Gastgedanken
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Vom nach Hause kommen an einen fremden Ort

Ich zähle die Bahnstationen auf meiner Navigations-App.
Noch 4. Noch 3. Noch 2. Noch eine.
Jetzt bin ich da, steige aus, ich bin zuhause.
Oder zumindest an meiner neuen Meldeadresse.

An meiner Vorherigen musste ich nie Bahnstationen abzählen,
denn ich kannte sie alle in- und auswendig.

Außerdem gab es dort gar keine Bahn, nur Busse.

Hier gibt es Busse, Trams, S-Bahnen, U-Bahnen, Taxis, Ubers, Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, Motorradfahrer und E-Roller.

Für jede Bewegung, die ich außerhalb meiner vier Wände mache, brauche ich Google Maps. Das hatte ich vorher nicht einmal installiert.

Wenn ich in einem der genannten Verkehrsmittel sitze, starre ich entweder durchs Fenster hinaus auf gesichtslose Häuserwände und leere Landschaften, die mir fremd sind, oder in die leeren Gesichter häuserloser Menschen, die mir fremd sind.

So oder so fühle ich mich dabei ziemlich einsam.

Zwei Jahre später

Ich presse meine Nase an die Scheibe des Bullauges, ich will den Fernsehturm sehen.
Als ich nach der Landung ins Helle hinaustrete und mir der kalte Wind entgegenschlägt, atme ich tief ein. An der Bahnstation angekommen, ist das altbekannte Signal der sich schließenden Türen Musik in meinen Ohren.

Ich gehe im Kopf die folgenden Bahnstationen durch, die noch zwischen mir und meiner Wohnung liegen.

An der Berliner Straße ist die WG von Georg und Emilia, vom Bundesplatz aus komme ich am besten zur Flixbus-Station. Am Friedrich-Wilhelm-Platz ist eins meiner Lieblingscafés, in dem ich schon viele Referate vorbereitet und Nachmittage in der Sonne verbracht habe.

Meine Mitgliedskarte ist fast voll, dann bekomme ich einen Kaffee gratis. 

Dann biege ich endlich in meine Straße ein und bei dem Anblick wird mir ganz warm ums Herz. Als ich meine Wohnung aufschließe, strömt mir der vertraute Geruch entgegen: eine Mischung aus Gasheizung und frisch gewaschener Wäsche.

Nach einem halben Jahr im Ausland ist mein neues Zuhause mein altes Zuhause geworden.

Abenteuerlust

Früher wollte ich immer nur weg aus meiner kleinen Heimatstadt, in die große weite Welt. Doch dann stellte ich fest, dass die doch ziemlich unheimlich sein konnte-
und vermisste mein früheres Zuhause, das jetzt keines mehr war.
Jedes Mal, wenn ich zurückkam, hatte sich irgendetwas verändert, auch die Menschen.

Ich konnte nicht zurück in meine alte Heimatstadt, weil sie keine Heimat mehr war.
Aber fühlte mich fremd in meiner neuen Heimatstadt, weil sie noch keine Heimat war.

Für eine Weile fühlte ich mich sehr entwurzelt.

Dieses Gefühl des Fremd-Seins habe ich immer weiter mit mir getragen.
Habe mir eingeredet, ich hätte zu wenige wirklich enge Freunde oder würde mich zu schlecht auskennen.

Ich habe mich fremd gefühlt in einer Stadt, die mir eigentlich längst vertraut war.
Ich musste erst ein halbes Jahr in einem anderen Land leben, um zu erkennen, dass ich schon längst zuhause war.
Ich brauchte den Kontrast, an einem mir wirklich fremden Ort zu leben, um Abstand zu gewinnen und das erkennen zu können.

Wie hätte es auch anders sein sollen, die einzige Heimat, die ich vorher kannte, war mein Geburtsort.
Mittlerweile habe ich verstanden, dass Heimat vieles sein kann;
Aber es ist vor allem immer etwas Subjektives, was man mit bestimmten Orten oder Menschen verbindet, anhand von Erfahrungen. Guten und Schlechten.

Was ist schon „Heimat“?

Es gibt keine Blaupause für das Gefühl von Heimat.

In den letzten 4 Jahren, in denen ich viele verschiedene Meldeadressen hatte, habe ich endlich etwas verstanden:

Dass es okay ist, an vielen Orten zuhause zu sein, die sich ganz unterschiedlich anfühlen. Der Ort, in dem man aufgewachsen ist, fühlt sich ganz anders an als der,
an dem man das erste Mal allein gelebt hat, wohin man zum ersten Mal allein gereist ist, oder den man mit vielen Freunden verbindet.

Ich habe gelernt, dass es eine Frage gibt, die viel wichtiger ist als die nach Heimat:

Wo und mit wem möchte ich heute am liebsten sein?

Isabell ist 23 Jahre alt und studiert in Berlin Literaturwissenschaft und Sozial- und Kulturanthropologie.
Sie liebt Nachtspaziergänge, Rotwein und Metal und hat ein außerordentlich schlechtes Verhältnis zu Zwiebeln und Rolltreppen.

Auch das Beitragsbild ist von Isabell.

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