Körper & Bewusstsein
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Der Kampf mit dem Schmerz

Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal ohne ihn aufgewacht bin. Ich weiß nicht mal mehr, wie sich mein Körper ohne ihn anfühlt. Andere sehen ihn gar nicht. Doch ich kämpfe gegen ihn, jeden Tag. Und das seit drei Jahren. Manchmal gewinne ich, meistens gewinnt er. Über mein Leben mit dem Schmerz.

Es ist ein bisschen wie bei Liebeskummer. Ich öffne morgens die Augen, sehe das Tageslicht und dann gibt es diesen ganz kurzen Moment, in dem ich vergesse was war. In dem ich denke, alles ist normal – ich bin normal. Bis mich ein Stich daran erinnert, was wirklich ist. Da ist er wieder, der Schmerz. Er zieht von meinem Kopf über den gesamten Rücken bis in meine Arme. Und bleibt. Für ein paar Stunden hat er mich in Ruhe gelassen, das lässt er mich mit doppelter Kraft spüren. Er will mich zurück ins Kissen ziehen. Will, dass ich liegen bleibe. Auch ich möchte weiter träumen, aber ich stehe auf, jeden Tag.

Seit drei Jahren führe ich jeden Morgen diesen Kampf. Woher der Schmerz genau kommt, weiß niemand. Ich war bei Orthopäden, Neurologen, Osteopathen, Heilpraktikern und sehe meine Physiotherapeutin öfters als meine beste Freundin. Ich habe über Hunderte Euro ausgegeben für Behandlungen und Medikamente. Schluckte monatelang Schmerzmittel und stärkere Tabletten. Man schickte mich ins MRT, erzählte mir von Schallwellen und Akupunktur. Und mit jedem neuen Arzt kam eine neue Meinung.

Doch in einem waren sich alle einig: Dass sie keine Ursache kennen. Sie kamen alle zum Ergebnis, dass sie kein Ergebnis haben. Und irgendwann hörte ich auf, zu glauben. Auf die Frage „Was kann ich für Sie tun?“ erzählte ich wie im Schlaf meine Geschichte, jedes mal von Anfang an. Aber ich erhoffte mir keine Antwort mehr. Ich war taub.

Die Ibu auf dem Tisch war wie eine Metapher dafür geworden, wie viel ich aushalte.

Auf dem Frühstückstisch liegt die Packung Schmerztabletten. Ich packe jeden Morgen eine Ibu aus und lege sie neben meine Kaffeetasse. Manchmal bleibt sie bis zum Abend dort liegen, bis ich sie vor dem schlafen dann doch schlucke. Meistens nehme ich sie schon morgens. Die Ärzte fragen oft, ob es hilft. Doch ehrlich gesagt weiß ich das nicht. Ich weiß nicht mehr, wie es ohne ist. Manchmal habe ich aber das Gefühl es ist egal. Der Schmerz kommt so oder so.

Er steht wie eine unsichtbare Wand zwischen mir und der Welt. Auf der einen Seite läuft das Leben ab, auf der anderen Seite stehe ich und schaue zu. Durch die Glasscheibe kann ich alles beobachten, ich kann mitlachen, mitmachen – aber bin nie ganz dabei. Nur ganz selten wirkt alles so real, dass ich das Leben fast spüren kann, bis sich diese Türe am nächsten Morgen wieder schließt. Dann bin ich weiter weg denn je. Aber für diese Momente lebe ich.

Wie oft habe ich neidisch dabei zugesehen, wie jemand einfach eine Kiste Bier trägt?

Bewegung ist gut, sagt der eine Arzt. Lieber schonen, der andere. Fitnessstudio ja, aber bloß nicht überlasten. Die Ratschläge überschlagen sich in meinem Kopf, bis ich schließlich: nichts mehr tue. Über die Jahre habe ich mir so eine innere Schonhaltung antrainiert, dass ich mir nichts mehr zutraue.

Bei jeder noch so kleinen Alltagsbewegung denke ich darüber nach, ob ich das kann. Bowling mit Freunden? Geht nicht. Fotografieren? Geht nicht. Klavier spielen? Geht nicht. Wie oft habe ich neidisch dabei zugesehen, wie jemand einfach eine Kiste Bier schleppt oder eine Tomatendose aufmacht. Zum Schluss war ich so verunsichert, dass ich mir nicht mal mehr zugetraut habe, den Deckel von der Wasserflasche alleine abzudrehen. Lieber schonen, bis der Schmerz weg ist. Und wenn du dich selbst so behandelst, fängt auch dein Umfeld an, dich so zu behandeln. Ich hatte so eine Angst mich kaputtzumachen. Dann war es schließlich die Angst selbst, die mich kaputt machte. Ein Teufelskreis.

Der Schmerz ist wie eine Bremse in meinem Kopf. Er verhindert, dass ich weitergehe. Über Jahre fahre ich schon langsamer. Ich funktioniere zwar, aber eben nie ganz. Also beschließe ich, die Bremse komplett zu lösen: Ich gehe Bowlen, trage Bierkästen. Und es geht eine Zeit lang gut. Ich laufe so schnell, angesteuert von dem Gefühl, dass ich jetzt alles kann. Bis ich mit voller Wucht gegen die Wand fahre, die eben doch noch da ist. Weil der Schmerz nicht weg geht, wenn du ihn komplett ignorierst. Ich liege am Boden. Für kurze Zeit denke ich: Ok, du hast gewonnen. Ich bleibe liegen?

Also beschloss ich, den Schmerz zu trainieren.

Ich sitze wieder beim Arzt. Nochmal erzähle ich meine Geschichte, von Anfang an. Wieder ist das Ergebnis fast das gleiche, aber ich versuche diesmal etwas anderes draus zu machen. Und zum ersten Mal gebe ich mir: Zeit. Bewegung und Schonen. Beginne mich von ganz unten selbst aufzubauen. Fange wieder an Klavier zu spielen, zu fotografieren. Ignoriere den Schmerz nicht, aber er bekommt auch nicht zu viel Raum.

Über so lange Zeit hat der Schmerz mich trainiert. Also beschloss ich, nun den Schmerz zu trainieren und die Bremse diesmal langsam zu lösen. Ich komme voran, langsam. Manchmal hab ich das Gefühl ich stehe wieder ganz am Anfang. Aber ich kämpfe weiterhin, jeden Tag und hoffe, dass ich ihn gewinne. Bis ich irgendwann aufwache, ohne ihn.

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Gastgedanken von Kim Ankermann. Sie ist 24 und studiert Psychologie in Konstanz. Vorher hat sie drei Jahre Vollzeit als Journalistin gearbeitet und sich auch mal als Architektin probiert. Aber egal was sie gemacht hat, sie hat immer geschrieben. Alles, was sie sieht und fühlt, packt sie in Worte. Daraus entstehen journalistische Texte, Gedichte, kurze Beiträge oder Songtexte für ihr eigenes Musikprojekt. Bei allem steckt immer das ganze Herz drin.“

Foto von Irma und Gestaltung von Imina.

Irma studiert in Berlin “etwas mit Kommunikation” und setzt sich für Klimagerechtigkeit ein. Sie liebt es auf Demos zu fotografieren, sich in Büchern zu verlieren und im Sommer durch die Stadt zu tanzen

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