interviews gefragt, “ob FFF untergegangen sei” oder “warum wir glauben, dass sich niemand mehr für die Freitags-Demonstrationen interessiere”. Wir sind nicht untergegangen und wir wurden auch nicht leiser. Im Gegenteil: Unsere Bewegung ist gewachsen. Natürlich konnten wir aufgrund der pandemischen Lage nicht mit Tausenden auf der Straße protestieren, aber dafür haben wir uns intern weitergebildet. Jedoch hat sich die öffentliche Debatte verschoben.

Die Klimakrise hatte einen kurzen öffentlichen Aufschwung, wir wurden bejubelt und gelobt, aber “jetzt ist auch wieder Zeit für die wirklich wichtigen Dinge”. Derartige Aussagen sind ein Armutszeugnis für die gesellschaftliche und mediale Debatte rund um die Klimakrise.

Denn es begann schon viel früher. 

Fridays for Future ist nicht die erste Bewegung, die für Klimagerechtigkeit protestiert. Im Gegenteil: Schwarze und Indigene Aktivist*innen kämpfen schon seit Jahrhunderten gegen die Folgen der Klimakrise und die Ausbeutung von Menschen des Globalen Südens. Die Begriffe Globaler Süden und Globaler Norden sollen den Hierarchien, die Begriffe wie Entwicklungsland und Dritte Welt darstellen, entgegenwirken. Sie beziehen sich also nicht auf das geografische Verständnis, sondern vor allem auf sozioökonomische Verhältnisse. Während wir hier im Globalen Norden mittlerweile auch zunehmend heißere Sommer, Hochwasserkatastrophen und Hitzerekorde erfahren, erleben zahlreiche Menschen im Globalen Süden kontinuierlich Fluten, Wasserknappheiten, Dürreperioden und Brände. 

Und gleichzeitig ist diese Einteilung der Welt in den Globalen Norden und den Globalen Süden in Bezug auf die Klimakrise nicht ganz korrekt. Denn auch Länder, die dem Globalen Norden zugeordnet werden, wie zum Beispiel die Ukraine, sind stärker von der Klimakrise betroffen, als andere Länder des Globalen Nordens. Aus diesem Grund und auch, um eine Selbstbezeichnung zu schaffen, haben sich Fridays for Future Aktivist*innen aus dem Globalen Süden und teils aus dem Globalen Norden den Begriff MAPA gegeben. Die Abkürzung steht für Most Affected People and Areas, also diejenigen Individuen und Regionen, die am meisten von der Klimakrise betroffen sind. 

Wie du mir, so ich dir.
Was hat die Klimakrise mit Gerechtigkeit zu tun? 

Historisch gesehen gehören viele Länder des Globalen Südens und auch zahlreiche MAPA zu ehemals kolonialisierten Ländern. Sie wurden bis Ende des 20. Jahrhunderts systematisch ausgebeutet und unterdrückt. Mit dem Beginn der Kolonialisierung und der darauffolgenden Industrialisierung kann auch der Beginn der Klimakrise verzeichnet werden. Länder des Globalen Nordens profitieren wirtschaftlich und machtpolitisch durch die Unterdrückung ganzer Staaten und schöpfen daraus großen Reichtum. Emissionen werden ausgestoßen, Wälder abgeholzt und ein Kohlekraftwerk nach dem anderen gebaut. Das Abstruse dabei ist, dass MAPA, welche historisch am wenigstens zum Fortschreiten der Klimakrise beigetragen haben, am stärksten unter ihren Folgen leiden.

MAPA mussten sich schon viel früher an Naturkatastrophen anpassen als Länder des Globalen Nordens. Aus dieser ungerechten Verteilung heraus haben Indigene Aktivist*innen schon früh begonnen, gegen die Klimakrise zu kämpfen. Leider werden diese Kämpfe sowohl in den Klimagerechtigkeitsgruppen als auch in den Medien in Deutschland nur mangelhaft thematisiert. Dabei sind es die Kämpfe, die Antworten auf diese große Krise geben. Indigene Menschen schützen 80% der verbliebenen Biodiversität und trotzdem wird versucht, ihnen ihres Landes zu berauben und sie umzubringen. 

Aufgrund von Privilegien und ungleichen Machtverteilungen werden MAPA meistens nicht in wichtige politische Entscheidungen miteinbezogen. Die sogenannten reichen Industriestaaten entscheiden über die Köpfe der am meisten Betroffenen und der Aktivist*innen hinweg, welche Maßnahmen gegen die Klimakrise beschlossen werden müssen. Warum genau ist das so problematisch? Diese Maßnahmen sind leider nicht mit dem Ziel kompatibel, die Auswirkungen der Klimakrise einzudämmen. Das war auch auf der Weltklimakonferenz vor ein paar Wochen zu sehen. Mit den Ergebnissen der COP26 steuern wir auf eine immense Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts zu. Der Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger, wie zum Beispiel der Kohle, wurde in den Verhandlungen nicht festgeschrieben. 

2009 haben die Industriestaaten festgelegt, jährlich 100 Milliarden US-Dollar an MAPA zu zahlen, um sie in ihren Kämpfen gegen die Klimakrise zu unterstützen. Doch sogar auf der COP26 wurde dieses Versprechen ignoriert. Bis heute haben MAPA, wenn überhaupt, nur kleine Teile dieses Geldes erhalten. 

