Inspiration, Körper & Bewusstsein
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Struktur pur #heiterbiswolkig

Im Alltagsgewusel merke ich meist gar nicht, welche Strukturen mich beeinflussen oder im Laufe meines Lebens geprägt haben. Doch besonders seit Beginn der Pandemie ist das Thema (Alltags)-Struktur für mich unausweichlich geworden.

Woher kommt meine Struktur?

Mein Leben war, wie bei den meisten, schon immer viel von äußeren Strukturen geprägt. Ich lernte von klein auf Regeln des sozialen Miteinanders, bekam Tagesstruktur durch Kindergarten, Schule, Arbeit und Uni und bin unfreiwillig Teil von politischen und wirtschaftlichen Strukturen.

Veranstaltungen in der Uni, Schichten im Laden, Treffen meiner Aktivistigruppe und Verabredungen mit Freund:innen und Familie, setzten sich zu einem Mosaik aus Terminen zusammen, bei dem ich hinterher nur noch die Lücken füllen muss. Einiges davon ist notwendig, vieles will ich von mir aus. Am Ende ergibt alles zusammen ein Netz aus Strukturen das mich hält und in dem ich gleichzeitig gefangen bin.

Lockdown, Zeit Zuhause und Ungewissheit

Als es Ende März ernst wurde mit der Pandemi, war bei mir neben allen Ängsten und Unsicherheiten ein Gefühl besonders präsent: Vorfreude. Als Mensch, der zu schnell und zu viel Ja sagt, sich sozial schnell unter Druck setzen lässt (oder ließ) und meisterhaft jeden Terminkalender zuballert, war ich erstmal erleichtert, endlich Raum zu haben für alles, was sonst nicht mehr ging. Keine Arbeit und erstmal keine Uni bedeutete, dass jeder Tag, der vor mir lag ein unbeschriebenes Blatt war, den ich gestalten konnte wie ich wollte. Nicht mehr von den üblichen äußeren Strukturen bestimmt, waren meiner To-do Liste keine Grenzen gesetzt.

Ich hatte hohe Erwartungen an mich selbst, diese „freie Zeit“ so effizient wie möglich zu nutzen. Endlich würde ich meine Struktur komplett selbst bestimmen.

Mentale Gesundheit

Was ich zu dieser Zeit massiv unterschätzt habe ist, wie wichtig äußere Struktur für meine Mentale Gesundheit ist. Wenn ich nicht mehr zu einer bestimmten Zeit an der Arbeit oder in der Uni sein muss, wann stehe ich dann auf? Wenn ich keinen Ort mehr habe, an den ich gehen muss, wie oft verlasse ich dann noch das Haus? Und wenn ich nicht mehr rausgehe, wozu dann nach dem Aufstehen umziehen?

Entgegen meiner Erwartungen war diese Zeit des ersten „Lockdowns“ nicht so wundervoll und produktiv, wie ich gedacht hatte. Ich habe weder jeden Tag Yoga gemacht, noch meine Festplatte aufgeräumt, noch den Flur unserer WG gestrichen. Eigentlich brauchte ich die meiste Zeit, um klar zu kommen und mich meinen Gefühlen zu stellen. Zuvor konnte ich mich auf die äußeren Strukturen in meinem Leben verlassen. Als das plötzlich alles wegfiel, war da ganz viel Unsicherheit und Angst vor der ungewissen Zukunft.

Wenn ich jetzt auf diese Zeit zurückblicke, sehe ich klar und deutlich, wie wichtig es für meine mentale und auch physische Gesundheit ist, Systeme zu haben, die dafür sorgen, dass ich nicht hängen bleibe. 

Was brauche ich?

Dass es ein paar bestimmte Dinge gibt, die mir helfen, unabhängig von äußeren Strukturen ausgeglichen zu bleiben und ein bisschen zufriedener zu sein, habe ich Stück für Stück herausgefunden, indem ich angefangen habe, mehr auf meinen Körper zu hören.

