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Wenn spazieren nur noch nervt

Die Tage werden zwar wieder länger und die Sonne kommt ab und zu raus, aber so richtig Bock aufs Spazieren hat doch keiner mehr, oder?
Ein Spaziergang ist aber viel mehr als nur das einzig mögliche Hobby aktuell. Warum du nicht aufhören solltest zu spazieren oder spätestens jetzt damit anfangen solltest.

Immer häufiger tauchen in der Online-Welt Memes und Tweets, wie dieser hier auf:

„Mama, warum weint Opa so laut, ich habe ihn doch nur gefragt, ob wir spazieren gehen wollen?“ – “Weißt du, dein Opa hat 2020 erlebt, damals wurden ganz viele Leute krank und alles was man tun durfte war spazieren gehen, er hat einfach genug davon.” (twitter.com/elhotzo)

Seit mehreren Monaten ist Spazieren irgendwie das Einzige, was du so tun kannst. Es ist das Einzige, was nicht vorm Bildschirm stattfindet. Es ist aber besser als vom Bett an den Schreibtisch, über die Couch, zurück ins Bett. Also doch noch einmal aufraffen und eine Runde um den Block. Die Jogginghose darf auch ruhig an bleiben. So richtig Spaß macht es
auf Dauer aber nicht, immer an den gleichen Häusern vorbei und im gleichen Park herumzulaufen.

Dass das Spazieren plötzlich zum neuen Hobby von uns allen geworden ist, ist aber eine gute Sache. Wie wärs, wenn du das Ganze mal aus einer neuen Perspektive betrachtest?
Vielleicht ist spazieren gehen mehr als bloßer Zeitvertreib und obligatorische Routine am Abend?

Mach es, wie die Philosophen

Schon Aristoteles war der Meinung, beim Gehen lasse sich besser denken. Laut ihm fördert Bewegung den Geist und regt zum Denken an. Deshalb ging der griechische Philosoph mit seinen Schülern nach draußen und hielt dort seine Vorlesungen. Dabei philosophierten sie über Ansätze, auf die sie sonst vielleicht nie gekommen wären.

Musst du bald vielleicht eine große Entscheidung treffen? Oder fühlst du dich in der immer gleichen Wohnung so unkreativ? Dann geh doch in genau diesen Momenten eine Runde spazieren. Besonders gut kann dafür auch die Mittagspause sein. Komm mit einer neuen Idee und mehr Energie wieder zurück in den sonst so eintönigen Alltag.

Zur Ruhe kommen und Probleme lösen

In seinem Buch „Gehen. Weitergehen” beschreibt Erling Kagge, was ihm das Gehen bedeutet. Dem norwegischen Autor verschaffen Spaziergänge ein Gefühl von Freiheit. Er beschreibt, dass die Welt sich langsamer zu drehen scheint. Weg von „höher, schneller, weiter”. Gehen beruhigt und entschleunigt den 58 Jährigen. So entkommt er dem Alltag, Meinungen und Erwartungen.

Erling Kagge ist davon überzeugt, dass die Bewegung Probleme lösen kann. „Manche Probleme lösen sich auf, wenn ich gehe. Vielleicht waren sie nicht so groß und wichtig, wie ich dachte?”. Natürlich klappt das auch nicht immer. Ist Kagge Zuhause, kann das Problem plötzlich wieder auftauchen. Aber trotzdem ist das Gefühl, mit dem er zurückkommt, ein besseres, schreibt er.

Stehen deine Gedanken wieder nicht still, obwohl du eigentlich schlafen solltest? Vielleicht ist der nächste Tag ein guter Moment, ein bisschen spazieren zu gehen. Die frische Luft wird neue Eindrücke in deinen Kopf pusten. Schreib doch auch mal jeden Gedanken auf. Wenn du mit der Hand Dinge aufschreibst, ordnet dein Gehirn sie automatisch und dir können neue Sichtweisen auffallen. Durchs Grübeln und Zerdenken kommst du meistens nicht weiter.

Und sind wir nicht alle immer wieder mal gestresst? Egal, ob Schule, Uni, Ausbildung, Arbeit. Alle wollen so viel, dass es manchmal unmöglich scheint, alles unter einen Hut zu kriegen. Und wo bleibt da die Zeit für dich? Geh nach draußen, nimm ein Buch mit oder höre dein Lieblingsalbum. Nimm dir Zeit für dich allein und der Stress wird weniger.

Wut entkommen

Erling Kagge löst beim Spazieren gehen nicht nur Probleme, er entkommt auch Wut. Wenn ein Streit ausbricht, ist es laut ihm das Wichtigste, den Ort zu verlassen, an dem die Wut entsteht. Die beste Methode ist laut Kagge ein Spaziergang, bei dem man sich wieder auf das Wesentliche konzentriert, bei dem man zur Ruhe kommt und die Wut gehen lässt.
Deine Eltern, dein:e Partner:in, deine Mitbewohner:innen, egal, mit wem du
zusammenlebst; seit letztem Jahr gibt es vielleicht mehr Streit. Kein Wunder, wir sind ja fast nur noch Zuhause und unausgeglichen. Sollte aus einer Kleinigkeit also mal wieder ein Streit entstehen, durchatmen und gehen.

Das Ende

Du hast keinen Bock mehr auf den tausendsten Spaziergang. Du willst wieder tanzen. Menschen so nah kommen, dass du ihnen aus Versehen auf die Füße trittst. Aber bis das Ende in Sicht ist, sollten wir lieber unsere Spaziergänge optimieren, statt sie nun auch noch nervig zu finden. Geh lieber mal einen Weg, den du noch nie gegangen bist. Lerne deine
eigene Stadt besser kennen. Vielleicht fallen dir Kunst, Worte oder Architektur auf, die du noch nicht kennst. Weniger Stress und neue Ideen warten auf dich.


Laura begeistert sich für Kultur, Medien und Literatur. Egal, ob Konzerte, Museen oder Theater. Egal, ob Klassiker oder Sachbuch. Alles verschafft ihr neue Ideen. Ihr Zuhause ist das Ruhrgebiet. Dort studiert Laura zurzeit Journalismus und Public Relations. Schon immer liest und schreibt sie gerne. Und seit Kurzem teilt sie diese Gedanken auch auf ihrem eigenen
Blog/Instagram.

Die Gestaltung des Textes ist von Jule. Sie ist 21 Jahre alt, lebt in Hamburg und studiert an der HfbK. Es gilt der Versuch Ungreifbares greifbar erscheinen zu lassen, Gefühle und Gedanken sichtbar zu machen und bloß nichts Erlebtes zu vergessen. Das Fotografieren begleiten sie dokumentarisch durch den Alltag.

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