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Mit meinem Partner Zusammenziehen – noch zu früh? #Mut(Ich)

In diesem Text geht es darum, ob es den einen perfekten Zeitpunkt gibt, um mit Partner:innen zusammenzuziehen. Gibt es ein zu früh? Ist die Herausforderung geringer, wenn die Beziehung bereits die Zeit x erreicht hat? Oder bleibt die Umstellung gleich, unabhängig von der Dauer der Beziehung?

Aktuell steht bei mir eine große Veränderung an. Eine Veränderung, die in meinem Umfeld viele Fragen aufgeworfen hat, die angezweifelt wurde und für die ich mich rechtfertigen soll, zumindest wenn es nach manchen Menschen geht.
Nachdem ich das letzte Jahr gemeinsam mit meiner besten Freundin in einer wunderschönen Altbauwohnung in Lübeck verbracht habe, ziehe ich nun mit meinem Freund zusammen. 
Und das nach einem halben Jahr Beziehung. 

Meinungen über Meinungen 

Während es sich für uns richtig anfühlt und wir uns einfach nur riesig darauf freuen, haben Freund:innen und Familie sehr unterschiedlich reagiert. 
Die Reaktionen gingen von „Oh wie schön, wir freuen uns für euch“, über „Was ist denn mit der aktuellen Wohnung?“ bis hin zu „Ist das nicht zu früh?“. Obwohl es eine Entscheidung ist, die für uns beide bereits fest stand, hat mich das wiederholte Auftreten dieser Frage letztendlich doch verunsichert. Zu unrecht? Vielleicht, aber das können wir wohl erst beurteilen, nachdem wir es probiert haben. 
Jedenfalls ist mir klar geworden, dass ich nicht einmal darüber nachgedacht habe, ob es den perfekten Zeitpunkt gibt, zusammenzuziehen. Zwar wird einem als Kind mehr oder weniger mit in die Wiege gelegt, wie ein Leben angeblich zu laufen hat, Hochzeit, Kinder, etc., allerdings verlief mein Leben ohnehin bis zu diesem Zeitpunkt anders, weshalb ich mich schon lange von diesem Pfad getrennt habe – glücklicherweise. Denn so habe ich gelernt, das zu tun, was mich glücklich macht, zu der Zeit, in der es richtig anfühlt. So wie jetzt. 

Unser Weg zum Entschluss 

Die Entscheidung diesen vermeintlich großen Schritt zu wagen, haben wir getroffen, weil wir momentan eine Stunde weit auseinander wohnen und seine Schichtarbeit und meine festen Arbeitszeiten bedeuten, dass gemeinsam Zeit zu verbringen meist mit einer Menge Planung, aber auch Stress verbunden ist. Da wir beide nicht für eine Wochenend- bzw. Fernbeziehung gemacht sind, war das ständige Pendeln für uns beide eine Belastung. Und nicht nur das: Letztendlich bedeuten zwei Stunden Fahrt auch immer eine Menge Benzingeld, besonders wenn man nur Ausbildungsvergütung erhält.

Auch wenn wir uns natürlich bewusst sind, in was für einer privilegierten Situation wir uns befinden, beide ein Auto zu haben und es uns mit ein wenig Sparsamkeit erlauben konnten, so viel hin und her zu fahren. Nur mein Umweltbewusstsein ist von Anfang an nicht d’accord damit gewesen, wie man sich sicher vorstellen kann. Hinzu kommt noch, dass sich über das letzte Jahr herausgestellt hat, dass meine Mitbewohnerin und ich ziemlich unterschiedliche Vorstellungen von einem Zusammenleben haben. So kam es jedenfalls zu der Situation, dass ich fast jeden Tag bei meinem Freund verbracht und täglich zwei Stunden Autofahrt hinter mich gebracht habe. Und auch wenn mir bewusst ist, dass das meine bzw. Unsere Entscheidung war, war dieser „Kompromiss“ alles andere als optimal. 

Von heute auf morgen

Als ich dann eine wunderschöne, sanierte Wohnung gefunden habe, die wir uns finanziell leisten können und die auch noch etwa in der Mitte zwischen unser beider Arbeitsstellen liegt, habe ich nicht lange überlegt und direkt eine Anfrage an die Vermieter gestellt. Mit Erfolg. Bereits für den nächsten Tag konnte ich einen Besichtigungstermin vereinbaren und nachdem auch mein Freund die Wohnung gesehen hat und begeistert war, haben wir uns entschieden, diese Wohnung zu mieten – zum schnellstmöglichen Zeitpunkt. Dass mich das natürlich auch vor Gewissensbisse gestellt hat, was die Freundschaft mit meiner Mitbewohnerin betrifft, steht wohl außer Frage. Denn weder wollte ich sie hängen lassen, noch irgendwie das Gefühl vermitteln, dass mir unsere Freundschaft nicht mehr die Welt bedeutet. 

Prioritäten – Freunde | Freund 

Denn so schön eine Beziehung auch ist und sein kann, so wichtig war es mir auch von Anfang an, meine Freund:innen dabei nicht zu vergessen. Jedenfalls kam die Zusage schnell und so stand innerhalb von drei Tagen fest, dass wir und wohin wir ziehen – und zu wann. 
Aber zurück zum Thema.
Gibt es ein zu früh? 
Seit die Frage das erste Mal aufgetaucht ist, mache ich mir immer wieder Gedanken, ob es ein zu früh gibt. 
Macht es einen Unterschied, ob man nach einem halben Jahr oder fünf Jahren zusammenzieht oder bleibt die Herausforderung ähnlich groß, egal wie viel Zeit man schon als Paar verbracht hat? 
Ist es nicht immer ein großer Schritt und ein Schritt, auf dem man sich kaum verbreiten kann oder ist die Frage angebracht? 
Bisher war mir nicht bewusst, dass es vielleicht einen Zeitpunkt geben könnte, ab wann es angebracht ist, diesen Schritt zu wagen. Und egal, wie lange ich mir Gedanken zu diesem Thema mache, ich komme immer zu dem gleichen Schluss. 

