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Das Blaue vom Himmel

In ein paar Monaten beginnt wieder mal die aufregendste Jahreszeit im politischen Kalender: der Bundestagswahlkampf. Von Laternenpfählen sprießen dann die Wahlplakate wie Frühblüher und die schwüle Luft des Spätsommers knistert förmlich vor politischen Meinungen und Vorhersagen. Den richtigen Umgang mit dieser absurden Zeit kann dir leider niemanden beibringen, dich mental auf eine Zeit der Meinungsverschiedenheiten vorzubereiten, versucht Jasmin aber trotzdem.

Wenn die letzten Tage der Sommerferien anbrechen, die Ferienhäuser in Küsten- und Wanderregionen sich von ihren Gästen verabschieden und die deutschen Autobahnen noch ein letztes Mal unter der Last der Urlauber:innen endgültig nachzugeben drohen, dann ist, alle vier Jahre, die fünfte politische Jahreszeit angebrochen. Die Farben des Horizonts werden verschwimmen mit den Signalfarben der Stockfotoästhetik, die in leeren und vollen Worthülsen an jedem Laternenpfahl plakatiert sein wird. 

Die noch knapp vier Monate bis zur Bundestagswahl sollte jede:r Bürger:in nutzen, um sich für Reizüberflutung, brutale Meinungsschlachten, voreilige Prognosen und den beißenden Geruch von Plakatkleber zu wappnen. Denn eine Bundestagswahl braucht wachsame Wähler:innen, die sich nicht das Blaue vom Himmel versprechen lassen und einen Durchblick im Dschungel der Wahlplakate behalten. 

Ab 2,50m wir nur noch gelächelt 

Die Straßen in deiner Stadt können noch so unbeleuchtet und verlassen sein, sobald die Wahlkampfsaison eingeläutet ist, entsteht nirgendwo mehr das Gefühl von Einsamkeit. Von überall lächeln und strahlen die Parteipolitiker:innen von den Laternenpfählen und Plakatflächen und werfen, fast schon hütend, ein Auge auf ihre potentiellen Wähler:innen.

Wahlkampagnen sind dabei essentiell als Werbung anzusehen. Werbung, die informieren und mobilisieren soll. Informieren über die jeweilige politische Agenda der Partei und mobilisieren zu einer individuellen Wahlentscheidung, im Interesse der jeweiligen politischen Kraft. 

Da visuelle Eindrücke deutlich länger im Gedächtnis bleiben, kann es sich im Zuge einer Wahlkampagne schon durchaus lohnen, einen großen Teil des Budgets großzügig über die Wahlkreise hinweg zu plakatieren. Doch Plakate anbringen darf man nicht einfach so, und erst recht nicht überall. Denn, bevor die bunten Papiere aufgehängt werden dürfen, ist die Ausstellung einer Sondernutzungserlaubnis durch die zuständige städtische Behörde erforderlich. Diese regelt beispielsweise, auf welcher Höhe sich die Werbetafeln der politischen Parteien und Einzelbewerber:innen befinden dürfen, ohne gegen die StVO zu verstoßen und die Aufmerksamkeit der Teilnehmer:innen des Straßenverkehrs zu sehr zu beanspruchen. Die genaue Platzierung der Plakate, die größtenteils durch wahlkampfstrategische Überlegungen bestimmt wird, regelt sich ganz nach dem Motto: wer zuerst kommt, mahlt zuerst. 

Doch wer zuerst kommt, kehrt der auch als erstes wieder zurück und nimmt seine schönen Wahlplakate selbstständig wieder ab? 

Hohlkammerplakate lassen sich durch eine Beschichtung, die gegen Regen und UV-Strahlung schützen soll, nicht wiederverwerten. Sie landen daher in den meisten Fällen also im Verbrennungsofen. Zur diesjährigen Bundestagswahl werden einige Kreis- und Stadtverbände erstmals versuchen, Plakate auf Papierbasis zu verwenden (so beispielsweise die SPD Gerlingen). Inwiefern diese die vier bis sechswöchige Phase vor der Wahl überstehen werden und die abgebildeten Kandidat:innen weiterhin erkennbar bleiben, wird sich zeigen. 

Nach der Wahl, also spätestens zum 27.09.2021 müssen die Plakate durch die Parteien und ihre oft ehrenamtlichen Helfer:innen entfernt werden. Die Stadtreinigungen übernehmen lediglich die Entsorgung von Plakaten, die zerstört wurden oder abgefallen sind. 

Ausgedruckt, ist das noch nötig? 

