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Urlaub nach Corona

Endlich wieder Urlaub! Endlich wieder neue Eindrücke, andere Menschen, zu teure Drinks in schäbigen Bars, baden in fremden Seen, die Suche nach einem Kaffee an einem winzigen Bahnhof. Endlich wieder open minded sein. Wer sagt dass Vorfreude die schönste Freude ist, war noch nicht nach einer Pandemie im Urlaub – I can recommend!

Als ich mich völlig hyped daran mache meine Tasche zu packen, fest entschlossen die richtigen Outfits zu wählen, die mich jede Sekunde meines Urlaubs genießen lassen, fällt mir auf, dass ich verlernt habe wie das geht. Scheiße, ich habe neun Monate literally in meinem Zimmer verbracht – die einzige Tasche, die ich dabei hatte war die Ikea-Tüte um Pfand wegzubringen oder der Beutel mit Glühwein im Winter. Naja, Zahnbürste, Schlüpfer, alles andere kann man kaufen -Hauptsache weg aus Berlin. 

Der nächste Stutzer folgt am Tag der Abreise –  ein flaues Gefühl macht sich in meiner Zwerchfellgegend breit. Zu viel Deutsche-Bahn-Filterkaffee? Sodbrennen? Anxiety? Ich bin aufgeregt, obwohl ich seit meinem neunten Lebensjahr regelmäßig alleine Zug fahre, fliege, verreise. Was wenn hier ein Mißverständnis vorliegt und ich nicht in Italien einreisen darf? Ich habe die Seite des Auswärtigen Amtes so häufig aktualisiert, dass sie mir bei meinem Google-Startbildschirm angezeigt wird. Nach 14 Stunden klimaneutraler Fahrt steige ich mit einem Gefühl der Ungläubigkeit am Lago Maggiore aus dem Zug. Damn, ich bin wirklich in Italien, denke ich und schaue mich um. Von Palmen geschmückte Berge erheben sich über einem blauen See. Ich bin mir doch nicht mehr so sicher, wo ich bin. Meine Augen sind an den Anblick vom Bürgerpark in Pankow gewöhnt, nicht an Natur, die direkt aus einer romantischen Komödie über eine Hochzeit in einem urigen italienischen Kaff kommen könnte. Zur Sicherheit schaue ich lieber wieder weg, wer weiß ob so viel Schönheit auf einmal nicht gefährlich ist.

Cave Syndrome, lese ich am nächsten Tag auf Instagram, heißt das küchenpsychologische Phänomen nach Corona wohl. Soziale Kontakte, Menschengruppe und rausgehen können uns schwerfallen, kurzgesagt. Immerhin weiß ich jetzt, was ich habe. Grimmig, jeden Moment zu genießen, lege ich mich an den Strand und frage mich, ob ich das richtig mache. 

Meistens fährt man in den Urlaub, und denkt sich “schön hier”, macht ein paar Fotos mit einer Einwegkamera, trinkt einen Kaffee in einem Laden an der Strandpromenade, nimmt sich vor keine Karten zu schreiben, schreibt dann doch welche und macht ungewohnt lange Spaziergänge. Man nimmt sich vor jeden Moment des Urlaubs in ein Marmeladenglas zu sperren und den dann neben “Ostsee 2014” und “Kroatien 2016” auf das Regalbrett der schönen Erlebnisse zu stellen. 

In meinem Post-Corona-Urlaub habe ich mich gefühlt wie das Marmeladenglas, in das neue Eindrücke gesteckt werden: Berge und Palmen, Pizza im Restaurant, Grenzpolizei, die den Zug durchsucht und Tests kontrolliert, Menschen die ihre Masken konsequent als It-Piece unterm Kinn tragen, der Blick über eine andere Stadt; was kommt als nächstes? Ich will immer mehr. Nachdem ich ein Jahr lang jauchzende Freude gefühlt habe zwei Freundinnen draußen zu treffen und zum Abschied zu umarmen, nachdem ein Brunch auf dem Balkon sich angefühlt hat wie ein bourgeoisies Champagnerfrühstück, ist alles ein Happening.

Unersättlich stopfe ich neue Eindrücke in mich hinein, panisch dass hier doch ein Missverständnis vorliegt. Nur noch fünf Minuten Urlaub, denke ich.

Teil 2 von zwei Texten. Der Text ist von Clara. Sie lebt in Berlin und studiert Kunstwissenschaft an der Technischen Universität. Neben der Uni schreibt sie über ihre spöttischen Gedanken, liest alles was sie über zu Unrecht vergessene Künstlerinnen finden kann und legt Tarotkarten. Mit ihrer Arbeit will sie Perspektiven außerhalb des Kunstkanons aufzeigen und Andere zum Handeln animieren.

Gestaltet von Linda. Sie ist Grafikdesignerin und brennt für gute Gestaltung. Sie arbeitet gerne konzeptionell und legt den Fokus auf aussagekräftige Illustrationen. Neben Kunst und Design, liebt sie die Berge, Kaffee und ihr rotes Fahrrad Michl. Außerdem gibt sie definitiv zu viel Geld für Schreibwaren aus.

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