Auch wenn ich ihn oft ignoriere, instinktiv weiß ich eigentlich immer was mir gerade gut tut und ich glaube das tut jeder. Wenn ich zuhöre und rein spüre und dann darauf reagiere merke ich, was richtig für mich ist und kann anfangen daraus Strukturen zu bauen, die mir gut tun.

Diese Dinge geben mir gerade eine positive Struktur:

  • Ich gehe früher ins Bett und stehe zwei Stunden bevor ich zur Arbeit oder in die digitale Uni muss auf. Morgens habe ich Zeit in Ruhe zu frühstücken, zu lesen, mich zu bewegen, oder mich auch einfach nochmal umzudrehen – je nachdem was ich gerade brauche.
  • Ich gehe täglich spazieren, manchmal auch nur kurz ums Häusereck. Egal wie es mir vorher ging, danach ist es immer etwas besser.
  • Ich kämme mir jeden Abend die Haare, obwohl ich kurze Haare habe. Diese quasi Kopfmassage hilft mir um einiges entspannter zu sein bevor ich mich ins Bett kuschele.
  • Ich spiele mehr Brettspiele mit meiner WG. Zumindest einer meiner Mitbewohner hat oft Lust mit mir zu spielen, und diese Zeit, die ich sonst wahrscheinlich auf Youtube oder Netflix abhängen würde, ist so stattdessen ein Slow down vorm Schlafen, Zeit zum socializen und ein bisschen weniger Zeit, die ich auf einen Bildschirm starre.

Statistiken & Verhaltenstracker

Früher habe ich super viel Die Sims 3 gespielt und fand es immer faszinierend, dass es Statistiken für das Leben eines Sims gibt. Ich konnte nachschauen, wie oft mein Sim gewisse Emotionen gefühlt, gegessen oder geduscht hat und hätte sowas am liebsten auch für mein eigenes Leben gehabt.

Tatsächlich habe ich mir vor einigen Monaten inspiriert durch die Youtuberin “Elsa Rhae” eine Tabelle erstellt, mit der ich sowas ähnliches machen und dadurch meinen Körper besser kennenlernen kann.

Durch kleine Punkte markiere ich täglich auf einer Skala wie es mir ging, wie ich geschlafen habe, wann meine Menstruation war oder wann ich zuletzt Kopfschmerzen hatte. Außerdem vermerke ich auf einer Liste von Dingen die mir gut tun oder die ich gern mehr tun würde, was davon ich an einem Tag tatsächlich getan habe. Am Ende des Monats ergibt sich ein Diagramm aus Kurven und Punkten, das ich analysieren kann.

Auch wenn das keinesfalls vollständig ist, konnte ich bisher z.B. sicher beobachten, dass ich immer gestresster bin, wenn ich schlecht geschlafen habe und Mitte jeden Monats einen Tag schlecht gelaunt bin.

Fazit

Natürlich bin ich jetzt nicht bis in die letzte Zelle hinein optimiert, das will ich auch gar nicht. Aber ich merke, dass es mir gut tut, meinen Körper besser zu verstehen und zu erkennen, welche Strukturen mir gut tun.

Wenn ich das herausfinde, kann ich mir hoffentlich selbst Struktur geben. Und wenn sie äußerlich wegfällt oder ich mich dazu entscheide, bestimmte Systeme zu verlassen, kann ich selbstbestimmt handeln, weil ich weiß, dass ich im Stande bin mir eine Struktur zu geben, die mir gut tut.

Und du?

Wir sind alle unterschiedlich und was für mich gut funktioniert, muss nicht das richtige für Dich sein. Aber vielleicht bist Du ja neugierig geworden, auf Deinen Körper und die Strukturen, die Dein Leben prägen.

Falls du Lust hast, kannst du dir hier die Tabelle runterladen und sie Dir zu Eigen machen.

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