Körper & Bewusstsein
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(Präsent) Sein

Im Dezember 2019:

Einige Tage vor Silvester, stehe ich in einem Buchladen vor dem Regal „Lebensführung“. Ich möchte ausbrechen und aufbrechen in ein letztes Jahr Schule, ein Jahr, das mir das Erwachsenwerden beibringen würde, wie es kein Coming of Age-Film auf Netflix schaffen sollte. Ich stehe da, fahre mit meinem Zeigefinger über sämtliche Schriftzüge. Mein Blick wandert durch die Reihen, als mich eine Frau von der Seite anspricht: „Lies das.“ sagt sie und hält mir ein kleines, orangenes Buch entgegen. „Jetzt!“ von Eckhart Tolle heißt es. 

Die Frau fügt hinzu: „Ich bin mir sicher, es wird dein Leben verändern. Wenn auch nur ein kleines Stückchen.“ Ich bin etwas überrascht, nehme das Buch aber entegen und bedanke mich zögerlich.

Ich blättere in ihm herum und überfliege die Zeilen und als ich wieder aufblicke, ist die Frau schon verschwunden. Ich kaufe schließlich das Buch und merke mit jeder Seite, die ich in den nächsten Wochen lesen würde: präsent zu sein, darauf kommt es an. Das Leben im Moment zu erkennen, ist die Essenz, die uns mit ihm verbindet.

Als ich heute aufwache, ziehe ich als erstes meinen Vorhang beiseite. Ich blicke nach draußen: schon wieder bewölkt. Ich weiß nicht, welcher Wochentag heute ist, welches Datum erst recht nicht. Das mit dem Präsent-sein fällt mir nicht mehr so leicht.

Lustlos schnappe ich mir mein Handy und beginne den Tag damit, auf Instagram und Tik Tok herumzuscrollen, auf der Suche nach irgendeinem Gefühl und danach, ob da noch irgendwas ist in mir. Natürlich werde ich nicht fündig und so stehe ich irgendwann, es ist viel zu viel Zeit vergangen, auf und stapfe in die Küche. Ich mache mir einen Tee und versuche mich dann auf die Wärme zu konzentrieren, die mich empfängt und durch meinen Körper fließt, als ich den ersten Schluck nehme. 

Für einen kurzen Moment kann sie mich füllen und das Loch, das da in mir ist. Ob es für immer bleibt?

16. März 2020:

Jede:r versucht, das beste aus diesem Tag zu machen, aber wir sind alle unvorbereitet und wir würden niemals ahnen, was alles noch kommt. Von ursprünglich fünf Mottotagen bleibt uns dieser eine. Ich bin nicht besonders glücklich, alles wirkt erzwungen. Warum redet niemand darüber, wie komisch alles ist? Meine Freund:innen und Mitschüler:innen sind betrunken.

Am Nachmittag stehe ich am Fenster beim Wasserspender, schaue in den sonnenbeschienenen Innenhof und weine. Ich weine so doll, weil ich mich noch nicht von diesem Ort trennen kann, weil es alles zu schnell geht. Wir haben nur diesen Moment, um uns zu verabschieden, von der Schule unserer Kindheit und der Zeit ohne Corona.

Ich würde ihn für immer in Erinnerung halten: Wie die goldene Nachmittagssonne auf die Weinreben an der Fassade geschienen hat, wir alle zusammen auf der Wiese vor dem Gebäude lagen, stillschweigend, dem Klang von leichter Musik gelauscht haben, den Blick in den blauen Himmel gerichtet und in diesem wunderschön traurigen Moment nichts als gegenwärtig waren.

Jetzt ist es schwierig, sich zusammenzureißen, in den Spiegel zu schauen und jeden Tag aufs neue die dunklen Schatten unter seinen Augen zu sehen. Ich sehe mein ängstliches und müdes Gesicht vor mir, mein Blick ist leer. Ich sehe ein Mädchen, das einmal groß geträumt hat und jetzt lernen muss, was es heißt, auf diese zu verzichten.

2020 ist vorbei und hier sitze ich im Januar und fühle mich so, als würde ich den selben Tag immer und immer wieder erleben: mit den selben Nachrichten, die dumpf aus Fernseher und Radio klingen, dem selben grauen Himmel und den selben kahlen Bäumen, die sich in meiner Straße aneinanderreihen.

Vor ein paar wochen bin ich achtzehn geworden. Ich bin jung, aber es fühlt sich an, als wäre ich schrecklich alt.

Die Zeit zieht an mir vorbei, ich kann sie nicht abgreifen und nicht anhalten.  Zu leben heißt, sich abzulenken.

Auf Pinterest locken Fotos von sommerhaften Szenarien damit, mich nach der Zukunft zu sehnen, nach einem besseren Ort, an dem es mir besser geht, als hier. Ich denke, dass es mir überall besser gehen würde als hier und jetzt.

Ich denke an die Frau zurück, die mir vor einem Jahr das Buch in die Hand gedrückt hat, mit dieser unglaublich wichtigen Bothschaft. Ich sehe mich, wie ich in diesem Moment so hoffnungsvoll war und leider so ahnungslos, was alles auf mich zkommen würde. Ich versuche mich, in mein damaliges Ich zurückzuversetzen:

Ich hatte nach Antworten gesucht, auf Fragen, die es gar nicht gab. Jetzt gab es sie, die Fragen, aber Antworten lassen sich auf diese nicht mehr in irgedwelchen Büchern finden. 

Und doch: eine Sache bleibt uns. In einer Welt und Zeit, in der alles ungewiss ist, man verzichten muss und sich die Tage wie monotone Melodien aneinanderreihen: Wir können präsent sein. Wir können lernen, jeden Augenblick so anzunehmen, wie er kommt und ihn auch wieder gehen zu lassen. In jedem Moment die Schönheit des Am-Leben-seins zu finden, kann vielleicht auch schon eine Antwort sein.

Und sie werden wieder kommen: die Momente, in denen man die Gänsehaut spürt, die Tränen, die vor Freude die Wangen herunterlaufen und ein Kribbeln auf der Haut hinterlassen. Momente, in denen man sich denkt: Dafür hat es sich gelohnt. 

Wenn die Füße vom stundenlangen Tanzen wehtun, Sonnenuntergänge wieder das ganzes Herz ausfüllen und der Flieder anfängt zu blühen. Und bis dahin gilt es, die Schönheit in bedeckten Himmeln zu erkennen, in einsamen Abenden und in der Einfachheit des Seins

Es ist bleibt genug Zeit. Und sie wird sich verdoppeln, wenn wir gegenwärtig ist.

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Aurelia hat letztes Jahr Abitur gemacht, möchte Psychologie in Wien studieren und verbringt nun ihr Gap Year damit, zu Hause aus dem Fenster zu gucken und sich Gedanken über das Leben zu machen. Tage voller Nichtstun sind für sie entscheidende Inspirationsquellen für Antworten auf wirklich wichtige Fragen.

Mit Gestaltung von Imina.

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