Es gibt nicht den einen Moment

Ich denke, dass wir das Richtige tun, solange es sich richtig anfühlt und wir uns beide mit der Entscheidung wohl fühlen. Wie für so viele andere Dinge auch, gibt es kein zu früh, zu spät, geschweige denn DEN einen Moment. Dafür ist das Leben viel zu unvorhersehbar und zu bunt. Genauso wenig, wie wir Menschen miteinander vergleichen können, genauso wenig funktioniert es, Lebensformen und Umstände miteinander zu vergleichen. Denn wer weiß, vielleicht würden wir auch noch warten, wenn unsere Wohnorte nicht 80 km auseinander liegen würden, vielleicht würden wir es aber auch genauso machen wie jetzt. Wer weiß das schon? 
Wir kennen nur diese Version unseres Lebens und es geht darum, das Beste aus diesem zu machen. Und vor allem auch aus unseren Entscheidungen zu lernen. Genau das werden wir – ich denke, wenn unsere Beziehung dem Zusammenwohnen nicht stand hält, dann würde sie das auch nicht, falls wir zwei Jahre gewartet hätten. Weil es immer eine riesige Umstellung ist. 

Wohltuende Worte 

Als ich meine Mama gefragt habe, ob sie es zu früh findet, war ihre Antwort: Gibt es ein zu früh? Oder ein zu spät? 
Oder geht es nicht nur darum, das zu tun, was uns glücklich macht? 
Damit hat meine Mama nicht nur meine Zweifel beseitigt, sondern mir vor allem auch ein enormes Lächeln ins Gesicht gezaubert. Weil ich weiß, wie glücklich mich mein Freund macht und wie groß meine Vorfreude ist, endlich ein Zuhause mit dem Menschen zu teilen, der die beste Version aus mir macht und bei dem ich sein kann, wie ich wirklich bin. 

Veränderung für ihn und mich
– nicht nur für uns 

Auch wenn das Thema Zusammenziehen sich natürlich auf unsere Beziehung auswirkt, so bringt es auch für jede:n alleine viele Veränderungen mit sich. 
Sowohl mein Freund, als auch ich haben noch nie mit Partner:innen zusammen gewohnt und sind uns beiden bewusst, dass es durchaus Tage geben könnte, an dem wir diese Entscheidung auch mal infrage stellen werden.
Denn auch wenn ich die gemeinsame Zeit unheimlich zu schätzen weiß, so bin ich mir auch bewusst, dass ich viel Zeit für mich brauche. 
Dass ich jemand bin, die sich viele Gedanken um das Wohlergehen anderer macht, weshalb es mir oft leichter fällt zu entspannen, wenn nur ich da bin. 
Klar, wird es Momente geben, in denen wir beide Zeit für uns alleine brauchen. Und die werden wir uns auch gegenseitig geben. 

Denn wir können nur miteinander glücklich sein, wenn wir versuchen, uns auch mit uns selbst wohl zu fühlen.

Merkwürdigerweise habe ich am meisten Angst davor, dass er irgendwann genervt von mir ist, was vermutlich meinen „Bloß niemandem zur Last fallen“ Gedanken entspringt. 
Denn lieber bin ich von jemandem genervt, als dass ich jemanden nerve. Auch wenn ich weiß, dass das destruktive Gedanken sind, an denen ich arbeiten muss.

Vorfreude ist die schönste Freude 

Ich kann nur sagen, dass ich mich tierisch auf alles freue, was noch kommt. Und solange meine Vorfreude meinen Ängsten so sehr überwiegt, kann ich es kaum abwarten, diese neue Herausforderung anzugehen.
Ob zu früh oder nicht – wir können nur herausfinden, ob es klappt, wenn wir es versuchen. 
Solange es aber keinen Grund gibt, mir Sorgen zu machen, versuche ich einfach den Moment zu genießen und mir diese nicht von möglichen zukünftigen Problemen zu nehmen oder mir selbst im Weg zu stehen.
Denn das ist es wirklich nicht wert.

Abschließend kann ich nur sagen: 
Ich kann’s kaum erwarten. 

Jacqueline ist 23 Jahre alt und lebt an der Ostsee. Sie liebt es, sich in Büchern zu verlieren, sich Gedanken über die kleinen und großen Dinge des Lebens zu machen und diese in Form von Wörtern oder Zeichnungen zu verarbeiten. In Ihrer Kolumne „Mut(Ich)“ soll es um den Umgang mit Herausforderungen des alltäglichen Lebens gehen. Zu lernen, über sich selbst hinauszuwachsen. Instagram: @jack_glw_

Lisa ist eine junge Illustratorin und Gestalterin aus Berlin. In Ihrer Kunst befasst sie sich mit Beobachtungen des alltäglichen Lebens und zieht Inspiration aus erlebten Situationen und Personen, die sie umgeben. Nebenher beschäftigt sie sich viel mit Musik und schmökert in Zines und guten Büchern. Instagram: @lisaschndlr

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