Gastgedanken, Körper & Bewusstsein
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In Honig schwimmen

9:30


Mein Wecker klingelt. Ich stehe auf und starte die Kaffeemaschine, schnappe meine Sportklamotten und laufe eine Runde durch den Park. Wieder daheim, warten nach dem Duschen schon Müsli, Kaffee und Podcasts auf mich. Danach ziehe ich mir ein frisches Outfit an, setze mich mit einem Buch bewaffnet in den Park und erledige dann Dinge für die Uni.

Okay das war gelogen. Leider.

9:30 (jetzt wirklich)


Der erste Handyalarm klingelt. Ich werde wach, gehe über die kalten Dielen zum Handy und schalte ihn aus. In den nächsten Minuten werden noch weitere klingeln. Ich habe Zeit, warum sollte ich die Wärme meines Bettes auch verlassen? Aber anstatt wieder einzuschlafen, denke ich daran, was ich gerade eigentlich machen sollte oder könnte. Ich merke nicht, wie ich immer tiefer in Laken und Gedanken versinke.

10:00


Der zweite Alarm klingelt. Ich gehe zum Handy, schalte den Flugmodus aus und deaktiviere alle noch kommenden Wecker. Ich bin ja wach. Oder zumindest sowas in der Art. Ich sehe nach, wer mir geschrieben hat und aktualisiere meine sozialen Medien. Dann gehe ich wieder ins Bett und fühle mich noch belangloser als vorher. Je länger ich im Bett bleibe, desto schwerer fällt es mir aufzustehen. Die Schwerkraft drückt doppelt so schwer auf mich wie auf alles andere, es fühlt sich an, als würde ich in Honig ertrinken. Aus diesem Teufelskreis des Grübelns komme ich jetzt sowieso nicht mehr raus, da kann ich ihm auch direkt freien Lauf in meinem Kopf geben. Mein Hirn setzt mal wieder bei der ewig langen Liste meiner Fehler, Versäumnisse und körperlichen Schwachstellen an. Ein nicht enden wollendes Hörbuch des Horrors mit der Bonus-CD Gaslighting.

Bevor es noch ernster wird, klingelt mein 11:00 Uhr Wecker, den ich wohl übersehen habe.
Da jetzt nicht daran zu denken ist, produktiv zu werden oder aufzustehen, versuche ich es mit Ablenkung. Zum Glück kenne ich die Videos und Bücher, die meine Stimmung bessern, schon gut. Die Bücher katapultieren mich in schönere Zeiten, lassen mich nostalgisch daran zurückdenken, wie ich sie das erste Mal las, und die Videos unterhalten mich und lassen mich auf andere Gedanken kommen. In der nächsten Stunde wird meine Atmung wieder regelmäßig. Die Regenwolken im Kopf lichten sich – ein wenig.

12:00


Meine Laune hat sich gebessert, allerdings ist mein Kissenbezug noch durchgeweicht von den Tränen. An Laufen ist nicht zu denken. Ich schaffe es ja nicht mal in die Küche, sondern versacke im Wohnzimmer. Zur Belohnung erstmal eine Zigarette. Mein Gehirn schreit „Belohnung wofür?“, aber ich weiß wofür. Dafür, dass ich rauskam ohne Hilfe. Dafür, dass die Gedanken aufhören, bevor es gefährlich wird. Dafür, dass ich da bin.

Das Problem an Depressionen ist, dass sie immer wieder kommen. Wenn man einmal eine depressive Episode hatte, ist es nicht unwahrscheinlich, noch einmal daran zu erkranken. Depressionen sind sozusagen das Gegenteil von Windpocken.

Aber es gibt auch die anderen Tage. An denen ich um 11 Uhr mit nassen Haaren satt auf der Couch sitze und lese. An denen ich laufen gehe. Oder mir Hilfe bei anderen Menschen suche, die mir gut tun. Ich erkenne immer mehr den Wert dieser Tage und weiß sie zu schätzen, genauso wie ich immer mehr versuche, nachsichtig mit meinen Mitmenschen umzugehen. Ich weiß nicht, was sie für

Päckchen zu tragen haben, oder ob es vielleicht sogar Pakete sind. Wenn der Text hier eine Moral hat, dann diese: Seid nachsichtig mit euren Mitmenschen. Und stellt euch nicht zu viele Wecker.

Lorenz ist 21 Jahre alt und studiert Sozialwissenschaften in Köln. Er beschäftigt sich viel mit den Themen Heimat, Zärtlichkeit und Geschlechterrollen. Am liebsten hält er sich in Parks und Badewannen auf und er hat ein Faible für alte Kinderfilme.


Anna ist 24, liebt das Meer, die Musik, schwarzen Kaffee und tolle Bücher. Wenn sie nicht irgendwo in Italien mit ihren Freund*innen am Aperitivi schlürfen ist, beschäftigt sie sich gerne mit Buchgestaltung und Fotografie.

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