Liebe & Triebe
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Tabuthema? Pille danach. #Zeitgeist*in

Missgeschicke bei der Verhütung kommen vor. Doch was tun, wenn das Kondom reißt oder die Pille zu spät eingenommen wurde? Ein Erfahrungsbericht, die Frage nach der immer noch bestehenden Tabuisierung des Themas und Antworten auf die wichtigsten Fragen zur PiDaNa.

Tja, und dann ist es passiert. Ich schäle mich aus der Bettdecke, taste in der Dunkelheit nach meinem Handy, öffne den Browser und tippe ein:

Pille danach.

Ein Lagebericht

Nur ein Schulterzucken und drüber lachen genügt jetzt natürlich nicht. Soll eine ungewollte Schwangerschaft verhindert werden, müssen wir handeln. Ja, das wir steht hier nicht umsonst. Zwar tragen weder mein Sexualpartner* noch ich die Schuld am Versagen des Kondoms, aber wir sollten trotzdem gemeinsam darüber sprechen. Ein bisschen wie bei einem Anruf bei der Feuerwehr, bei welchem man die Lage schildert, gehen wir alle Fragen durch:

Was genau ist passiert?
Wie und warum ist es passiert?
Was bedeutet das?
Was machen wir jetzt?

Als ich dann frühmorgens die Apotheke betrete, kneife ich, vom grellen Deckenlicht geblendet, die Augen zusammen. Mein Partner* hatte mir zwar angeboten, die Pille danach für mich zu besorgen, allerdings sei das in Deutschland nicht möglich. Die Pille darf nur an die Person ausgegeben werden, die es einnehmen muss. Ich trete an den Schalter und versuche so stark und selbstbewusst wie möglich „Ich bräuchte bitte die Pille danach.“ zu sagen, mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Und ich scheitere kläglich. Meine Stimme bricht, die PTA lächelt mich wissend an, als ich mich zum dritten Mal umdrehe und mich versichere, dass auch ja keine anderen Kund*innen in Hörweite stehen. Es ist mir peinlich, am liebsten würde ich mir die Packung selbst aus dem Regal fischen und verschwinden.

Panik

Über den Tresen reicht mir die wirklich sehr freundliche PTA ein Klemmbrett mit einem dreiseitigen Fragebogen, den ich ausfüllen soll. Ich wische meine klammen, klebrigen Hände an der Jeans ab. Ich habe Angst. Als sie mir anbietet, dass ich kurz hinten im Wartebereich Platz nehmen könnte, verneine ich dankend. Ich will das hier so schnell wie möglich hinter mich bringen. Das Klemmbrett gegen meinen Bauch gestemmt, setze ich zittrig Kreuze. Unterschrift und Datum schreibe ich kaum leserlich darunter.

Während die Frau den Fragebogen wieder an sich nimmt, ihn durchsieht, runzelt sie kurz die Stirn und stellt mir weitere Fragen. In meiner Panik habe ich eine ganze Seite mit Fragen übersehen, die für die Wahl der Pille danach nicht unerheblich sind. Also beantworte ich sie leise, immer noch an eventuelle Mithörer*innen denkend. Sie erklärt mir, warum in meinem Fall die teurere Pille sinnvoller sei und rechnet ab. Ich lasse nicht gerade wenig Geld dort und verabschiede mich gedanklich schon von meinem monatlichen Bücherkauf. Gerade als ich mich zum Gehen abwenden will, fragt mich die PTA noch, ob ich ein Glas Wasser haben möchte, um sie gleich hier zu nehmen. Eigentlich eine sehr nette, zuvorkommende Geste. Doch kam mir nur „Hier? Vor all den wartenden Menschen soll ich das Ding schlucken? Dann wissen sie was passiert ist.“ in den Sinn. Ich lehne dankend ab und eile aus der Apotheke.

Woher kommt das?

Was war das denn? Obwohl mir wirklich kein Grund gegeben wurde, nervös zu sein, war ich es trotzdem. Mir war die Situation so unangenehm wie nichts zuvor. Woher kommt dieser Druck?

Manchmal versagen Verhütungsmittel einfach. Das Kondom reißt beim Sex, die Pille wird zu spät eingenommen oder vergessen. Oft wird dann die Frau* für das Versagen verantwortlich gemacht. Im Falle einer ungewollten Schwangerschaft, trägt sie die Konsequenz und wird dabei gesellschaftlich und politisch nicht gerade unterstützt. Doch gerade hier ist es wichtig, dass sie nicht allein gelassen wird. Diese Unterstützung ist entscheidend, selbst dann, wenn man zumindest weiß, dass man sie bekommt, wenn man sie braucht. Also sprecht vielleicht einfach miteinander und geht gemeinsam die Optionen durch. Welche Entscheidung die Frau* auch trifft, es bleibt ihre alleinige Entscheidung, ihr Körper. Es gilt: Unterstützung anbieten, nicht verurteilen!

Dazu kommt, dass Themen wie Sex, Verhütungsmittel und ungewollte Schwangerschaften einerseits immer noch gesellschaftlich tabuisiert werden und andererseits dadurch auch einfach die Aufklärung darüber fehlt. Sprecht also offen darüber, fragt nach, recherchiert (vielleicht nicht unbedingt auf NetDoktor.de) und setzt euch selbst nicht unter Druck. Sicher findet sich eine Lösung.