Zudem wird kritisiert, dass die COP26 exklusiv war. Viele Aktivist*innen aus den am meisten betroffenen Gebieten konnten nicht an der Konferenz teilnehmen, da die Anreise und die Unterkünfte vor Ort zu teuer waren und Corona-Regeln aufgrund der ungerechten Impfstoffverteilung und der damit einhergehende niedrigen Impfquote in den meist betroffenen Regionen nicht erfüllt werden konnten. 

Solange nicht alle und insbesondere die am stärksten Betroffenen bei wichtigen Entscheidungen über die Klimakrise mit einbezogen werden, kann nicht von einer gerechten Politik für alle die Rede sein. vor allem dann nicht, wenn die entschiedenen Maßnahmen eine Lebensbedrohung für MAPA, aber auch für den Rest der Welt, bedeuten. Klimagerechtigkeit muss in politischen Verhandlungen an erster Stelle stehen. 

Was jetzt? 

Als in Deutschland lebende und nicht politisch aktive Person, fühlt man sich oft machtlos und denkt, man selbst kann sowieso nichts ausrichten. Aber das stimmt nicht. Wir haben demokratische Mittel, die uns zur Verfügung stehen, um für unsere Rechte zu kämpfen. Wir können im Gegensatz zu vielen anderen Menschen dieser Welt auf der Straße protestieren, ohne staatliche Gewalt und Konsequenzen zu erwarten. Das ist ein Privileg, welches wir nutzen sollten. Denn je größer der Druck von der Straße ist, desto eher fühlen sich Politiker*innen gezwungen, etwas zu tun. 

Gleichzeitig müssen wir lernen, unsere Privilegien in der Debatte für Klimagerechtigkeit zu reflektieren. Aus welcher Perspektive reden wir und was fordern wir? Hören wir auch MAPA-Stimmen zu? Denn letztendlich müssen wir uns mit denjenigen solidarisieren, die seit Jahren für Klimagerechtigkeit kämpfen. Wir müssen in Diskurse treten, uns gegenseitig zuhören und voneinander lernen. Nur so können wir miteinander für eine klimagerechte Welt kämpfen und dabei ist jeder Schritt richtig und wichtig! 

Das heißt konkret: Fange an, mit Deinem nahen Umfeld zu diskutieren. Rede mit Deinen Freund*innen, mit Deiner Familie, Deinen Mitschüler*innen, Deinen Kommiliton*innen und Deinen Arbeitskolleg*innen über Klimagerechtigkeit. Schließe Dich Demonstrationen an und protestiere für Klimagerechtigkeit. Und falls Du die Zeit und die Möglichkeiten dazu hast: Schließe Dich einer Klimagerechtigkeitsgruppe in Deiner Nähe an. 

Letztendlich ist alles hilfreich, was du persönlich leisten kannst. Es geht nicht darum, dass wir uns gegenseitig messen, wer sich mehr und wer sich weniger für Klimagerechtigkeit einsetzt. Denn nicht alle haben dieselben Möglichkeiten. Aber mit dem Lesen dieses Textes hast du schon mal einen guten Anfang gewagt.


Weitere Informationen zum Thema:
Natürlich sind die Einteilung in betroffen und nicht betroffen, die ich in diesem Text mache, teilweise zu einfach gedacht und pauschalisierend. Die Welt ist viel komplexer als schwarz oder weiß. Dieser Text soll lediglich eine Einstiegsmöglichkeit in das Thema bieten. Alles, was ich in diesem Artikel geschrieben habe, weiß ich nur von Texten und Erzählungen von MAPA Aktivst*innen und Schwarzen Aktivist*innen aus Deutschland. Und weil die meisten davon das alles so viel besser erklären können als ich, hier ein paar Empfehlungen:

https://open.spotify.com/episode/2GlQWLcWpuDYxc2bEf4GuN?si=KAn MRtUSmmtBCtaBPLv-A&utm_source=copy-link 

Broschüre
‘Kolonialismus & Klimakrise – über 500 Jahre Widerstand’ 

Instagram
@fridaysforfuturemapa und @fridaysforfuture 
bei @fridaysforfuture.de findest Du teilweise Erklärungen auf Deutsch zum Thema und kannst auf der Website www.fridaysforfuture.de erfahren, wann Demonstrationen in Deiner Stadt stattfinden.

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Text von Paula, Illustrationen von Linda.

Paula ist 18 Jahre alt und absolviert in diesem Schuljahr ihr Abitur. Seit zwei Jahren ist sie bei Fridays for Future aktiv und engagiert sich für intersektionale Klimagerechtigkeit. Neben der Schule und FFF spielt sie Theater und ist beim “Youth Think Tank” aktiv.

dieweltimrücken beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen der Klimakrise und sozialer Ungerechtigkeit. Klimaungerechtigkeit findet sich in alltagspolitischen Entscheidungen, kolonialen Vergangenheiten und ausbeuterischen Innovationsbestreben. Die Kolumne soll Leser*innen konkrete Handlungsmöglichkeiten bieten und heute darauf hinweisen, was morgen nicht mehr sein darf.

Linda ist Grafikdesignerin aus Frankfurt am Main und illustriert seit März 2020 für Kolumnen und Gastgedanken bei TIERINDIR. Neben Kunst und Design, liebt sie die Berge, Vintageläden, Fahrradfahren und durchtanzte Nächte. Am liebsten ist Linda unterwegs und entdeckt neue Orte und interessante Menschen. Dabei darf ihr Skizzenbuch niemals fehlen.

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