Mit der Existenz des Internets und seinen Möglichkeiten, ein möglichst großes Publikum mit vergleichsweise kleinem Aufwand zu erreichen und umfangreich zu informieren, erklärt sich vielleicht nicht so ganz, warum in Wahlkämpfen immer noch zu Wahlplakaten gegriffen wird. Aber anders als ein Twitter-Account oder ein Fernsehclip, kann man den Wahlwerbeoberflächen auf der offenen Straße nur schwer entgehen. Ob nun der Gang in den Supermarkt, der Spaziergang um den Block oder das Nutzen der öffentlichen Verkehrsmittel, überall strahlen die ehrgeizigen Bundestagsanwärter:innen um die Wette. Ihre gedruckten Kampagnen übermitteln dabei ein Minimum an Informationen, die möglichst verdaulich und unmissverständlich aufbereitet werden, um damit möglichst lange in unseren Köpfen hängen zu bleiben. 

Mit dem Anbringen der Plakate, stellt sich Wahl um Wahl dann eine unerschütterliche Beständigkeit ein. Denn spätestens dann sind alle erinnert: bald geht’s zum Kreuzchen setzen. Jetzt darf/muss/kann man sich mit den eigentlichen Programmen der wählbaren Parteien auseinandersetzen, eine rationale Entscheidung treffen oder das politische Schicksal der Republik den Glückswürfeln überlassen. 

Aber auch am Tag des eigentlichen Urnengangs, kann sich das ein oder andere strategisch platzierte Plakat vielleicht als der letzte nötige Anstoß einer Wähler:in im Interesse der jeweiligen Partei herausstellen. Visuelle Impulse, die Vertrauen und Kompetenz erzeugen, lassen dann schnell mal über konkrete Sachfragen und detailliertere Personalfragen hinwegsehen. Und besonders während einer Pandemie, die durch Abstandsregeln und Hygienevorschriften den direkten Wahlkampf massiv einschränkt und somit die ein oder andere bürgernahe Praktik wegfallen lässt, bieten sich die plakatierten Momentaufnahmen und Kampfsprüche als Wahlmotivator förmlich an. 

Außerhalb der Social Media Timeline ist man (gezwungenermaßen) einer diverseren Darstellung der Parteien ausgesetzt. Da die Schmierereien und Beschädigungen von Plakaten schon in die Produktion mit eingerechnet werden, kann jeder noch so starke Edding die politische Position am anderen Ende des eigenen Spektrums nicht zum Verstummen bringen. 

Viel einfacher lässt sich nutzer:innenfreundlicher Wahlkampf daher online konsumieren. Auf der Straße sind es 75 Tastenanschläge, mit denen Poliker:innen für sich werben, online sind es knapp 240, die sich um einen politischen Diskurs bemühen und um Brisanz und Inhalt kämpfen. Doch sich in der eigenen digitalen Bubble einzunisten, kann verhängnisvoll werden. Kein anderer Zeitpunkt eignet sich so gut, konkret über politische Angelegenheiten, Meinungsverschiedenheiten und Gemeinsamkeiten zu sprechen, wie die Wochen vor der anstehenden Bundestagswahl. 

Die persönliche Wahl und die Beweggründe dahinter, gehen niemand anderen etwas an. Doch während dieses wichtigen Entscheidungsprozesses Rücksprache zu halten, andere Perspektiven zu hören und auch mal auszuhalten, ist ein demokratischer Luxus, den wir vollends ausnutzen sollten. 

Die Macht der Rhetorik 

Das Mitwirken an der Meinungsbildung der Bevölkerung wird den politischen Parteien Deutschlands durch Artikel 21 des Grundgesetzes zugesprochen. Genauso wichtig wie die interne Auseinandersetzung der Parteien, in beispielsweise Personal- oder Sachfragen, die dann zu den eigentlichen Wahlinhalten führen, ist aber auch die Präsentation nach Außen und die Sichtbarkeit der eigenen Errungenschaften und Absichten. 

An dieser Stelle spielt die Wortwahl eine ganz wichtige Rolle. 
Aber wie findet die Rhetorik der großen Vorhaben in den Bundestagswahlprogrammen auf den doch relativ begrenzten Oberflächen der Wahlplakate Platz? 
Entscheiden müssen sich Parteien dann dafür, ob sie Euphorie und Hoffnung spenden wollen, im Sinne der eignen Sache informieren, oder anhand der Verfehlungen der aktuellen Amtsinhaber:innen Horrorszenarien zeichnen, für die man sich selbst als einziger Retter präsentiert. 
Als einziges wirkliches Tabu gilt dann nur das Antasten der Menschenwürde anderer und die Verwendung verfassungswidriger Symbole. Die Verpflichtung, einen möglichst großen Teil der Bevölkerung (und daher auch Wähler:innenschaft) anzusprechen und zu thematisieren, besteht nicht. 

