Gastgedanken, Selbst & Inszenierung
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Woher ich komme

Ich will dir nicht in meiner ersten Nachricht beantworten, woher ich komme. Ich bin 24
Jahre alt, swipe hin und wieder auf Tinder herum und das nicht, um erst mal ausgedehnt
über meine Herkunft zu sprechen. Aber Priya sei doch ein indischer Name. Ja, ist indisch.
„Spannend!“, meinst du. Wäre das hier eine echte Unterhaltung, könntest du jetzt sehen,
wie ich augenrollend mein Handy in die Ecke werfe.
Wer denn von meinen Eltern indisch sei, steht da, als ich ein paar Stunden später wieder
auf mein Handy blicke. Zu meiner anfänglichen Genervtheit tritt Ungeduld. Soll ich es noch
weiter versuchen oder lieber gleich aufgeben? Ich antworte nicht mehr. Schnell noch einen
Screenshot von dem Chat an eine Freundin senden, die sich darauf prompt mit “Nicht sein
Ernst, oder?” meldet. Sie hat vermutlich schon eine ganze Sammlung ähnlicher
Screenshots. Sie versteht das Problem, ohne das wir es explizit benennen.

Zwei Tage belasse ich es dabei, dann frage ich „Was ist denn daran spannend?“.
Einerseits ärgere ich mich darüber, dass es dir als fremde Person gelingt, so ein
Unbehagen in mir auszulösen. Andererseits lässt es mich nicht so recht los und,
zugegeben, ich bin auch etwas neugierig auf deine Antwortversuche. Als du daraufhin
irgendwas mit fremden Kulturen erklärst, habe ich innerlich schon das Match aufgelöst. Ich
solle das aber nicht falsch verstehen. Aha! Du merkst also selbst, dass da was nicht
stimmt. Dein rechtfertigender Ton verrät dich. Aber trotzdem glaubst du, diese Frage zeugt
von deinem Interesse an mir (so viel Interesse, wie man über eine Dating App eben zeigen
kann).

In Wirklichkeit löst sie in mir dasselbe Gefühl aus, dass ich jedes Jahr aufs Neue in der
Schule hatte, wenn ich Lehrer_Innen meinen Namen zum dritten Mal buchstabieren
musste. Bloß nicht frech werden und jetzt behaupten, er wird geschrieben, wie er klingt,
dachte ich mir damals. Obwohl ich immer noch finde, dass das stimmt. Es ist dieses
Gefühl, mich ständig für etwas erklären zu müssen, das ich mir nicht ausgesucht habe.
Heute realisiere ich, das muss für ein Kind ziemlich anstrengend gewesen sein. Und
tatsächlich hatte ich mit jedem Jahr des Erwachsenwerdens weniger Lust darauf,
Basiswissen zum indischen Subkontinenten abzuspulen oder auf Knopfdruck die drei
Sätze Hindi vorzusprechen, die ich mir mein Cousin mal beigebracht hat. Natürlich weißt
du nicht, dass diese eine Frage, die du mir gestellt hast, mich dahin zurückversetzt.

Kurz überlege ich deshalb, dir den Begriff „othering“ zu erklären. Dann verwerfe ich die
Idee wieder. Du magst zwar nicht wissen, was deine Frage in mir auslöst, aber genau
darum geht es. Es ist nicht meine Aufgabe, dir zu erklären, warum sie mich wütend macht.
Ich muss dir nicht erklären, woher meine Eltern kommen. Woher mein Name kommt.
Woher ich komme.

_

Priya (24) benutzt noch ab und zu Dating-Apps. Sie hat immer ein Buch dabei, freut sich über guten Kaffee und liebt Hunde. Außerdem philosophiert sie gerne über das Leben, studiert Jura und möchte später mal irgendwas mit Menschenrechten machen.

Merve lebt in Karlsruhe und studiert an der HfG Kommunikationsdesign. Sie ratscht gerne mit vielen Menschen, genießt es aber auch sehr alleine in die Natur zu fahren oder zu töpfern. Was sie sehr liebt: Zusammen mit ihren Liebsten und einem Tee im Park Menschen zu beobachten und zu zeichnen und gemeinsam über Träume und Ängste sprechen. Bei TIERINDIR ist sie Gestalterin.

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