Jahr: 2021

Trans*, Gesellschaft & Outing mit Paul Ninus Naujoks #ZwischenNeugierundBewunderung

Vor einiger Zeit habe ich mich mit Paul Ninus Naujoks unterhalten. Paul ist Schriftsteller, Musiker, Künstler und Aktivist aus Kiel. Unter anderem hat er mir erklärt, was man beachten sollte, wenn sich eine Person als trans* outet und wie individuell Wege zur geschlechtlichen Transition aussehen können. Aber auch wie wichtig Sprache in diesem Zusammenhang ist. Was bedeuten die Worte Transgender, Transsexualität, Transidentität, Trans* und Transgeschlechtlichkeit eigentlich? Und wie unterscheiden sie sich voneinander? Was ich generell zu allen Begrifflichkeiten in der Trans*-Community und zum Thema Trans* sagen kann: Es gibt Fremdbezeichnungen und Selbstbezeichnungen. Transsexualität ist zum Beispiel eine Fremdbezeichung, die aus dem medizinisches Bereich kommt. Und hat mehrere Hürden in der Begrifflichkeit. Es gibt aber Trans*personen, die es als Selbstbezeichnung benutzen. Da ist wichtig zu sehen, dass wir unterschiedliche Zugänge haben, unterschiedliche Möglichkeiten, uns damit auseinanderzusetzen. Im medizinischen Bereich wird halt oft Transsexualität oder Transsexualismus verwendet. Das ist eine Fremddiagnose, die zwischen “gesunden” und “nicht gesunden” Menschen unterscheidet. Es ist eine starke Pathologisierung, die damit einhergeht. Die Problematik, die ich persönlich dabei sehe, ist, dass wir Sexualität …

Nur noch 5 Minuten

Ich bin zwei Wochen im Urlaub und fühle mich als wäre ich bekifft ins Kino gegangen. Traumbilder ziehen an mir vorbei, ein Gefühl der Angst schwingt mit und jeder Moment brennt sich in meine Erinnerung ein. Bis hier hin liefs noch ganz gut. Nur noch ein paar Minuten Urlaub. Ein Café in Mailand. Zu meinen Füßen reißen sich 30 weiße Tauben um die Blätterteigkrümel, die wie Strasssteine den Boden schmücken. Nach einer Weile bemerke ich, dass außer meinem Tisch alle von Tauben besetzt sind. Nur noch 5 Minuten Der Blick auf den Lago Maggiore. Die Hitze flirrt, hinter den Palmen sehe ich Flugsaurier die Berge umrunden und würde den Moment gerne schmecken. Nur noch 4 Minuten Mein Blick schweift von der geöffneten Sektflasche über Paris. Als ich den ersten Schluck nehmen will, fängt es an zu regnen. Ein hutzeliger Mann spielt Chansons von Britney am Klavier. Ich gehe weiter und sehe Menschen an der Seine tanzen, um ein Paar, das einen Tango hinlegt, hat sich ein andächtiger Kreis gebildet – die Zuschauer:innen tragen keine Masken. …

Quantifizier Dich – auf ein Mittagsmenü mit der Leistungsgesellschaft #gibmirwiderworte

Hast Du Dich schon mal aktiv mit der Leistungsgesellschaft auseinandergesetzt? Also Dich nicht nur seinen Anforderungen unterworfen, sondern mit ihm gemeinsam Mittag gegessen? Hier folgt ein Einblick in ein wirklich katastrophales Rendezvous.  Er tritt verspätet an den Tisch, der seit einer halben Stunde für uns reserviert ist. Einfach, weil er es kann. In einem schicken Anzug, der für den gegenwärtigen Anlass viel zu übertrieben ist, sitzt er mir gegenüber und fingert an den untersten Knöpfen seiner kunstvoll bestickten Weste. Gerne würde ich das eindeutig von den Delfter Fayencen inspirierte Muster komplimentieren, doch ich habe Sorge vor seiner Reaktion, wenn er mit diesem Begriff nichts anzufangen weiß. Von der textilen Beengung befreit, spannt sein Wohlstand leicht über dem Hosenbund und unter dem perlweißen Hemdstoff.Von diesem äußert unangenehmen Auftritt bin ich nicht wirklich überrascht, denn was soll man von jemandem erwarten, dessen Existenz daraus besteht, Forderungen zu stellen.  Wir sitzen in einem viel zu teurem Bistro in Berlin-Mitte. Das Mittags-Angebot würde ich mir unter normalen Umständen nicht mal abends zu einem besonderen Anlass gönnen, doch ich will …

