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Die Macht der Pornografie mit Lea Röwer #ZwischenNeugierundBewunderung

Wahrscheinlich hat jeder von uns schonmal pornografische Inhalte konsumiert. Nicht selten auch regelmäßig. Doch was genau schauen wir uns da eigentlich wirklich an? Was hat das mit dem Menschen, unserer Gesellschaft und dem Patriarchat zu tun? Und was ist eigentlich Only Fans?

Lea Röwer hat sich im Rahmen künstlerischer Praxis und einer Bachelor-Thesis intensiv mit der Pornografie auseinandergesetzt. Es entstand ein erkenntnisreiches Gespräch das kritisch reflektiert und dennoch nicht verteufeln möchte.

Wenn wir über Pornografie sprechen, über was sprechen wir dann?

Es gibt nicht die eine Pornografie. Es gibt tausend verschiedene Nischen. Es gibt feministische Pornografie, genauso wie es Fetisch-Pornografie gibt und professionell produzierte Pornografie. In dem Kontext interessiert mich nicht so, was die Hauptcharakteristika von Pornografie sind, das ist nur eine Facette, sondern vielmehr in wie weit sie unsere Gesellschaft prägt. Wie sie medial mit anderen Bereichen verbunden ist oder was sie abgrenzt. Wie sie unsere Realität formt und Einfluss auf unsere Fantasie nimmt. Was mit den Menschen passiert, die im Pornografie-Geschäft arbeiten. Wie sie dargestellt werden und gleichzeitig auch, wie die Konsumenten mit der Pornografie zusammenwirken wenn sie sie konsumieren. 

Vielleicht um einfach mit der Tür ins Haus zu fallen: Was ist das Problem am Konsum von Pornografie und was für Auswirkungen hat es auf den Konsumenten und auf unser Zusammenleben? 

Es fängt ja damit in, das man sich hinsetzt, den Porno schaut und in den meisten Fällen dazu masturbiert. Das unterscheidet sich vom “normalen“ Film konsumieren, die man in erster Linie guckt um emotional irgendwie reingezogen zu werden. Bei Pornos hat man da quasi noch eine Handlungspraktik dazu. Gleichzeitig ist Sexualität etwas sehr intimes, auch etwas das mit der eigenen Identität zu tun hat bzw. die Individualität in großen Teilen prägt. Wenn man homosexuell ist, dann wird das heutzutage auch gleichzeitig immer als etwas betrachtet was zur Individualität dazu zählt. Das ist etwas das noch nicht so lange so ist und erst durch verschiedene Strukturen so werden konnte. 

Die Problematik bei der Form wie Pornografie aufgebaut ist ist, das in den meisten Fällen die Frau unterdrückt wird beziehungsweiße der Körper gewaltsam von dem männlichen Protagonisten dominiert wird. Heterosexuelle Pornografie ist heutzutage in Überzahl. Es wird dann auf die Frau ejakuliert, in den meiste Fällen, oder ins Gesicht ejakuliert als “Abschluss“. Oft ist es so, das sich der Protagonist den Orgasmus selbst herbeiführt. Er dringt zwar in die Frau ein, bringt sich dann aber doch letztendlich selbst zum Orgasmus und “beschmutzt“ sie dann damit. Das zieht sich so durch die meisten heterosexuellen Pornos, in den queeren Bereichen wird das aber auch adaptiert. Es gibt quasi also immer “einen Stärkeren“ und “einen Schwächeren“. Lewandowski, ein Philosoph beschreibt, das durch diese Unterdrückung der Frau im Grunde genommen die weibliche Sexualität vom Mann erst ins Leben gerufen wird. Der Mann quasi erst die Sexualität in der Frau entdeckt und diese dann durch ihn zum Leben erweckt. Gleichzeitig wird die Frau erniedrigt. Weibliche Sexualität bzw. Weiblichkeit an sich ist eine Gefahr für die männliche Souveränität. Seit Jahrhunderten ist es ja so, das der Mann die Dominante Rolle in unserer Gesellschaft einnimmt. Das versteht man ja so als Patriarchat. Solche Strukturen zeigen sich auch in der Pornografie und sie werden durch diese Rollenverteilung aufrecht erhalten.

Also kann man festhalten, das bei Pornografie eigentlich immer ein Macht- und Rollenspiel mitschwingt. Ohne jetzt zu heteronormativ denken zu wollen aber oft (nicht immer) zum Nachteil der Frau. 

In den meisten Pornos ja. Wenn nicht gegen die Frau, dann gegen jemand anderen der Schwächer ist. 

Aufklärung und Pornografie

Das bringt mich zu einem anderen Punkt. Wenn ich darüber nachdenke, wie man so Allgemein zu seiner ersten Aufklärung kommt im Leben, dann ist das vielleicht oft in der Schule. Aber der erste richtige Berührungspunkt mit Sexualität für junge Menschen ist denke ich oft Pornografie und eben mit diesem “Machtspiel“. Im Anbetracht dessen was du gerade gesagt hast, ist das krass. 

