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Mit beiden Beinen auf dem Boden

Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich bodenständig bin. Vor einem halben Jahr bin mit einer Freundin auf das Wort gestoßen. Wir haben eine Woche lang alle möglichen Menschen gefragt, was sie unter Bodenständigkeit verstehen, ob sie bodenständig sind und ob das etwas Positives oder Negatives ist. Mich hat fasziniert, dass es keine eindeutige Definition gibt und Menschen so unterschiedliche Meinungen dazu haben.

Für manche, vor allem für Menschen aus meiner Generation, ist sie die Spitze des Spießbürgertums. Bodenständigkeit repräsentiert für sie Unfreiheit und ein Gefangensein in den konservativen Moralvorstellungen ihrer Eltern und Großeltern. Für andere ist sie eine Tugend und Idealvorstellung eines unbesorgten Lebens. 

Ist Bodenständigkeit ein Überbleibsel aus alten Zeiten oder ist sie ein Wert, der auch heute noch eine Rolle spielt? Lässt sich diese Frage überhaupt beantworten? Darüber habe ich in den letzten Monaten mit Freund*innen, meinen Eltern und Großeltern geredet. Am Ende habe ich die Soziologin Barbara Thériault interviewt, die dem Konzept Bodenständigkeit eher zufällig begegnete, als sie sich mit dem Alltag von Menschen der Erfurter Mittelklasse beschäftigte und das Buch „Die Bodenständigen – Erkundungen aus der nüchternen Mitte der Gesellschaft“ geschrieben hat.

Als ich Menschen gefragt habe, was sie unter Bodenständigkeit verstehen, war ihre  erste Antwort häufig die Negation von etwas anderem: Nicht abgehoben. Das Gegenteil von Schickimicki. Nicht elitär. Sich nicht so aufspielen. Nicht so viel träumen. Nichts ändern wollen. 

Barbara Thériault beschreibt die Bedeutung des Wortes Bodenständigkeit, das sich so in keine andere Sprache übersetzen lässt, als Ausdruck eines Bewusstseins und eines Stolzes. „Es ist eine Trotz-Eigenschaft“, sagt sie. „Das ist auch eine Wertschätzung der Mitte. Trotz Erfolg, trotz Ruhm und Prominenz schätzt man die Mitte“. So kann man über Fußballtrainer, Prinzessinnen oder Schauspieler*innen lesen, sie seien trotz ihrer Bekanntheit „am Boden geblieben“. Zum Beispiel, weil sie ihre Bratwurst in der Fleischerei essen, statt in schicken Restaurants. Das Lob der berühmten Person, sich mit weniger zufrieden zu geben, als sie haben könnte, könnte als Selbstabwertung verstanden werden. Thériault ist anderer Meinung: „Man sagt eher: Guck an, wir sind ganz gut! Wenn so einer bleibt, können wir ja gar nicht so schlecht sein“.

Thériault schreibt, dass es bei der Bodenständigkeit um das richtige Maß geht. Nie zu viel, nie zu wenig. Nicht zu extravagante Kleidung, nicht zu viel trinken, aber auch nicht ungepflegt sein oder gar nichts trinken. Es geht darum, „normal“ zu sein, nicht zu weit von der Mitte abzuweichen, weder in die eine noch in die andere Richtung. Statt nach Individualität und Singularität streben die Bodenständigen danach, nicht aufzufallen.

Viele Menschen in meinem Alter, die aus einem Dorf in die Stadt gezogen sind, sehen in der Bodenständigkeit Einschränkungen, die sie daran hindern, ihr Leben so zu führen, wie sie es gern würden. Bodenständigkeit steht für sie symbolisch für einen Lebensstil, von dem sie sich abgrenzen wollen. Für das Festhalten an einer Illusion von Sicherheit und Planbarkeit.

Für meinen Opa, der sein Leben lang in derselben Stadt gewohnt hat, ist die Ortsgebundenheit ein entscheidender Teil von Bodenständigkeit. „Heute ist es viel leichter, nicht bodenständig zu sein“, sagt er und meint damit meine Eltern, die oft umgezogen sind, und meine Schwester und mich, die zum Studieren in verschiedene Ecken von Deutschland gezogen sind. Wenn man Bodenständigkeit als Ortsgebundenheit definiert, bin ich nicht bodenständig. Ich bin in meiner Kindheit so häufig umgezogen, dass ich nicht genau sagen kann, an welchem Ort ich aufgewachsen bin. Auch jetzt fällt es mir schwer, den Ort, an dem ich wohne, als mein Zuhause und nicht nur eine Station anzusehen.

Der Zwang nach Selbstoptimierung durchzieht auch die Wahl des Aufenthaltsortes. Irgendwo könnte es besser sein, irgendwo wäre man glücklicher, irgendwo könnte man sich eher selbst verwirklichen. Besonders bodenständig kommt mir dieser Wunsch nicht vor. Vermutlich ist er auch sowohl generations- als auch schichtspezifisch. Meinen Großeltern würde es nicht im Traum einfallen wegzuziehen. „Es gibt da so ein Sprichwort“, sagt mein Opa: „Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr“. Und das findet er auch gut so.

Ich glaube, ich habe in mich in meinen Überlegungen und Recherchen zu Bodenständigkeit ein bisschen darin verrannt, sie bewerten zu wollen. Am Anfang hatte ich keine besondere Vorstellung davon, was Bodenständigkeit sein soll. In den Gesprächen, die ich geführt habe, habe ich die unterschiedlichsten Definitionen und Bewertungen dieser gehört. Zwei Menschen, die sich auf ganz anderen Stellen des politischen Spektrums bewegen, können sich einig sein, dass Bodenständigkeit etwas Erstrebenswertes ist, während zwei Personen mit ähnlichen Wertvorstellungen sich schon in ihrem Verständnis des Konzepts widersprechen können. Eine eindeutige Antwort darauf, ob Bodenständigkeit nun sinnvoll oder veraltet ist, wird sich nicht finden.

Nach meinem Gespräch mit Barbara Thériault ist mir klargeworden, dass eine Bewertung auch nicht unbedingt notwendig ist. „Es ist egal, was ich denke. Mir geht es einfach um die Beobachtung, dass es Bodenständigkeit gibt und sie von vielen Menschen wertgeschätzt wird“, sagt sie. Diese Einstellung werde ich wohl übernehmen.

Der Text ist von Emma. Sie ist 22 und lebt in Freiburg, wo sie Soziologie und Germanistik studiert. Nebenbei schreibt sie, zum Teil für das Uni-Magazin, hauptsächlich für sich selbst.

Das Beitragsbild ist von Jule. Sie ist 21 Jahre alt, lebt in Hamburg und studiert an der HfbK. Es gilt der Versuch Ungreifbares greifbar erscheinen zu lassen, Gefühle und Gedanken sichtbar zu machen und bloß nichts Erlebtes zu vergessen. Das Fotografieren begleiten sie dokumentarisch durch den Alltag.

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