Allgemein, Körper & Bewusstsein
Schreibe einen Kommentar

Let’s talk period #heiterbiswolkig

Disclaimer: Auch nicht-binäre Personen und Trans-Männer menstruieren und nicht alle Frauen menstruieren. In diesem Text wird jeweils ausschließlich auf cis Personen Bezug genommen.

Die Periode ist das Natürlichste der Welt und trotzdem ist sie ein hochpolitisches Thema. Das, was jeden Monat wieder aus unzähligen unbefruchteten Gebärmuttern fließt, ist der Saft in dem unser aller Existenz beginnt, also lasst uns drüber reden. Über den Schmerz, die Bedürfnisse und die Ungerechtigkeiten die damit einher gehen.

Let`s talk, period.

Seit ich das allererste Mal meine Periode bekommen und angefangen habe zu menstruieren, habe ich Schmerzen. Starke schmerzen. Schmerzen, die so viel Energie brauchen, dass der Rest meines Körpers taub wird und ich für ein paar Stunden fast alle Lebenskraft verliere.
Ich weiß nicht mehr was ich erwartet hatte bevor ich das erste Mal zu bluten begann, aber nun kenne ich es kaum anders. Es ist jeden Monat aufs neue scheiße – manchmal ist mir so schlecht, dass ich ich mitten in der Nacht aufwache und stundenlang zwischen Klo und Fenster hin und her flitze oder mich sogar übergeben muss. Aber was mich abgesehen davon noch zusätzlich belastet ist, wie ich in meinem Alltag damit umgehen muss bzw. es durch meine Sozialisierung tue.

Ich bin ein Rädchen im System, ich muss funktionieren

Bloß nicht unzuverlässig sein und die Erwartungen an mich enttäuschen. Zur Arbeit, Schule oder Verabredung gehen, trotz Schmerzen und Schwäche. Bloß weiter funktionieren oder du musst dich dafür rechtfertigen, wenn du es nicht kannst.

Es gab Zeiten, zu denen ich so fest davon überzeugt war, dass mein Körper immer funktionieren muss, dass ich oft schon bevor die Schmerzen anfingen, direkt nach dem Aufstehen zwei Schmerztabletten nahm, um durch den Tag zu kommen und zur Arbeit zu können. Ich erinnere mich an Tage in der Schule, an denen ich benommen den Kopf auf dem Tisch liegend den Tag überlebte und an Reisen und Treffen, von denen ich vor Schmerzen kaum etwas mitbekommen habe.

Ich glaube, dass viel mit meiner Sozialisierung zusammenhängt und damit, dass ich bis später in der Schule nicht wirklich viel von den Tagen anderer mitbekommen habe. Und wenn, hatten die damit auf jeden Fall nicht so damit zu kämpfen wie ich oder teilten das zumindest nicht mit mir. Ich bin mir sicher, dass dieses nicht Vorhandensein von Unterleibsschmerzen anderer bei mir zu der Annahme geführt haben, irgendwas sei falsch mit mir oder ich hätte keinen Grund mich so anzustellen. Wenn alle anderen doch offensichtlich trotzdem funktionieren muss ich das auch können.

Periode? Kein Thema.

Aber wieso genau reden wir eigentlich noch immer nicht offen darüber? Es ist doch lächerlich wenn man bedenkt, wieviele Frauen* Monat für Monat Menstruieren. Woher kommt die Scham?

Es gibt noch viel zu tun – besonders im Umgang miteinander und dabei denke ich insbesondere an die Männer*. Männer, denen es peinlich ist für ihre Schwestern, Freundinnen, Mitbewohnerinnen usw. Tampons zu kaufen, die am liebsten gar nicht wissen wollen, was da jeden Monat alles aus uns rausfließt und von denen wir uns immer wieder die lächerliche Frage anhören müssen, ob wir denn unsere Tage hätten, wenn wir wütend sind. Beiläufige Bemerkungen wie diese haben mich auf jeden Fall geprägt und ich bin mir sicher, dass ich damit nicht allein bin. Wenn einem ständig das Gefühl vermittelt wird, man würde sich anstellen und man Monat für Monat wieder dumme Sprüche hört – wer hat da noch Lust, offen über die Menstruation zu reden? Es braucht mehr Menschen und insbesondere Männer, die keine Scham haben darüber zu reden, die einfühlsam sind und verstehen, wie anstrengend das monatliche Unterleibsgemetzel sein kann.

Und zumindest ein gutes Beispiel fällt mir dazu ein – die Steuer auf Periodenprodukte.
Bis Anfang 2020 wurden diese mit 19% besteuert weil Binden, Tampons und co. als „Luxusartikel“ galten. Aber ein Luxus ist nichts Lebensnotwendiges, Produkte für die monatliche Blutungshygiene hingegen schon. Das dachten sich unter anderem coole Menschen von einhorn und Neon die durch eine Petition tatsächlich eine Mehrwertsteuersenkung durchsetzen konnten.