Wie du gesagt hast, Pornografie wird heutzutage meisten vor dem ersten Sex konsumiert und meistens in einem sehr jungen Alter. Das beeinflusst die sexuelle Identität bestimmt ein Stück weit. Das kann auch etwas Positives sein, denn vor allem homosexuelle Menschen oder generell sexuelle Minderheiten haben da auch die Möglichkeit etwas für sich zu entdecken. Andererseits ist es so, das Pornografie auf der Fantasie von Jahrhunderten aufbaut. Es zeigt Strukturen und Phänomene die halt mal da gewesen sind oder immer noch da sind. Und die werden dann tausende Male kopiert. Heutzutage haben wir das Problem das eigentlich keine Tabus mehr da sind. In Deutschland sind Gewalt-Pornografien, Sex mit Tieren und Kindern zwar verboten aber es zeigt sich ein Trend der immer mehr zu Gewalt geht. Dadurch das jedes Tabu irgendwie gebrochen wurde und man alles im Internet findet. Durch diese Wiederholung kommt es dazu das Fantasien, Strukturen, Rollenbilder geprägt werden. Vor allem wenn man früh anfängt zu konsumieren. Erst durch den richtig erlebten Sex merkt man, das Sex nicht das ist was in Pornografie gezeigt wird. Auch wenn einem das ein Stück weit schon klar ist, es ist schwer einzuschätzen. 

Es ist auch ein wahnsinniger Druck, wenn deine erste Begegnung mit Sexualität Pornografie ist. Die Dinge die man sieht dann auch selbst performen zu müssen oder sein zu müssen. Oft sind die Geschlechtsteile der Darsteller ja auch operiert und perfektioniert. Das macht die eigene Sexualität irgendwie zu etwas performativem. 

Der Trend geht halt immer mehr in diese Cypersex-Richtung, weil die Angst vor “dem echten Sex“ auch zunimmt. Durch diesen Druck einen perfekten Körper zu haben oder ähnliches. Das wird natürlich auch durch Social Media immer stärker geprägt. 

Mich beschäftigt sehr, wie sich Pornografie auf unser Leben und unsere Sexualität auswirkt, auf unser Unterbewusstsein. Das es eigentlich keine Ausrichtung gibt, auf unsere eigenen Bedürfnisse, sondern eher “das habe ich dort gesehen, das muss ich jetzt auch so machen“. Das die Wahrnehmung von sich selbst und seinem Partner dadurch gestört ist. Das eigene Begehren so überlagert ist von pornografischen Bildern, die man irgendwann mal in seinem Leben gesehen hat. Es ist schade, das Seitens der Bildung/Schule so wenig darüber gesprochen wird. 

Ja, die Aufklärung von Kindern war lange extrem unter Dach und Fach. Die Psychologie hatte Angst, dass sich “sexuelle Anomalien“ im Kindesalter manifestieren und letztendlich dann zu “Perversionen“ werden. Heutzutage wird das nichtmehr so genannt. Aber das hat natürlich dazu geführt das in der Pädagogik super vorsichtig aufgeklärt wird. Dementsprechend ist die Aufklärung in der Schule auch so Zäh und Medizinisch.

Dabei bestimmt Sexualität so viele Bereiche in unserem Leben. Natürlich unsere Fantasie. Wenn man jetzt mal den “Male Gaze“ betrachtet, Sexualität ist in der Pornografie zum größten Teil Männlich dominiert. Das bedeutet, das man sich als Frau auch nur bedingt daraus autonom entwickeln kann. Selbst die weibliche Fantasie, oder das was wir denken was unsere Fantasie ist, ist männlich geprägt. Das heisst ein Stück weit, alles was Sexualität hervor gibt bestimmt auch unsere Realität und das was wir sind. Wir sind deutlich weniger autonom handelnd als wir das immer denken. Deshalb ist es so besonders wichtig solche Dinge zu hinterfragen. Pornografie ist jetzt nicht der Teufel. Aber es ist so viel mehr als einfach nur Pornografie.

Ich hab mir die Frage gestellt, was passiert wenn ich jetzt für ein Jahr keine Pornografie mehr konsumiere. Dann habe ich aber festgestellt, das meine Fantasie nie wieder da hin kommen wird wo sie angefangen hat. Und auch, wo war dieser Anfangspunkt? Wie war ich vor dem Pornografie-Konsum schon geprägt durch Werbebanner, Eltern etc? Was ist Fantasie überhaupt? Wie entsteht sie? Sexualität trägt da einen großen Anteil. 

Ja, die Bilder die man gesehen hat, die bleiben ja. Es gibt irgendwie kein zurück. 

