Körper & Bewusstsein
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Die Nadel im Heuhaufen #unterkörperwelten

Mein Uterus und ich. Manchmal sind wir Freundinnen, manchmal Feindinnen. Gerade dann, wenn er nicht zwickt oder ziept, muss ich mich daran erinnern, trotzdem auf ihn zu hören, auf ihn acht zu geben. Dazu zählt auch, die jährliche gynäkologische Untersuchung nicht zu verpassen. Doch die oder den passende*n Gynäkolog*in zu finden, ist oft komplizierter als gedacht. Ein Rückblick.

Oktober 2012

Der Duft unzähliger Yankee-Candles schwirrt durch die Luft des Wartezimmers, ich knete meine Hände, starre unsicher auf den Boden. Ein paar Wochen zuvor hatte ich meine Menarche – die erste Menstruation – und da die Schmerzen und die Stärke der Blutung mit voller Wucht auf mein jugendliches Ich trafen, trieb mich die Sorge in die nächstgelegene gynäkologische Praxis. Mein desolates Wissen aus dem schulischen Sexualkundeunterricht genügt nicht einmal dazu, biologische Prozesse an mir selbst erkennen und einordnen zu können.

Aus Erzählungen kenne ich das kalte Spekulum und den Untersuchungsstuhl bereits, doch wider Erwarten konfrontiert mich meine Gynäkologin* erst einmal nicht damit, als sie mich in ihren Untersuchungsraum bittet. Die Wände sind in einem unaufdringlichen Ockerrot gestrichen, das mich sofort heimelig fühlen lässt. Ganz anders als die sterilen, weißen Untersuchungsräume meines Hausarztes*. Der Ton, den meine Gynäkologin anschlägt, war jedoch alles andere als heimelig. Unvermittelt fragt sie mich, ob ich denn schon “Verkehr” hätte. Als ich verneine, seufzt sie auf und verweist mich auf die Untersuchungsliege, tastet meinen Unterbauch ab und schallt ihn schließlich.

Wieder vor ihrem Schreibtisch Platz nehmend, möchte ich ihr von den Sorgen über meine Menstruation erzählen, doch ich werde jäh unterbrochen: “Ein gewisses Maß an Schmerzen bei der Menstruation sind völlig normal, darüber sollten Sie sich keine Sorgen machen. Es gibt außerdem eine gute Möglichkeit, das in den Griff zu bekommen. Am Empfang können Sie sich das Rezept abholen”, meint die Gynäkologin*. Ohne mich zu Wort kommen zu lassen, erklärt sie mir die Anwendung. So verlasse ich mit nur dreizehn Jahren zum ersten Mal eine Apotheke mit der Pille in den Händen. Zuhause falte ich panisch den Beipackzettel auseinander, verliere mich in Nebenwirkungen und werfe die Packung ängstlich in meine Nachttischschublade. Kontrazeptivum. Wozu denn?

Oktober 2019

Konzentriert stelle ich das letzte Buch in die feinsäuberlich sortierte Reihe, die vergangenen Monate haben an mir gezehrt, das Erwachsen-Sein-Müssen mich überschüttet wie ein Schwall eiskaltes Wasser. Auszug – Einzug – Studium, dennoch gefällt es mir irgendwie, so wie es jetzt ist. Langsam muss ich mich aus meiner heimischen Blase bewegen, neuen Menschen Platz in meinem Leben gewähren und vor allem: mich um mich selbst kümmern.

Das Studieren in einer mit nicht ganz fremden Stadt fällt mir bisher relativ leicht, doch je kälter und dunkler die Tage werden, desto häufiger schlage ich mich mit einer Sorge herum, für die ich mitleidige Blicke en masse zugeworfen bekomme. Während das Immunsystem meiner Mitstudierenden häufig dann einknickt, wenn es um laufende Nasen und entzündete Mandeln geht, sammelt sich die Entzündung bei mir südwärts. So laufe ich nun zum vierten Mal in diesem Quartal zu meinem Hausarzt*, pinkle in einen rosa Becher und erhalte wie immer dieselbe Diagnose: Zystitis. Woher sie kommt, kann ich nur vermuten, doch die harten Holzstühle im viel zu stark klimatisierten Hörsaal der Universität tragen einen nicht unerheblichen Teil dazu bei.

Gemeinsam mit meinem Hausarzt* stehe ich also vor diesem Rätsel Harnweg. Nach einem ausgedehnten Seufzer seinerseits (das ist wohl die beliebteste nonverbale Ausdrucksweise in diesem Beruf?) empfiehlt er mir mit einem Schulterzucken, eine gynäkologische oder urologische Praxis aufzusuchen. Mit tränengetrübten Augen erkläre ich ihm, dass ich seit zwei Monaten auf der Suche nach einer Gynäkologin* sei, ich jedoch nirgends Glück hatte und mit der Begründung, es würden keine neuen Patient*innen mehr aufgenommen werden, abgewimmelt werde. Der Hausarzt* sieht mir meine Überforderung an, tippt etwas in seinen PC und drückt mir einige Minuten später eine Überweisung zu einer ehemaligen Kollegin in die Hand.

