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Kreativ + Sein mit Chris Woods #zwischenneugierundbewunderung

Wie ist das überhaupt so, an einer Kunsthochschule zu sein? Wo kann es dort auch mal schwierig werden? Wie definiert man sich, wenn man in vielen verschiedenen Disziplinen tätig ist? Was gibt es zur Veröffentlichung von kreativem Output gerade zu sagen? Was haben soziale Medien damit zu tun?

Chris ist Dj, Front-End Developer und Fotograf. Seit einiger Zeit studieren wir gemeinsam an einer Kunsthochschule in Süddeutschland. Entstanden ist ein reflektierendes, tiefes Gespräch an das ich einige Zeit später immer noch denken muss.

Wie war das eigentlich bei dir, ich glaube wir haben darüber noch nie gesprochen, wann war der Scheidepunkt an dem du entschieden hast, nicht nur in deiner Freizeit kreativ zu sein, sondern ein Kunststudium zu beginnen?

Puh, der Scheidepunkt… Ich glaube, das war die Realisation als ich begriffen habe, dass die Themen über die ich mir Gedanken mache, nicht unbedingt jeder hat. Ich hatte mit fünfzehn das gute Glück, nach Kanada gehen zu dürfen. Dort habe ich Kurse wie Fotografie und digitale Medien belegt, die mir den ersten Einblick gegeben haben. Das gute war auch, ich hatte viele Freunde, die mit mir diese Kurse belegt haben. Als ich dann zurück kam, wurde mir aber klar: nicht jeder hat Bock auf Medien und Fotografie oder interessiert sich für Musik. 

Habe ich das richtig Verstanden, du hast also eigentlich einen Raum gesucht für einen intensiveren Austausch, den du so alleine nicht kriegen konntest in deinem Umfeld? Das ist schön, dass das gar nicht so eine ego-basierte Entscheidung war, irgendwas spezielles werden zu wollen.

Ich glaube, es war auch einfach die Suche nach einem nahrhaften Boden, wo man die Gedanken die man hat und ausüben möchte, pflegen kann. Und es ist ja nichts Neues, dass man vom Austausch mit anderen profitiert. Wenn man alles nur für sich hat, was auch völlig okay ist, finde ich, geht man aber auch irgendwie nur eine Schiene. Aber cooler ist es halt irgendwie, auf einer Autobahn mit ganz vielen Autos zu sein, nicht unbedingt mit viel Verkehr, aber andere Leute bei sich zu haben, die in die gleiche Richtung fahren. 

Ja, das habe ich auch wahrgenommen. Trotz auch negativer Seiten ist es das, was ich am meisten schätze. Auch das Gefühl “hier sind alle so ein bisschen wie ich“, natürlich auch irgendwie nicht, aber dass man sich halt über die gleichen Dinge austauschen kann und gleiche Gedankengänge hat. Dass man eine Einheit ist, mehr oder weniger, auch wenn es ein Ellenbogenumfeld sein kann

Alle die etwas Kreatives machen, beschäftigen sich ja auch irgendwie mit sozialen Themen. Alles was die Gesellschaft betrifft, hat Einfluss auf die „kreative Szene“. Politische, soziale, individuelle Zustände. Alles Punkte, die Leute ansprechen möchten und einen Ausdruck dafür finden wollen. 

Die Identitätsfrage

Ja, bei uns geht es sehr viel um Inhalt, mehr als um alles andere an der Hochschule. Vielleicht kurz zu Erklärung: Unsere Hochschule ist etwas „unkonventionell“ gestaltet. Es gibt zwar die verschiedenen Departments, so wie an anderen Kunsthochschulen auch, also verschiedene Schwerpunkte, aber diese sind offen. Somit kann jeder alles studieren, man muss sich nicht auf ein Fachgebiet limitieren. Künstlerisches Schaffen ist irgendwie alles, was einem auch eine totale Freiheit gibt. Aber da wäre ich jetzt bei meiner nächsten Frage: Du bist ja auch in verschiedenen Bereichen tätig: In der Fotografie, im Coding und auch in der Musik. Du hast auch eine Veranstaltungsreihe. Wie geht es dir damit, fällt es dir manchmal schwer, alles zu sein? Auch gesellschaftlich gesehen. Alle sind immer gleich verwirrt, wenn man nicht nur „eine Sache“ ist. 