Bitte mehr sowas und weniger Sprüche!

Rituale um die Periode

Immer wieder stoße ich in Büchern, Videos oder Artikeln darauf – dass die Periode als diese Wundervolle Zeit beschrieben wird, in der man sich als Frau so richtig mit dem eigenen Körper auseinandersetzen, Rituale vollziehen usw. kann. Das klingt ganz wundervoll und ich freue mich für alle denen das etwas gibt und die die Kraft dazu haben.

Ich habe sie nicht und fühle mich davon auch manchmal unter Druck gesetzt, dass die Zeit der monatlichen Blutung als me time oder sacred time for women oder so bezeichnet wird. So gut der Gedanke dahinter ist, in mir löst das Stress aus weil ich das Gefühl habe, man erwarte von mir aus dieser beschissenen Zeit das Beste heraus zu holen. Denn zumindest für mich ist Fakt, dass ich es höchstens schaffe mich auf eine Serie zu konzentrieren wenn ich kaputt im Bett liege, für alles andere fehlt die Lebenskraft.

Ich habe ein Recht darauf mit meinem Schmerz zu sein, mich stundenlang heulend auf dem Boden zu wälzen, die Wärmflasche so heiß zu machen dass sich meine Haut verfärbt, zu schlafen und so grantig zu sein wie ich will. Das ist mein Ritual.

Ich hab meine Periode, period.

Dass ich offen sage dass ich kaputt bin, weil ich meine Tage habe, mache ich erst seit etwa einem Viertel meines Lebens.

Mittlerweile habe ich gelernt besser zu mir und meinem Körper zu sein. Ich sage Verabredungen ab wenn ich Blut im Slip sehe und ich melde mich krank, wenn ich abends meine Tage bekomme und schon weiß, dass morgen mit mir nichts anzufangen sein wird. Ich sehe es nicht mehr ein so zu tun, als würde mein Körper nicht einmal, manchmal zweimal im Monat, zur living Hell werden. Denn ganz ehrlich, der einzige der davon profitiert ist der Kapitalismus und der kann mich mal. Mein Körper hat Bedürfnisse und ich finde, dass besonders wir Frauen nicht oft genug auf das hören, was wir wirklich brauchen und wollen. Und das fängt für mich ganz klar bei der Monatsblutung an.

Was nicht heißt, dass ich nicht immer wieder gegen Unsicherheiten ankämpfe und mich oft schuldig fühle, wenn ich Zuhause im Bett liege und meine Schmerzen ein bisschen weniger kacke sind als sonst. Dann liege ich erst noch ewig im Bett um abzuwägen wie schlecht es mir wirklich geht und ob es nicht doch okay ist an die Arbeit zu gehen. Und dann bin ich am Ende an der Arbeit und bin da wie benommen oder liege Zuhause und fühle mich schlecht, weil es mir nicht schlecht genug geht. Schlecht genug, was soll das denn bitte sein? What the fuck?

Ich bin keine Maschine und das System kommt gut ein paar Tage im Monat ohne mich aus. In was für einer Gesellschaft leben wir, wenn menstruierende Menschen mit Schmerzen sich selbst ausbeuten und ihre Körper weg ignorieren?

There is no gain in pain

Auf jeden Fall nicht in Unterleibschmerzen.
Wem nützt es denn, wenn ich mich quälen und funktionieren muss, obwohl es mir nicht gut geht? Auf lange Sicht keinem, denn ich bin sicher, dass das unterdrücken körperlicher Empfindungen sich anstauen und schlimmer werden.

Ich wünsche mit eine Gesellschaft in der es okay ist auf den eigenen Körper zu hören, auf seine Bedürfnisse zu achten und offen darüber zu reden. Auch unabhängig von der Monatsblutung. Wie schön wäre diese Welt bitte, wenn sich die Strukturen dieser Gesellschaft tatsächlich nach den Menschen, die in ihr leben, richten würde, statt anders herum?

Und ganz ehrlich, auch an alle von euch, die keine Schmerzen haben und sich während ihrer Tage dennoch benommen, groggy oder einfach angenervt fühlen – meldet euch einfach krank.

Carolin ist 24 und lebt in Kassel, wo sie an der Kunsthochschule studiert und zwei Nebenjobs arbeitet. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit Musik, lieben Menschen und damit, sich und ihre Umgebung zu beobachten, zu zeichnen und zu verstehen.

In ihrer Kolumne heiter bis wolkig setzt sich Carolin mit dem Thema Erwartungen auseinander. Was erwarten wir von uns, von anderen, von der Welt? Wo merken wir vielleicht gar nicht, dass wir etwas erwarten und wie werden wir von all dem beeinflusst?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.