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Schmerzgrenze

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SCHMERZGRENZEN


Sie begrenzen mich, aber ich bin grenzenlos. Mein Körper, meine Seele, eine Karte, die bisher nur meinen Umriss zeigt. Keine Binnengrenzen. Kein „bis hierhin und nicht weiter.“ Keine Grenzsoldaten, die akribisch jeden kontrollieren, der auf meiner Seele sein beschissenes Badehandtuch ausbreiten will. Mit der Zeit werden sie kommen, sie, die Landvermesser, die Kolonialherren, welche die Grenzen mit dem Lineal zu ziehen versuchen und dabei die ganzen Feinheiten meiner Seele, meines Körpers übersehen. Oder nicht sehen wollen. Ihre Grenzen werden mein Korsett. Mit ihnen kann ich vor den Augen der Gesellschaft aufrecht stehen. Es wird eine Weile dauern, bis ich merke, dass ich nicht mehr richtig atmen kann. Zunächst wird mein Atem immer flacher werden. Keine zu hastige Bewegung, alles ist kontrolliert. Wenn sie schauen dann lächele ich. Jedes Mal ein Kraftakt. Mit jedem flachen Atemzug, immer zu wenig Sauerstoff, immer viel zu kurz, wächst in mir das Verlangen nach Freiheit. Freiheit kann einem niemand schenken. Freiheit muss man sich selbst erschaffen. Das weiß ich jetzt, aber früher, da wusste ich es nicht. Also ging ich auf die Suche nach der Freiheit. Ich übertrat Schulgrenzen und Landesgrenzen und ich ließ zu, dass die Scharlatane der Freiheit, meine Grenzen überschritten. Bis sie die Schmerzgrenze erreichten. 

Die Bedeutung einer Grenze manifestiert sich in ihrer Übertretung und in ihren Konsequenzen. Als Antwort auf meinen Schmerz, der sich unter dem Scheingewand der Freiheit in mein Leben stahl, erbaute ich meine Mauer. Ein prachtvolles Bauwerk aus glänzendem Marmor, glatt und schön und kühl. Wenn man nah genug davorstand, erblickte man sein eigenes Spiegelbild im glänzenden Stein. Im Schutze meiner Mauern, erlaubte ich mir einen Blick auf mein Land. Bestandsaufnahme. Wie unnatürlich gerade Flüsse verliefen die Grenzen stromlinienförmig durch meinen Geist, hinterließen salzige Spuren auf meinem Körper. 

Ich bin erschöpft. Es wird Winter in meinem Land. Wie im Bauch eines Schiffes geborgen, die Augen fest geschlossen, beginnt meine Reise zur Freiheit. Die Emotion des Meeres bestimmt den Rhythmus meines Wiegenlieds. Das Metronom unseres Lebens, dass wir Herz nennen, bleibt von den Strömungen unbeeindruckt. Gleich einer Pflanze in der kalten Jahreszeit, habe ich mich von der Oberfläche zurückgezogen, und doch bin ich immer noch hier. 

Inmitten dieser erdfarbenen Eintönigkeit, die sich beruhigend um meine Seele windet, fängt ein gelber Ton an zu glühen. Wie der Frühling die Pflanzen, zwingt er mich erst zu keimen, dann zu wachsen und schließlich zu erblühen. Mit neuer Kraft beginne ich meine inneren Grenzen neu zu sortieren. Ich ziehe neue Grenzen, nur um diese wenig später wieder abzureißen, probiere wilde Formen und manchmal komme ich zu den geraden Grenzen zurück. Ein Relikt der Kolonialzeit, welches nun ein zu einem Teil von mir geworden ist. Als es Sommer wird, beende ich mein geschäftiges Treiben. Ich lehne mich an meine Mauer und plötzlich höre ich auf der anderen Seite eine sanfte Melodie. 

Ab hier ist alles weitere Spekulation. Vielleicht werde ich ein Loch in die Mauer klopfen und ein lachendes Auge erblicken. Vielleicht werde ich mich selbst in diesem Auge erkennen, vielleicht werde ich das Gefühl haben, erkannt, anerkannt zu werden. Vielleicht werden sich meine Mauern eines Tages in Luft auflösen. Und vielleicht werde ich Dich in meinen Garten einladen, wo Du eine Blume pflanzt, statt eine zu pflücken. 

Maya ist 24 Jahre alt und lebt in Leipzig, wo sie Englisch und Geschichte auf Lehramt studiert. Sie begeistert sich für Geschichte, Politik und (Pop)-Kultur und möchte am liebsten ALLES wissen. Das Schreiben ist für sie gleichermaßen ein Ventil, als auch eine Quelle der Inspiration, die ihr hilft sich selbst und das Leben besser zu verstehen.

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