Ein safe space

Die Erfahrungen, die ich in den vergangenen Jahren mit Gynäkolog*innen gemacht habe, lassen mich wenig motiviert die Praxistür aufdrücken. Nach allgemeinen Untersuchungen betrete ich das Sprechzimmer meiner neuen Gynäkologin*. Offenherzig strahlt sie mich an und bittet mich, mich zu setzen. Knapp 20 Minuten lang erzähle ich ihr von meinen Erfahrungen, meinen Sorgen und den Problemen, die mich schon jahrelang quälen. Negative Erfahrungen bei anderen Gynäkolog*innen lasse ich dieses Mal bewusst nicht aus. Mitfühlend nickt sie, lässt mich aussprechen und hakt an der ein oder anderen Stelle interessiert nach.

Daraufhin untersucht sie mich ausführlich, doch eine Sache ist hier anders: In einem fast meditativen Ton spricht sie über meinen Unterbauch und all die Organe, die er so in sich trägt. Auf dem Bildschirm des Ultraschallgeräts zeigt sie mir Blase, Eierstöcke, Gebärmutter und Nieren. Anatomisch kann sie nichts erkennen, das für meine Schmerzen und die starke Blutung verantwortlich ist. Doch sie gibt mir Raum, lässt mich all meine Fragen stellen und nimmt mich ernst. Wir einigen uns auf einen Plan, den wir Schritt für Schritt gemeinsam abarbeiten werden und so versuchen, die Ursache für mein Anliegen zu finden, möglichst vorsichtig zu tangieren und im besten Fall aus der Welt zu schaffen.

Zum ersten Mal – nach rund acht Jahren – verlasse ich eine gynäkologische Praxis mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen, denn: Meine Sorgen werden ernst genommen und das Problem nicht einfach durch Kontrazeptiva taub geschluckt.

Let’s talk about Gyn

Manchmal lassen wir uns so sehr von der Einschätzung unseres Umfelds leiten, dass wir unsere Empfindungen irgendwann selbst in kleine, fast unsichtbare Päckchen packen und unter Schränke schieben, obwohl wir sie vielmehr kritisch mit einer Lupe in der Hand inspizieren und vor allem wahrnehmen sollten. Eine helfende, warme Hand, die einer oder eines passende*n Gynäkolog*in als Expert*in, ist dabei sprichwörtlich Gold wert.

Die Zystitis-Eskapaden in Erinnerungen begraben, sitze ich einige Monate später gemeinsam mit Freund*innen in einer Bar. Eine von ihnen erzählt, dass sie in der Vergangenheit teils schreckliche Erfahrungen in gynäkologischen Praxen machen musste und als fast alle von uns von ähnlichen Erfahrungen berichten, wird mir bewusst, dass ich etwas Ernst zu nehmendes zu lange als in Ordnung eingestuft habe, obwohl es das ganz und gar nicht war. Bevor wir uns in die Nacht verabschieden, schicken wir uns gegenseitig Website-Links gynäkologischer Praxen, bei denen wir oder unsere Freund*innen gute Erfahrungen gemacht und sich wohl gefühlt haben. Außerdem stoßen wir auf die Plattform Gynformation, ein Kollektiv für gynäkologische Selbstbestimmung:

„Egal ob für Schwangerschaftsabbrüche oder andere Behandlungen, wollen wir mit Gynformation eine bundesweites Verzeichnis von Gynäkolog*innen, Hebammen und gynäkologisch behandelnden Allgemeinärzt*innen zusammenstellen, die einen vertraulichen, unvoreingenommenen und professionellen Umgang pflegen und transparent über medizinische Behandlungsformen informieren.“

Außenstehende können zudem behandelnde Personen nach guter Erfahrung mit diesen empfehlen, sodass das Verzeichnis immer weiter wächst und wiederum anderen geholfen werden kann, bei der Suche nach einem safe space. Dir kommt schon beim Lesen eine behandelnde Person in den Sinn? Hier findest Du den Link zum Fragebogen: Empfehlung einreichen

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Text von Dessany, Illustration von Luise.

Dessany ist 22 und studiert Germanistik in Leipzig. Schon früh wurde das Schreiben zu ihrem Ventil. Über fast alles was sie erlebt, was sie über ihre Umwelt und sich lernt, führt sie Notiz. Nicht zuletzt, um das alles ein bisschen besser verstehen zu können.

A wie Adenomyose, B wie Beckenboden und C wie Cybersex. In ihrer Kolumne unterkörperwelten erkundet Dessany mit einem kleinen Spiegel bewaffnet Orte unterhalb des menschlichen Bauchnabels. Im Dschungel gesellschaftlich tabuisierter Themen umherstreifend, möchte sie ein möglichst schambefreites und liebevolles Bewusstsein dafür schaffen, was es mit dem “da unten” auf sich hat.

Luise ist junge Gestalterin und Künstlerin und lebt und studiert in Berlin an der Universität der Künste. Sie mag traurige Musik, trashige Filme, laute Konzerte und komische Comics.

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