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Der Selbstbestimmung beraubt #Facettenreich

Regenbögen auf Social Media, im Fernsehen und soweit das Auge reicht. Mit dem Pride-Monat Juni geht die bunte Zeit des Jahres vorbei. Es hätte ein Monat der gesetzlichen Meilensteine werden können. Doch statt einem Löffelchen voll Zucker, gab es einmal mehr bittere Medizin für die Rechte queerer Menschen.

Kommerzialisierung in bunt

Im Juni wird alljährlich fleißig Pinkwashing betrieben, indem allerlei Produkte in queeren Editionen und mit einem Gefühl der erkauften Toleranz angepriesen werden. Von Mode über Süßigkeiten bis hin zu Medien-Formaten: Alles was mit Pride und Diversity zu tun hat, ist auf einmal werbefähig. Ein kapitalistisches Konzept, das schon seit ein paar Jahren ziemlich erfolgreich zu sein scheint. Queerness – im kommerziellen Bereich ja, im politischen Raum nein? Was im Fernsehen, auf Pride-Demos oder über Social Media so laut, bunt und happy aussieht, hat nur Sinn und Bedeutung, wenn queeres Leben auch durch den Staat aktiv gesichert und geschützt ist. Da können noch so viele Regenbögen auf Sneakers oder Einhörner auf T-Shirts abgedruckt sein. Und auch bei der aktuellsten Staffel von Germany’s next Topmodel war Diversity wieder ein ganz großes Ding.

Germany‘s next visibility

Zugegeben: Ich war ziemlich happy, als dieses Jahr zum ersten Mal ein Model, das trans ist, die Show gewonnen hat. Und auch der restliche Cast der Sendung wurde als “so divers” wie nie zuvor beschrieben. Toll, dass nach 15 Jahren Show verstanden wurde, dass es so was wie ‚zu viel‘ Sichtbarkeit gar nicht geben kann. Wie tausend andere Menschen, habe auch ich dieses Jahr die Staffel verfolgt und war von Anfang an Fan von Alex. Damit war ich nicht die Einzige: Jeden Donnerstagabend zwitscherten regelrechte Fanbases durch die sozialen Netzwerke, die alle ihre Favoritin im Finale sehen wollten. Ende Mai war es dann soweit und die 23-Jährige wurde zur ersten trans Gewinnerin gekürt.

Außergewöhnlich war auch, dass Alex‘ Geschichte nicht in klischeehafter Reality-Show-Manier ausgeschlachtet und zur Sensation gemacht wurde. Alex selbst stand im Vordergrund und hat gezeigt, wie in einem TV-Format ein respektvoller Umgang mit LGBTQIA+ gepflegt werden kann. Welche Rolle ihre Identität dabei spielt, beschreibt sie treffend mit den Worten: „Ich bin eine transsexuelle Frau, ja. Aber in allererster Linie bin ich eine Frau“. Für mich als queere Person war das ein ziemlich cooles Zeichen. Zu sehen, dass eine Kandidatin offen sie selbst sein kann, erfolgreich durch ihre Leistung ist und zu ihrem Weg steht, war unfassbar empowernd – und auch eine Sache, die die Sendung richtig macht. Denn gerade weil die Castingshow von Heidi Klum so viele junge Zuschauer:innen anlockt, ist es erfrischend zu sehen, dass Alex durch ihre Teilnahme Sichtbarkeit erzeugt und jungen Menschen ein Vorbild sein kann.

Benachteiligung per Gesetz

Queere Menschen verdienen Sicherheit und eine Verankerung ihrer Anliegen in unseren Gesetzen. So wurden auch dieses Jahr wieder Stimmen laut, die forderten, einen Diskriminierungsschutz sexueller und geschlechtlicher Minderheiten in Artikel 3 des Grundgesetzes aufzunehmen. Denn queere Identitäten dürfen nicht nur in den Medien berücksichtigt werden, auch die Politik muss endlich nachziehen. Am 19. Mai, eine gute Woche vor dem schillernd bunten Topmodel-Finale, stimmte der Bundestag über Anträge für ein Selbstbestimmungsgesetz ab. Eingereicht wurden die Entwürfe von der Grünen- und der FDP-Fraktion. Sie hätten vorgesehen, dass etwa trans, inter oder nicht-binäre Personen nicht mehr durch das sogenannte „Transsexuellengesetz“ (TSG) auf das Verständnis anderer angewiesen sind. Seit 1981 regelt das Gesetz die Anpassung des Namens und des Geschlechtseintrags. Trotz einer längst notwendiger Reform hat der Bundestag die Gesetzesentwürfe schlussendlich mit großer Mehrheit abgelehnt.

