Inspiration, Selbst & Inszenierung
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Kreativität im Lockdown finden

Als im Oktober letzten Jahres langsam der zweite Lockdown einsetzte, hätte ich niemals gedacht, dass dieser für mich eine Quelle der Inspiration werden würde. Vielmehr war er am Anfang von Sorgen und Ängsten geprägt. Mir war bewusst, dass dieser Lockdown den Winter begleiten würde und man sich nicht wie im ersten Lockdown immerhin auf den Sommer und warme Tage freuen konnte. Dazu kamen die hohen, stetig- ansteigenden Infektionszahlen, die mir mehr ins Gewissen redeten als zuvor, weswegen ich mich in meinen Kontakten wieder mehr einschränkte. Das verstärkte das Gefühl der Isolation und zum Teil auch der Einsamkeit, welches sich im Winter sowieso manchmal einschleicht.

Bereits gegen Ende des Sommers hatte ich angefangen, mir über den kommenden Winter Gedanken zu machen, weil ich nicht nochmal so einen Winter wie davor, erleben wollte. In dem Jahr hatte ich gerade die Schule beendet und nicht wissend, was ich machen oder werden wollte, war ich einige Zeit in der Welt und der Trübheit des Winters verloren. Als Maßnahme bewarb ich mich daher kurzfristig doch noch auf einen Studienplatz und fing im Herbst an Mode- und Designmanagement zu studieren. Eines der Fächer im Studium beinhaltete den Umgang mit der Nähmaschine. Ich hatte als Kind und im Teenageralter einige Male genäht, aber immer wieder aus den Augen verloren, weil ich kein richtiges Ziel vor Augen hatte. Ich hatte sofort große Freude an der Arbeit und dem kreativen Prozess des Nähens. Es ist eine dieser Beschäftigungen, bei denen man seine Gedanken abschalten kann und sich einfach nur auf die Tätigkeit vor einem konzentriert. Mittlerweile ist es für mich eine Art Meditation geworden, auch wenn man sich das vielleicht nicht wirklich vorstellen kann.

Durch meine diversen Ausflüge in Vintage Läden, welche im Herbst letzten Jahres noch möglich waren, ist mir eine Sache immer wieder aufgefallen. Alle Läden, die ich besuchte, hatten so wie es schien ein unerschöpfliches Repertoire an Seidentüchern. Entweder entlang der Wand hängend oder in riesigen Kisten in verschiedenen Ecken der Läden verteilt. Ich fand viele der Tücher sehr schön, wollte sie aber selbst nicht unbedingt als Hals- oder Kopftuch tragen. In dem Zusammenhang überlegte ich, wie ich die Seidentücher anders wieder verwerten könnte, weil ich es schade fand, dass sie einfach nur in einer Kiste herumlagen. So kam mir dann die Idee daraus Taschen zu nähen. Ich organisierte mir eine Nähmaschine und fing auch gleich darauf an, verschiedene Prototypen einer tragbaren Tasche aus alten Bettbezügen zu entwickeln. 

Als erstes Model dachte ich an einen klassischen Jutebeutel, welchen ich selbst zum Einkaufen gehen viel benutzte, um nicht immer auf Einwegtüten zurückgreifen zu müssen. Das Format der Tasche verkleinerte sich dann aber sehr schnell, als ich anfing die Taschen aus Seidentüchern zu nähen. Da machte ich nämlich die Feststellung, dass die meisten Seidentücher vom Stoffumfang für eine so große Tasche nicht reichten. So entstand daher die Miniversion des Jutebeutels, in der die Wichtigsten Gegenstände aber immer noch Platz finden. 

Aufgrund des positiven Feedbacks auf die Seidentaschen in meinem Umfeld, kam mir schnell die Idee, die ganze Sache zu einem größeren Projekt auszuweiten und die Taschen online zu verkaufen. Schon seit einigen Monaten sah ich immer wieder Accounts, die ihre Produkte über Instagram verkauften und hatte Lust das mit meinen Seidentaschen auch auszuprobieren. Dabei war mir von Anfang an wichtig, dass ich keinen reinen Produktaccount führe, sondern die Menschen, die an meinen Taschen interessiert sind, auch an meinem Leben mit teilhaben lasse. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen heutzutage mehr denn je Wert auf Transparenz legen und bei allen Schritten des Geschehens dabei sein wollen. Ich selbst kaufe auch lieber Produkte, bei denen ich eine Geschichte dahinter kenne und mir eine Vorstellung von dem Verkäufer machen kann. Daher würde ich auch jedem, der Instagram als Verkaufsfläche nutzen möchte empfehlen, dies über seinen persönlichen Account zu machen. Durch den persönlichen Bezug können die Menschen in dein Produkt und deine Seriosität vertrauen.

