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Ein Gefühlsbericht zur Pandemie #heiterbiswolkig

Wir alle hatten und haben Erwartungen an die Pandemie. Zumindest meine haben sich (bis jetzt) nicht erfüllt. Wo stehe ich gerade und wie wird es weitergehen?

Tja Corona. Das Leidige Thema der Pandemie begleitet uns nun schon einige Monate und ich muss sagen, irgendwie hatten meine Erwartungen am Anfang anders ausgesehen. Einige Horrorszenarien sind nicht eingetreten, andere Erwartungen wurden enttäuscht. Aber fangen wir mal am Anfang an.

Erwartungen an Corona

Ende März fing das alles an, nachdem das Coronavirus seinen Weg nach Deutschland gefunden hatte. Die 1-2 Wochen vor dem Lockdown war das alles noch so abstrakt, keiner in meinem Umfeld nahm das Virus wirklich ernst, die Gefahr wurde belächelt. Mir hingegen bereitete die mögliche Gefahr ernsthafte Sorgen und ich ging davon aus, dass Corona auch für uns bald Thema sein würde.

Eine Woche verging, bis erst mein Arbeitsplatz und dann die Uni dicht gemacht wurden. Schnell war es normal einen großen Bogen um andere Passant*innen zu schlagen, Maske zu tragen und nur zum Einkaufen oder Spazieren vor die Tür zu gehen. Auf Letzteres hatte ich ehrlich gesagt ein bisschen gehofft, denn mein Alltag vor der Pandemie war von vielen sozialen Verpflichtungen und Stress geprägt. Nicht gerechnet hatte ich damit, dass es sich so sehr auf meine mentale Gesundheit auswirken würde, immer im selben Raum zu sein, alleine mit all der Ungewissheit.

Auch, dass die Pandemie im September noch so großen Einfluss auf mein Leben haben würde, hatte ich nicht erwartet. Dass uns ein weiteres Online-Semester bevorstehen, ich es irgendwann nicht mehr in meinem Zimmer aushalten und ich die Begegnungen mit den anderen Studis so sehr vermissen würde auch nicht. Mit war nicht klar gewesen, wie lange es dauern kann, einen Impfstoff zu entwickeln.

Was ich erwartet hatte, war Veränderung. Insbesondere Klimapolitische, aber auch Gesellschaftliche, wo doch nun so viele Menschen Zeit hatten, sich mit ihren Gedanken zu beschäftigen. Ich war so sicher, dass mehr Menschen die Zeit nutzen würden, um zu reflektieren, bessere Entscheidungen zu treffen und Systeme zu hinterfragen, und das eine Gesamtgesellschaftliche Veränderung anstoßen würde. 

Angst zu haben ist okay

Die ersten Wochen der Pandemie waren für mich und viele Menschen um mich herum eine unsichere und teilweise auch angsterfüllte Zeit. Ich hatte so einen Ausnahmezustand noch nie erlebt. Dass es eine Gefahr gibt, die für Menschen in allen Ländern gleichzeitig eine Bedrohung darstellt und eine Zeit lang fast das einzige Thema in den News war, finde ich nach wie vor erschreckend – wahrscheinlich auch, und das zuzugeben fühlt sich nicht gut an, weil es eine Bedrohung ist, die mich zur Abwechslung direkt betrifft. 

Im Gespräch mit Freund*innen habe ich oft versucht, meine Gefühle zu rationalisieren: Dass es mir doch gut ginge, ich kein ernsthaftes Risiko trage und es sowieso Familien und Menschen in armen Ländern viel härter treffe. Aber außer, dass ich Empathie empfand, half mir das mit meinen Gefühlen auch nicht weiter. Das ist leicht zu sagen, wenn ich als privilegierte Frau darauf bauen konnte, dass meine Mitbewohner*innen sich dem Supermarktwahnsinn aussetzten, um Klopapier zu kaufen, meine Eltern mich zur Not finanziell unterstützen konnten und ich nur mich selbst versorgen musste. Trotzdem hatte ich Angst vor der Ungewissheit und das ist völlig in Ordnung.

