Tabuthema?
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62 Monate

„Wo ist er?“, frage ich plötzlich hellwach. „Er ist heute Nacht gestorben“, sagt meine Mama auf unserer Küchenbank kauernd. Ich schaue auf den Backofen. 6:32 Uhr steht auf der roten Anzeige. Ich bin heute vor dem Wecker aufgewacht. Ganz von allein. Das kommt sonst nie vor. Langsam gehe ich rückwärts wieder aus der Küchentür, durch den Flur und schließlich ins Wohnzimmer. Dort lasse ich mich auf unser braunes Wildledersofa sacken. Ich lehne meinen Kopf gegen die weiche Rückenlehne und starre vor mich hin. Weinen kann ich nicht. Die Stimme der besten Freundin meiner Mutter in der Küche, wie sie versucht, meine Mama davon abzuhalten, mir zu folgen, hallt in meinem Schädel. Meine Gedanken setzen aus. Sie setzen 62 Monate aus. 

Heute ist der Tag, an dem mich alles einholt. Die ganzen 62 Monate, seitdem mein Papa gestorben ist. Ich sitze auf meinem ranzigen Ikealammfell in meinem 12-Quadratmeter-WG-Zimmer in Wien. Ich dachte, es würde besser werden, wenn ich meine Sachen packe und so weit wie möglich von der Kleinstadt, die ich „Heimat“ nenne, wegziehe.

600 Kilometer sind genug Entfernung zu vergessen, was ich vergessen will. Sie sind aber auch nah genug, dass ich alle, die noch da sind, nicht zu sehr  vermissen werde, dachte ich, als ich im September meine Habseligkeiten in 6 Umzugskartons packte. Ich dachte, ich stürze mich in ein Abenteuer. Dass ich jetzt sein kann, wer ich will. Einfach ein Neustart. Tja, dachte ich. 

Stattdessen merkte ich nach einem Monat, wie es mit meinen sonst so positiven Gedanken den Bach hinunterging. Er spazierte mir wieder öfters durch meine Gedanken. Nachts träumte ich von ihm. Und letztlich war ich einfach nur noch ein riesiger Trauerkloß und alle Emotionen, die ich die letzten Jahre so vermeintlich erfolgreich verdrängt hatte, stießen mich geballt von meinem Turm gebaut aus falschen alles-ist-gut’s und ich komm-schon-klar’s. Ich komme eben nicht klar und alles ist auf gar keinen  Fall gut. Alles ist eigentlich ziemlich beschissen. Meine Trauer hat sich in  Selbstzweifel gewandelt und wann ich das letzte Mal so richtig sorglos  glücklich war, weiß ich auch nicht mehr. Aber ich weiß jetzt, dass ich nicht länger verdrängen kann, sondern diese Gefühle, die mich immer und immer wieder versucht haben einzuholen und denen ich trotzdem meist ganz knapp entwischen konnte, zulassen muss, um verarbeiten zu können, was seit 62 Monaten ein Teil von mir ist.

Anna wohnt in Wien und studiert dort Architektur. Sie liebt Erdbeerlimes, schöne Vasen und urlauben.

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