Körper & Bewusstsein
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Leben mit einer Hörbehinderung

„Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn jemand sagt: „Ist egal, ist eh nicht so wichtig“.

Mein Papa ist wirklich einer der liebsten Menschen auf der Welt. Er hat ein unglaublich verständnisvolles, gütiges Lächeln, ist sehr kitzelig und macht das beste Risotto. Nachdem er in den letzten Jahren zwei Hörstürze hatte, hat sein Hörvermögen stark abgenommen und es fällt ihm – vor allem in größerer Gesellschaft – schwerer seine Gesprächspartner*innen zu verstehen. Zwar schätze ich mich glücklich, dass es ihm sonst soweit gut geht, aber es macht mich eben auch traurig, wenn er Sätze nicht richtig versteht, Missverständnisse entstehen und die Kommunikation mit ihm schwieriger wird. 

In diesem Zusammenhang habe ich mich erstmals mit dem Thema Hörbehinderung beschäftigt und wurde mit einer überraschend hohen Zahl konfrontiert: Zwar fehlt es bisher an einer empirischen Untersuchung über die Gesamtheit der deutschen Bevölkerung, nach Schätzungswerten des Deutschen Schwerhörigenbundes ist jedoch 19 % der deutschen Bevölkerung über 14 Jahren hörbeeinträchtigt, d.h. ca. 13, 3 Millionen Menschen und somit mehr als jeder Achte! Doch wie erleben sie ihren Alltag, welche Erfahrungen machen sie und was wünschen sie sich manchmal von mir und anderen Mitmenschen ohne Gehörbehinderung?

Drei von ihnen, Anne, Daniel und Tim, durfte ich dazu 10 Fragen stellen.

Hier erzählt:

Anne, 22 Jahre alt, studiert in Heidelberg Sonderpädagogik, trifft sich gerne mit Freunden und spielt Klavier in ihrer Freizeit. 

1. Wie beschreibst Du Deine Hörbehinderung einem Freund/ einer Freundin und welches Ausmaß hat sie?

Anne: Ich gehe sehr offen mit meiner Hörbehinderung um. Wenn mich jemand nett fragt, was denn eine Hörbehinderung genau ist, dann erkläre ich das meistens so: Im Innenohr sitzt die Hörschnecke, in der unendlich viele Härchen sind. Man muss sich vorstellen, dass diese Härchen schwingen, wenn ein Ton kommt und damit den Ton weiterleiten. Bei mir ist es so, dass ich etwas zu wenig und zu kaputte Härchen habe. Deswegen können meine Härchen den Ton nicht so gut und nur zum Teil weiterleiten. Ja, so ungefähr kann man das vereinfacht erklären. Es gibt aber unterschiedliche Arten von Schwerhörigkeiten. Rechts kann ich noch etwas besser hören als links und mithilfe meiner Hörgeräte kann ich ca. 80-90% verstehen. Wenn ich aber meine Hörgeräte nicht trage, dann verstehe ich nur ca. 30%. Aber es kommt auch immer darauf an, wie ruhig die Umgebung ist und wer mit mir spricht, da ich z.B. tiefe Stimmen besser verstehe als hohe. 

Du hast Deine Hörgeräte angesprochen. Wie gut klappt es, Deine Hörbehinderung damit zu „kompensieren“?

Anne: Ich trage auf beiden Seiten je ein Hörgerät und das klappt im Alltag super! Wenn es allerdings irgendwo sehr laut ist, viele Leute durcheinanderreden, mein*e Gesprächspartner*in leise oder undeutlich spricht oder zu weit entfernt ist, dann habe ich auch mit Hörgeräten Probleme. Zum Beispiel verstehe ich Zug- und Flughafendurchsagen nicht so gut. Ich bin nämlich sehr oft auf das Lippenabsehen angewiesen. Ein einfaches Beispiel: „Fisch“ und „Tisch“ hört sich für mich beides gleich an. Anhand des Mundbilds weiß ich aber, was gesagt wurde. In der Uni brauche ich dann noch ein weiteres Hilfsmittel: die Höranlage. Das ist ein weiteres Mikrofon, welches sich der*die Dozierende um den Hals hängt. Es ist mit meinen Hörgeräten gekoppelt und ich höre die Stimme dann direkt durch mein Hörgerät und verstehe so gut wie alles. Das erleichtert mir mein Studium sehr. Aber Hören ist für mich trotzdem mit großer Anstrengung verbunden und am Ende des Tages bin ich oft sehr froh, wenn ich meine Hörgeräte rausmachen kann. Und auch zwischendurch brauche ich mal meine „Hörpausen“, sonst bekomme ich schnell Kopfschmerzen oder werde müde. 