Gefühle sind da und stehen eben nicht im Verhältnis zu den Gefühlen anderer. Mir das einzugestehen hat eine kleine Weile gebraucht, aber es war wichtig. Jeder von uns hat ganz individuelle Umstände, die uns mit schwierigen Situationen besser oder schlechter umgehen lassen. Auch wenn es anderen Menschen mies geht, ich darf mich so fühlen wie ich mich fühle.

Mein Leid steht nicht im Verhältnis zum Leid anderer. Und wenn mein Leid in diesem Moment bedeutet in meinem WG Zimmer festzustecken, nicht arbeiten zu können und einfach nicht ausgelastet zu sein dann ist das so. 

Aber trotzdem kann ich in meiner Angst empathisch sein.

Alles könnte schöner sein

Irgendwann hab ich mich an die Situation gewöhnt und nach der anfänglichen schwierigen und angsterfüllten Zeit kam Hoffnung. Darauf, dass wir aus der Situation lernen würden, die Politik endlich in die richtige Richtung lenken würde und sich nachhaltig etwas zum positiven verändern würde. Diese Zeit, in der wir alle Zuhause festgesteckt haben und plötzlich so viel Zeit hatten war eine Chance. Ich hatte hohe Erwartungen an die Gesellschaft, dass sich alle mal so richtig mit sich auseinandersetzen würden. Reflektion und Einsicht würden zu Aktion führen und zack, alles würde sich gut entwickeln.

Ich erinnere mich gut an ein Instagram Bild von den leeren vierspurigen Straßen einer chinesischen Metropole, gefolgt von einer Satellitenaufnahme der Stadt unter der stand, dass man das erste Mal seit Jahrzehnten keine Smogwolke über der Stadt hängen sehe. Wie verrückt ist das bitte? Ich bin ungläubig, dass das vorher niemandem Sorgen bereitet hat! Und noch ungläubiger bin ich, dass sich nichts geändert hat, wo ich so sicher war, dass die Menschen nach solchen Bildern aufwachen würden.

Same mit dem Fliegen. Schon vor der Corona-Krise hab ich mich viel darüber aufgeregt, aus welchen egoistischen Gründen Leute so durch die Gegend fliegen. Für zwei Wochen auf Malle? Oder kurz von Frankfurt nach Amsterdam. Gehts noch? Ich habe mir selbst nach meinem letzten Billigflug geschworen, nur noch zu fliegen, wenn es für sehr, sehr lang, sehr, sehr weit weg ist. Ansonsten nicht mehr, denn das ist es nicht wert. Und ich dachte, dass das einige andere Menschen bestimmt auch sehen würden, nach dem gestoppten Flugverkehr während der Pandemie Hochzeit.

Aber Pustekuchen. Stattdessen gab’s erstmal Staatliche Hilfe für die Lufthansa und kaum hat der Sommer angefangen, sind auch schon wieder alle unterwegs als wäre die Woche Urlaub wichtiger als das Klima und als hätten wir uns die Pandemie nur ausgedacht.

Spätestens nach dem Tönniesskandal würde ich, wäre ich nicht sowieso schon vegan, jetzt ganz bestimmt an der Fleischtheke vorbeigehen, ohne mich umzudrehen.

Mensch gewöhnt sich an alles

Ich glaube, ein wesentlicher Grund, weshalb sich gesamtpolitisch trotzdem nicht viel ändert, ist Gewohnheit. Immer wieder beobachte ich, wie sehr die Menschen um mich herum, mich selbst eingeschlossen, gleichen Mustern folgen und Dinge systematisch ignorieren oder sich schlichtweg an sie gewöhnen. Corona News sind da ein Beispiel. Während anfangs alle ratlos waren und es schwierig war, irgendeine Form der Tagesstruktur zwischen all den neuen schlimmen Nachrichten hinzubekommen, ist diese Pandemie mittlerweile langweilige Realität. Es ist Gewohnheit geworden, mit Maske einkaufen zu gehen, Freund*innen nicht zu umarmen und ich checke nicht mehr zwanghaft jeden Morgen die Zahlen der Neuinfektionen. Wir haben uns an den Ausnahmezustand gewöhnt und irgendwie ist das auch gut so, sonst würden wir vermutlich nicht klarkommen.

