Du & Ich
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Sonntag ist Heimspiel

Der Geruch von Nagellackentferner hängt im Raum und wabert selbst in die letzte Ecke. Es ist Sonntag, das Zugticket ist reserviert und mein einziges Basic Outfit liegt auf dem Schreibtischstuhl. Es wird nur bei Heimreisen getragen. Ich streune jedes Mal aufs Neue durch die Wohnung, während meine Gedanken sich wiederkäuen. Es wird bestimmt ganz nett, du triffst alte Bekannte, die bunten Socken legst du lieber wieder in die Schublade, brauchst du den Nagellack wirklich, beim letzten Mal waren es doch nur zwei doofe Sprüche, da stehst du doch drüber. Das Gedankenkarussell dreht seine Runden.  

Bei der Ankunft am Bahnhof treffe ich schon den ersten Bekannten und muss über meinen Studiengang ausholen, da alles was nicht Jura oder Lehramt ist, eine Erklärung braucht. Ich gehe meinen alten Schulweg entlang, bin direkt wieder 16 und versuche so undercover wie möglich nach Hause zu kommen. Dort werde ich überschwänglich empfangen von meiner Familie und meiner Katze. Natürlich gibt es mein Lieblingsessen. Wenn ich frage, was es Neues gibt, kommt ein Achselzucken.  

Nach dem Abi wurde auf die Stopptaste gedrückt und die Einzigen, die Veränderung mit sich bringen, sind die von außerhalb. Ein paar Dinge erfahre ich dann aber doch, vor allem wer sich alles in letzter Zeit geoutet hat. Nach dem Abi kam eine regenbogenfarbene Welle an Outings von den  Menschen, bei denen ich schon seit der Oberstufe wusste, dass sie schwul, lesbisch, bi, pan oder einfach nicht hetero sind. Als ich mich damals geoutet hatte, kannte ich hier drei weitere queere Menschen. Offensichtlich waren es dann doch mehr.  

Nach Kaffee und Kuchen mit meiner Familie, treffe ich mich noch mit meinen alten Freunden. Die Guten lässt man hier nicht so einfach los. Auf dem Weg schalte ich im Kopf meine Sensibilität für politische Korrektheit auf Standby. Zum Wohle aller. Wir treffen uns, ich freue mich und fange direkt an lauter und mit mehr Dialekt zu reden. Auch dieser Schalter wird nur hier umgelegt. Wir setzen uns an den Rhein, trinken Bier und reden über Anekdoten aus Zeiten in denen man zehn Minuten zu Fuß voneinander entfernt wohnte. Ich werde automatisch entspannter mit der Flasche in der Hand und bei Gesprächen über ehemalige Klassenkamerad:innen.  

Jedes Mal wenn ich komplett abschließen will, merke ich, dass ich hier den prägendsten Teil meines Lebens verbracht habe, dass mich meine Vergangenheit hier immer noch sehr beschäftigt und wenn die Leute glücklich sind in ihren symmetrischen Vorgärten, dann sollen sie das bitte sein. Ich will es ihnen nicht verübeln, die Verbitterung ist nur leider eben auch da, hat sich eingenistet in meiner Brust und macht mich neidisch auf Menschen, die es vermeintlich leichter hatten. Ich hätte mir gewünscht, mehr Vielfalt zu sehen, dann wäre ich weniger lang auf der Suche nach meinem Weg gewesen.  

Während wir am Flussufer sitzen und trinken, werden die Gespräche ehrlicher, die Wangen röter und die Außentemperatur niedriger. Wenn alles erzählt und das Bier leer ist, verabschieden wir uns und ich gehe den altbekannten Weg nach Hause, jedoch nicht ohne an denselben Stellen wie schon seit Jahren stehenzubleiben und zu rauchen.  

Am nächsten Morgen packe ich meine Sachen und muss meine Eltern abwimmeln, die mir  Lebensmittel für eine Großfamilie mitgeben wollen. Der Zug fährt los und ich sehe die Häuser und  Straßen immer schneller an mir vorbeiziehen, bis nur noch Felder kommen. Ab diesem Moment atme ich freier. Es ist immer schön zu kommen, aber es ist noch schöner zu gehen. 

Lorenz ist 20 Jahre alt und studiert Sozialwissenschaften in Köln. Er beschäftigt  sich viel mit den Themen Heimat, Zärtlichkeit und Geschlechterrollen. Am liebsten hält er sich in Parks und Badewannen auf und er hat ein Faible für alte Kinderfilme. 

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