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Du bist (nicht), was sie aus dir machen

Zwischen gesellschaftlichem Druck und der eigenen Freiheit

Viele kennen es, doch darüber sprechen tun die wenigsten. Egal, ob im Freundeskreis oder anderswo, der gesellschaftliche Druck, der von außen auf einen wirkt, ist immens. Als junge Frau setze ich mich tagtäglich damit auseinander. Ein Beispiel ist das ständige Rasieren. Frau soll weiblich sein und so aussehen, sich so anziehen und bewegen. Am besten noch ein strahlendes, selbstbewusstes Lachen auf dem Gesicht, als könnte ihr die Welt nichts anhaben.

Doch warum? Warum ist da dieser Druck? Warum wirkt die Gesellschaft so auf uns? Oder gibt es diesen Druck etwa gar nicht? Ist er vielleicht nur ein Konstrukt der Fantasie, eine Art kreative Schöpfung? Fragen wie diese habe ich mir schon häufig gestellt. Ich habe versucht, sie zu ignorieren und einfach ich zu sein. Doch dann ist da diese Angst, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden und schiefe Blicke zu kassieren. Und schon ist man nicht immer und überall 100% man selbst.

Es ist ein Teufelskreis, den wahrscheinlich viele kennen. Nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer. Stark, männlich, ehrgeizig, gut gebaut und zuvorkommend. Ein richtiger Gentleman, ein „richtiger Mann“ eben. So ist häufig das Bild des Mannes. Ein wahres Klischee. Da fragt man sich: Warum machen wir Menschen uns diesen Druck und das Leben unnötig schwer? Wir wollen gefallen. Wir wollen geliebt und angehimmelt werden. Wir wollen geschätzt und als wichtiger Bestandteil eines Ganzen gesehen werden. Wir wollen existieren und uns gut fühlen. In unseren Köpfen scheint der Schlüssel zu unserem Glück zu sein, den anderen zu beweisen, wie toll man ist. Aber sollten wir nicht erst einmal uns selbst hinterfragen, was wir an uns toll finden? Der Anspruch sollte sein, sich selbst zu erforschen und mit Hilfe der eigenen Fähig- und Fertigkeiten das Beste aus sich rauszuholen. Der eigene Weg, egal wie viele Umwege und Abzweigungen er auch haben mag, sollte das Ziel sein, nicht in anderer Schemata zu passen und sich vollständig dem gesellschaftlichen Druck hinzugeben.

Natürlich bedeutet dies nicht, die Welt um einen herum zu ignorieren und komplett außenvor zu lassen. Wie wir zur gesellschaftlichen Welt gehören, gehört die Welt auch zu uns. Sie bietet uns einen Raum der Entwicklung, Bildung, der Geborgenheit, Sicherheit und Zughörigkeit. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das ohne die Gesellschaft anderer Personen nicht glücklich sein kann. Es ist die Balance zwischen der eigenen Freiheit und der gesellschaftlichen Teilhabe, die der Schlüssel zum Glück sind. Dieses Spannungsgefüge, der Wunsch, diese Balance zu erreichen, führen uns zu dem Druck, der zu Beginn erwähnt wurde. Es ist der gesellschaftliche Druck – oder nennen wir es mal Wunsch – Teil der Gesellschaft zu sein, auf der anderen Seite aber sein eigenes Selbst zufrieden zu stellen.

Vielleicht ist das die Antwort auf die Fragen, warum es diesen Druck gibt und die Gesellschaft so auf uns wirkt. Vielleicht ist es aber auch ein Konstrukt unserer eigenen Fantasie, das jeder für sich entwickelt und mit seinen Mitmenschen teilt, sodass es real wird. Vielleicht hat eine Person damit angefangen und alle anderen haben mitgemacht.

Egal, woher es auch kommt: Der gesellschaftliche Druck existiert. Die einen Menschen beeinflusst er mehr, die anderen weniger. Wichtig ist meiner Meinung nach jedoch, dass seine Existenz nicht totgeschwiegen wird. Wir müssen lernen, mit dem gesellschaftlichen Druck umzugehen und über dessen Wirkung auf uns zu reden.

Zum Glück leben wir in einem Zeitalter des Wandels, wo nach und nach offen über unangenehme Dinge gesprochen wird. Zum Glück gibt es heutzutage Menschen, die sich trauen, aufzustehen und die Maske fallen zu lassen.

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Katharina ist 23 Jahre alt und studiert in Thüringen. In ihrer Freizeit trifft sie sich mit Freunden, macht Sport und reist gerne durch die Welt der Künste und Musik. Sie liebt es unter Menschen zu sein und deren Gedanken zu erfahren. Vor allem interessiert sie sich dafür, warum Menschen so denken und handeln, wie sie es eben tun. Findet sie eine ruhige Minute und einen schönen Platz in der Natur, nimmt sie Stift und Papier in die Hand und schreibt eigene Texte.

Collage von Imina.
Bild von Frau mit Taschentuch auf dem Gesicht von Alice Moitié, veröffentlicht in der Neon.

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