Trotzdem glaube ich nicht, dass sich die Pandemie dadurch bewältigen lässt. Damit will ich die Maßnahmen auf keinen Fall in Frage stellen, im Gegenteil. Aber ich glaube, dass es mehr braucht: Mehr Ausdauer, mehr Aktivismus gegen Ursachen, mehr Aufklärung und mehr Mitgefühl.

Genau wie an die Maßnahmen haben wir uns nämlich leider auch an ziemlich viel Scheiße gewöhnt. An dubiose Verschwörungstheoretiker*innen, die mit Neonazis Seite an Seite Protestieren gehen. An Menschen, die an jeder Supermarktkasse Beschwerde gegen Masken einreichen wollen, an Politik die Menschen in Not verkümmern lässt.

Nicht anders sieht es mit dem Klimawandel aus. Seit einer gefühlten Ewigkeit wissen wir, wie es ums Klima steht und dass wir durch unser Nichtstun unsere eigene Lebensgrundlage, unseren Lebensraum zerstören. Aber wir sind eben Gewohnheitstiere, und Gewohnheiten zu ändern ist nicht annähernd so einfach wie es sein müsste, damit sich etwas ändert.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Ich weiß nicht, ob es dir auch so geht, aber ich habe langsam das Gefühl, dass sich rein gar nichts geändert hat. Und wenn überhaupt dann nur zum Schlechteren oder sehr sehr langsam. Die News der letzten Wochen sind geprägt von Bränden, Morden und Nazidemos, von geplanten Waldrodungen und Kriegsdrohungen und langsam hab ich einfach nur wieder Schiss. Ich wünsche mir so sehr, dass die Welt sich ändert aber das ist eben doch ein sehr sehr zäher Prozess.

Was mir trotz allem Hoffnung gibt, sind die Menschen, die auch in der Krise geile Sachen machen, sich engagieren und versuchen, die Welt ein Stück schöner zu machen, und das vor meiner Haustür. Die Menschen, die seit über einem Jahr einen Acker bei Neu Eichenberg besetzen, um ihn vor Flächenversiegelung durch ein Logistikzentrum zu bewahren. Die Menschen, die ihren Alltag aufgeben, um im Dannenröder Wald in Baumhäusern zu wohnen, damit dieser nicht der A49 weichen muss. Und die Menschen, die mitten in der Pandemie den schönsten Unverpackt-Laden von Kassel aufgemacht haben. Diese Menschen, die sich von all den schlimmen Dingen nicht aufhalten lassen, sind das, was mir Hoffnung gibt.

Für diese Menschen bin ich dankbar und die Welt braucht mehr davon!

Wie kann es besser werden?

Ich habe keine endgültige Antwort darauf, wie es besser sein kann, aber ich möchte daran glauben, dass jede*r von uns die Macht hat, etwas zu verändern. Jede Veränderung muss irgendwo anfangen und vielleicht einfach nur in deinem Kopf. Vielleicht verändert sich die Welt nicht in wenigen Monaten, aber jeder Schritt in die richtige Richtung hilft bestimmt. 

Wenn wir uns alle regelmäßig fragen, woran wir uns gewöhnt haben und ob wir damit eigentlich okay sind – zu dem Schluss kommen, dass wir das eigentlich nicht akzeptieren wollen und dann anfangen etwas zu ändern. Vielleicht ergibt das dann in der Summe die wirklich große Veränderung.

Carolin ist 24 und lebt in Kassel, wo sie an der Kunsthochschule studiert und zwei Nebenjobs arbeitet. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit Musik, lieben Menschen und damit, sich und ihre Umgebung zu beobachten, zu zeichnen und zu verstehen.

In ihrer Kolumne heiter bis wolkig setzt sich Carolin mit dem Thema Erwartungen auseinander. Was erwarten wir von uns, von anderen, von der Welt? Wo merken wir vielleicht gar nicht, dass wir etwas erwarten und wie werden wir von all dem beeinflusst?

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