Die letzte Bundestagswahl, wie auch die Europawahl, haben gezeigt, dass mit der Kraft der großflächig gedruckten Worte nur wenig zimperlich umgegangen wird. Erklärt werden kann diese fehlende Sensibilität vielleicht durch den gesellschaftlichen Wirbel, den zweideutige Formulierungen, diffamierende Fotocollagen und eine spalterische Zukunftsperspektive, erzeugen können. Schließlich haben wir festgehalten, dass Wahlkampagnen nichts anderes sind als Werbung, und in der Werbung geht es schließlich auch nur um Schlagzahlen, oder? 

Fehlende Unterschiede 

Nisten wir uns also in unserem Status Quo ein oder schauen wir proaktiv nach vorne? 
Die Zeit der rosigen Zukunftsperspektiven ist langsam vorbei. 
Das Hier und Jetzt als ein Optimum zu bewerben, ist wenig förderlich, wenn sich die Welt und Gesellschaft zunehmend so anfühlen, als würde sie uns jeden Moment um die Ohren fliegen. 

Laut gegen etwas zu poltern, mobilisiert oft nachhaltiger und schneller, als ein ehrlich selbstkritischer oder zaghaft optimistischer Tonfall. Daher ist es umso wichtiger, dass sich die Programme und die Plakate der pro-demokratischen Parteien stark genug unterscheiden, sodass gar nicht erst von einem Wischiwaschi-Etablissement gesprochen werden kann, bei dem es egal ist, wem man die eigene Stimme spendet. Eine gepflegte und offene Streitkultur ist an dieser Stelle nur förderlich, um klar und deutlich zu machen, dass Entscheidungen nicht einfach durchgewunken werden, sondern möglichst viele und vielfältige Stimmen beteiligt sein wollen und werden. 

Die zunehmende Dramatik und Dringlichkeit der Demokratie und ihrer Prozesse und der laute Schrei nach politischer Transparenz, muss sich also in den Wahlinhalten widerspiegeln. 

Aber wie tief müssen diese für Dich gehen? 

Gleichen tun sich, zumindest zum aktuellen Zeitpunkt, alle Parteien in ihren Bemühungen um das eine Gesicht, den/die Bundeskanzlerkandidat:in, eine Person, die parteiisch, aber reflektiert durch den Wahlkampf leitet. 

Durch eine derartige Personenbindung werden wir dazu angehalten, all unsere Erwartungen und Anforderungen auf ein Individuum, einen Lebenslauf, dieses eine gute Argument im aktuellsten Interview oder den vorteilhaften Fotos der letzten öffentlichen Kundgebung zu projizieren. Aber eine Partei, die in den Bundestag einziehen und im besten Fall Regierungsbeteiligung erlangen will, ist nicht ausschließlich abhängig von der vorsitzenden Person oder denjenigen, die so nett von den Wahlplakaten auf uns herablächeln. 

Wird im Wahlkampf also um den Machterhalt oder um Machtgewinn gefochten? 

Wird Wahlkampf zu Gunsten von Einzelpersonen, dem gesellschaftlichen Kollektiv oder im Sinne einer lebenswerten Zukunft geführt? 

Sind es Inhalte oder Sympathien, die Dich motivieren sollten? 

Traue keiner Prognose 

Die Fragen, die vor der Wahl entstehen und zur Zeit des aktiven Wahlkampfes noch drängender werden, kann dir leider niemand beantworten. Ein letztendlicher Entschluss sollte ganz allein auf Deiner eignen situativen Evaluation basieren. 

Dass die vielen Sonntagsfragen und Meinungsbilder, die bereits heute kursieren und in ihrer Häufigkeit noch deutlich zunehmen werden, überfordern und Druck erzeugen können, steht außer Frage. Meinungen sind aber komplett subjektiv, die (meist in Telefonumfragen) befragten Personen eher verschwindend repräsentativ für die Diversität an Wähler:inneninteressen und -realitäten. Eine Momentaufnahme der Stimmung ist nicht zu behandeln wie die vorherrschende Realität, aufgrund derer Personal- und Themenentscheidungen gefällt werden können. 

Wenn in den nächsten Monaten also die wildesten Szenarien die Schlagzeilen füllen, mit Eventualitäten und Hypothesen gearbeitet wird, dann ist es nicht an der Zeit, sich wirklich zu freuen oder verrückt zu machen. Eine demokratische Wahl entscheidet sich am Wahltag, und erst dann kann wirklich mit Ergebnissen und Zukunftsüberlegungen gearbeitet werden. 

Jasmin ist 23, studiert Politik und Wirtschaft und schreibt sich gerne mal woanders hin.
In Gib Mir Widerworte will sie Dich zur Auseinandersetzung mit der aktuellen Alltagspolitik animieren und für einen informierten Diskurs sensibilisieren. Gib Ihr Widerworte. 

Dieser Post wurde von Johannes gestaltet. Er ist 21, studiert Visuelle Kommunikation in Berlin, macht nebenbei Musik und schläft gern bis 13 Uhr. Er verbringt seine Zeit mit lieben Leuten und verliert sich manchmal in seinem Computer.

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