Ja, definitiv. Viele in unserer Generation haben ja auch meistens den Druck von der Generation unserer Eltern. “Such dir eine Profession aus, die du ausüben möchtest und mach die so lange, bis du genug in deine Rentenkasse eingezahlt hast.“ Es gibt Leute, die finden sich damit ab und daran ist überhaupt nichts falsch. Aber für mich persönlich ist es konfliktreich, einfach nur eine Sache zu machen und das andere zu ignorieren. Wenn wir jetzt von der Veranstaltungsserie sprechen, das entsteht alles auch irgendwie aus Nöten. Einen Raum zu schaffen, von dem nicht nur wir profitieren können, sondern von dem wir auch wissen, andere Leute haben Bock diesen Raum zu haben. Andere Leuten finden, die an diesem kreativen Output teilnehmen möchten. Macht das Sinn?

Absolut. 

Dass diese Vielschichtigkeit von deinem kreativen Output einfach eine Form von Dialog für dich ist, dass bei dir dann auch nicht das Gefühl ausgelöst wird, nur eine Sache sein zu müssen, weil es nicht damit zusammenhängt, sehe ich das richtig? Das ist ja eine total befreiende Ansichtsweiße, sich nicht mit dem zu identifizieren was man macht, sondern dass du es einfach als Dialog siehst. Nicht als „ich bin Chris, ich bin DJ, Front-End Developer und Fotograf“ das ist gar nicht auf deinem Radar, es ist einfach ein Dialog

Ganz genau. Das sind nicht die Punkte, mit denen man sich identifizieren muss. Sondern einfach Punkte, die zur Identifikation helfen. Es sind vielmehr Eigenschaften, als die Identität selber. Und das finde ich das Schöne. 

Ich habe mit Tumblr angefangen. Tumblr finde ich auch so eine interessante Form von Dialog, den “Repost-Blog“. Mit einem Repost, teilst du ja auch und vermittelst nach Außen. Was ich eigentlich sagen will ist, je mehr man sich mit Sachen auseinandersetzt, desto mehr kann man das Konstrukt dahinter verstehen. Zu verstehen, in welchem Raum man sich überhaupt befindet. Für viele ist in den Club zu gehen bloßen Trinken und Feiern, für mich ist es ein spiritueller Vorgang. Etwas zu veranstalten, ohne mich selbst darzustellen. Das ist so eine große soziale Arbeit, finde ich. Es vermittelt Erfahrungen, die kann man manchmal nicht in Worte fassen. 

Ja! 

Die Sache mit der Selbstkonfrontation

Ich würde sagen es ist Fluch und Segen zur selben Zeit. Man kann in einer gewissen Ignoranz durch die Welt gehen oder mit offenen Augen und versuchen die Dinge so zu sehen wie sie sind. Aber trotzdem finde ich das Stichwort “Ignoranz ist Glückseligkeit“ auch nicht ganz falsch. Diese existentielle Frage ist eine sehr sehr tiefgründige, die jedem irgendwie Sorgen bereitet. 

Ich möchte noch ein anderes Thema anschneiden. Ich glaube, es ist an jeder Kunsthochschule so, dass man sich extrem kritisch mit Dingen auseinandersetzt und in Sachen eintaucht. Ich glaube, an Medienhochschulen ist das etwas anders. Es kommt natürlich auch auf den Professor/die Professorin an. Bei uns auf der Hochschule wird jedenfalls in alles reingeschaut und alles auch irgendwie auseinandergerissen, die Manipulation entdeckt. Wie ist es, sich ständig mit existentiellen Fragen auseinanderzusetzen? Und dementsprechend auch mit sich selbst? Ist das manchmal schwierig für dich oder hast du Wege gefunden?

Wenn ich jetzt mal an unsere gemeinsame Studienzeit denke, um jetzt mal einen kleinen Reality Check zu machen. Da wurde schon oft Inspiration und Motivation zerschmettert, durch manche Erkenntnisse an die wir gelangt sind. 

Auf jeden Fall. 