Ich & Du, Ich, Ich & Leben

Zusammengefasst ist zu sagen,in nur 3 Abschnitten Text kann das Leben nicht genau dargestellt werden,aberes zu versucheneinzufangen ist möglich.In einer Art Marmeladenglas, gut versteckt auf Papier. 1. Szene/ Ich & Du: Ich sitze mit dir in einem Raum und lasse mich von deiner subjektiven Wahrnehmung mitreißen. Kühle Atmosphäre umgibt uns, die weißen Wände wirken diesmal noch trister als beim letzten Mal und die Deckenleuchte hängt tief. Besonderheit: heute wird ausnahmsweise kein Brettspiel zusammengespielt. Verblassen Ein und ausIch atme ein und aus;Das ganze Grau hierAlles in mir Dringt in meine Lungen Lässt mich so gut versteh’nVielleicht sollt´ ich deswegen geh’n Bleibe aber hier bei dir Will nicht noch mehr deine Augen versinken seh’nBleib doch endlich mal steh’n Du rennst in der letzten Zeit so viel,wenn du in diesem Zimmer die Zeit abhockst Lässt deine Gedanken so viele Bahnen kreisenDie bringen dich so sehr zum Vereisen Vielleicht sollt ich geh’nKann dich nämlich so gut versteh’n Wenn ich hier bin, kommt es mir wie das Normalste der Welt vorGefühle kommen schon gar nicht mehr empor;Kann dich nicht alleine …

Der Selbstbestimmung beraubt #Facettenreich

Regenbögen auf Social Media, im Fernsehen und soweit das Auge reicht. Mit dem Pride-Monat Juni geht die bunte Zeit des Jahres vorbei. Es hätte ein Monat der gesetzlichen Meilensteine werden können. Doch statt einem Löffelchen voll Zucker, gab es einmal mehr bittere Medizin für die Rechte queerer Menschen. Kommerzialisierung in bunt Im Juni wird alljährlich fleißig Pinkwashing betrieben, indem allerlei Produkte in queeren Editionen und mit einem Gefühl der erkauften Toleranz angepriesen werden. Von Mode über Süßigkeiten bis hin zu Medien-Formaten: Alles was mit Pride und Diversity zu tun hat, ist auf einmal werbefähig. Ein kapitalistisches Konzept, das schon seit ein paar Jahren ziemlich erfolgreich zu sein scheint. Queerness – im kommerziellen Bereich ja, im politischen Raum nein? Was im Fernsehen, auf Pride-Demos oder über Social Media so laut, bunt und happy aussieht, hat nur Sinn und Bedeutung, wenn queeres Leben auch durch den Staat aktiv gesichert und geschützt ist. Da können noch so viele Regenbögen auf Sneakers oder Einhörner auf T-Shirts abgedruckt sein. Und auch bei der aktuellsten Staffel von Germany’s next Topmodel war …

Sonntag ist Heimspiel

Der Geruch von Nagellackentferner hängt im Raum und wabert selbst in die letzte Ecke. Es ist Sonntag, das Zugticket ist reserviert und mein einziges Basic Outfit liegt auf dem Schreibtischstuhl. Es wird nur bei Heimreisen getragen. Ich streune jedes Mal aufs Neue durch die Wohnung, während meine Gedanken sich wiederkäuen. Es wird bestimmt ganz nett, du triffst alte Bekannte, die bunten Socken legst du lieber wieder in die Schublade, brauchst du den Nagellack wirklich, beim letzten Mal waren es doch nur zwei doofe Sprüche, da stehst du doch drüber. Das Gedankenkarussell dreht seine Runden.   Bei der Ankunft am Bahnhof treffe ich schon den ersten Bekannten und muss über meinen Studiengang ausholen, da alles was nicht Jura oder Lehramt ist, eine Erklärung braucht. Ich gehe meinen alten Schulweg entlang, bin direkt wieder 16 und versuche so undercover wie möglich nach Hause zu kommen. Dort werde ich überschwänglich empfangen von meiner Familie und meiner Katze. Natürlich gibt es mein Lieblingsessen. Wenn ich frage, was es Neues gibt, kommt ein Achselzucken.   Nach dem Abi wurde auf die Stopptaste gedrückt und die Einzigen, die …

Heute bin ich müde #wir

Unsere Autorin Melis beschäftigt sich in ihrem neuen Text mit einem Thema, das für viele auf den ersten Blick einer individuellen Erfahrung ähneln mag. Dabei steckt dahinter so viel mehr: ein strukturelles Problem, von dem zu viele Menschen in diesem Land betroffen sind. Wir bewegen uns tagtäglich in den unterschiedlichsten Räumen. Sie sind groß, klein, eng und weit. In den letzten Jahren habe ich mich vor allem in weißen Räumen aufhalten müssen. Nun habe ich realisiert, dass mir die Erfahrungen, die ich in solchen Räumen machen musste, schwerer im Magen liegen als ich mir bisher eingestehen wollte. Und darum soll es in diesem Text gehen. Ich frage mich: “Gibt es einen Weg da raus?” Ich bin müde, weil ihr mich müde macht.Ich bin müde, weil ich in den letzten Jahren Räume betreten habe, in denen ich nicht so sein durfte, wie und wer ich wirklich bin.Ich bin müde, weil ihr euch die größte Mühe gebt, mir meine kostbare Energie zu entziehen.Ich bin müde, weil ich mich jahrelang in Räumen aufgehalten habe, die geschaffen wurden um …

