Monate: Februar 2021

Die Sache mit dem Nein: Sexuelle Übergriffigkeit

Ich bin Opfer von sexueller Übergriffigkeit.  Lassen wir diesen Satz einmal einfach dastehen, damit er auf uns wirken kann. Dieser Satz trifft auf viel mehr Leute als mich zu. Er trifft auf viele zu, denen es vielleicht nicht bewusst ist und er trifft nicht nur auf Frauen zu. Es ist ein wichtiger Satz, denn dass ich ihn sagen darf, schließt Fragen wie „War es wirklich Übergriffigkeit?“, „Übertreibe ich da nicht?“, „Habe ich Schuld?“ aus. Und diese Fragen sollten ausgeschlossen werden, denn sie alle legen nah, dass die Situation nicht mit dem Ernst wahrgenommen wird, den sie in sich trägt. Die Worte, über die wir hier reden, sind heikel und ich will nicht so tun, als gäbe es völlig objektive Definitionen für sie, aber ich werde im Folgenden einige Definitionen vorstellen und dann meine Geschichte erzählen. Ich denke, das ist fair. Ich denke, das ist subjektiv auf die richtige Art und Weise.  „Übergriff: Handlung, mit der man die Rechte, den Kompetenzbereich eines anderen verletzt, bestimmte Grenzen überschreitet“ (Wikipedia) Ein Wort, dass in Zusammenhängen wie diesem auch …

Laut bleiben #Zeitgeist*in

In der Schule wurde mir nur wenig Raum gegeben, meine Gedanken frei zu äußern, mir eine Meinung zu Themen zu bilden. Trotzdem rang ich immer wieder darum, trotzdem irgendwie zu Wort zu kommen – Ein Erfahrungsbericht darüber, wie ich versuchte aus dem System herauszubrechen. Dass nicht ich diejenige war, die dabei auf ganzer Linie versagte, realisierte ich erst später. Der Drang Ich hatte schon mehrmals Texte für oder über die Schule geschrieben. Meist waren sie nur das Ventil für Wutausbrüche zu Notengebung, Rassismus und Armutsdiskriminierung. Selten hatte ich die Möglichkeit, sie vorzulesen. Wenn doch, war es dann meist nur Prosa, die ich aus der Inspiration eines Buches heraus geschrieben habe. Wenig politisch, nichts sonderlich spannendes. In der Abschlussklasse kam es dann anders. Wir bekamen die Aufgabe, einen Text über einen sozialen Missstand zu schreiben. Während andere tagelang recherchierten, war mir sofort klar: Ich schreibe über die Tamponsteuer. Menstruation war sowieso ein Thema, das keiner meiner Lehrer*innen seit dem Sexualkundeunterricht mehr auch nur in den Mund hatte nehmen wollen. Die Petition für die Senkung hatte ich …

Mit Freunden Schluss machen

Wenn ich von meiner Wohnung zu meinen Eltern laufe, liegt F.s altes Zuhause mitten auf dem Weg. Das Haus ist groß, weiß mit dunkelgrünen Fensterläden. Licht brennt eigentlich nie, überhaupt sieht das Haus unbewohnt aus, der Garten ist völlig verwildert. Ich weiß auch nicht ob F. noch darin wohnt. Manchmal steht das rote Auto seiner Oma in der Einfahrt. Immer wenn ich an dem Haus vorbeilaufe, werde ich langsamer, stehen bleiben tue ich aber nie. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie es drinnen ausgesehen hat.  F. War für lange Zeit mein bester Freund. Also lange Zeit, aus der Sicht eines achtjährigen Mädchens. Jetzt habe ich länger keinen Kontakt zu ihm gehabt, als unsere Freundschaft damals hielt.   Freundschaften sind kompliziert.   Wann wird aus einem Bekannten ein Freund? Zählt mich ein Freund auch zu seinen Freunden? Wen rufe ich an, wenn es mir schlecht geht? Wem kann ich ein Geheimnis anvertrauen? Und: Tut mir diese Freundschaft überhaupt noch gut? Auch von Freunden kann man sich trennen, wie von einem Partner. Die erste Erfahrung damit habe ich im  Grundschulalter mit F. gemacht, …

Mit meinem Partner Zusammenziehen – noch zu früh? #Mut(Ich)