Q&A

Um mit Unwissenheit und Tabuisierung aufzuräumen, findest Du hier noch ein kleines, aber dennoch sehr wichtiges Q&A zur Pille danach*

Wie wirkt die Pille danach?

Sie verschiebt den Eisprung um mindestens fünf Tage. Damit wird sichergestellt, dass Spermien und Eizelle nicht aufeinandertreffen oder, dass das der Eisprung erst stattfindet, wenn die Spermien nicht mehr aktiv sind (sie sind im Uterus nur 5 Tage überlebensfähig). Zur Erinnerung: Der Eisprung findet ca. 14 Tage nach dem ersten Tag der Blutung statt. Das kann aber häufig variieren, denn nicht jeder Zyklus ist gleich. Wird die Pille nach dem Eisprung eingenommen, bleibt sie wirkungslos.

Wodurch wirkt die Pille danach?

Es gibt zwei verschiedene Wirkstoffe. Levonorgestrel wirkt kurz vor dem Eisprung nicht mehr. Der Wirkstoff Ulipristalacetat hingegen, wirkt noch bis kurz vor dem Eisprung. In der Apotheke wird Dir das Sicherste der beiden Präparate empfohlen werden.

Wie hoch ist die Verlässlichkeit der Pille danach?

Je schneller Du sie nach dem ungeschützten Sex einnimmst, desto sicherer wirkt sie. Entscheidend ist jedoch, dass der Eisprung noch nicht stattgefunden hat. Auch durch Erbrechen oder Durchfall innerhalb von drei Stunde nach Einnahme der Pille danach ist die Wirkung gefährdet und du musst eine zweite einnehmen. Hat der Eisprung schon stattgefunden, sollte beim Ausbleiben der nächsten Regelblutung ein Schwangerschaftstest gemacht werden. Aber keine Panik: manchmal verzögert sie sich etwas, da ja auch der Eisprung verschoben wurde. Bleibt sie mehr als sieben Tage aus, solltest Du dennoch einen Test machen und ggf. eine/n Gynäkolog/in aufsuchen.

Wie viel kostet die Pille danach?

Du kannst die Pille danach mittlerweile rezeptfrei in jeder Apotheke kaufen. Die Kosten variieren stark. Je nach Wirkstoff, liegen sie zwischen 15 und 35 Euro.

Es ist mitten in der Nacht, die Apotheken haben zu?

Ab zur Notfallapotheke: www.apotheken-umschau.de/Apotheken-Notdienst. Diese hat auch nachts geöffnet.

Gibt es Alternativen zur Pille danach?

Im Gegensatz zur Pille danach, bietet das Einsetzen einer Kupferspirale die größere Sicherheit vor einer ungewollten Schwangerschaft. Sie muss innerhalb von 5 Tagen nach dem ungeschützten Sex von der/dem Gynäkolog/in eingesetzt werden und kann dann auch als dauerhaftes Verhütungsmittel verwendet werden. Die Metalloberfläche der Kupferspirale gibt kleine Mengen Ionen und galvanische Ströme in die Gebärmutter ab, die deren Schleimhaut so verändern, dass sich dort kein Ei einnisten kann. Die Kosten variieren zwischen 100 und 300 Euro.

Gibt es Nebenwirkungen?

Wie bei allen Arzneimitteln, kann es auch bei der Pille danach zu Nebenwirkungen kommen. Häufig sind das Kopfschmerzen, Übelkeit, Unterleibsschmerzen und allgemeines Unwohlsein.

Du kannst auf diesen Seiten & Quellen weiterlesen:

www.pille-danach.de
www.familienplanung.de/verhuetung/verhuetungspannen/pille-danach
www.profamilia.de/themen/verhuetung/pille-danach
Faltblatt mit Informationen der BZgA: www.bzga.de/infomaterialien/familienplanung/familienplanung/die-pille-danach-faltblatt

Ganz egal welche Fragen Du jetzt noch haben solltest, in der Apotheke oder bei Deiner Frauenärzt*in kannst Du dich zur Pille danach beraten lassen.

* Disclaimer: Ich habe diese Informationen natürlich sehr gewissenhaft recherchiert und zusammengetragen, bin jedoch keine Ärztin. Frag bitte deshalb bei Expert*innen nach, solltest Du die Pille danach nehmen wollen, Nebenwirkungen haben o.ä.

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Text von Dessany, Illustrationen von Luise.

Dessany ist 21 und studiert Germanistik in Leipzig. Schon früh wurde das Schreiben zu ihrem Ventil. Über fast alles was sie erlebt, was sie über ihre Umwelt und sich lernt, führt sie Notiz. Nicht zuletzt, um das alles ein bisschen besser verstehen zu können. 

Alle zwei Monate veröffentlicht Dessany einen Text zu ihrer Kolumne Zeitgeist*in. Darin setzt sie sich mit Themen auseinander, über die ehrlich zu reden vielleicht schwer fällt. Sie möchte ihre Leser*innen sensibilisieren und motivieren, für sich und andere einzustehen, offen zu sein. Auch bei Tabuthemen.

Luise ist junge Gestalterin und Künstlerin und lebt und studiert in Berlin an der Universität der Künste. Sie mag traurige Musik, trashige Filme, laute Konzerte und komische Comics.

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