Abgesehen davon macht mir die Gestaltung und das Planen der Bilder, die ich auf Instagram hochlade, genauso viel Spaß wie die kreative Arbeit an den Taschen. Generell geht es mir mit dem Content, den ich poste, aber auch nicht nur um die Taschen. Ich hoffe damit Menschen inspirieren zu können, Dinge einfach auszuprobieren und seinen Weg zu finden, auch wenn man selbst noch nicht für alles die Antworten gefunden hat. 

Dass ich die Seidentaschen aber überhaupt von der Idee bis hier hin umgesetzt habe, führe ich zu einem großen Teil auf die Umstände durch den zweiten Lockdown zurück. Gerade wegen all seiner Einschränkungen hatte ich die Ruhe und auch die Leere in meinem Umfeld, um an der Idee dranzubleiben. In den letzten Jahren hatte ich schon einige Male Ideen ähnlicher Art, doch fehlte es mir zu dem Zeitpunkt oft an Konzentration und Durchhaltevermögen, weil es so viel Ablenkung gab. Mein Kopf war so ausgelastet von dem schnellen Leben auf den Straßen und auch von den Leben und Ideen anderer um mich herum. Oft, wenn ich von einer Idee begeistert und motoviert war, stellte sich im nächsten Moment schon ein Gefühl der Enttäuschung ein, weil ich spüren konnte, wie die Idee schon wieder zwischen meinen Händen zerrann. Mir fällt es schwer, in der Präsenz von so viel Bewegung und ständigem Wandel bei mir und meinen Ideen zu bleiben. Bisher konnte ich meinen Ideen dadurch nie genug Wert geben, welchen sie aber brauchen, damit sie sich weiterentwickeln können.

Die erneute Entschleunigung unserer Leben durch die Pandemie habe ich genau zu dem Zeitpunkt gebraucht, um meiner Idee Raum geben zu können. Ich konnte zuhause in meinen vier Wänden nur um mich selbst kreiseln und hatte zum ersten Mal keine Ablenkung und äußeren Einflüsse, die mich wieder zum Zweifeln gebracht hätten. Ich frage mich manchmal, wie anders mein Leben sich jetzt gerade gestalten würde, hätte es das Coronavirus nie gegeben. Und klar finde ich darauf keine Antwort, aber ich bin froh, dass es mir die Gelegenheiten geboten hat, mich in meiner Kreativität zu verwirklichen.

Die Entschleunigung in unserem Leben, würde ich mir auch in der Modewelt wünschen. Fast Fashion ist ein absurdes Geschäftsmodell, welches eine ökologische, ökonomische und soziale Bedrohung für uns Menschen und den Planeten darstellt. Ich erinnere mich selbst noch an meine frühere Meinung zum Thema Nachhaltigkeit in der Mode. Auch ich glaubte zum Teil, dass nachhaltige Mode nicht en vogue oder elegant sein kann. Mittlerweile kaufe ich meine Kleidung fast ausschließlich secondhand oder versuche kleinere Unternehmer*innen zu unterstützen, die sich auf Slow Fashion fokussiert haben. Ich habe es mir ebenfalls zur Regel gemacht nur Seidenstoffe zu kaufen, die schon in der Welt vorhanden sind und diese wieder zu verwerten. Ich hoffe mit meinen Taschen dazu beizutragen, dass Menschen bewusster in mehr nachhaltig produzierte Mode, Secondhand Kleidung und kleinere Brands investieren, die der Fast Fashion entgegenwirken. 

Gerade bin ich am Ausprobieren von weiteren Taschenmodellen und was sich sonst noch aus Seidentüchern machen lässt und bin auf die Entwicklung dieser Ideen gespannt. Ansonsten freue ich mich auf den Sommer, wenn die Bars hoffentlich wieder geöffnet haben und man wieder ein bisschen gute Laune und Normalität genießen kann. 

Text & Bilder sind von Frida. Sie ist 20 Jahre alt und lebt in Hamburg. Letztes Jahr hat sie angefangen Taschen zu nähen und diese zu verkaufen. In ihrer Freizeit sucht sie am liebsten nach Inspirationen in Vintage Läden oder in Bars. Hier kommst du zu ihrem Shop!

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