Selbst & Inszenierung
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Das “Let-It-Happen-Gefühl”

It’s always around me, all this noise, but
Not nearly as loud as the voice saying
„Let it happen, let it happen“
(It’s gonna feel so good)

Es gibt einen Tame-Impala Song namens „Let It Happen“, und immer, wenn ich ihn höre, strömt das Blut in millionenfacher Geschwindigkeit durch meine Adern. Am besten in Kombination mit Alkohol, der Nicht-Droge, die eine so glänzende Sogwirkung ausüben kann auf mich. Wie viele Abende verbringt man allein im Bett, glühend, und man hofft auf eine betrunkene Liebesbekundung oder auf einen Slow-Motion-Kuss, einen ehrlichen, oder man selbst befindet sich auf einer Party und tippt langsam auf den Namen, und man ruft an, stolpert über sich selbst und lacht mit einer Augenverdreh-Zärtlichkeit das Handy an.

Ich sehe mich auf einer Party in einer Ecke stehen, mit gebrannten Wangen und zitterndem Herzen. Ich sehe mich nicht mehr atmen können in Anbetracht eines nahenden ersten Kusses. All this running around, trying to cover my shadows… Mein Freund sagt mir, dass jeder Mensch zu gewissen Anteilen ein Stück moralische Konsistenz gegen Glück eintauschen muss, manche mehr und manche weniger. Dass es auch für mich an der Zeit ist. Ich sehe mich in einer festen und monogamen Beziehung, das Let-it-happen-Gefühl trotzdem durch einen Mischmasch aus The Weeknd-Lyrics und filmreifes Knutsch-Dirigieren evozierend. Ich greife nach den Sternen und spiele gleichzeitig mit dem Nichts. Ich spiegele mich in der kolossalen Schönheit der meisten lachenden Gesichter. Ich liege in meinem Zimmer, und frage mich, warum ich jetzt nicht hinüberrenne und sage: „Ich glaube, ich würde dich gerne nochmal küssen.“ Ich schlucke das Gefühl wie Meerwasser. Dann schaukele ich auf Kacheln hin und her, werde bis ins Mark geschüttelt, einerseits von „Seelenverwandtschaft ist für immer“ und anderen Glaubenssätzen und andererseits von sehr ursprünglichen und sehr schönen Bedürfnissen. 

Ich denke dann an das blöde Über-Ich-Zeug, frage mich, ob man wirklich in Ekstase und Sehnsucht vollkommen zum Tier wird. Ich traue mich nicht, den Song lauter zu drehen, weil ich dann, wie jede mittelgelangweilte Anfang Zwanzigjährige, das Konzept der Monogamie grundsätzlich infrage stelle. „Die Monogamie ist eine Kulturleistung des Menschen“, erzählt irgendein Sexualwissenschaftler. Ich erzähle allen vom Zwiespalt zwischen dem Willen, in einer Beziehung zu bleiben, und dem Wissen, irgendwann andere haben zu wollen. Zu brauchen. Eine Frau mit kurzen blonden Haaren berühren zu können, oder ganz andere glatte Berge oder Stoppeln hinunterzuwandern. Dann das Gift der Eifersucht, wenn der Partner dieselben Gedanken kennt. Und immer alles im Kreislauf. Ich erzähle es allen, bis etwas dämmert – gottverdammt, ich muss es mit mir selbst ausmachen. Mein neues Projekt wird jetzt wohl, mich nicht mehr zu verstecken vor potenziell romantischen Situationen, und das, was durch meinen Körper fließt, dort existieren zu lassen. Und dann, und dann? Selbst dann müssen irgendwann Entscheidungen getroffen werden. Es gibt keinen Weg ohne Risiko. Ich drehe das Badradio auf und springe vor mir selbst den Spiegel hoch. Meine Brüste sind gut wie Pudding. 

Der Glitzer fällt von mir ab und teilt sich den Boden mit langen Haaren und Staubskulpturen.

All this running around
I can’t fight it much longer
Something’s tryin‘ to get out
And it’s never been closer

Ronja ist 21 Jahre alt und studiert seit ein paar Jahren Freie Kunst in Saarbrücken. Sie liebt es, spezifische Gefühle in Worten ausdrücken zu können, und Gedichte liebt sie sowieso. Ansonsten zeichnet sie gerne Menschen mit Bleistift und Tusche.

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