3. Seit wann bist Du in Deinem Hören beeinträchtigt? Kannst Du Dich noch erinnern, wie es angefangen hat?

Anne: Ich bin von Geburt an hörbehindert. Da aber niemand anderes in meiner Familie hörbehindert ist, ist es meinen Eltern und den Ärzten erst aufgefallen, als ich ungefähr drei Jahre alt war. Mit vier habe ich dann meine ersten Hörgeräte bekommen. Ich weiß nicht mehr allzu viel davon, aber ich weiß noch, wie es war, als ich das erste Mal mit Hörgeräten im Kindergarten war. Da war einerseits alles sehr laut, aber auch irgendwie toll. Alle anderen Kinder waren ganz neugierig und wollten auch Hörgeräte haben, sie haben sich dann aus Spaß Kirschen über die Ohren gehängt. Und meine Mutter erzählt heute noch, wie ich auf einmal die Vögel, die Spülmaschine oder die Dusche im Bad und ganz viele andere Geräusche gehört habe und immer gefragt habe „Was war da laut?“ 

4. In welchen alltäglichen Situationen fühlst Du Dich besonders beeinträchtigt? 

Anne: Zu Corona-Zeiten haben die Situationen, in denen ich mich beeinträchtigt fühle, erheblich zugenommen. Vor allem die Maskenpflicht erschwert die Kommunikation sehr, weil ich ja dadurch das Mundbild meines Gegenübers nicht sehen kann. Manchmal frage ich die Leute dann, ob sie die Maske kurz abzunehmen können und für die meisten ist das auch okay. Aber ich verstehe auch, wenn manche die Maske nicht abnehmen wollen. Ansonsten ist es für mich immer schwierig, wenn es irgendwo sehr laut ist oder mein Gegenüber mich nicht anschaut beim Reden. Aber deswegen fühle ich mich nicht beeinträchtigt. Ich sage dann, was mir helfen würde und der*diejenige kann darauf eingehen. Mit gegenseitigem Respekt und Verständnis funktioniert alles in der Regel sehr gut! 

5. Gab es schon konkrete Situationen, in denen Du aufgrund Deiner Hörbehinderung diskriminiert wurdest? 

Anne: Im Großen und Ganzen hatte ich nie größere Probleme. In der Pubertät gab es allerdings schonmal blöde Sprüche von Mitschüler*innen. Ich hatte auch manchmal das Gefühl, dass es ausgenutzt und extra hinter meinem Rücken geflüstert wurde. Ich konnte mir nie sicher sein, ob wirklich über mich geredet wurde. Und auch heute kommen manchmal komische Aussagen wie „Hörgeräte haben doch nur alte Menschen!“. Ich habe auch das Gefühl, dass manche Menschen denken, ich wäre arrogant, wenn ich etwas falsch verstehe und deswegen anders reagiere als sie es erwartet haben oder wenn ich gar nicht reagiere, wenn mich jemand anspricht, ich es aber nicht gehört habe. In der Uni hatte ich sogar mal einen Dozenten, der sich geweigert hat, meine Höranlage zu benutzen. Vielleicht hatte er Angst, dass es ein Aufnahmegerät ist. Da habe ich mich schon persönlich angegriffen gefühlt. Ich bin dann auch nie wieder zu seinem Seminar gegangen. 

6. Kannst Du auch von positiven Erfahrungen aufgrund Deiner Hörbehinderung berichten? 

Anne: An erster Stelle wäre da natürlich mein Studium zu nennen. Ich glaube nicht, dass ich ohne eine eigene Hörbehinderung auf die Idee gekommen wäre, Lehramt für schwerhörige und gehörlose Kinder zu studieren. Und ich liebe mein Studium, es macht mir so viel Spaß! Dadurch erhalte ich auch Zugang zur Gebärdensprache. Ich liebe diese Sprache und bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit habe, sie zu lernen. 

7. Gibt es in Deinem Freundes- und Bekanntenkreis auch Menschen mit einer Hörbehinderung? Falls nicht, hast Du andere Möglichkeiten, Dich auszutauschen und Dir Rat einzuholen?