Es ist denke ich zum Beispiel auch einfacher, an einer Medienhochschule mit wirtschaftlichem Ansatz, auf der man lernt Medien zu nutzen, um Profit zu schaffen. Aber wenn man sich nicht auf diesem Weg befindet und Kunst im Angesicht zu sozial-politischen Fragen behandelt, dann ist die Frage offen, was das später mit einem macht. Es hilft dir sehr, die Welt zu verstehen und auch zu verstehen, wie einflussreich Medien heutzutage sind, wie das funktioniert. Dann aber nicht der eigenen Kritik zum Opfer fallen und genau diese Taktiken und Methoden der Manipulation selbst anzuwenden, das ist sehr schwer. 

Arbeit nach Außen tragen 

Wenn es darum geht, seine Arbeit zu veröffentlichen, egal ob man etwas gestalterisches studiert oder in seiner Freizeit schreibt, malt etc., sind die sozialen Medien ja das Format geworden. Man bemüht sich gar nicht mehr darum, seine Arbeiten auch mal in einem anderen Format oder Kontext zu veröffentlichen. Wie siehst du das? 

Das ist ein guter Punkt, eine riesen Einschränkung. Instagram gibt viel vor und kommuniziert ein Verständnis dafür wie die Formate auszusehen haben. Es gibt Sachen die “trenden“ und Sachen die tun es nicht, das ist einfach ein Fakt. Und wenn man eine Relevanz finden möchte, dann muss man sich an diese anpassen und so darstellen. Ich kann nicht einfach sagen „hey ich hab hier was produziert und ich zeige euch wie es ist“, sondern ich muss es noch schön verpacken und einen Grund dafür geben, warum es interessant ist.

Und der Ästhetik auch anpassen, weg von seiner Ursprünglichen. 

Was für mich interessant ist, ist seine eigene Plattform zu schaffen, unter den Bedingungen wie ich sie schaffen möchte. Seien es Prints, Fotoserien oder Grafikarbeiten. Dann kann ich es ja auf Instagram präsentieren, nicht aber als Ausgangspunkt und Rahmen der Arbeit an sich. 

Zukunft

Was lässt dich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken? 

Dass wir immer noch mit dem Bewusstsein der negativen Einflüsse die Möglichkeit haben, unseren eigenen Raum zu bestimmen. Sich vernetzen mit Freunden, Kommilitonen, Leuten aus dem Internet, um anderen zu sagen, dass man bestehende Regeln nicht befolgen muss. Man kann es auch anders machen. Man kann kleine Blasen schaffen, die eventuell größer werden.

Seinen eigenen Raum zu schaffen, in dem man sein kann. 

Es ist schwierig, das grade so zu sehen, inmitten eines Lockdowns. Aber Gedanken sind ja nicht nur auf den physischen Raum limitiert. Man kann zum Beispiel versuchen, in der Ästhetik die man nach Außen kommuniziert, Werte zu vermitteln, die nicht den Werten von anderen entsprechen. Das gibt mir einen Lichtblick nach vorne. Und zu wissen, dass wir immer in einem Wandel sind. Der Zustand heute wird nicht für immer sein, es ändert sich alles immer. Mach weiter damit zu schauen, zu suchen, zu finden. Eventuell stößt du auf Dinge, die dir wieder neue Energie und Kraft geben. Die dich dann auch im Höhepunkt dessen vergessen lassen, was gerade nicht so gut ist. Wir sind nicht alleine. Die Nummern sind viel größer als man manchmal denkt, wenn man alleine in seinem Zimmer sitzt. 

*das vollständige Interview findet ihr im Podcast “Zwischen Neugier und Bewunderung“ auf Spotify oder Apple Podcasts.

Hier findet ihr Chris auf Instagram.

Mara ist Crossmedia Publishing Studentin, Fotografin und Hutmacherin. Sie lebt in Stuttgart und Kalmar.

In ihrer Kolumne Zwischen Neugier und Bewunderung unterhält sich Mara mit Menschen aus Kultur, Gesellschaft und Politik. Irgendwo zwischen Neugier und Bewunderung, Nähe und Distanz, treffen sich die Charaktere meist im virtuellen Raum.

Lea studiert Grafikdesign & Kommunikation in der Nähe von Nürnberg. Neben dem kreativen und ästhetischen Gestalten, ist ihre große Leidenschaft das Tanzen. Auf ihrem Instagram kombiniert sie die Kunst des Grafikdesigns mit der Dynamik des Tanzes.

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