Selbst & Inszenierung
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Im Chat so nah #Schlaflos

Unsere ersten Begegnungen miteinander sind durch die derzeitige Corona-Pandemie, sowie durch das digitalisierte Zeitalter, geprägt. Wir kommen uns nicht mehr physisch nahe, wir schreiben keine Briefe oder auch E-Mails. Der Chatverlauf zwischen zwei Menschen, zeigt den Verlauf des Kennenlernens und auch des Auseinanderlebens. Doch was macht das mit uns und welche Sorgen kommen auf?

Tinder, Bumble, Lovoo oder bei Edeka an der Kasse, auf der letzten WG-Party in der Küche zwischen leeren Weinflaschen, drei-vier Avocados und dem noch nicht abgespülten Geschirr, verteilt im vollgepackten Raum. Wir beschäftigen uns nicht wirklich mit den objektiven Fakten über die Menschen, wir befinden uns in einer fast schon von außen geleiteten Situation. Die spontane Begegnung lief gut, der Blickkontakt war da und vielleicht auch die ersten körperlichen Annäherungen. Auch der eine oder andere Flirt, der nicht einmal als Flirt wahrgenommen wurde. 

Und was kommt jetzt? Im filmischen Gedanken würden wir jetzt einen direkten Szenenwechsel brauchen, das nächste Treffen, mit ein oder zwei peinlichen Patzern, über die man mit einem Schmunzeln hinwegsieht. 

Doch was passiert uns wirklich? Wir kommen heim, legen uns hin und haben das Handy noch in der Hand. Der Bildschirm flimmert uns entgegen und wir fragen uns nur noch, was tue ich jetzt? Alles dreht sich nur noch darum, wie wir das was wir heute erlebt haben, nicht kaputt machen. Schlaflos bleiben wir liegen und schon so hoffnungsvoll und so verzweifelt. Wir schauen auf diesen Bildschirm und versuchen richtig zu handeln. 

Wir sitzen uns nicht gegenüber 

Die ersten Nachrichten gehen raus. „War ein toller Abend, gerne wieder!“ Die Antwort kommt eine Viertelstunde später: „Ja, fand ich auch“. Wir lesen es direkt und wollen am besten direkt antworten, aber wie lange sollten wir warten? Was genau zeige ich, welches Bild soll von mir gemalt werden? 

Wir entscheiden uns dafür, vielleicht einfach das Erlebnis als Ganzes zu betrachten. So lassen wir es im natürlichen Rhythmus laufen. Fast schon passiv und intuitiv beantworten wir Nachrichten und führen eine sich so real anfühlende Konversation, als säßen wir uns gegenüber. Es kommt schleichend. Die Antwortzeiten werden länger, weniger enthusiastisch und wirklich erfüllend ist das Gespräch auch nicht mehr. Unser Gegenüber dreht sich weg, der Blick wandert durch den Raum und wir spüren fast schon, wie das Interesse schwindet. Doch sind wir nicht dabei. Wir sitzen kilometerweit entfernt und verharren mit unseren Hoffnungen vor einem Bildschirm. 

Wir haben uns nur erlaubt, zu träumen, wir haben uns so fallenlassen für jemanden, der uns nicht auffingDie Welt dreht sich nicht mehr, die Zeit steht und die Gedanken werden mit jeder unbeantworteten Minute lauter. Was haben wir denn falsch gemacht?

Wir liegen da und haben auch schon meistens das eine oder andere Gefühl mehr, als wir es bei einer neuen Freundschaft hätten. Die Szenen in unseren Gedanken waren so real und doch können wir uns nicht ansatzweise vorstellen, woran es gelegen haben könnte. 

Wir sind verletzt, oder?

Das Gewicht von bloßen Nachrichten 

Das Gefühl einer realen Konversation wird auf einen Bildschirm projiziert. Der Kontrast zum Anfang ist so extrem, die Gefühle der komplette Gegensatz. Die Freude und Euphorie werden zur Unsicherheit und Zweifeln am selbst. Das alles durch die Situationen, welche wir uns künstlich bilden.

Weshalb sehen wir unseren Chat so anders, als die E-Mails oder Briefe, die wir verschicken. Wir nehmen uns die Zeit, antworten bewusst, durchdacht und lassen uns dafür gerne mal ein paar Tage Zeit. Und bei fehlender Antwort, bleiben die Gefühle nicht in einem Chaos zurück, welches uns unsere Nächte kostet. 