In diesem Text geht es darum, ob es den einen perfekten Zeitpunkt gibt, um mit Partner:innen zusammenzuziehen. Gibt es ein zu früh? Ist die Herausforderung geringer, wenn die Beziehung bereits die Zeit x erreicht hat? Oder bleibt die Umstellung gleich, unabhängig von der Dauer der Beziehung? Aktuell steht bei mir eine große Veränderung an. Eine Veränderung, die in meinem Umfeld viele Fragen aufgeworfen hat, die angezweifelt wurde und für die ich mich rechtfertigen soll, zumindest wenn es nach manchen Menschen geht.Nachdem ich das letzte Jahr gemeinsam mit meiner besten Freundin in einer wunderschönen Altbauwohnung in Lübeck verbracht habe, ziehe ich nun mit meinem Freund zusammen. Und das nach einem halben Jahr Beziehung.  Meinungen über Meinungen  Während es sich für uns richtig anfühlt und wir uns einfach nur riesig darauf freuen, haben Freund:innen und Familie sehr unterschiedlich reagiert. Die Reaktionen gingen von „Oh wie schön, wir freuen uns für euch“, über „Was ist denn mit der aktuellen Wohnung?“ bis hin zu „Ist das nicht zu früh?“. Obwohl es eine Entscheidung ist, die für uns beide bereits fest stand, hat …

Freunde?

An unserem ersten Abend zusammen musste fast ich weinen, weil du so unglaublich nett zu mir warst. Weil ich so erleichtert war, jemanden wie dich kennenzulernen. In der neuen Stadt. Du hast mich zu deinen Freund*innen gebracht und es war immer okay, dass ich dabei bin. Ich hab immer zu dir gehört. Und zu den anderen, da gab es keine Diskussion. Nach dem Feiern, mussten wir zusammen auf die erste U-Bahn warten. An irgendeinem von diesen Abenden, hab ich dir gesagt, dass ich dich lieb hab. Wenn ich gezweifelt habe, hast du immer das Richtige gesagt. Der Yogi-Tee hat mal gesagt „Mach deine Worte zu einem Geschenk für andere“ und ich musste nur an dich denken. Wir sind gleichzeitig umgezogen und es waren nur noch 10 Fahrradminuten. Wir konnten die ganze Nacht auf deinem Sofa sitzen, reden und trinken. Meine Füße auf deinem Schoß. Bis ich irgendwann den Nachtbus nach Hause genommen hab. Ich wusste immer, ich kann bei dir schlafen. Ich wusste immer, dass das alles noch komplizierter machen würde. Ich glaub du auch. …

Let’s talk period #heiterbiswolkig

Disclaimer: Auch nicht-binäre Personen und Trans-Männer menstruieren und nicht alle Frauen menstruieren. In diesem Text wird jeweils ausschließlich auf cis Personen Bezug genommen. Die Periode ist das Natürlichste der Welt und trotzdem ist sie ein hochpolitisches Thema. Das, was jeden Monat wieder aus unzähligen unbefruchteten Gebärmuttern fließt, ist der Saft in dem unser aller Existenz beginnt, also lasst uns drüber reden. Über den Schmerz, die Bedürfnisse und die Ungerechtigkeiten die damit einher gehen. Let`s talk, period. Seit ich das allererste Mal meine Periode bekommen und angefangen habe zu menstruieren, habe ich Schmerzen. Starke schmerzen. Schmerzen, die so viel Energie brauchen, dass der Rest meines Körpers taub wird und ich für ein paar Stunden fast alle Lebenskraft verliere.Ich weiß nicht mehr was ich erwartet hatte bevor ich das erste Mal zu bluten begann, aber nun kenne ich es kaum anders. Es ist jeden Monat aufs neue scheiße – manchmal ist mir so schlecht, dass ich ich mitten in der Nacht aufwache und stundenlang zwischen Klo und Fenster hin und her flitze oder mich sogar übergeben muss. …

62 Monate

„Wo ist er?“, frage ich plötzlich hellwach. „Er ist heute Nacht gestorben“, sagt meine Mama auf unserer Küchenbank kauernd. Ich schaue auf den Backofen. 6:32 Uhr steht auf der roten Anzeige. Ich bin heute vor dem Wecker aufgewacht. Ganz von allein. Das kommt sonst nie vor. Langsam gehe ich rückwärts wieder aus der Küchentür, durch den Flur und schließlich ins Wohnzimmer. Dort lasse ich mich auf unser braunes Wildledersofa sacken. Ich lehne meinen Kopf gegen die weiche Rückenlehne und starre vor mich hin. Weinen kann ich nicht. Die Stimme der besten Freundin meiner Mutter in der Küche, wie sie versucht, meine Mama davon abzuhalten, mir zu folgen, hallt in meinem Schädel. Meine Gedanken setzen aus. Sie setzen 62 Monate aus.  Heute ist der Tag, an dem mich alles einholt. Die ganzen 62 Monate, seitdem mein Papa gestorben ist. Ich sitze auf meinem ranzigen Ikealammfell in meinem 12-Quadratmeter-WG-Zimmer in Wien. Ich dachte, es würde besser werden, wenn ich meine Sachen packe und so weit wie möglich von der Kleinstadt, die ich „Heimat“ nenne, wegziehe. 600 Kilometer sind genug Entfernung zu vergessen, was ich vergessen …