Schmerzgrenze

STAATSGRENZEN SPRACHGRENZEN ARMUTSGRENZEN ALTERSGRENZEN SCHMERZGRENZEN Sie begrenzen mich, aber ich bin grenzenlos. Mein Körper, meine Seele, eine Karte, die bisher nur meinen Umriss zeigt. Keine Binnengrenzen. Kein „bis hierhin und nicht weiter.“ Keine Grenzsoldaten, die akribisch jeden kontrollieren, der auf meiner Seele sein beschissenes Badehandtuch ausbreiten will. Mit der Zeit werden sie kommen, sie, die Landvermesser, die Kolonialherren, welche die Grenzen mit dem Lineal zu ziehen versuchen und dabei die ganzen Feinheiten meiner Seele, meines Körpers übersehen. Oder nicht sehen wollen. Ihre Grenzen werden mein Korsett. Mit ihnen kann ich vor den Augen der Gesellschaft aufrecht stehen. Es wird eine Weile dauern, bis ich merke, dass ich nicht mehr richtig atmen kann. Zunächst wird mein Atem immer flacher werden. Keine zu hastige Bewegung, alles ist kontrolliert. Wenn sie schauen dann lächele ich. Jedes Mal ein Kraftakt. Mit jedem flachen Atemzug, immer zu wenig Sauerstoff, immer viel zu kurz, wächst in mir das Verlangen nach Freiheit. Freiheit kann einem niemand schenken. Freiheit muss man sich selbst erschaffen. Das weiß ich jetzt, aber früher, da wusste ich …

Interview mit dem BBQ-Podcast

Im Zuge unserer Medien-Kooperation mit der TINCON durften wir Dominik und Zuher vom BBQ (Black Brown Queeren)-Podcast interviewen! Den beiden ist es ein Anliegen, BIPoC & queere Perspektiven durch ihre Arbeit mehr in den öffentlichen Diskurs zu rücken. Falls ihr neugierig nach dem Interview geworden seid, geht’s hier zu ihrem Podcast! Emi: Stadt oder Land? Dominik: Stadt! Zuher: Stadt. Zumindest jetzt. Also wer weiß? Aktueller Status: Stadt. Imina: Ihr macht ne Grillparty in 2021. Wen oder was roastet ihr auf den Grill? Zuher: Uhh. Ich roaste die AfD. Und zwar literally. Ich will einige von denen wirklich auf den Grill packen und einfach nur brutzeln sehen (lacht). Ey, das Magazin heißt doch TIERINDIR, das ist meine animalische Ader! Dominik: Ja, ich glaube ich roaste Vorurteile.  Emi: Was hilft Euch durch den nächsten Lockdown? Dominik: Tatsächlich habe ich die Zeit genutzt, um ganz viel Podcasts zu hören. Zum Beispiel „Halbe Kartoffel“ oder „Feuer und Brot“, „Die Realitäter*innen“ oder auch „Paardiologie“. Und ich hab tatsächlich auch wieder angefangen zu lesen, das habe ich davor irgendwie so ein bisschen vernachlässigt.Zuher: Ich habe auch …

Der #wahltag naht

Früher oder später sehen wir uns alle damit konfrontiert: wählen gehen. Das Privileg der Demokratischen Mitbestimmung besteht aber aus mehr, als nur zwei kleine Kreuzchen zu setzen. Wie wir uns damit fühlen eine Entscheidung zu treffen und wie es uns stellenweise auch überfordert an der Mehrheitsverteilung in Parlamenten mitzuwirken, erfährst Du in diesem Text.  Papier mit Bedeutung Es waren zwar nur ein paar Striche mit dem Kuli, aber es fühlte sich besonders an, als ich zum ersten Mal wählen gehen durfte. Erstmal ‘nur’ die Bezirksverordnetenversammlung, doch es war trotzdem aufregend für mich, den Gang zur Wahlkabine anzutreten. Seit ich klein war, durfte ich meine Mutter alle Jahre wieder zu den Wahlgängen begleiten. Natürlich musste ich, als es ans Kreuzchen setzen ging, vor der Wahlkabine warten und habe mich seitdem gefragt, was denn so Spannendes hinter den drei grauen Wänden passiert. Zusammengefaltet und diskret in einen hohen Kasten gesteckt, war die demokratische Stimme versiegelt. Das war’s schon? Keine Luftschlangen, Ballons oder Jubel? Wählen ist leider kein Kindergeburtstag. Aber deshalb nicht weniger wichtig! Das unbeschriebene Blatt bekommt …