Der Gesprächsverlauf ist hierbei der ausschlaggebende Punkt. Wir antworten im Affekt und es handelt sich um eine direkte Aussage. Keine Absätze, Betreffzeile oder auch einen lieben Gruß am Ende. Wir schreiben wie wir sprechen und bilden so Nähe. Diese Nähe führt dazu, dass wir Wert in die Bindung legen.

Wir fühlen diese Verbindung und die Person wird uns wichtig. Dabei haben wir doch bis jetzt nicht mehr als das, was sich auf unserem Bildschirm befindet.

Wir mögen es, das Gefühl von Verbindung und dass wir über Dinge reden können. Und zwar nicht auf einer freundschaftlichen Ebene, sondern mit dem Fokus auf uns und die Gefühle, die wir vermitteln möchten. Wir haben jemanden, dessen Meinung uns wichtig geworden ist und wir verlieren uns tatsächlich auch in der Vorstellung, die wir uns aufbauen. Alles scheint rosig und wir fragen nicht einmal, was daran falsch sein könnte. Es scheint nicht eine Sache am Charakter unseres Gegenübers schlecht zu sein. 

Bin ich zuviel?

Aber was ist, wenn wir nicht einmal bemerken, dass unser Gegenüber kein Interesse hat? In einem Chatverlauf bekommen wir viele Dinge nicht mit. Kann es also sein, dass wir die wichtigen Signale gar nicht mitbekommen?

Wir verrennen uns in etwas, was schlichtweg keine Zukunft hat und werden früher oder später enttäuscht. 

Die Gesprächsmelodie meint die Art des Schreibens, die Antwortdauer oder auch einfach das gezeigte Interesse. Diese Faktoren zeigen uns, wie sehr das Interesse an uns besteht. Denn wieviel Mühe wir uns auch geben, das Endergebnis hängt nicht nur von uns ab. Der aufgebrachte Aufwand ist nicht mit der empfangenen Zuneigung in Relation zu bringen. Es krampfhaft über so lange Zeit zu versuchen, wird uns also keine Liebe bringen. Wir können es nicht erzwingen. 

Durch die Unsicherheit des Neuen ist einer der ersten Gedanken, die uns aufkommen: Was sollte ich denn alles aufbringen, um nicht „zu viel“ zu sein.  

Doch schlussendlich befinden wir uns nicht im selben Raum 

In diesem Text wird es leider keine Anleitung geben, wie ihr es Schaffen könnt, eine schöne Begegnung weiterzuführen, um schlussendlich ein gemeinsames Etwas zu schaffen. Während der Corona-Pandemie ist es schwerer denn je, als wäre es vorher noch nicht schwer genug gewesen, sich kennenzulernen. Die Treffen fallen überwiegend weg und wir lernen nicht die Person kennen, welche sich auch mal verhaspelt und den Kaffee verschüttet. Wir lernen jemanden kennen, der sich vielleicht einmal vertippt und zu viel Zeit zum Antworten benötigt. 

Es kann sein, dass wir zu viel interpretieren, zu früh antworten oder auch zu wenig Interesse über unsere Nachrichten vermitteln können. All das scheint uns irgendwie zum Scheitern zu verurteilen. Doch wenn es sein soll, dann wird es werden. Uns emotional zu distanzieren, ist wichtig. Sonst verlieren wir uns zu sehr und die Gedanken fallen über uns her.

Das Wichtige ist, zu wissen, wann wir aufhören. Ab dem Punkt, an dem wir bemerken, dass es nur einseitig ist, die Gespräche uns nicht wirklich das geben, was sie uns mal gegeben haben und wenn es sich nicht mehr richtig anfühlt. 

Fatih ist 20 und neben seinem Psychologiestudium versucht er, sich die Lebensqualität so gut es geht zu bewahren und seine impulsiven und meist unüberlegten Handlungen bringen ihn gerne mal in Situationen, die im Nachhinein sehr lustige Geschichten darstellen.

Alle zwei Monate veröffentlicht Fatih einen Text zu seiner Kolumne Schlaflos. Hier beschäftigt er sich mit den Themen, die uns in schlaflosen Nächten wach halten. Bringen sie uns irgendwie weiter?

Irma studiert in Berlin “etwas mit Kommunikation” und setzt sich für Klimagerechtigkeit ein. Sie liebt es, sich in Büchern zu verlieren und im Sommer durch die Stadt zu tanzen.

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