Nach dem Zyklus leben

Jeder Mensch lebt in Zyklen. Es gibt die immer wiederkehrenden Jahreszeiten, den Tag-Nacht-Zyklus, die Gezeiten. Die Natur macht uns es uns mit den Jahreszeiten perfekt vor, denn Menschen mit Menstruationszyklus haben einen ganz besonderen, inneren Rhythmus, der körperliche, emotionale und dadurch auch gedankliche Veränderungen mit sich bringt. Menschen mit Menstruationszyklus bewegen sich dadurch ständig in einem Fluss und durchlaufen jeden Monat einmal einen gesamten inneren Jahreszeitenzyklus.  Der Zyklus, mit einer durchschnittlichen Dauer von 23-35 Tagen, ist etwas wiederkehrendes, das in vier Phasen eingeteilt werden kann. Es gibt Zeiten, in denen ich mich super gut fühle, nur lächeln und die Welt umarmen könnte, und dann gibt es Zeiten, in denen ich grundlos niedergeschlagen, genervt oder unmotiviert bin. Tage, die ich nur im Bett verbringen möchte und zu gar nichts zu gebrauchen bin. Auch ein bisschen wie die Jahreszeiten also – Frühling, Sommer, Herbst und Winter, nur im eigenen Körper.  Doch wie gehe ich damit um, wenn doch immer gleichbleibende Leistung und Produktivität von mir verlangt wird? Unsere Gesellschaft ist ist nicht auf Zyklen aufgebaut, sie verläuft …

Auf einen Tee mit Carla #aufeinentee

Manchmal tut es verdammt gut, über den Tellerrand hinauszuschauen und junge Menschen mit unterschiedlichsten Ansichten zumindest ein bisschen besser kennenzulernen. Alle zwei Monate fragen wir hier einen jungen Menschen nach seinen Träumen, Zweifeln und Leidenschaften. Heute wollen wir von Carla wissen, wer sie ist und wofür sie brennt. Wer bist du? Ich bin Carla, 22 Jahre alt und wohne in Jena. Ich habe ein paar Semester studiert, hauptsächlich Kommunikationswissenschaft, Psychologie und etwas Soziologie. Gerade widme ich mich mehr dem Nähen und WAELDE, meiner nachhaltigen Kleidungsmarke.  Wofür brennst du? Momentan beschäftige mich intensiv mit der Modeindustrie: Mit fairer Produktion, und nachhaltigen Materialien, angemessenem Konsum, dem Eindruck, den Kleidung macht, wenn man sie trägt und der Kunst, die sie sein kann.  Hast du einen Traum? Ja, nicht nur einen :). Ich träume zum Beispiel von weniger Diskriminierung und weniger Leid für alle, die von Diskriminierungen betroffen sind. Eine Gesellschaft, die inklusiv ist und die Belange aller ernst nimmt, ist zB. ein Traum, für den es sich zu kämpfen lohnt. Woran zweifelst du? Dass etwas im Leben je …

Ich seh’ rot

Das letzte Mal war schon viel zu lange her, das war mir auch sehr  bewusst. Aber ich hatte andere Sorgen und zugegeben war ihre  Abwesenheit auch ganz angenehm. Doch wenn ich ganz ehrlich zu mir  bin, dann hatte ich 4 Jahre lang meine Periode nicht.  Es fällt mir schwer, die Vergangenheit zu rekonstruieren, wann es  genau anfing kann ich nicht benennen. Innerhalb von kurzer Zeit  verlor ich über 1/3 meines vorherigen, gesunden Körpergewichts und  fand mich im Untergewicht wieder. Zu diesem Zeitpunkt war mir noch  nicht klar, dass die damit einhergehenden physischen und psychischen  Schäden mich viele Jahre begleiten werden würden.  Ursachen für das Ausbleiben der Periode   Sekundäre Amenorrhö, also dem Ausbleiben der Regelblutung über  mehrere Monate, kann viele verschiedene Ursachen haben. Neben dem  bereits erwähnten Untergewicht zählen auch Leistungssport,  Medikamente (auch nach dem Absetzen der Pille!) und Stoffwechselerkrankungen dazu, aber auch mentale Stresssituationen können diese auslösen.  Die Menstruation ist ein sehr komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Geschlechtshormone zur Vorbereitung des Körpers auf eine mögliche Befruchtung. Vom Hypothalamus, der die Hormonaktivität koordiniert, müssen viele Prozesse durchlaufen werden, bis die Eierstöcke die …