Dass das TSG längst nicht mehr zeitgemäß ist, bestätigte sogar das Bundesverfassungsgericht, welches Teile des Gesetzes für verfassungswidrig erklärte. Denn das TSG sieht psychologische Gutachten vor, bei denen sich die Betroffenen sehr privaten und entwürdigende Fragen aussetzen müssen. Für diese, oft mit langen Therapien verbundenen Gutachten, müssen die Betroffenen eine Entscheidung über ihre Identität dem Urteilsvermögen Unbeteiligter überlassen. Hinzu kommt die Vorstellung vor Gericht, um den Personenstand offiziell ändern zu lassen. All diese Vorgänge sind nicht nur ein Spießrutenlauf der Diskriminierung, sondern sind noch mit Kosten von bis zu 2000 Euro verbunden. Menschen, die sie selbst sein wollen, müssen um eine Diagnose bangen und werden pathologisiert.

Steine im Weg

Mit der Ablehnung der Gesetzesentwürfe werden einmal mehr auch die Anliegen junger Menschen ignoriert. Denn besonders für queere oder trans* Jugendliche ist die Änderung des Vornamens oder des Geschlechtseintrags oft ein wichtiger Bestandteil auf dem Weg ihrer Transition. Wäre der Entwurf für ein Selbstbestimmungsgesetz angenommen worden, dann hätten Personen ab 14 Jahren in Zukunft die Möglichkeit, den eigenen Geschlechtseintrag durch eine Selbstauskunft beim Standesamt zu ändern. In Ländern wie Schweden, Dänemark oder Irland gibt es bereits ähnliche Regelungen. Doch statt queere Menschen für sich selbst entscheiden zu lassen, werden ihnen durch das veraltete Gesetz Steine in den Weg gelegt. Abgestimmt wurde im Mai auch über andere Anträge, die das Leben von LGBTQIA+ Personen in anderen Bereichen rechtlich erleichtert hätten. Im Bundestag gescheitert sind unter anderem Vorschläge der Grünen für einen “Aktionsplan sexuelle und geschlechtliche Vielfalt” und für eine Stärkung von Antidiskriminierungsstellen des Bundes.

Sichtbarkeit und Sendezeit

Das ist also Deutschland: Eine trans* Person kann eine Castingshow, ein Auto oder 100.000 Euro gewinnen, aber das Recht zur Selbstbestimmung bleibt ihr verwehrt. Große Parteien scheinen ihre eigenen gehissten Regenbogenflaggen zur Pride-Saison ebenso wenig ernst zu nehmen, wie die angetastete Würde von queeren Menschen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es bis zur Bundestagswahl im September nicht mehr zu großen Abstimmungen dieser Art kommen. Was bleibt, ist der wachsende Groll in queeren Communities und zugleich das Potential der Parteien, sich queerpolitische Versprechungen für den nächsten Wahlkampf zu überlegen.

Die Idee von queerer Sichtbarkeit stiftet Hoffnung. Hoffnung auf etwas wie per Gesetz festgeschriebene Akzeptanz, die überfällig ist. Und sei es eine lesbische Bachelorette oder ein Torwart mit einer Regenbogen-Kapitänsbinde zur Prime-Time: Wir heften uns an mediale Sichtbarkeit, weil wir aus der politischen noch immer ausgeschlossen werden. Wenn die Medien unsere Kultur widerspiegeln, dann muss das Parlament das Gleiche für unsere Gesellschaft tun. Repräsentation in Massenmedien ist ein kleiner Schritt auf dem Weg zum Ende des Regenbogens. Und liegen dort nicht die größten Schätze?

Emi ist 21, studiert und lebt in Berlin. Bei Regen verliert sie sich in Tagträumereien und wird kreativ. Sie ist begeistert von den unterschiedlichen Facetten, die die Gesellschaft und jeder einzelne Mensch in sich trägt. In der Kolumne Facettenreich geht es darum, was uns ausmacht und ‚anders‘ macht.

Die Fotografien sind von Jule Heinrich. Sie ist 21 Jahre alt, lebt in Hamburg und studiert an der HfbK. Es gilt der Versuch Ungreifbares greifbar erscheinen zu lassen, Gefühle und Gedanken sichtbar zu machen und bloß nichts Erlebtes zu vergessen. Das Fotografieren begleiten sie dokumentarisch durch den Alltag.

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