Anne: Ja, in der Schwerhörigen/Gehörlosen-Community in Heidelberg habe ich viele neue Freund*innen gefunden, die oftmals das Gleiche studieren wie ich. Es tut gut, sich mit Gleichbetroffenen auszutauschen und über Probleme zu reden, die Hörende nicht verstehen. Ich muss aber ehrlich sagen, dass ich erst seit meinem Studium andere Menschen mit Hörbehinderung kenne. Als ich noch in Hannover gewohnt habe, kannte ich niemanden und dachte auch immer, dass es nicht so wichtig sei. Seitdem ich aber hier in Heidelberg den Austausch habe, habe ich gemerkt, wie wichtig es eben doch ist und wie viel selbstbewusster ich dadurch im Umgang mit meiner Hörbehinderung geworden bin. Vorher habe ich mich sehr oft für meine Hörgeräte geschämt, aber jetzt bin ich sogar stolz auf sie. 

8. Wie ist die typische Reaktion Deiner Mitmenschen, wenn du Ihnen von Deiner Hörbehinderung erzählst oder sprichst Du es meistens gar nicht direkt an?

Anne: Menschen, bei denen ich weiß, dass ich sie nicht nochmal wiedersehen werde, erzähle ich meistens nicht, dass ich hörbehindert bin. Außer es gibt sehr große Probleme beim Verstehen. Wenn ich aber eine neue Person kennenlerne und auch weiter kennenlernen möchte, dann erzähle ich das meistens schon. Aber natürlich nicht sofort, so nach dem Motto „Hallo, mein Name ist Anne und ich bin hörbehindert“. Vor meiner Hörbehinderung kommen ja noch so viele andere Sachen, die mich ausmachen und kennzeichnen. Ich erzähle es eher dann, wenn es sich im Gespräch ergibt. Ein paar Menschen reagieren ein bisschen geschockt, aber die meisten sind total gelassen und fragen nach. Und ich finde es toll, wenn jemand nachfragt! Das zeigt ja nur, dass sich die Person für mich interessiert. 

9. Was würdest Du Dir manchmal von Deinen Mitmenschen wünschen? 

Anne: Mehr Geduld. Ich weiß, dass es anstrengend sein kann, etwas fünfmal zu wiederholen. Für mich ist es auch anstrengend, fünfmal nachzufragen. Aber es gibt nichts Schlimmeres, als wenn jemand irgendwann sagt „Ist egal, ist eh nicht so wichtig“. 

10. Hast Du LeserInnen sonst noch etwas mitzugeben? 

Anne: An alle Leser*innen mit Hörbehinderung, denen es manchmal vielleicht noch etwas schwerfällt, damit umzugehen: Wenn Ihr die Möglichkeit habt, geht zu einem Treffen mit anderen hörbehinderten Menschen. Erkundigt euch, ob es so etwas in Eurer Nähe gibt. Es gibt mehr, als man denkt und es tut wirklich gut, Gleichgesinnte kennenzulernen. Und ganz wichtig: Traut euch, nachzufragen. Traut euch, euren Gegenüber zu bitten, etwas deutlicher zu reden und euch beim Reden anzuschauen. Sich das zu trauen, braucht viel Übung, aber es lohnt sich. An alle Leser*innen ohne Hörbehinderung: Fragt gerne nach, wenn ihr Fragen habt. Die meisten Menschen mit (Hör-)Behinderung freuen sich, wenn jemand wirklich interessiert und höflich nachfragt. Aber habt auch Verständnis, wenn jemand eine Frage nicht beantworten möchte. Seid geduldig und versteht, dass jeder Mensch mit Hörbehinderung andere Probleme und Schwierigkeiten hat. Seid offen und zeigt Verständnis. 

Der Artikel ist von Sofie. Sie ist 21 Jahre alt, studiert im schönen Heidelberg, ist jedoch auch gerne mal hier und dort. Sie liebt es, (Lebens-) Geschichten zu hören und weiterzugeben. Ihre kleinen großen Freuden sind Lichterketten, Sonnenuntergänge und Zartbitterschokolade.

Die Bebilderung ist von Lisa. Sie ist eine junge Illustratorin und Gestalterin aus Berlin. In Ihrer Kunst befasst sie sich mit Beobachtungen des alltäglichen Lebens und zieht Inspiration aus erlebten Situationen und Personen, die sie umgeben. Nebenher beschäftigt sie sich viel mit Musik und schmökert in Zines und guten Büchern. 

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