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Wonderwall kriegt mich wieder

Dieser Winter fühlt sich länger an als die vorherigen. Seit Monaten stehe ich jeden Morgen auf, benutze zwei Make Up Produkte statt zuvor zehn und tausche meinen Schlafanzug symbolisch gegen die Jogginghose für das Homeoffice und Online Uni Veranstaltungen. In meinem Kleiderschrank gibt es mittlerweile einen extra Stapel neben den Pyjamas mit bequemen Klamotten für tagsüber. Die Stapel sehen sich zum verwechseln ähnlich. Das letzte Jahr hat für mich vieles verändert, wie für alle auch. Ich war schon immer ein sehr introvertierter Mensch. Mittlerweile verstehe ich das eher als eine offensichtlichere der vielen Seiten meiner Persönlichkeit, als als Label. Kinderfotos zeigen mich in der Regel komplett vertieft in irgendeine Sache und nicht lachend umgeben von Freunden. „Für dich muss so eine Pandemie doch Glück im Unglück sein!“ „Kommt so Menschen wie dir ein Lockdown nicht ganz gelegen?“ Diese Sätze habe ich in den vergangenen Monaten relativ oft von Familie und Freunden gehört und ähnliche Behauptungen geisterten auch durch die Medien, wenn es um den Umgang mit der Lage ging. Nach dem Motto für Stubenhocker, Nerds und ruhige Personen ändere sich sowieso nicht viel. 

Zugegeben, hatte ich nicht selten auch selbst solche Gedanken. „Endlich keine Situationen mehr, in denen du dich wegen sozialer Interaktion überfordert fühlen musst.“ Fast schien es, als hätte jemand den Pausenknopf meiner Angsterkrankung, die nicht selten mit Panikattacken zu den unpassendsten Zeitpunkten daherkam, gedrückt. Dass das Ganze dann doch nicht so einfach ist, hat sich dadurch gezeigt, dass die Attacken nun in anderen Situationen ihren Weg finden. Das Gefühl der Angst kommt in mir genauso schnell vor einem Zoom Vortrag hoch, wie wenn ich diesen in den Räumen der Uni halten müsste. Die äußeren Umstände haben, was das angeht, nur wenig Einfluss auf meine Gefühlswelt. Dass die Macht darüber bei mir liegt, kann ermächtigend und erdrückend sein. 

Was dann hilft sind kleine Momente, in denen ich mich zwinge, mehr als nur introvertiert und zurückgezogen zu sein. Vor der Pandemie waren das Museumsbesuche, Mittagessen mit meiner besten Freundin oder spontane Aktionen, zu denen man sich einen Ruck gegeben hat und dann doch mit den Kolleginnen und Kollegen was trinken gegangen ist. Die Couch und Netflix mit der vollen Skincare Routine waren an solchen Abenden verlockend, aber im Endeffekt war ich auf dem Heimweg in der stinkenden Bahn froh, dass aus einem Glas Wein mehrere geworden waren. Diese Momente brauchte ich nicht oft, aber wenn sie sich ergaben, konnte ich aus ihnen eine ganze Weile lang Glück schöpfen. 

Mittlerweile vermissen wir alle das „normale Zusammenleben“ mit Konzerten, Clubnächten und so weiter. Ein paar Mal im Monat habe auch ich das innere Bedürfnis nach Lautstärke und Extroversion. Dann drehe ich Musik auf und tanze wie wild durch mein Zimmer. Letzte Woche war eine Neunziger Playlist dran und als Wonderwall anfing zu spielen, rannte ich zu meinem Handy, um schnell weiter zu drücken. Irgendetwas hielt mich davon ab und ich hörte mir den kompletten Song an. Er klang plötzlich wie ein völlig anderes Lied. Wie vom Blitz getroffen stand ich da und lauschte vier Minuten lang dem Text. Ich hörte wirklich zu und konnte jedes einzelne Instrument ausmachen. In meinem Kopf bauten sich Bilder auf, von den ganzen Situationen, durch die mir das Lied so lästig geworden war: der eine Abend auf einer Klassen- oder Seminarfahrt in der Schulzeit, an dem auf einmal jemand eine Gitarre auspackte und es irgendwann automatisch gespielt wurde; die letzten Minuten auf Parties, die dadurch besiegelt wurden, dass jemand den Song als Rausschmeißer anmachte. Vor meinem inneren Auge lag eine Collage aus all diesen glücklichen Erinnerungen. Ich fing an zu weinen. „Das kann doch nicht sein – Wonderwall kriegt mich wieder“, dachte ich und musste schmunzeln. 

Ich bin nicht hier, um zu sagen, dass wir uns aufgrund oder trotz der globalen Ausnahmesituation auf das Positive besinnen sollten. Lasst uns ehrlich sein: Diese Tage sind vermutlich für alle zu lang, zu grau, zu gleich. Aber wenn verhasste Songs wieder schön werden können und wenn introvertierte Menschen nur auf die nächste Gelegenheit warten, um einmal alle paar Wochen ein wenig extrovertierter zu sein, dann ich da doch mehr als ein bisschen Hoffnung. Ich persönlich freue mich auf den Moment, in dem ich Jogginghose und Schlafanzug wieder auf den gleichen Stapel lege.       

Michelle ist 26 Jahre alt und in den letzten Zügen ihres Kunstgeschichte Studiums. Sie liebt Kunst und ist fest davon überzeugt, dass diese durch all ihre Medien im Kleinen und im Großen für eine bessere Welt sorgen kann. Zu guter Musik verliert sie sich oft in mehr oder weniger utopischen Tagträumen. Ihr größtes Ziel ist es, verletzlich, weich und glücklich zu sein. 

Luise ist junge Gestalterin und Künstlerin und lebt und studiert in Berlin an der Universität der Künste. Sie mag traurige Musik, trashige Filme, laute Konzerte und komische Comics.

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