Du & Ich
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Mit Freunden Schluss machen

Wenn ich von meiner Wohnung zu meinen Eltern laufe, liegt F.s altes Zuhause mitten auf dem Weg. Das Haus ist groß, weiß mit dunkelgrünen Fensterläden. Licht brennt eigentlich nie, überhaupt sieht das Haus unbewohnt aus, der Garten ist völlig verwildert. Ich weiß auch nicht ob F. noch darin wohnt. Manchmal steht das rote Auto seiner Oma in der Einfahrt. Immer wenn ich an dem Haus vorbeilaufe, werde ich langsamer, stehen bleiben tue ich aber nie. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie es drinnen ausgesehen hat. 

F. War für lange Zeit mein bester Freund. Also lange Zeit, aus der Sicht eines achtjährigen Mädchens. Jetzt habe ich länger keinen Kontakt zu ihm gehabt, als unsere Freundschaft damals hielt.  

Freundschaften sind kompliziert.  

Wann wird aus einem Bekannten ein Freund? Zählt mich ein Freund auch zu seinen Freunden? Wen rufe ich an, wenn es mir schlecht geht? Wem kann ich ein Geheimnis anvertrauen? Und: Tut mir diese Freundschaft überhaupt noch gut? Auch von Freunden kann man sich trennen, wie von einem Partner. Die erste Erfahrung damit habe ich im  Grundschulalter mit F. gemacht, der mit mir „Schluss“ gemacht hat. Aber immer wieder sind mir Freunde abhanden gekommen oder ich habe mich dazu entschieden, eine Freundschaft zu beenden. Oft habe ich mir deswegen Gedanken gemacht, denn wie heißt es so schön – Beziehungen enden, aber Freunde bleiben für immer. In diesem Text soll es um das Verlieren und Beenden von Freundschaften gehen und warum das eigentlich etwas ganz Normales ist. 

F. war blond und jünger als ich. Er kam jeden Tag bei uns vorbei, wirklich jeden, und wir haben den Nachmittag zusammen verbracht. Wir waren vielleicht acht, neun Jahre alt und ich fand es schön, dass es neben meiner Schwester noch jemand anderen gab, der mit mir spielte. Irgendwann gab es einen Streit, F. Ist weggelaufen, als er bei uns zu Besuch war und ist dann nie wiedergekommen.  

Das alles ist jetzt schon um die zehn Jahre her. Seitdem habe ich meinen Freund nicht wieder gesehen. Ich denke noch oft an ihn, weil mich sein plötzliches Verschwinden aus meinem Leben damals so überrascht hat und ich ihn für eine lange Zeit sehr vermisst habe. Er hat sich entschieden, für immer aus meinem Leben zu verschwinden und  komischerweise ist er nicht der Einzige, der irgendwann gegangen ist, ohne sich zu verabschieden. Es gab seitdem immer wieder ähnliche Situationen, in denen Freundschaften abrupt aufhörten. 

Ich war nie ein Mensch mit vielen Freunden, hab immer nur einen kleinen Kreis an Menschen um mich geschart. Meine engsten Freunde kann ich auch heute an zwei Händen abzählen. Ich würde nicht sagen, dass mich das einsamer macht als andere. Ich  gehe nur sehr behutsam damit um, wen ich in mein Leben lasse. Umso schlimmer ist es, wenn man dann einen dieser Freunde verliert. Denn Freundschaften sind ein wichtiger Bestandteil der eigenen Identität. Man definiert sich nämlich auch, oder vielleicht vor  allem, im Umgang mit anderen. Wer bin ich in einer Gruppe? Wie verhalte ich mich in Kontakt mit anderen? Was machen meine zwischenmenschlichen Beziehungen aus? Wie viele Freunde habe ich und wieso?  

Freundschaft wird oft als etwas angesehen, das ewig hält. Wer noch mit fünfzig Kindheitsfreunde hat oder „Wir sind schon seit über zehn Jahren befreundet“ sagen kann, der bekommt Bewunderung und Anerkennung. Endende Freundschaften dagegen nicht. Wenn eine Freundschaft gescheitert oder in die Brüche gegangen war, fragte ich mich oft, was falsch gelaufen war, ob ich einen Fehler gemacht hatte. Ich habe zum Beispiel keine Kindergartenfreunde, Bekanntschaften aus meiner Krabbelgruppe oder aus der Grundschule. Ich habe mich dafür immer ein bisschen geschämt. Es ist aber in Ordnung, sich von Menschen und Dingen zu trennen, die einem nicht gut tun oder nicht mehr zu dem Leben passen, das man führt.  

Deswegen: Sortiert eure Freundschaften! Es ist gut, sich ab und zu zu fragen: Tut mir dieser Mensch, diese Freundschaft noch gut? Brauche ich ihn in meinem Leben? Wenn die Antwort Nein lautet, wenn man merkt, dass man sich eigentlich nur gegenseitig  runterzieht, dann macht Schluss. Dafür muss es nicht einmal ein ausschlaggebendes Ereignis geben, einen Streit zum Beispiel. In Beziehungen ist es doch genau das gleiche: Wenn es nicht mehr passt, man sich immer unwohler fühlt, dann beendet man die  Beziehung. Warum also nicht auch in Freundschaften?  

Was ich sagen will: Trennungen sind völlig okay, auch wenn sie vielleicht weh tun. Sie sind wichtig, um sich weiter entwickeln zu können. Niemand schleppt gerne Ballast mit sich herum, den er nicht tragen kann. Um- und Aussortieren ist wichtig, weil sich Wünsche, Ansichten vom Leben, Charakterzüge und auch Ansprüche an eine Freundschaft mit der  Zeit verändern können. Es gibt Menschen, die nur für einen bestimmten zeitlichen Abstand in unser Leben passen und eben auch welche, die für immer bleiben können. Es bedeutet nicht, dass man menschlich versagt hat, nur weil man eine Freundschaft nicht  am Leben halten kann oder will. Es bedeutet vielmehr, dass man sich weiter entwickelt hat und es beweist auch Stärke, sich von jemandem unabhängig zu machen. Mit acht Jahren konnte ich F.s Entscheidung noch nicht nachvollziehen, war sauer auf ihn und traurig, weil ich ihn vermisst habe. Natürlich haben Freundschaften mit acht Jahren eine andere Bedeutung als im Erwachsenenalter, natürlich kann eine beendete Freundschaft mit acht ganz andere Gründe haben als mit 23. Das Beispiel bricht aber eben ganz gut  runter auf was es ankommt.  

F. hat wahrscheinlich nicht bewusst gehandelt, sondern viel mehr auf sein Bauchgefühl  gehört und beschlossen unsere Freundschaft zu beenden, weil er unzufrieden war. Und das sollten wir alle machen.

Ana Paula ist 19 und studiert Geschichte und Fachjournalistik. Neben dem Schreiben liest sie unglaublich gerne, vor allem alte, dicke Bücher und fotografiert mit ihrer analogen Kamera schöne Momente.

Die Bebilderung ist von Lisa. Sie ist eine junge Illustratorin und Gestalterin aus Berlin. In Ihrer Kunst befasst sie sich mit Beobachtungen des alltäglichen Lebens und zieht Inspiration aus erlebten Situationen und Personen, die sie umgeben. Nebenher beschäftigt sie sich viel mit Musik und schmökert in Zines und guten Büchern. 

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