Körper & Bewusstsein
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Freund:in oder Feind:in?

Mein Handy vibriert. Ich krame in meinem vollgestopften Rucksack herum bis ich es finde. Das viel zu  helle Display leuchtet mir ins Gesicht. „Bock, heute zu kiffen?“ lese ich auf dem kleinen Bildschirm. Ich  lenke mein Blick vom Bildschirm auf das vor mir stehende Haus. Ich neigte meinen Kopf zur Seite und  dachte über die Nachricht angestrengt nach, horchte in mich hinein und kam letztendlich zu der 

Erkenntnis, dass ich „keinen Bock zu kiffen“ habe. Aber Lust auf soziale Interaktion.  Ich widmete meine Aufmerksamkeit wieder meinem Handy. Ich tippte ein „Ja, wann denn?“ in mein  Handy und schickte es ab. Ich seufzte. Ein besseres Angebot bekam ich heute wohl nicht mehr. Da  steckt man auch die Droge in Kauf, um eine „schöne Zeit“ zu verbringen. 

Ich packte mein Handy wieder in meinen Rucksack.  

Ich fragte mich, ob ich das tat, wonach ich mich fühlte. Ich seufzte ein erneutes Mal und wurde  verlegen. Ich blickte leer in die Ferne und stoppte alles, was ich tun wollte. Ging gedanklich zu dem  Punkt zurück, in welchem ich völlig von meinem Wollen abkam, in welchem andere meine  Autonomie des Denkens übernahmen. Viele Fragen türmten sich in mir auf. Gruppenzwang oder  Konformitätsdruck waren schon oft Begriffe, die mir in meinem Leben über den Weg gelaufen waren,  doch lediglich auf einer theoretischen Basis. Man wusste, dass „so etwas“ existiert, doch in seiner eigenen Realität fand es nie Platz. Das ist ein klarer Fall von „Das passiert nur anderen“, doch jetzt  war es mir passiert. Und nicht den anderen. Es ist in der Realität passiert. Und nicht in der Theorie. Nicht in einer Pädagogikstunde. 

Diese Erkenntnis brachte mich dazu weiterzudenken. Wie oft war es nun schon vorgekommen, dass  ich Dinge tat, nicht weil ich sie aus tiefsten Herzen tun wollte, sondern weil es alle taten? Ich merkte,  dass man sich völlig fehleinschätzte. Man kann nicht von Selbst-Determiniertheit reden, wenn man  doch nur das tut, was alle taten, weil man Angst davor hat, Widerstand zu leisten. Dass man sich  schneller mitreißen ließ, als man es doch eigentlich wollte. Dass man so verzweifelt nach Zugehörigkeit strebte, sodass man erst gar nicht merkte, wie extrem man dieses Gefühl jagte. Diese  jedoch nicht findet, wenn man Dinge tut, die gegen seinen eigenen Willen verstoßen. 

Ich wusste nicht, wie ich verweilen sollte. Ich bin in eine Sackgasse geraten und konnte nun nicht  einfach meine Augen verschließen und blind gegen die Wand laufen. Ich möchte aber auch nicht  alleine sein, dachte ich. Wer wollte schon alleine sein? Wer wollte schon etwas verpassen? Besonders in seiner Jugend. Die Blütezeit, wie alle sagten. Doch geht dieser Druck etwas „zu erleben“  so weit, dass man Dinge tut, die man eigentlich gar nicht tun möchte? 

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Carolin ist 17 Jahre alt und versucht sich momentan an ihrem Abitur. Sie liebt Campingurlaub in  Frankreich, Musik wirklich zu fühlen, bis in die dunkelste Nacht zu tanzen und zu zeichnen und besonders sich im Moment zu verlieren.

Collage von Imina.

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