Dadurch das Pornografie auch immer weniger tabuisiert wird, wird es auch immer mehr in Filmen aufgenommen. Das sieht man bei Gaspar Noé’s Love, das ist eigentlich ein Porno der aber mit filmischen Mitteln arbeitet. Die Grenzen verwischen da immer mehr. Man wundert sich ja auch oft bei Filmen und Serien, ob die Sex-Szenen jetzt wirklich echt sind oder nicht. 

Pornografie wird heutzutage immer mehr mit richtigen Erzählungen verknüpft. Das sieht man viel bei feministischen Pornos.  Da wird viel Wert auf eine Handlung gelegt, aber das nähert Allgemein Pornografie und Film immer mehr an.

Only Fans

Letzte Woche habe ich einen Artikel in der FAZ von Caroline Jebens gelesen, in dem es um die Plattform Only Fans geht. Die Grundidee der Plattform ist Vergleichbar mit der von Instagram, aber es hat sich jetzt alles mehr oder weniger zu einer Sex/Porno-Plattform entwickelt. Gerade während der Pandemie gingen die Mitgliederzahlen von 7 auf 90 Millionen hoch. 

Only Fans ist für mich der komplette Gegenentwurf zu dem was wir gerade besprochen haben, dieser filmischen Inszenierung. Es wird viel “realer“. Meistens steht da eine private Person dahinter (kann man ja nie genau sagen, wahrscheinlich ist es auch oft nicht so), die Videos von sich aufnimmt und diese dann hochlädt. Gegen Geld kann man diese dann anschauen. 80% des Verdiensts geht an diese Person, 20% an Only Fans. 

Ja, das man 80% wirklich behalten kann ist im Vergleich natürlich sehr gut. Das ist deutlich besser als es für Darsteller in der Porno-Industrie oft läuft. Man kann auch im privaten Chat “Taschengeld“ erhalten, das darf man dann auch komplett behalten. Ich habe gehört Bella Thorne hat so eine Millionen Dollar innerhalb einer Stunde verdient. 

Ja, Only Fans ist so im Moment auch irgendwie zur Pop-Kultur geworden. Das finde ich echt schräg. 

Das Konzept von Only Fans ist ziemlich genial –  das man eine Plattform entwickelt die ähnlich funktioniert wie Instagram, nur die Zensur weglässt. 

In der Szene wird im Zusammenhang mit Only Fans viel von Empowerment gesprochen, weil es halt ein selbstbestimmteres Arbeiten ist, im Vergleich zur typischen Porno-Industrie. Dabei wird aber oft ausgeblendet, dass das auch wieder auf den Strukturen aufbaut, die die Pornografie gezogen hat. Wie man sich dort inszeniert und posiert, hat dann irgendwie wieder auch weniger mit der eigenen Autonomie zu tun als mit den ganzen Prägungen und Schönheitsidealen der Pornographie. Das sind sich eben viele nicht bewusst, das sie eben nicht autonom sind. 

Nicht Verteufeln

Hat denn Pornografie auch seine Daseinsberechtigung? 

Es wäre ein Fehler Pornografie zu verbannen. Meine Hoffnung ist eher, das die Pornografie Elemente feministischer Pornografie aufgreift. Das auch reale Körper gezeigt werden. Ich hab von vielen Menschen mit denen ich gesprochen hab gehört, das sie erstmal lernen mussten “normale“ Körper schön zu finden. Das sie Elemente aus der Pornografie beispielsweiße bei ihren ersten Malen übernommen hatten, das aber überhaupt keinem richtig gefallen hat. Aber es irgendwie selbstverständlich so angenommen wird, weil es tausendfach in Videos wiederholt angewendet gesehen wird. 

Ich glaube es reicht auch nicht, gesehenes einfach nur zu reflektieren. Man muss da wirklich rumexperimentieren und schauen was passiert wenn man zum Beispiel mal ein halbes Jahr keine Pornos mehr guckt. Und mit Anderen auch drüber sprechen, wie sie denken wie Pornografie sie beeinflusst. Mein Rat ist auch, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen! 

Lea findet ihr hier auf Instagram

*das ungekürzte, vollständig gesprochene Interview gibt es zum Nachhören auf Spotify oder Apple Podcasts „Zwischen Neugier und Bewunderung“

Mara ist Crossmedia Publishing Studentin, Fotografin und Hutmacherin. Sie lebt in Stuttgart und Kalmar.

In ihrer Kolumne Zwischen Neugier und Bewunderung unterhält sich Mara mit Menschen aus Kultur, Gesellschaft und Politik. Irgendwo zwischen Neugier und Bewunderung, Nähe und Distanz, treffen sich die Charaktere meist im virtuellen Raum.

Lea studiert Grafikdesign & Kommunikation in der Nähe von Nürnberg. Neben dem kreativen und ästhetischen Gestalten, ist ihre große Leidenschaft das Tanzen. Auf ihrem Instagram kombiniert sie die Kunst des Grafikdesigns mit der Dynamik des Tanzes.

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